Seelsorge in unserer Gemeinde - und darüber hinaus
Pfr. Dr. Knauß

Definition von Seelsorge ist ein weitgespannter Bereich. Es kann ein zufälliges Gespräch zwischen Tür und Angel sein, oder ein lange vorher geplantes Treffen, wo das ganze Leben vor Gott ausgepackt wird, wo Beichte geschieht. Dann kann es auch eine kontinuierliche lange Begleitung sein. Jedenfalls rechnen wir das alles als Seelsorge. Mir ging es so, dass ich in der Seelsorge, die an mir geschah, am meisten gelernt habe. Der Seelsorger ist ganz mit einbezogen. Er ist nicht jemand, der alles in großem Abstand betrachtet. Über den Seelsorger ist hier nicht als Berufsbezeichnung gemeint. Sondern ein Seelsorger ist der, der Seelsorge übt. Man braucht dazu keine spezielle Fachkenntnis und kein offizielles Amt. Anders gesagt: Seelsorgerinnen u. Seelsorger, das können sogenannte Laien sein, das können Pfarrer und Theologen sein, das können Therapeuten sein, oder Menschen mit speziellen Ausbildungen. Seelsorgerliche Schweigepflicht: Wer Seelsorge übt, steht in unserem Land auch unter einem besonderen Schutz; nicht nur Pfarrer und Therapeuten, sondern alle, die im Auftrag der Gemeinde Seelsorge üben. Er hat ein Aussageverweigerungsrecht. D.h. er kann sich z.B. vor Gericht darauf berufen, dass er etwas aufgrund der seelsorgerlichen Situation erfahren hat und muss darüber nicht aussagen. Die Situation der Gemeinde ist sogar noch strenger. Hier besteht nicht nur ein Aussageverweigerungsrecht, sondern sogar eine Schweigepflicht. Wer seelsorgerlich etwas erfährt, muss darüber schweigen. Das gilt selbst im Fall einer möglichen Straftat. Das seelsorgerliche Vertrauen muss erhalten bleiben. Nur der Betroffene kann von dieser Schweigepflicht befreien. Beispiel: Jemand hat vor, seinem Nachbarn ein Kaninchen zu stehlen. Er spricht darüber mit einem Seelsorger. Dann darf der Seelsorger nicht hingehen und sagen: Pass heute Nacht besonders auf deine Kaninchen auf, er darf auch nicht zur Polizei gehen. Sondern der Seelsorger hat mit dem, der sich ihm anvertraut hat, zu sprechen: Du/ Sie, tu das nicht! Nur klare seelsorgerliche Schweigepflicht erhält das Vertrauen. Wer die seelsorgerliche Schweigepflicht nicht einhalten kann oder möchte, der kann nicht Seelsorger oder Seelsorgerin sein. Gabe und Aufgabe der Seelsorge(r).

Bei der Seelsorge gibt es verschiedene Begabungen. Es gibt welche, die können intensiv zuhören und sagen nur sehr wenig; andere haben einen aktiveren Stil. Das darf sein. Mancher kann viel per Telefon, andere müssen den Menschen vor sich haben.
Bereiche:
- In Gesprächen zuhören. Ernst nehmen.
- Besuche (in Haus, Krankenhaus, Seniorenheim...)
- Gebetsbegleitung
- Telefonate, Briefe, Mails
- Auf Freizeiten
- Lebensberatung
- Beichte
- Begleitung in persönlichen Krisen
- Aufarbeitung von Erlebnissen und Erfahrungen, manchmal fast Traumata
- Lebenskrisen
- Glaubenskrisen

Gründe für zunehmende Seelsorge:

Eigentlich ist es relativ naheliegend: Die Probleme in unserer Gesellschaft wachsen. Der einzelne wird damit nicht mehr fertig. Schwierigkeiten in der Ehe nehmen zu. Sie brauchen Begleitung. Es gibt viele Trennungen und Scheidungen. Weil die Kinder oft keine ausreichenden Vorbilder in den Eltern sehen, haben sie weniger Orientierung. Sie bekommen selbst im Leben mehr Schwierigkeiten. Wenn früher die Leute eher im äußeren Sinn gehungert und gedurstet haben, besteht die Not heute in einem geistlichen und seelischen Orientierungsverlust, in einem Hunger nach Orientierung, nach Klarheit und nach Zielen. Es gehört zu einer typischen Zeiterscheinung. Zur Gründungszeit Wilhelmsdorfs gab es Straßenkinder. Heute haben wir es verstärkt mit seelischer und geistlicher Not zu tun.

Schulungen zur Seelsorge:

Wir haben in Wilhelmsdorf verschiedentlich Seelsorgekurse durchgeführt, z.B. vor Pro Christ oder bei den Alpha-Kursen. Schulungen laufen besonders für spezielle Aufgaben. Manche aus unserer Gemeinde haben solche Schulungen mitgemacht bzw. sind noch mitten drin. Seelsorge als ein notwendiges Kennzeichen der Gemeinde. Im NT wird Seelsorge als etwas völlig Normales in der Gemeinde gesehen. Vielleicht sogar: Darin zeigt sich Gemeinde, dass in ihr - neben andern wichtigen Elementen, z.B. Verkündigung, Lehre - auch Seelsorge geschieht. Wo keine Seelsorge geschieht, da ist auch keine christliche Gemeinde. Wie gehen wir mit dem notwendigen seelsorgerlichen Bedarf um? Seelsorge wird schon in reichem Maß ausgeübt. Dennoch wird der Bedarf innerhalb und außerhalb der Gemeinde zunehmen. Deshalb sind wir am prüfen, wie wir dieser Zunahme gerecht werden können. Beispiele: Ehefragen, Partnerschaftsfragen, Frage der eigenen Identität, Sexualität, dann Begleitung von Menschen, geistliches Coaching, Jüngerschaftsschulung, usw. Das geschieht schon in unserer Gemeinde, scheint sich aber auszuweiten, vor allem in der Jugendarbeit aber auch im Erwachsenenbereich.
 

  

 

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