Jesaja 54, 7-10

2. März 2008 - Gottesdienst an Lätare
Pfr. Dr. Karl Knauß

7 Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.
8 Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser.
9 Ich halte es wie zur Zeit Noahs, als ich schwor, dass die Wasser Noahs nicht mehr über die Erde gehen sollten. So habe ich geschworen, dass ich nicht mehr über dich zürnen und dich nicht mehr schelten will.
10 Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.

Eigentlich ist es ein Wechselbad der Gefühle - nicht für Gott, sondern für die Menschen; das Gefühl, von Gott verlassen zu sein, und dann doch wieder seine Zuwendung. Hin und hergerissen. Wie können das Menschen aushalten? Kann das ein Volk aushalten? Was gilt denn nun, sein Zorn oder seine Gnade? Kann man sich auf ihn verlassen? So können Menschen empfinden. Und viele zerbrechen daran innerlich.

Die Bewohner von Jerusalem und Judäa befindet sich im babylonischen Exil, als diese Botschaft zu ihnen kommt. Einige Jahrzehnte müssen sie schon mit dieser Situation leben, wohl schon eine ganze Generation lang. Sie haben fremde Herren über sich. Ihre Selbstbestimmung ist dahin. Sie dürfen nicht mehr selbst entscheiden, wie sie als Volk leben wollen. Viele haben resigniert und Frust hat sich ausgebreitet. Aber es gibt auch anderes. Wir können einiges von der damaligen Stimmung nachempfinden, wenn wir aus den Klageliedern lesen: "Wie liegt die Stadt so verlassen, die voll Volks war. Sie ist wie eine Witwe, die Fürstin unter den Völkern, und die eine Königin in den Ländern war, muss nun dienen. Sie weint des Nachts, dass ihr die Tränen über die Backen laufen... Es ist von der Tochter Zion aller Schmuck dahin..." (Klagel. 1, 1f.6) Die Stimmung ist also ziemlich am Nullpunkt. Aber sie haben auch einiges eingesehen. Es war kein Zufall, dass die babylonische Gefangenschaft über sie gekommen ist. Sondern sie haben es sich selbst eingebrockt. Sie waren es nämlich, die Gott verlassen haben. Nur deshalb hat er sie in ihr Elend laufen lassen.

Aber soll das dann alles gewesen sein? Soll denn sein Volk, das seine Verheißungen hat, ewig an seiner eigenen Schuld tragen. Und in die Klage und Selbstanklage mischt sich die Hoffnung, ja die Gewissheit: Gott wird nicht auf ewig verstoßen. Denn das ist doch seine Art. "Die Güte des Herrn ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und deine Treue ist groß." (Klagel. 3, 22)

Um Gottes Art geht es auch in dem Text des sogenannten zweiten Jesaja. Gottes Zorn ist zwar echt und tief. Aber dann wendet er sich seinem Volk wieder zu Gott kann nicht anders. Sein Ziel ist doch nicht die Niederlage und die Gottesferne, sondern dass er da ist und dass die Gemeinschaft mit ihm besteht. Und wenn das so ist, dann geht es nicht nur um die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Darum natürlich auch. Aber wir erfahren über Gott selbst etwas. Wir lernen sein Herz kennen.

Hat nicht auch Jesus diesen Kontrast erfahren? Hin und hergerissen. Die Erfahrung völliger Gottverlassenheit. Der Gebetskampf im Garten Gethsemane, der Prozess und die Hinrichtung. Und dann der Sieg in der Auferstehung. Sagen Sie nicht, weil er der Sohn Gottes war, hat er das Leiden leichter ertragen können. Sondern er hat es wie andere Menschen durchkämpfen und durchleiden müssen. Im Neuen Testament wird es ausführlich beschrieben, wie schwer er sich in seinem Leiden tat.

Wenn viele Menschen das in ihrem eigenen Leben erfahren, dann in viel kleinerem Maß. Denn wir tragen nicht die Sünde der Welt, sondern nur unsere eigene Last. Und doch kann es an unsere Grenzen gehen. Ein Zusammenbruch durch eine Krankheit, und dann eine neu gewonnene Kraft durch die wieder gewonnene Gesundheit.

In den Verheißungen für Israel dürfen wir auch ein Stück Trost für uns sehen können. Denn es ist der gleiche Gott, der Israel geleitet hat und noch leitet, und der auch unser Leben lenkt. Sein Zorn ist nur vorübergehend. Aber sein Ziel ist unser Heil.

