Hebräer 13, 12-14
Meine Frau führte mich eines Tages durch ihre Heimatstadt Heidenheim und zeigte mir die interessanten Plätze. Es muss zu einer Zeit gewesen sein, als wir relativ frisch verliebt war; heute sind wir nur noch verliebt, aber nicht mehr frisch. Damals zeigte sie mir auch den Galgenberg. Mich hat an dieser Stelle ein gewisses Grausen gepackt. Ich habe mir vorgestellt, wie da einst der Galgen gestanden hat. Wer weiß, wie viele Menschen hier ihr Leben lassen mussten! Heute spielen dort Kinder. Sie denken nicht an die grausigen Szenen, die sich da abgespielt haben.
Viele Städte haben ihren Galgenberg. Der ist nicht mitten in der Stadt, wo die Leute wohnen. Sondern der Galgenberg ist weit draußen, außerhalb der Stadtmauer. Die Stadt sollte ja nicht verunreinigt werden. Lass das ja draußen, was man nicht anschauen kann! Lass draußen, was die Seele verwirrt! Lass draußen, was den Verwesungsgeruch verbreitet. Draußen, da können allerhand grausame Dinge passieren. Es ist, als wollte man sagen: Wir in der Stadt, wir wollen uns von dem allem nicht sehr berühren lassen.
Ausgerechnet dieses Abschieben wird im Hebräerbrief auch von Jesus beschrieben. Eigentlich erinnert der Text an Karfreitag. Aber er hat ein anderes Ziel.
12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor.
13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Also doch! Jesus wird ausgeschlossen aus der Gemeinschaft. Was ich vom Galgenberg erzählt habe, das gilt auch für Golgatha, für die Schädelstätte von Jerusalem. Dort werden die Verbrecher hingerichtet. Und die in der Stadt sollen ja nicht irgendwie mit dieser Unreinheit in Verbindung kommen.
Aber in der Bibel gibt es noch eine tiefere Begründung. Nach dem alttestamentlichen Gesetz gilt: Wer sich todeswürdiger Verbrechen schuldig gemacht hat, soll außerhalb des Lagers getötet werden. Denn selbst im Tod soll er keine Gemeinschaft mit den anderen Leuten haben, mit den Anständigen und Gesetzestreuen. Er wird aus der Gemeinschaft des Heils ausgeschlossen. Da wird eine unbarmherzige Trennungslinie gezogen. Du bist draußen. Draußen vom Heil, draußen von den Menschen. Niemand soll mit dir etwas zu tun haben. Sonst beraubt er sich selbst des ewigen Heils und schließt sich aus der Gemeinschaft der Menschen aus. Die Seuche der Gottlosigkeit soll sich ja nicht ausbreiten. Man erstickt sie im Keim. Das ist die alttestamentliche Art zu denken.
Außerhalb des Lagers, das ist also ein Stück vorweggenommenes ewiges Gericht. Übrigens gibt es auch nach dem neutestamentlichen Denken eine Vorwegnahme des ewigen Gerichts bzw. eine Rettung vor dem Gericht: Wer an Gott bzw. Christus glaubt, kommt nicht ins Gericht, sondern ist vom Tod zum Leben hindurchgedrungen. (1Johannes 3, 16-18.36; Joh. 5, 24; Joh. 11,25f und öfter; Römer 10,4) Wir sehen, nach biblischem Denken kann das Gericht Gottes bzw. der Freispruch schon hier auf dieser Welt vollzogen sein. Der Hebräerbrief folgt an der Stelle unseres Predigttextes der alttestamentlichen Denkweise. Wer draußen vor dem Tor der Stadt den Verbrechertod stirbt, dessen Tod gilt auch für die Ewigkeit. Es ist nicht nur ein irdischer Vorgang, sondern ein himmlisches Szenario.
Nun wird Jesus zum Kapitalverbrecher gemacht, zum Entsetzen für alle, die es miterlebt und ihn für den Messias gehalten haben. Nach der alttestamentlichen Logik ist damit auch jeder Faden zwischen ihm und Gott zerschnitten. Ewige Schmach liegt auf ihm.
Jesus Christus hat damit für uns gelitten, er hat an unserer Stelle den Tod auf sich genommen und die Gottesferne erfahren, damit wir leben. Das wird am Karfreitag das Thema sein. Es klingt auch hier an. Dass wir durch seinen Tod mit Gott versöhnt sind, das wird vorausgesetzt. Aber seine Versöhnung hat auch Konsequenzen für unser Leben: Lasst uns zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen. Heute geht es um uns, es geht um unsere Konsequenz aus dem, was mit Christus geschehen ist.
Sein Tun und Vorbild bringt uns in Bewegung. Ich spreche im Bild von dem Galgenberg: Wir bleiben nicht ruhig sitzen in der Stadt, wo sich die Gerechten versammeln. Beim wandernden Gottesvolk in der Wüste ist es nicht die Stadt, sondern das Lager der Nomaden. Doch im Grunde geht es um das gleiche, ob Lager oder Stadt: Wir bleiben nicht auf dem gemütlichen Sofa, sondern brechen auf zu der Stelle, wo Schmach und Schande ist.
