1. Könige 19, 1-13a
Predigttext: 1. Könige 19, 1-13a
Eigentlich eine wunderschöne Geschichte. Wenn da nur die Diskrepanz nicht so groß wäre zwischen "ein Engel rührte ihn an" und "kein Engel rührte ihn an". Denn mal ehrlich: haben wir im Alltag, im Angesicht Herausforderungen nicht eher und häufiger das Gefühl, "kein Engel rührt uns an"? Da wartet man sehnsüchtig auf einen Engel, der einem was Gutes tut. "Steh auf und iss." Aber statt Engelszungen hört man eher den inneren Schweinehund, der sagt: "Was solls. Hat doch keinen Sinn." Oder: "Hat doch keinen Wert."
Wahrscheinlich ist es ein heiliger Text. Und alles was heilig ist, ist nicht normal. Normal ist es nicht, dass ein Engel kommt. Es ist im Falle wenn ein heiliger Moment.
So will dieser Text vermutlich nicht aussagen: jedem Lebensmüden, jedem, der es total dreckig geht, steht sofort ein Engel Gewehr bei Fuß zur Seite.
Der Text will eher auf das hinweisen, was möglich ist. Was denkbar wäre. Was auch für viele schon Realität wurde. Wovon viele ein Lied singen können. Schade eignetlich. Dann rutscht der Text für mich und mein Leben doch in weite Ferne, oder? Ich persönlich habe noch keinen Engel erlebt, und bin mir auch nicht sicher, ob ich jemals einen himmlischen Flattermann zu Gesicht bekomme. Da bin ich vielleicht zu viel Realist als Gutgläubig.
Ist denn Elia einem himmlischen Flattermann begegnet? Ist der Text wirklich so heilig, dass er nur mit Mühe und Not irgendwie in unsere Wirklichkeit hinein gebogen werden kann? Ich möchte nicht zu menschlich über diesen Text sprechen. Aber wir müssen uns kurz darüber verständigen, was Engel sind.
Es gibt in der Bibel Engel und Engel. Mit den einen Engeln sind jene himmlischen Wesen gemeint, die den Hirten auf dem Feld als himmlische Heerscharen begegneten, oder den Stein vor dem Grab Jesu wegrollen, oder Jakob auf der Himmelsleiter begegnen.
Das aber ist nicht die einzige Erscheinungsform von Engeln. Verständlicher wird es, wenn man dazu einen Blick in den hebräischen Urtext wirft: Engel heißt auf hebräisch "Maleach". Kann auch ein Eigenname sein für Personen, wie der Priester Maleachi, oder der Prophet Maleachi. Maleach heißt "Bote". Und dieser Bote erledigt ein Geschäft, nicht "sein" Geschäft! Eine Arbeit. Er ist unterwegs im Auftrag von jemandem, der eine gute Absicht hat.
Also: nichts von heiligem Flattermann der Elia in der Wüste entgegentrat. Elia ist einem Maleach begegnet. Und davon war die Welt voll. Die Welt ist voll von solchen Boten Gottes:
Einer davon könnte Obadja gewesen sein, ein glühender Wegbegleiter von Elia, dem es nicht egal war, was mit Elia passierte und aus Elia wurde. Er hatte sich um 100 Propheten gekümmert, denen Isebel nach dem Leben trachteten. Er versteckte sie in Höhlen. Der wäre wie ein Engel ohne Flügel für Elia gewesen.
Es gibt aber auch andere Möglichkeiten: In der Wüste lebten viele Nomaden. Einer von denen könnte auf seinem Weg zu Elia geführt worden sein. Gleich dem barmherzigen Samariter, der als Bote auf dem Weg zu einem Überfallenen geführt wurde. Wie gesagt: die Wüste war ja nicht menschenleer. Überhaupt gibt es keinen Ort der Welt, der nicht menschenleer und gottverlassen wäre. In Psalm 139 heißt es: "Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten." Glauben Sie nicht, dass David am äußersten Meer plötzlich die Hand Gottes mit 5 Fingern und Fingernägel wahrgenommen hat. Aber wie wir vom Leib Christi wissen, dass er viele Glieder hat, und laut Paulus "ihr der Leib Christi seid und jeder von euch ein Glied", so dürfen wir uns unter der Hand Gottes, ein Glied am Leib Christi auch einen guten Menschen vorstellen, einen Gesandten Gottes, einen Hingestreckten Gottes, einen Zugreifenden Gottes, der David am äußersten Meer begegnet und hält.