Warum tut das Gott? Warum sucht er unsere Gemeinschaft und unser Heil? - Vielleicht eine komische Frage. Aber in der Bibel wird beschrieben, dass das einfach seine Art ist. Er ist kein Gott, der für sich allein sein wollte, kein Gott der Kälte und Entfernung, sondern ein Gott der Liebe und der Gemeinschaft.

Hat Gott auch Gefühle? - vielleicht ist das für manche überraschend - ja, er hat Gefühle. Er ist nicht regungslos als Zuschauer in weiter Ferne. Sondern er hat Gefühle. Gerade dieser Abschnitt ist voll von den Gefühlen Gottes. Er schüttet sein ganzes Herz hier aus. Zorn und Barmherzigkeit, Gnade und Erbarmen sind die Hauptworte. Der Zorn ist vergangen. Jetzt gilt seine Zuwendung. Darin liegt sein eigentliches Wesen. Da ist er ganz sich selbst.

Und wenn Sie fragen: Ja, wonach soll ich denn bei Gott schauen, wenn ich in Not bin? - Schauen Sie nach dem Gott des Erbarmens. Denn da kommt sein eigentliches Herz und sein Wesen ans Licht.

Das heißt: Einen kleinen Augenblick währt Zorn, aber dann kommt ewiges Erbarmen. Das hat er schon dem Mose gesagt, als er ihm auf dem Berg Sinai die 10 Gebote gegeben hat. Dort gibt es ja ein zweites Gebot (das in unserer Zählung unter den Tisch gefallen ist), das sogenannte Bilderverbot. "Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen...." Und in der Begründung heißt es: "Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten." (2. Mose 20, 5f; 5. Mose 6,9f)

Immer wieder das gleiche: Gott ist nicht gleichmäßig in der Strafe und im Erbarmen. Sondern da ist ein Ungleichgewicht. 3 Generationen Strafe und 1000 Generationen oder mehr Gnade. Es ist nicht wie bei einer Waage, die Zorn und Gnade gleichmäßig austariert. Luther sagte einmal, Gott ist ein "glühender Backofen voller Liebe". Und dann wird er nicht müde, diese Liebe zu beschreiben und alle Taten Gottes aufzuzählen. Man kann erst recht sagen, dass das Hohelied der Liebe, das Paulus in 1. Korinther 13 singt, eigentlich die Liebe Gottes beschreibt. Gott ist es, der in unendlicher Geduld mit uns umgeht, der uns nichts nachträgt. Wir können nur diese Liebe Gottes empfangen und weitergeben. Aber ursprünglich kommt sie vom ihm, und nicht von uns. Bei seiner unglaublichen Güte und Geduld und Liebe wird Gottes Zorn nicht durchgestrichen. Aber er ist vorübergehend. Der Zorn fällt Gott schwer.

Gott schwört sogar, dass seine Gnade für immer gilt. Er greift dabei auf den Noah-Bund zurück. Wie er bei Noah geschworen hat, dass keine Sintflut mehr kommt, so gewiss ist seine Gnade. Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen. Hier ist der neue Bund verheißen. Ein Bund der Gnade und des Friedens.

Das hat Gott eingelöst, als er seinen Sohn sandte. Da hat er den neuen Bund gestiftet. Wer auf der Seite von Jesus ist, wer sich mit ihm verbunden hat, den kann von der Liebe Gottes nichts mehr trennen. "So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben." (Joh 3,16). Im Noah-Bund hat Gott Schutz vor der irdischen Zerstörung versprochen. Im Sinai-Bund hat er uns Gebote für's Leben gegeben und unser Leben geordnet. Im neuen Bund heilt er unser inneres Verhältnis zu ihm.

Das Volk Gottes hat wenige Jahre nach dieser Verheißung wieder nach Jerusalem und nach Israel zurückgehen dürfen und es neu aufbauen dürfen. Gott hat von langer Hand den Weg Jesu vorbereitet. Denn nicht irgendwo in Babylon wollte Gott seinen neue Bund gründen, sondern in seinem Land. Dort, wo er schon Abraham versprochen hatte, dass in ihm alle Geschlechter der Erde gesegnet werden sollen.

In diesem Jahr wird das 60jährige Bestehen des neuen Staates Israel gefeiert. Trotz Bedrohungen sind sie in dem vorausgegangenen fast 2000jährigen Exil nicht untergegangen. Sie sind zwar auch jetzt bedroht. Aber doch von Gott geschützt und gehalten. Und er will seine Hand über ihnen auch halten, weil auch ihnen die Verheißung des neuen Bundes gilt.

Es soll unser Gebet sein, dass auch in seinem Volk der Bund seines Friedens gilt. Amen!

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