Der HERR segne dich und behüte dich.

4. Mose 6, 24
(Auslegung Jahreslosung 2002
- Stefan Haisch)

2002 Stefan Haisch.jpg (17383 Byte)

Jeden Sonntag warten wir als Gemeinde darauf, mit dem Segen Gottes in die Woche gehen zu können. Wir lassen uns vor bestimmten Abschnitten segnen, wenn wir jemand aus der Gemeinde in einen bestimmten Dienst senden, wenn Paare heiraten, bitten sie um den Segen des Herrn, wir bitten um den Segen des Herrn für bestimmte Vorhaben, wie den Bau unseres Gemeindehauses. Wir rufen Gott an und suchen die Verbindung mit ihm und weitergehend die Bindung an ihn.

Gott selbst setzte die Formulierung des Segens, seines Segens, ein. Sie steht in 4. Mose 6, 22-27.

"Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Kindern Israel, wenn ihr sie segnet: Der Herr segne dich und behüte dich; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Kinder Israel legen, dass ich sie segne."

Gott segnet selbst. Er handelt, wenn wir segnen. Er will uns von sich her in die Gemeinschaft mit sich rufen.

In der Bibel finden wir verschiedene Berichte, in denen Segen eine zentrale Rolle spielt. Es ist sehr vielschichtig und unterschiedlich, wenn in der Bibel von Segen berichtet wird. Die einfache Variante ist uns ja noch nachvollziehbar, wo Gott Menschen segnet und ihr Leben dann gelingend verläuft.

Doch da sind auch andere Geschichten, die offensichtlich die gleiche Gültigkeit haben, wie die anderen, die sich so gut lesen. Die Geschichte von Abraham, der so lange auf die Erfüllung von Gottes Segenszusagen warten musste. Ein Hiob, mit dem Gott einen sehr speziellen Weg beschritten hat, der alles Materielle verlor und die meisten Menschen in seinem Umfeld, und der nachher reich gesegnet war. Wir kennen die Geschichte von einem erschlichenen Segen des Erstgeborenen, der trotzdem Gültigkeit hat und die von Jakob, der mit dem Engel ringt, bis er gesegnet ist und dann als hinkender vom Felde geht (1. Mose 32, 27). Jesus gibt uns den Auftrag, die zu segnen, die uns fluchen (Matth. 5, 44) und die Jünger Jesu, in Lk. 24, 50 ff waren voll Freude nachdem Jesus sie gesegnet hatte, obwohl er von ihnen gegangen war.

Geschichten die uns ein Bild von Gott vermitteln, bei dem wir manchmal fassungslos oder ratlos werden.

Ganz vorne in der Bibel werden wir auf der Suche nach Segen und Segenshandlungen fündig. Nachdem alles geschaffen war und von Gott für gut befunden war, heißt es in 1. Mose 1, Vers 27 und 28:

"Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, und schuf sie als Mann und Weib. Und Gott segnete sie..."

Von Anfang an schuf Gott uns Menschen zu seinem Bilde und segnete uns. Das war ihm wichtig. Dabei legte er es so an, dass wir Menschen in unserer Orientierung Wahlfreiheiten haben. Gott hat uns in einer Freiheit der Entscheidung gesegnet. Ich glaube nicht, dass er soweit ging, uns alle Freiheit zu geben, denn sonst hätten wir keine Entscheidungsnotwendigkeit mehr. Das zeigt schon die in 1. Mose 3 folgende Geschichte vom Sündenfall. Die Entscheidung, die dort gefällt wurde, erfolgte zwischen verschiedenen Orientierungspunkten. Da war Gottes Wort und diese Stimme, die es hinterfragte.

Brandaktuell. Eine Situation in der wir auch heute stehen. Denn die Frage: "Sollte Gott gesagt haben..." stellt sich uns heute in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und wir müssen sie immer wieder beantworten.

Die aktuellen Kriegshandlungen und Verfolgungen rund um den Erdball fordern unsere Antwort genauso, wie die Frage, welche Position eine Kirche - wir als Kirche - zu verschiedenen aktuellen Themen beziehen und nicht zuletzt die Frage nach unseren persönlichen Antworten zu den Fragen des Alltags - wie ich mit diesen und jenen Menschen in verschiedenen Situationen umgehe.

Immer ist entscheidend auf welchem Grund wir damit beginnen, unsere Antwort zu formulieren?

Gesegnet hat er uns auch als Wesen, die in Beziehung zu ihm, als seinem Schöpfer, stehen. Geprägt aus der Beziehung zu ihm können wir in Beziehungen zu anderen Menschen - unseren Nächsten - treten: Angenommen, geliebt, geborgen, umsorgt und geleitet - auch, wenn wir die Wege nicht überschauen. Gott spricht uns Vertrauen zu. Wir dürfen auf seinen Zuspruch trauen. Wir tragen Gottes Segen mit uns herum und dürfen ihn weitergeben.

Gott, der Herr hat uns als Menschen gesegnet. Das Wort "segnen" hat sich aus dem lateinischen Wort signare entwickelt. Signare - mit einem Zeichen versehen. Wir haben seinen Zuspruch erfahren. Der Akt des Segnens befreit uns dazu, aktiv und lebendig zu handeln. Aus der Position der "Gesegneten". Das ist nicht aus der Neutralität. Gott ruft uns in den Dialog. So, wie er im Garten Eden nach den Menschen rief, die sich nach dem "Sündenfall" versteckt hielten. So, wie er in Jesus die Menschen zu sich rief. Er lädt uns ein zu sich hin. Noch mehr, er kommt uns suchend entgegen.

