Apostelgeschichte 17, 22-30
Predigttext: Apostelgeschichte 17, 22-30
Wenn Sie Theologie studieren, dann müssen Sie gleich im ersten Semester ein s.g. Proseminar besuchen. Es ist Voraussetzung. Da lernt man, wie man die Bibel wissenschaftlich liest bzw. bearbeitet. Dazu gehört zuerst Textkritik. Dazu gehört Textanalyse. Dazu gehört Quellenkritik. Formgeschichte. Redaktionsgeschichte usw. Die Formgeschichte fragt nach den literarischen Formen und Gattungen der bibl. Überlieferungen. Da gibt es Formen wie Paradigma, Novelle, Legenden, Gleichnisse, Allegorien, usw. Warum ich das erzähle? Weil die Gattung unseres heutigen Predigttextes eine ganz besondere ist. Weder ein Gleichnis, noch eine Wundergeschichte, weder ein Glaubensbekenntnis, noch ein Lied. Es handelt sich heute um die Gattung "Predigt". Das würde bedeuten, meine Predigt heute soll sich mit einer Predigt beschäftigen. Noch dazu mit einer Predigt, die an die Athener gerichtet sind, vor allem unter ihnen Philosophen, Epikureer und Stoiker. Paulus wendet sich mit seiner Predigt also an ein vollkommen anderes Publikum, als ich es heute Morgen mit meiner Predigt tue. Eine Predigt legt man normaler Weise nicht aus. Ist sie doch schon Interpretation vom Wort Gottes. Eine Predigt kann man eigentlich nur hören. Deshalb lassen sie uns heute mehr hören als interpretieren.
Zunächst zum Publikum von Paulus: es handelte sich um Götterverehrer. "Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt." Für "verehren" benützt Paulus ein griechisches Wort, welches soviel bedeuten kann wie: Scheu vor den Göttern im Sinne von Angst vor den Göttern, als aber auch die zweite, mehr tadelnde und ablehnende Bedeutung: "Aberglaube". Welchen Unterton Paulus trifft, hören wir heute nicht mehr. Beides mal macht aber deutlich: diese Art von Religion hat viel mit Furcht, mit Angst, mit Unsicherheit zu tun. Gab auch allen Grund dazu. Es gab ja Gründe, warum man in Athen so viele Gottheiten verehrte. Man erzählt sich: Sechshundert Jahre, bevor Paulus in Athen war, wurde die Stadt von einer schrecklichen Seuche heimgesucht, der durch nichts Einhalt geboten werden konnte. Da waren auf Vorschlag des kretischen Dichters Epimenides eine Herde schwarzer und weißer Schafe auf dem Areopag losgelassen worden und hatten sich über die ganze Stadt verteilt. Wo sich die Schafe nieder-legten, wurde kurzerhand ein Altar gebaut, und das Schaf einem Gott geopfert, um so sicher zu gehen, dass man alle Götter in gleicher Weise besänftigt. Zu guter letzt, aus lauter Verzweiflung, baute man auch dem unbekannten Gott einen Altar um ihm zu opfern. Damit man sich an ihm nicht etwa versündigte.
In der Archäologie wird vermutet, dass es in Athen damals um die 3000 Altäre gab und man spottete, dass es in Athen leichter war, einen Gott zu treffen, als einen Menschen. Die Altäre waren mehr als nur Architektur und Denkmal. Sie waren in Betrieb. Denn die Ehrfurcht, die Angst, der Aberglaube war virulent. Mit Hilfe dieser Altar- und Opferpraxis konnte man versuchen, die Götter gnädig zu stimmen und bei guter Laune zu halten. Denn alles an Schicksal wurde zurückgeführt auf das Handeln und Tun der Gottheiten. Dem Gott des Feuers zu opfern, bedeutete schlicht und einfach, sich und seinem Hab und Gut zu versichern, dass kein Feuer ausbricht. Man wollte Sicherheit haben. Und zwar je mehr, desto besser. Dieses Lebensgefühl der alten Griechen ist uns vielleicht gar nicht so fremd. Mir ist es auch recht, wenn ich soviel wie möglich Sicherheit habe. Allein im Monat gehen mehrere hundert Euro nur für Versicherungen drauf. Haftpflicht-, Rechtschutz-, und Lebensversicherung. Feuer, Kranken, Rentenversicherung usw. Man will auf Nummer Sicher gehen. Und im schlimmsten Fall nicht dumm dastehen. Vielleicht kann man so sagen: der altgriechische Götterpantheon war der Vorläufer eines gigantischen Versicherungsgeschäftes, in welchem die Angst den größten Faktor spielte. Vielleicht kann man es auch umgekehrt sagen: Die modernste Form altgriechischer Götterverehrung ist der Versicherungspantheon der Gegenwart allerdings aus dem immer noch gleichen menschlichen Ur-Motiv heraus: des Gefühles von Angst.
Hören wir vor diesem Hintergrund nochmals intensiver in die Predigt von Paulus hinein. Evtl. wird sie auch für uns heute alltagsrelevant, und nach wie vor hörens- und lesenswert.
In Vers 29, der seltsamer Weise im Predigttext der kirchlichen Perikopenreihe herausgekürzt wurde, formuliert Paulus die eigentliche Botschaft, den Höhepunkt seiner Predigt: "Wir sollen nicht meinen, die Gottheit sei gleich den goldenen, silbernen und steinernen Bildern, durch menschliche Kunst und Gedanken gemacht." Und weiter sagt er: es gab eine Zeit der Unwissenheit. Wo man gedacht hat, Gott und Götter sind alle vom gleichen Schlag. Nun aber, wissen wir es besser: Gott ist nicht zu vergleichen mit den Göttern. Denn:
Und nachdem Paulus sein Wissen an die Männer und Frauen von Athen gebracht hat über Gott, ist seiner Meinung nach die Zeit der Unwissenheit vorbei. Gott ist kein unbekannter. Wir wissen, aus den Lehren von Jesus, aus den Lehren des Gesetzes, aus den Lehren der Propheten, wie Gott ist. Und jetzt ist laut Paulus Sinnesänderung dran. Neues Denken. Wir übersetzen das griechische Wort "metanoien" heute mit Buße. Gemeint ist aber die Einladung und Ermutigung zur Sinnesänderung. Denkt neu über Gott. Überdenkt Gott neu. Neu Denken hängt mit neuen Erfahrungen zusammen.
Denken und Erfahren bringt ein Wort Gottes, das der Prophet Jesaja für uns überliefert auf den Punkt, das vielleicht unseren Sinn ändern könnte und damit alles, was wir im Sinn haben:
In diesem Sinne gehen Sie bitte in die nächste Woche.