Jesaja 52, 13 - 53, 12
"Ich bin dann mal weg." So heißt ein Buch des Journalisten Kerkeling, das zum Bestseller der letzten Jahre wurde. Darin beschreibt er seine Reise auf dem Jakobsweg, dem uralten Pilgerweg.
"Ich bin dann mal weg." So ähnlich sagte auch ein Minister aus einem afrikanischen Land. Er war für die Finanzen zuständig. Das ist schon etwas länger her. Sein Ziel war Jerusalem. Und auch das war wohl eine Art Pilgerreise. Was brachte ihn dazu? - Er wird wohl gedacht haben: Das kann doch nicht alles sein. Du machst deine Aufgaben, tust sie gewissenhaft und ordentlich. Die Leute haben was zu essen. Wir halten Frieden mit unseren Nachbarn. Alles das ist gut. Aber wofür das Ganze? Was hat unser Leben für einen Sinn? Wie ist das mit Gott? - In Jerusalem, so muss er gedacht haben, da bist du Gott näher. Da kannst Du Antworten auf diese Fragen finden. Und deswegen ging er in die heilige Stadt.
Wir kennen nur eine ganz kleine Etappe auf dieser Reise, die in die Weltliteratur eingegangen ist. In Jerusalem hat er sich ein Buch gekauft und las es auf der Heimreise. Das wurde zur entscheidenden Stunde in seinem Leben. Alles andere kann man vergessen. Zu Hause in Äthiopien ist zwar viel Geld über seinen Schreibtisch gegangen. Aber dieses Geld war nicht ganz so wichtig. Das hat die Welt nicht verändert. Doch das Buch hat die Welt verändert.
Der Mann war Finanzminister von Äthiopien. Bei dem Buch handelte es sich um den Propheten Jesaja. Entscheidend war der Abschnitt aus Jesaja 53. Während er las, wird er immer wieder den Kopf geschüttelt haben. Denn es scheint für ihn völlig unverständlich gewesen zu sein. Und trotzdem las er weiter. Es blieb ihm ein Rätsel. Vielleicht hatte er die entscheidenden Verse schon x-mal gelesen, als ein junger Mann plötzlich neben seinem Wagen herlief und ihn fragte, ob er auch versteht. Nein, sagte er, ich verstehe überhaupt nichts. Der junge Mann, Philippus, hat es ihm erklärt.
Das hat auch sein Leben verändert. Aber nicht nur sein Leben, sondern auch das von vielen, vielen anderen. Es muss ein tiefes Geheimnis in diesem Text stecken.
13 Siehe, meinem Knecht wird's gelingen, er wird erhöht und sehr hoch erhaben sein.
14 Wie sich viele über ihn entsetzten, weil seine Gestalt hässlicher war als die anderer Leute und sein Aussehen als das der Menschenkinder,
15 so wird er viele Heiden besprengen, dass auch Könige werden ihren Mund vor ihm zuhalten. Denn denen nichts davon verkündet ist, die werden es nun sehen, und die nichts davon gehört haben, die werden es merken.
1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und wem ist der Arm des Herrn offenbart?
2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.
3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.
4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.
5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.
7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.
8 Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war.
9 Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.
10 So wollte ihn der Herr zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des Herrn Plan wird durch seine Hand gelingen.
11 Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.
12 Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.
Jesus war der erste, der dieses Kapitel verstanden hat. Sonst niemand. Der Prophet hat es wohl nicht verstehen können, und die Ausleger der Rabbinen auch nicht. Sie haben viel herumgerätselt. Aber zu einem richtigen Schluss sind sie nicht gekommen. Immerhin ist vielen jüdischen Auslegern klar, dass es hier um den leidenden Messias geht. Aber wenn das stimmt, dann wäre ja Jesus der Messias gewesen. Und weil sie das nicht wahrhaben wollten, und weil es so wenig in das Gesamtkonzept passte, deshalb sagen sie meist: Es muss sich um das Leiden des ganzen Volkes Gottes handeln. Der Knecht Gottes, so sagen sie, das ist das Volk Gottes. Es leidet, es wird misshandelt, es wird missverstanden.