Der Autor der Eliageschichte hat es nicht genau mitbekommen und gewusst, wer Elia begegnete. Er wusste nur, ein Maleach kam zu ihm. Und dieser Maleachi brauchte keine Flügel.
Boten Gottes, von den der Hebräerbriefschreiber schreibt: sie sind allesamt "dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen."
Egal ob himmlische Heerscharen, oder ganz irdische Boten Gottes, Engel, Gesandte Gottes haben eine heilige Pflicht: es ist Ihnen von Gott laut Psalm 91 befohlen worden: "dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stössest." Engel können Fehler passieren. Weil sie eben nicht Gott sind. Das erklärt vielleicht auch, dass wir uns doch an so manchem Stein stoßen und wir nicht auf allen Wegen von Händen getragen werden, sondern unsere Füße noch benützen müssen. Aber: Sie wissen sich verpflichtet, den anderen zu behüten. Behüten aus dem hebräischen heißt: schamar. Es ist das behüten und bewahren von etwas sehr wertvollem. Die Betonung liegt bei schamar auf "mit Ehrfurcht und Respekt" dem zu bewahrenden entgegenzutreten.
Sollten Sie sich identifiziert haben als flügelloser Engel, als ein Bote Gottes, als Gesandter Gottes, dann machen Sie sich auf den Weg und an die Arbeit, Ihren nächsten zu behüten.
Und wenn Sie eher zu denen gehören, die dringend auf einen Engel warten: dann erwarten sie kein himmlisches Wesen in ferner Zukunft. Sondern bleiben sie offenherzig, auch den Menschen gegenüber, von denen sie etwas trennt: evtl. entpuppt er sich als Maleach. Ein Gesandter Gottes. Denn eines ist klar: Gott ist Ihnen auf den Versen. Er verliert Sie nicht aus seiner Obhut. Aus seinem Interesse. Es gibt keinen menschenleeren und keinen gottverlassenen Ort auf der Welt.
Ein Schlussgedanke:
Boten Gottes, von Gott gesandte, in seiner Vollmacht handelnde, teilen Ihnen gute Gaben aus. Verbunden mit dem Ruf: "Steh auf und iss." Interessant, dass es nicht heißt: iss und steh auf. Also zum Aufstehen hat er noch genug Kraft. Und wenn Gott Boten sendet, mit guten Gaben, dann ist es die Sache wert, in respektvoller Haltung das Essen nicht im Sitzen, nicht im Liegen sondern bewusst und stehend einzunehmen. Vielleicht ist das das tiefste prophetische Element an dem Text. Denn was Elia erfährt: einen Boten Gottes, und Brot auf den Weg verbindet der Sohn Gottes in sich: Er ist vom Vater gesandt. Ein Bote Gottes. Er ist das Brot des Lebens. Und will denen in der Wüstenzeit begegnen. Das ist in der Tat Grund genug, zuerst aufzustehen und dann zu essen.
Ich lade Sie ein: wenn Sie Kraft genug haben, stehen Sie auf um das Brot zu essen. Und um den Saft zu trinken. Stehen Sie auf, als eine innere Haltung des Respektes vor den himmlischen Gaben. Als ein Zeichen dafür, dass Sie bereit sind, diese göttliche Kraft nicht für sich zu behalten, sondern sich wiederum als Boten senden zu lassen, wie Christus gesagt hat: wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch.
Ganz so heilig ist der Text nun als nicht. Er ist alltagstauglich. Er lässt sich auf meine Wirklichkeit ein. Und er prägt und gestaltet diese Wirklichkeit.
"Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König." (Jesaja 52, 7)