Seelsorge macht stark
Erdmute Knauß
Schon die erste Anfrage an mich, bevor ich nach Wilhelmsdorf kam, hatte
mit Seelsorge zu tun: Es ging damals um ein Wochenende in Eriskirch mit
der offenen Frauenarbeit. Ziel war da, u.a. ferner stehende Frauen den Weg
zum Glauben aufzuzeigen. Wir haben damals unter den Mitarbeiterinnen eine
Seelsorgeschulung im Vorfeld angeboten, denn wir mussten ja damit rechnen,
dass Menschen eine Entscheidung für Jesus treffen. Diese Arbeit läuft bis
heute weiter, ist aber auch stark in den Alpha-Kurs eingegangen. Ein
zweiter Schwerpunkt für Seelsorge war Pro Christ. Wir haben damals ein
Seelsorgeteam geschult und zusammengestellt, auch mit Menschen außerhalb
von Wilhelmsdorf. An einem Beispiel will ich die Notwendigkeit von
Seelsorge verdeutlichen - natürlich ein Beispiel nicht aus Wilhelmsdorf
und auch verfremdet, damit Rückschlüsse unmöglich sind. Wir haben es bei
diesem Thema ja auch immer mit der Schweigepflicht zu tun. Eine junge
Frau, ihre Lebensumstände, da wirkt auf den ersten Blick alles im grünen
Bereich: kleines Häusle, drei Kinder, Mann erfolgreich im Beruf, die Ehe
ist auch o.k., eigentlich funktioniert alles. Aber irgendwie liegt gerade
darin das Problem. Funktionieren befriedigt sie nicht, es gibt da in ihr
eine kaum zugegebene Rebellion, tiefsitzender Groll - nur gegen wen
eigentlich? Die Lebensfreude fehlt, Perfektion hat sie nicht
weitergebracht, sie kann die guten Dinge in ihrem Leben nicht genießen,
sie ist geplagt von einem ständig schlechten Gewissen. " Ich bin
eigentlich immer brav gewesen, aber ich habe nichts davon, es geht mir
nicht gut, ich habe Sorge, am Leben vorbeizugehen und ich fürchte immer
wieder, ich krieg eins auf die Kappe, weil ich nicht gut genug war."
Obwohl sie als überzeugter Christ zu bezeichnen ist, stellt sich keine
Ruhe, keine Freude ein. In der Seelsorge wird dann deutlich, dass sie
Zielen hinterher jagt, die sicherlich nicht für sie bestimmt sind, etwa:
"eigentlich müsste ich doch in die Mission gehen, usw. .....
Andererseits zweifelt sie, ob Gott es wirklich
gut mit ihr meint. Ein Knackpunkt war schließlich, als sie anfing, jeden
Tag für kleine Dinge in ihrem Alltag zu danken, und dies mit Gott in
Zusammenhang zu bringen. Es war ein langer und manchmal mühsamer Weg.
Dies habe ich in den letzten Jahren immer
wieder beobachtet, dass die Korrektur eines schwierigen Gottesbildes
intensive Seelsorge erfordert. Da reicht dann oft eben die allgemeine
Verkündigung nicht aus, da geht es darum, ganz speziell auf einseitige
Sichtweisen einzugehen und diese zurechtzurücken.
Ich hab da mal zu jemanden gesagt, "die eine
Hälfte der Bibel kennen Sie schon, jetzt sollten wir mal an die andere
Hälfte gehen.
Häufig werden zunächst eher aktuelle Probleme
von der Oberfläche benannt. Beim näheren Hinsehen geht es dann aber oft
darum, jemanden länger zu begleiten. Das ist dann oft nicht mehr Seelsorge
im engeren Sinn, sondern könnte auch Mentoring oder Lebensorientierung
genannt werden. Dies war ja Eberhard Rieth ein zentrales Anliegen.
Ich möchte in Anlehnung an ihn mit der
Behauptung schließen:
"Seelsorge macht stark." Wer Seelsorge und
Zweierschaft im Vorfeld in Anspruch nimmt, muss damit rechnen, dass seine
Beziehungen - seine Ehe - besser funktionieren als das sonst üblich ist."