Im aaronitischen Segen heißt es:

der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und der Herr hebe sein Angesicht über dich

Er kommt uns entgegen bis in den Bereich, wo man sich von Angesicht zu Angesicht begegnen kann. Das ist schon sehr nahe. Wenn man bedenkt, dass es darum geht, dass Gott der HERR selbst uns so nahe treten will, dass er sein Angesicht über uns erheben will und sein Angesicht über uns leuchten lassen will.

Dieser Bereich, wo man sich von Angesicht zu Angesicht begegnet, ist bei Gott. Er bietet uns an, jedem Einzelnen von uns, sich von dorther zu verstehen. Und diesen Bereich will er uns zugänglich machen. Jesus beschreibt diesen Bereich als Bild vom Weinstock und den Reben - miteinander verwachsen sein; alle werden vom gleichen Wasser des Lebens getränkt. Miteinander verwachsen sein, mit einer gewissen Freiheit, da er auch die Möglichkeit offen lässt, dass Reben vom Weinstock weggehen und nicht gute Frucht bringen.

Gott macht diesen Bereich zugänglich. Im neuen Testament beschreibt Matth. 27, 51, dass der Vorhang des Tempels bei Jesu Tod, von obenan bis untenaus, in zwei Stücke zerriss.

Gott macht den Blick zu sich hin frei. Auch im alten Testament finden wir Berichte, in denen Gott den Blick auf sich selbst immer wieder frei macht.

Er bietet sich als Mittelpunkt in unserem Leben an. Als Punkt, von dem Lebenskraft, Heil, Halt und Liebe ausgehen.

Um den Mittelpunkt eines Organismus ist alles zentriert. Das Leben pulsiert vom Mittelpunkt aus und wieder dorthin. Diese Vorstellung vom Mittelpunkt ist schwer zu erfassen. Es ist bestimmt nicht im technischen Sinne zu verstehen, wie sich zum Beispiel Räder eines Fahrzeugs immer um den Mittelpunkt einer Achse drehen. Ich vermute, dieses Bild greift zu kurz, da wir die Richtung nicht selbst bestimmen können.

Auch das Arrangement der Komponenten und Farben eines meisterlichen Bildes oder musikalischen Werkes trifft den Vergleich hier nur unzureichend.

Nein, um sich Gottes Anliegen anzunähern, müssen wir uns selbst betreffen lassen, denn Gottes Segen betrifft uns persönlich, mit unserem ganzen Wesen. Nicht nur den Teilen, die wir an uns angenehm empfinden. Er ist uns persönlich zugesprochen. Von Angesicht zu Angesicht. Dazu müssen wir unseren Blick heben. Das ist eine sehr intime Sache, Hand auflegen, einander ins Gesicht sehen. Das erfordert eine tragende Verbindung zueinander.

Wir wissen so ungefähr, was uns dazu führt, unser Haupt zu senken und unser Angesicht zu verbergen und uns nicht mit Gott versöhnen zulassen. Dort will er seinen Weg der Versöhnung mit uns beginnen. Dort will er segnen. Sein leuchtendes Angesicht über uns heben. Uns ansprechen, damit wir auf ihn aufmerksam werden. Damit wir aufschauen und ihn sehen können.

Ist es nicht erschreckend, wie offen Gott uns begegnen will? Doch gerade in dieser Offenheit will Gott den Weg mit uns beginnen.

Gott hat uns ja Orientierung in seinem Wort gegeben. Er hat die Segensworte eingesetzt, die 10 Gebote (2. Mose 20) und im Neuen Testament, durch Jesus Christus, das Vater Unser als Gebet (Matth. 6, 9ff). Er hat uns in der Überlieferung der Bibel seinen Weg der suchenden Liebe mit uns Menschen aufgezeigt, von den Anfängen der Schöpfung, über die lange, werbende Geschichte mit dem Volk Israel, bis hin zu der Menschwerdung und der sichtbaren Überwindung des Todes, und dem beginnenden Weg mit Menschen aus allen Völkern. Er hat sich uns gezeigt, wenn auch manchmal unfassbar für uns.

Natürlich müssen wir zwischen all den Meinungen und Positionen - auch unseren eigenen - nach Antwort suchen. Doch nicht unter der Fragestellung: "Sollte Gott gesagt haben...?" sondern auf dem Hintergrund dessen, was Gott tatsächlich gesagt hat, als sichere Handlungsgrößen vermittelt hat oder uns heute sagt. Auf dem Hintergrund dessen, dass wir von ihm selbst in unersetzlicher Weise gesegnet sind.

Wir dürfen nun in den Dialog treten. In den starken Phasen unseres Lebens, wo wir den Dialog manchmal nicht suchen und in den schwachen Phasen, wo wir meinen, Gott, der HERR, er ist unerreichbar weit weg. Er hat den Weg zur Beziehung geebnet und gelegt.

Ich möchte zum Ende noch ein Bild verwenden, das uns allen präsent ist.

Unser neues Gemeindehaus.

Auch dort war es schwer, einen Aufbau auf sicherem Grund zu tun. Doch, so wie die Pfeiler der Gründung unseres Gemeindehauses das etwas schwammige Terrain mit sicherer Grundlage bebaubar machen, können wir die Antworten auf Fragen unseres Lebens von ihm her, als Quelle des Lebens, formulieren.

Segen bringt Gott in den Mittelpunkt und uns in Seine Nähe.

Lassen wir uns durch das kommende Jahr von dieser Losung begleiten. Wir sind gesegnet! Jedes "Grüß Gott", jedes "à Dieu", frei übersetzt mit "Gott befohlen", kann uns dies wieder ins Bewusstsein rufen.

Stefan Haisch

 

 

Impressum