Wir stehen deshalb bei diesem Kapitel vor einer Entscheidung. Dabei geht es um eine Weichenstellung wie damals bei dem Finanzminister aus Äthiopien und bei unzähligen Späteren.
Die christliche Auslegung ist anders als die jüdische. Und wir folgen damit genau dem, was Jesus selbst nach seiner Auferstehung erklärt hat; z.B. den Emmaus-Jüngern: "Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?" (Luk 24, 26f) Und dem gesamten Jüngerkreis sagte er (vor der Himmelfahrt) das gleiche: "So steht's geschrieben, dass Christus leiden wird und auferstehen von den Toten am dritten Tage" (Luk 24, 46). Und schon lange Zeit vor seiner Kreuzigung hat er seinen Jüngern sein Leiden und Sterben vorausgesagt, und dass dies so der Wille seines Vaters ist. So bezeugt es Paulus im 1. Korintherbrief und gibt damit das christliche Grundbekenntnis wieder: "Ich habe euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Das Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift..."
Kurz: Ohne dieses Kapitel können wir das Geschehen von Karfreitag nicht verstehen. Wer Christus folgen will, der darf vom Weg der Selbsterlösung weggehen und hingehen zu ihm: Du hast alle meine Schuld auf dich genommen. Du hast für mich gelitten und bist für mich am Kreuz gestorben. Zu dir darf ich gehören, weil du mich erlöst hast.
In Wilhelmsdorf ist hier bei uns im Betsaal ein Kruzifix hinter dem Altar bzw. über der Tür zur Sakristei. Die Darstellung ist umstritten, und zwar nicht wegen Geschmacksfragen, sondern wegen der Bedeutung. Manche fragen: Ist das recht, dass Jesus Christus als der Gekreuzigte dargestellt wird? Wäre es nicht viel richtiger, das reine Kreuz zu zeigen, ohne den Corpus Christi? Denn Christus ist doch am dritten Tage auferstanden! Da war doch das Kreuz leer. Er hat doch den Sieg über den Tod errungen und ist jetzt zur Rechten Gottes.
Ja, Christus ist an Ostern auferstanden. Aber damit wurde das, was an Karfreitag geschah, nicht beseitigt, sondern beglaubigt. Man darf Karfreitag und Ostern nicht gegeneinander ausspielen. Gott ist in der Heilsgeschichte einen Weg gegangen. In jedem Abschnitt war er sozusagen ganz bei der Sache. Er hat an Karfreitag seinen Sohn für uns dahingegeben, um uns von unserer Schuld zu erlösen. Und an Ostern hat er für uns den Weg ins Leben wieder geöffnet. Darum dürfen wir den Gekreuzigten dran lassen. Darum dürfen wir immer wieder dem nachsinnen: Ich muss nicht für meine eigene Schuld büßen, sondern das hat Christus für mich getan. Und wenn wir im Gottesdienst sitzen und vielleicht von unserer Schuld oder von einer Last niedergedrückt werden, dann dürfen wir sagen: Du hast sie auf dich genommen. In der griechischen Übersetzung (LXX) von Vers 5 heißt es wörtlich: Er wurde traumatisiert wegen unserer Gesetzlosigkeit. Deswegen darf ich weiter sagen: Ich muss mich nicht mehr selbst verwunden oder traumatisieren lassen. Was auch immer mich drückt. Es ist weg, weil du es auf dich genommen hast.
Das Kreuz Jesu gilt aber auch für fremde Schuld, die an mir begangen wurde. Viele Menschen leiden unter der Schuld, die sie von anderen erlitten haben. Menschen, die Gewalt erfahren haben und vielleicht nicht einmal wussten, warum; Menschen die Missbrauch erfahren haben und nichts dafür können; Menschen aus einem schwierigen Elternhaus; und vieles mehr. In unserem Leben geht nicht nur durch unsere eigene Schuld so vieles daneben, sondern auch durch fremde Schuld. Menschliche Gerechtigkeit meint, wenn man den Schuldigen herausfindet und für seine Schuld straft, dann würde es besser. Aber nach der biblischen Logik geht diese Rechnung nicht ganz auf. Eine gute Justiz kann das Unrecht auf dieser Welt nicht beseitigen. Doch weil Christus unsere Schuld getragen hat, deswegen dürfen wir auch das uns zugefügte Unrecht in Gottes Hand legen und ihn um die Heilung unserer Wunden bitten.