Man fragt sich: Worin besteht eigentlich die Schmach, die wir auf uns nehmen sollen? Natürlich sollen wir nicht selbst Verbrechen verüben. Das wäre Unsinn. Und so ist es auch nicht gemeint. Sondern wir sollen die Gemeinschaft mit Christus suchen und um seinetwillen auch die Konsequenzen tragen. Damit isolieren wir uns evtl. auch von anderen. Wir sollen uns nicht scheuen, anders zu sein als die anderen. Kein angepasstes Christsein. Sich weder an die Welt noch an andere religiöse Systeme anpassen. Sondern unser Zielpunkt ist Christus! Es gibt keine Nachfolge Christi zum Nulltarif. (Ich werde nachher noch konkreter.)
Zunächst aber zu den Menschen damals: Der Hebräerbrief hat sich an Menschen gewandt, die in ihrem Glauben müde und träge geworden sind. (2Z.B. 5,1ff; 10, 23-25) Sie vernachlässigen den Besuch der Gottesdienste. Sie sind besonders in Gefahr, wieder in den jüdischen Kultus zurückzufallen; sie machen eine Mixtur zwischen Christlichem und Jüdischem. Sie wollen weder dem einen noch dem anderen weh tun. Das wird in den Versen unmittelbar vorher beschrieben. (13, 9+10) Darum ist der neue Aufbruch so wichtig. Sie sollen hinausgehen dorthin, wo die Schmach Christi ist. Trennung von dem, was das Leben so gemütlich macht, weil es überhaupt nichts ändern will.
Bedenkt doch: Christus hat so viel für euch gegeben. Er hat selbst die Schmach getragen. Soll das alles umsonst gewesen sein? Wenn ihr euch doch wieder dem zuwendet, wo ihr hergekommen seid?
Es wäre möglich, allein über das zentrale Wort "Schmach" (bzw. Schmähung oder schmähen; Hauptwort und Verb) eine ganze Predigt zu halten, denn es ist ein biblisches Leitwort für das Leiden Christi. Ich will hier nur einiges andeuten:
Als Christus am Kreuz hing, so berichten die Evangelisten, da lästerten ihn die Vorübergehenden und die Hohenpriester. Sie machen ihn regelrecht lächerlich: Er hat anderen geholfen und kann sich selber nicht helfen? Ist er der Christus, der König von Israel, dann steige er herab vom Kreuz, damit wir sehen und glauben... ebenso schmähten ihn auch die Räuber. (Matth. 27,39ff.44par) Sehr wohl könnte Christus vom Kreuz heruntersteigen. Aber er tut's nicht, weil er damit das Werk der Versöhnung zunichte machen würde. Und so lässt er die Schmähungen auf sich sitzen. Er sagt nichts, wo er doch viel sagen könnte.
Genauso ist es im 1. Petrusbrief (2,23) beschrieben, dass er nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet.
Der Psalm 69 wurde auf das Leiden des Messias gedeutet. Dort heißt es (V.8): Um deinetwillen trage ich (nämlich der Messias) Schmach, mein Angesicht ist voller Schande.
Schließlich sagt Jesus selbst in den Seligpreisungen: Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles gegen euch, wenn sie damit lügen. (Matth. 5,11)
Wir sehen also, dass Jesus das, was er an Schmach erlitten hat, auch auf seine Nachfolger überträgt. Sie können nicht davon ausgehen, dass sie auf den Wellen des Erfolgs schwimmen. Sondern die Schmach gehört zur Nachfolge wie der Schistiefel zum Schifahren.
Konkretion für uns in 2 Beispielen:
Diese beiden Beispiele genügen. Das ist mit Schmach gemeint. Wir kriegen Druck und wir werden beschimpft, wenn wir in der Nachfolge unseres Herrn christliche Werte vertreten bzw. sie für uns selbst leben wollen. Das ist sicher noch nicht das Ende der Kampagnen, sondern erst der Anfang. Vermutlich wird sich auch der Druck gegen unseren christlichen Glauben und auch andere Glaubensüberzeugungen wenden.
Ich komme zurück zum Hebräerbrief (13,12) und damit auch zum Abschluss: Lasst uns zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen, das heißt: Lasst euch von dem Druck nicht kaputt machen. Bleibt dennoch in seiner Nachfolge. Orientiert euch an ihm und seinem Willen und lasst euch nicht durch die öffentliche Meinung gleichschalten.
Das Ziel unseres Lebens ist nicht die Anpassung an gängige Meinungen. Sondern das Ziel unseres Lebens ist die ewige Stadt Gottes. Und wer auf sein ewiges Reich schaut, der kann, ja der muss das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden. Unwichtig ist, was in der Gesellschaft als öffentliche Meinung durchgesetzt wird. Wichtig ist das, was wir in der Nachfolge Jesu als den Willen unseres Herrn erkannt haben. (Apg. 5,29) Amen.