Apostelgeschichte 17, 22-30

13. April 2008
Pfr. Heiko Bräuning

Predigttext: Apostelgeschichte 17, 22-30

Wenn Sie Theologie studieren, dann müssen Sie gleich im ersten Semester ein s.g. Proseminar besuchen. Es ist Voraussetzung. Da lernt man, wie man die Bibel wissenschaftlich liest bzw. bearbeitet. Dazu gehört zuerst Textkritik. Dazu gehört Textanalyse. Dazu gehört Quellenkritik. Formgeschichte. Redaktionsgeschichte usw. Die Formgeschichte fragt nach den literarischen Formen und Gattungen der bibl. Überlieferungen. Da gibt es Formen wie Paradigma, Novelle, Legenden, Gleichnisse, Allegorien, usw. Warum ich das erzähle? Weil die Gattung unseres heutigen Predigttextes eine ganz besondere ist. Weder ein Gleichnis, noch eine Wundergeschichte, weder ein Glaubensbekenntnis, noch ein Lied. Es handelt sich heute um die Gattung "Predigt". Das würde bedeuten, meine Predigt heute soll sich mit einer Predigt beschäftigen. Noch dazu mit einer Predigt, die an die Athener gerichtet sind, vor allem unter ihnen Philosophen, Epikureer und Stoiker. Paulus wendet sich mit seiner Predigt also an ein vollkommen anderes Publikum, als ich es heute Morgen mit meiner Predigt tue. Eine Predigt legt man normaler Weise nicht aus. Ist sie doch schon Interpretation vom Wort Gottes. Eine Predigt kann man eigentlich nur hören. Deshalb lassen sie uns heute mehr hören als interpretieren.

Zunächst zum Publikum von Paulus: es handelte sich um Götterverehrer. "Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt." Für "verehren" benützt Paulus ein griechisches Wort, welches soviel bedeuten kann wie: Scheu vor den Göttern im Sinne von Angst vor den Göttern, als aber auch die zweite, mehr tadelnde und ablehnende Bedeutung: "Aberglaube". Welchen Unterton Paulus trifft, hören wir heute nicht mehr. Beides mal macht aber deutlich: diese Art von Religion hat viel mit Furcht, mit Angst, mit Unsicherheit zu tun. Gab auch allen Grund dazu. Es gab ja Gründe, warum man in Athen so viele Gottheiten verehrte. Man erzählt sich: Sechshundert Jahre, bevor Paulus in Athen war, wurde die Stadt von einer schrecklichen Seuche heimgesucht, der durch nichts Einhalt geboten werden konnte. Da waren auf Vorschlag des kretischen Dichters Epimenides eine Herde schwarzer und weißer Schafe auf dem Areopag losgelassen worden und hatten sich über die ganze Stadt verteilt. Wo sich die Schafe nieder-legten, wurde kurzerhand ein Altar gebaut, und das Schaf einem Gott geopfert, um so sicher zu gehen, dass man alle Götter in gleicher Weise besänftigt. Zu guter letzt, aus lauter Verzweiflung, baute man auch dem unbekannten Gott einen Altar um ihm zu opfern. Damit man sich an ihm nicht etwa versündigte.

In der Archäologie wird vermutet, dass es in Athen damals um die 3000 Altäre gab und man spottete, dass es in Athen leichter war, einen Gott zu treffen, als einen Menschen. Die Altäre waren mehr als nur Architektur und Denkmal. Sie waren in Betrieb. Denn die Ehrfurcht, die Angst, der Aberglaube war virulent. Mit Hilfe dieser Altar- und Opferpraxis konnte man versuchen, die Götter gnädig zu stimmen und bei guter Laune zu halten. Denn alles an Schicksal wurde zurückgeführt auf das Handeln und Tun der Gottheiten. Dem Gott des Feuers zu opfern, bedeutete schlicht und einfach, sich und seinem Hab und Gut zu versichern, dass kein Feuer ausbricht. Man wollte Sicherheit haben. Und zwar je mehr, desto besser. Dieses Lebensgefühl der alten Griechen ist uns vielleicht gar nicht so fremd. Mir ist es auch recht, wenn ich soviel wie möglich Sicherheit habe. Allein im Monat gehen mehrere hundert Euro nur für Versicherungen drauf. Haftpflicht-, Rechtschutz-, und Lebensversicherung. Feuer, Kranken, Rentenversicherung usw. Man will auf Nummer Sicher gehen. Und im schlimmsten Fall nicht dumm dastehen. Vielleicht kann man so sagen: der altgriechische Götterpantheon war der Vorläufer eines gigantischen Versicherungsgeschäftes, in welchem die Angst den größten Faktor spielte. Vielleicht kann man es auch umgekehrt sagen: Die modernste Form altgriechischer Götterverehrung ist der Versicherungspantheon der Gegenwart allerdings aus dem immer noch gleichen menschlichen Ur-Motiv heraus: des Gefühles von Angst.

Hören wir vor diesem Hintergrund nochmals intensiver in die Predigt von Paulus hinein. Evtl. wird sie auch für uns heute alltagsrelevant, und nach wie vor hörens- und lesenswert.