Was ich bis jetzt gesagt habe, kann man mit der Überschrift zusammenfassen: Christus ist für unsere Sünden gestorben nach der Schrift und hat damit den Willen seines Vaters erfüllt. Ein bekannter Ausleger hat einmal von Jesaja 53 gesagt, dass es wie unter dem Kreuz auf Golgatha geschrieben sei.
Ich möchte heute in dieser Hinsicht nicht weiter vertiefen. Das wurde in vielen Predigten an Karfreitag sonst getan und wird auch künftig so sein.
Aber der Text birgt noch andere prophetische Aussagen, die wir nicht übersehen sollten. Es ist gleichzeitig auch ein Text mit Verheißungen für die Zeit der Gemeinde und für die Endzeit. Da sind noch echte Überraschungen verborgen. Darum:
Aber da gibt es welche, die haben es nie vorher gehört, die Heiden. Sie haben nichts gewusst von Gottes Heilsweg, nichts von den Weissagungen über den Messias. Sie haben nicht die langen Führungen Gottes erlebt, auch nicht die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten und nicht die Wüstenwanderung. Auf sie, die Heiden, da trifft die Nachricht vom leidenden Messias. Und bei ihnen findet sie Glauben. Sie werden ins Staunen kommen. Und die werden es blicken. Christus ist es, der sie ins Staunen bringt.
Auf diese Stelle beruft sich Paulus in Römer 10 (16), neben einer Reihe von anderen Stellen. Der Unglaube Israels ist also schon in der alttestamentlichen Prophetie geweissagt. Als Paulus den Weg der Heidenmission gegangen ist, da wusste er auch das Wort Gottes hinter sich. Ausdrücklich nennt er auch in Römer 15 (21) die Weissagung vom Glauben der Heidenvölker.
Für die Urgemeinde war es zunächst eine katastrophale Erkenntnis, dass die große Bekehrung Israels nicht stattgefunden hat. Israel ist aufs Ganze gesehen der Botschaft von Gottes Versöhnung durch das Kreuz Christi nicht gefolgt, sie haben auch der Botschaft von seiner Auferstehung nicht geglaubt. Aber die Heiden, sie haben beides in der Folgezeit aufgenommen.
Die christliche Gemeinde hat diese Erkenntnis aus den alttestamentlichen Weissagungen bekommen; insbesondere auch aus Jesaja 52/53. Gottes Weg mit Israel wird eine Pause machen. Aber er geht mit den Heidenvölkern weiter.
Das heißt für uns: Die Prophetie ist für uns geschrieben. Wir sind nicht erst durch die urchristlichen Missionare in Gottes Blickfeld geraten. Sondern schon bei den Propheten hat er an uns gedacht. Damals hat er unsere Versöhnung mit ihm vorbereitet. Wir dürfen danke sagen.
Sie werden sehen, dass er um ihrer Sünden willen durchbohrt ist. So heißt es wörtlich in Vers 5. Und es erinnert an die Wehklage von Israel in der Endzeit, wie sie beim Propheten Sacharja (12,10) geweissagt ist: "Und sie werden mich ansehen, den sie durchbohrt haben, und sie werden um ihn klagen, wie man klagt um ein einziges Kind."
Es ist erfreulich, dass das auch schon angefangen hat. Es gibt ja schon viele Juden, die an Jesus als ihren Messias glauben.
Der damals am See Genezareth die Krankheiten vieler Menschen geheilt hat, der wird auch ihre geistlichen Wunden heilen.
Jesaja 53 ist also eine der wichtigsten alttestamentlichen Weissagungen. Es geht um die Weissagung des stellvertretenden Leidens des Messias. Es geht um den Heilsweg Gottes mit den Heidenvölkern und um die Umkehr Israels in der Endzeit. Gott gebe, dass dieser Text nicht nur eine Weissagung für andere ist, sondern für uns. Amen.