Ansteckende Zuversicht

In diesen Tagen fuhr ich durch die Weiten des Brandenburger Landes. Dabei kam ich - abseits der Hauptstraßen - durch ein kleines, ärmlich anmutendes Dörfchen. Es bestand nur aus wenigen Häusern und einigen heruntergekommenen Scheunen. An einer Wegbiegung stand ein kleines Mädchen, so etwas 8 Jahre alt. In ihren Händen hielt sie ein Pappschild mit einer bunten Aufschrift. Zu klein für meine Augen. Also hielt ich an, stieg aus und las: „Schlüsselanhänger zu verkaufen“.

Schon als ich angehalten hatte strahlte das kleine Mädchen über alle Backen und rannte zum nächsten Haus. Ich folgte ihr und traf auf einen kleinen Tisch, an dem ein weiteres Mädchen sowie ein gleichaltriger Bub saßen, der, trotz meines Eintreffens, unbeirrt seinen Gameboy weiter „bearbeitete“. Auf dem Tisch hatten die Kinder ihre „Ware“ ausgebreitet. Es handelte sich um ca. 6 cm lange geflochtene bunte Plastikschnüre mit einer kleinen Lasche.

„Das sind Schlüsselanhänger die wir selber gebastelt haben“, erklärte mir das Mädchen mit dem Pappschild. „Und, was soll so ein Schlüsselanhänger kosten?“, erkundigte ich mich zögernd.

„Einen Euro“, antwortete das Mädchen entschlossen und sah mich bei dieser Preisangabe gespannt an. Als ich Bedenken äußerte meinte der Bub ziemlich trocken ohne von seiner Gameboybeschäftigung aufzublicken:

„Na ja, 50 Cent. Weil sie es sind“!

50 Prozent Preisnachlass überzeugten mich. So suchte ich mir drei der bunten Schlüsselanhänger aus und zahlte dem Mädchen mit dem Pappschild 3 Euros in die Hand. Mit einem Jubelschrei rannte das Mädchen daraufhin in das Haus und das zweite Mädchen folgte ihr hüpfend und jauchzend hinterher.

Der kleine Bub blieb erstaunlich „cool“ auf seinem Platz sitzen, widmete sich unverdrossen weiter seinem Gameboy, so, als wenn nichts Besonderes geschehen wäre...

Während meiner Weiterfahrt fand ich nun aber, dass doch etwas „Besonderes“ geschehen war. Na ja, ich war jetzt Besitzer von 3 bunten Schlüsselanhängern, für die ich, bei genauerer Betrachtung, eigentlich keine sinnvolle Verwendung zu haben glaubte. Aber mit mir war noch etwas anderes geschehen. Etwas ganz Besonderes.

Meine zuvor eher melancholische Stimmung war einer heiteren Gelöstheit gewichen. Ich hatte mit den Kindern zwar ein alles in allem doch ziemlich fragwürdiges Geschäft gemacht, aber ihr herzhaftes Lachen, Ihre Freude, sowie auch die „coole“ Grundhaltung des Buben, die hatte ich als Zugabe geschenkt bekommen.

Es ist noch ein weiterer Gedanke zurückgeblieben. Denn ich frage mich:

„Welche realistische Chance bestand für diese 3 Kinder, dass in der abgelegenen, einsamen und öden Umgebung irgendwann tatsächlich ein Autofahrer vorbeikommt, anhält und dann auch noch 3 Euros für 3 selbstgebastelte Schlüsselanhänger aus geflochtenen bunten Plastikschnüren ausgibt?

Sie haben es darauf ankommen lassen...

Je länger ich über dieses kleine Erlebnis nachdenke, um so mehr beeindruckt mich der erstaunliche Optimismus dieser 3 Kinder. Ihre quicklebendige Hoffnung, ihr tapferes Durchhaltevermögen und ihre Zuversicht sind ansteckend...

 

„Manches Herz will fast ermüden;
Doch die Tage eilen hin.
Manche Seele seufzt nach Frieden;
doch die Tage eilen hin.
Kannst ein Lächeln du erneu’n,
nur ein Kinderherz erfreu’n,
halt nichts Gutes für zu klein;
denn die Tage eilen hin.

Wie viel Gutes kannst Du tun!
Sieh, die tage eilen hin...“ *

* aus dem Evangeliumssänger


M. S. 28. 09. 2004
 

 

Herr Michael Steinbach aus Berlin hielt sich ab dem 2. Juli 2001 für 3 Monate im Fachkrankenhaus Ringgenhofklinik zu einer Langzeittherapie für Alkoholabhängige auf.

 

 

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