In Vers 29, der seltsamer Weise im Predigttext der kirchlichen Perikopenreihe herausgekürzt wurde, formuliert Paulus die eigentliche Botschaft, den Höhepunkt seiner Predigt: "Wir sollen nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht." Und weiter sagt er: es gab eine Zeit der Unwissenheit. Wo man gedacht hat, Gott und Götter sind alle vom gleichen Schlag. Nun aber, wissen wir es besser: Gott ist nicht zu vergleichen mit den Göttern. Denn:

1. Vers 24: Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.
Gott hat die Welt gemacht. Wir leben in seiner Welt. Das ist ein anderes Gottesbild als das, welches annimmt, dass Gott in unserer Welt leben würde. So dachten die Menschen über die Götter. Paulus predigt jedoch: "Gott hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen." Wir leben in den Grenzen Gottes. Nicht Gott lebt in unseren Grenzen. Wie gut, dass uns Grenzen gesetzt sind und der Allmächtige über den Grenzen ist. Und nicht das wir allmächtig Grenzen setzen müssen, und über diesen Grenzen niemand mehr ist, außer uns. Das befreit uns, die wir so gerne die Grenzen überschreiten. Das erlöst uns, die wir so oft grenzenlos sind.

2. Vers 25: Er lässt sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer der etwas nötig hätte. Er hat doch alles gegeben.
Gott braucht nichts zurück. Er denkt nicht lieber, gütiger, gnädiger über uns, wenn wir ihm etwas geben. Er ist nicht stolzer auf uns. Wir stehen nicht besser vor ihm durch das, was wir ihm geben. Nicht wir geben Gott um ihn zu erfreuen und auf der sicheren Seite zu sein. Er hat uns alles gegeben. Soviel wert sind wir ihm. So ist er: vorbedingungslos. Vorbehaltlos. Wir haben einen Wert, nicht davon abhängt, was wir tun, was wir können, was wir haben. Sondern allein von dem, wer wir sind. Geschöpfe Gottes. Und in seiner Hand sind und bleiben wir an Leib, Seele und Geist auf der sicheren Seite. Der kennt uns. Der hat Gedanken des Friedens über uns und nicht des Leides. Jedes menschliche Machwerk, jede menschliche Lebensabsicherungsgarantie geht in die Knie, wenn es um den Tod geht. In Gottes Hand ist unser Leben über den Tod hinaus versichert. Wir haben das ewige Leben sicher. Das sind die Nachwehen von Ostern. Die Vorboten unserer Auferstehung.

3. Vers 26-27: Wir sind dazu geschaffen, "damit wir Gott suchen sollen, ob wir ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir."
Wir können einfach nicht leben als unabhängige, emanzipierte, gottlose Menschen. Schleiermacher hat es galant ausgedrückt: Wir tragen in uns das "schlechthinnige Abhängigkeitsgefühl" von Gott. Wir sind geschaffen mit einer unbändigen Sehnsucht nach diesem unbekannten Gott. Laut Paulus müssen die Heiden das gesagt bekommen. Denn gerade sie stehen in Gefahr, sich falschen Abhängigkeiten zu unterwerfen Und nichts hat mehr Macht über uns, als unsere Abhängigkeiten. Paulus möchte die Heiden ermutigen, Gott alle Macht zu geben. Die schlechthinnige Abhängigkeit von ihm im Glauben anzunehmen. Und Paulus denkt, dass sich dieses Gefühl der Abhängigkeit von Gott letzten Endes jedes Gefühl von Angst, von Sehnsucht, von Verunsicherung, von Orientierungslosigkeit, von Sinnlosigkeit dominiert und überwindet. Paulus ist nicht ein Gottsucher wie die Heiden. Er ist zum Gotteskenner geworden und zum Gottliebhaber. Und nachdem er bis vor kurzem noch haarscharf völlig falsch über Gott gedacht hat und völlig falsches in seinem Namen getan hat, hört sich diese Predigt echt und authentisch an. Er weiß, von was er spricht.

Und nachdem Paulus sein Wissen an die Männer und Frauen von Athen gebracht hat über Gott, ist seiner Meinung nach die Zeit der Unwissenheit vorbei. Gott ist kein unbekannter. Wir wissen, aus den Lehren von Jesus, aus den Lehren des Gesetzes, aus den Lehren der Propheten, wie Gott ist. Und jetzt ist laut Paulus Sinnesänderung dran. Neues Denken. Wir übersetzen das griechische Wort "metanoien" heute mit Buße. Gemeint ist aber die Einladung und Ermutigung zur Sinnesänderung. Denkt neu über Gott. Überdenkt Gott neu. Neu Denken hängt mit neuen Erfahrungen zusammen.

Denken und Erfahren bringt ein Wort Gottes, das der Prophet Jesaja für uns überliefert auf den Punkt, das vielleicht unseren Sinn ändern könnte und damit alles, was wir im Sinn haben:

"Hört mir zu, die ihr von mir getragen werdet von Mutterleibe an und vom Mutterschoße an mir aufgeladen seid: Auch bis in euer Alter bin ich derselbe und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten. Wem wollt ihr mich gleichstellen, und mit wem vergleicht ihr mich. Gedenket des Vorigen, wie es von alters her war: Ich bin Gott, und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht."

In diesem Sinne gehen Sie bitte in die nächste Woche.

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