Seelsorge
Stefan Geiger

Die Jugendseelsorge unterscheidet sich nicht in den Dingen, die hier aufgeführt sind, sie umfasst alle Lebensbereiche.

Mein Verständnis von Seelsorge ist das in dem Schaubild dargestellte griechische Wort „parakalein“: ermutigen, auferbauen, trösten, zusprechen, ermahnen.

Und das geschieht in ganz unterschiedlicher Weise. Seelsorge an Jugendlichen ist nicht gleichzusetzen als eine Beratungsinstanz in Lebens- oder Glaubensfragen. Das kann es auch mal sein, mehr aber nicht.

Ich möchte nun nicht über das reden, was ich als Seelsorger mit Jugendlichen erlebe, sondern vier Jugendliche selbst zu Wort kommen lassen, d.h. ich lese vor, möchte aber hinzufügen, dass die Inhalte so verändert sind, dass die Schweigepflicht und das Beichtgeheimnis gewahrt bleiben.

„Ich habe mich immer schon gegen das ‚Beseelsorgtwerden’ gewehrt. Ich fand das etwas für schwache Leute, die es halt nötig haben, sich beraten zu lassen. Das hatte ich aber nicht nötig.

Es war bei mir eher zufällig, ja, wenn ich daran denke, eine fast schon hinterhältige Sache Gottes, wie das bei mir war.

Ich bin mit jemanden spazieren gegangen. Eigentlich wollten wir etwas vorbereiten und ganz beiläufig sind wir auf ein Thema gekommen, über das wir dann ins Gespräch kamen und irgendwie wurde es so intensiv, dass ich um die Fortsetzung des Gespräches bat. Beim zweiten Gespräch ging es gleich um mich und die Sache. Ich merkte, wie bestimmte gemachte Erfahrungen, die ich schon längst vergessen hatte, bei mir aufbrachen, und es war für mich erst fremd, dann befreiend, als wir am Schluss genau diese Erfahrungen im Gebet Jesus hinlegten und mein Gegenüber für mich betete.

Ich meinte danach, nun sei es o.k., aber stattdessen sind in mir in den kommenden Tagen immer wieder Dinge hoch gekommen, sodass ich um weitere Termine bat. Es ist toll erleben zu können, wie behutsam Jesus wunde Stellen in mir aufdeckt und diese auch wirklich geheilt werden. Das hat für mich auch sichtbare Auswirkungen auf meine Mitmenschen. Klasse war für mich z.B., dass ich mich mit einem früheren Freund einfach versöhnen konnte und eine neue Beziehung entstand.“

„Bei mir war das ganz anders. Ich bin eigentlich in der Gemeinde groß geworden: besuchte Kindergottesdienst, Jungscharen, Freizeiten, Jugendkreise, Konfi-Unterricht und fühlte mich sau wohl. Auch der Glaube war für mich einfach selbstverständlich. Ich konnte nicht verstehen, dass es Menschen gibt, die nicht an Gott glauben oder Glauben als was komisches empfinden.

Dann kam ich in eine tiefe Glaubenskrise und zwar derart, dass ich den Glauben an den Nagel hing und mich von dem ganzen frommen Zeug fernhalten wollte.

In einem Jugo kam ich mit einem Mitarbeiter ins Gespräch und ich erzählte ihm auch offen, wie es mir ging und warum und weshalb ich mich so verhalte. Am Schluss des Gespräches begann ich aber einfach zu weinen. Mir wurde bewusst, dass ich sehr an Gott hänge, mir der Glaube auch unheimlich wichtig ist, aber ich einfach nicht mehr weiter weiß und selbst nicht blickte, was mit mir los ist.

Seither treffen wir uns in regelmäßigen Abständen. Es tut gut, wenn jemand gerade dann für einen betet, wenn ich selbst nicht kann; es tut gut, Stück um Stück all das zuzulassen, was ich schlicht verdrängt habe und ich lerne ganz neu, einen eigenen Glauben zu finden und meinen kindlichen anzulegen.

Dabei fühle ich mich nicht irgendwie bevormundet oder beraten, sondern einfach begleitet und das tut mir gut.“
„Bei mir ist es schnell gesagt: meine Eltern haben sich scheiden lassen und ich komme damit überhaupt nicht klar. Mit wem soll ich denn darüber reden können? Mit den Eltern geht das nicht, Freunde können mir nicht helfen und Ratschläge kann ich da nicht brauchen, die bringen nichts. Wenn mir mein Seelsorger Ratschläge erteilt hätte, ich wäre zu keinem zweiten Gespräch gekommen. Was in der Seelsorge meistens, nicht immer, passiert: ich kann ausdrücken, wie weh das Ganze zu Hause tut, manchmal weine ich einfach nur und mein Gegenüber betet für mich oder nimmt mich schweigend in den Arm. Es ist mir eine große Hilfe, meinen Eltern vergeben zu lernen und das ganz konkret, auch wenn’s manchmal schwer fällt oder auch weh tut, es auszusprechen. Fazit: der Trost und die Vergebung erfahren, tut mir gut, aber auch zu wissen, ich kann jederzeit meinen Seelsorger anrufen, wenn ich es wieder einmal nicht aushalte.“

„Ich habe zurzeit – Gott sei Dank – keine Probleme: zu Hause komme ich mit meinen Eltern ganz gut klar, in der Schule geht es auch so einigermaßen und mit meinen Freunden und Co haut es auch hin.

Trotzdem habe ich einen Seelsorger, keinen ‚Problemsorger’. Warum? Es tut mir einfach gut ab und zu mich mit ihm zu treffen. Wir beten kurz, ich erzähle, was ich gerade erlebe, wie es mir geht, wir reflektieren und ich merke, dass sich durch unser Gespräch in mir einiges ordnet, ich Situationen, aber vor allem mich selbst besser verstehen lerne. Das ist cool. Am Schluss beten wir zusammen und dann ziehe ich wieder meine Wege. Ich glaube, das würde jedem gut tun und helfen. Vielleicht habe ich ja derzeit so wenige Probleme, weil sich durch die Gespräche manches im Vorfeld klären lässt. So das war’s, mehr habe ich nicht zu sagen.“ Das sind nur wenige Beispiele.

Für mich sind Grundvoraussetzungen seitens des Seelsorgers

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dass er selbst Seelsorge an sich geschehen lässt – also kein Theoretiker ist;

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dass er für diejenigen betet, die er seelsorgerlich begleitet;

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dass er absolut verschwiegen ist

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und dass er sich im Gebet zeigen lässt, wie er diesen konkreten Menschen begleiten soll – und da ist die „Spielwiese“ Gottes unendlich groß, die Art der Begleitung unendlich vielfältig.

 

Erwähnen möchte ich noch, aus der Brille eines Seelsorgers: Es ist für mich ein schöner Dienst, denn ich darf miterleben, wie Gott an Menschen wirkt und handelt, wie ER sie begleitet und führt, auch durch mache Tiefen hinweg. Die Seelsorge an anderen Menschen bereichert den eigenen Glauben. Deshalb bin ich denjenigen, die ich begleiten darf dankbar für diese Erfahrungen.

Der Bedarf an begleitender Seelsorge ist sehr groß, welches an gesellschaftlichen Veränderungen begründet ist.

  

 

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