Hebräer 11, 8-10
Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, in ein Land zu ziehen, das er erben sollte.
Und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.
Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen in dem verheißenen Lande wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben der Verheißung. Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.
Glauben ist unterwegs sein.
Alles beginnt mit Bewegung, Veränderung. Vertreibung aus dem Paradies, Auszug Abrahams von Zuhause, Auszug aus Ägypten.
Jesus kommt aus seines Vaters Haus zu uns. Die Jünger verließen alles und machten sich auf die Wanderschaft. Von unseren Wilhelmsdorfer Vorvätern können wir das ja auch sagen. Die ersten Siedler zogen aus und kamen in dieses Land.
Wenn man in den Hebräerbrief hineinschaut hat man den Eindruck:
".. nun liebe Christen! fasst es doch endlich, dass nicht die Tradition und der Buchstabe euer Heil ist, sondern der Heiland. Nicht einmal eure Frömmigkeit, die ihr pflegt oder eure Gerechtigkeit, eure Beziehungen oder der Tempel."
Glauben beginnt mit Bewegung, mit Veränderung. Schaut, liebe Hebräer, eure Vorfahren, die ihr so sehr in Ehren haltet, haben sich alle bewegt, verändert.
Ein paar Verse vorher werden in unserem Text die Glaubens Vorfahren genannt, unter anderem sind es
Noah...Abraham...Sara...Isaak...Jakob...Josef...Mose...Rahab...Gideon...David...Samuel...
Die wie Heilige verehrten Vorfahren werden den Hebräern gewissermaßen ins Herz gehämmert, damit sie ihnen als Vorbilder dienen damit sie ihre jetzige Position verlassen und weiter gehen.
An vierter Stelle wird Abraham genannt, um den es hier und heute geht.
Alles beginnt mit Bewegung.
Das Volk Gottes ist in Bewegung gewesen,
Jesus war in Bewegung,
die Gemeinde der Christen war in Bewegung,
die Wilhelmsdorfer sind in Bewegung.
Darum auch wir, weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist
Abraham war über 70 als er gerufen wurde, in ein Land zu ziehen, dass er nicht kannte.
Lieber Abraham!
Ich bin mit 19 aus meines Vaters Haus - aber das ist eine andere Sache und mit dir nicht zu vergleichen? Zu meinem Auszug habe ich mich nach allen Seiten hin abgesichert.
Und ich habe mich hier ganz schön sesshaft gemacht in dieser herrlichen Gegend des oberschwäbischen Barocks.
Wilhelmsdorf ist meine Heimat geworden.
Lieber Abraham,
Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch solch eine Veränderung anpacken würde, wenn an mich solch ein Ruf erginge wie an Dich? Der Mensch (ich) ist doch ein Gewohnheitstier...
Geh aus deines Vaters Haus - das ist nichts für mich.
Bleib wo Du bist und rühr dich nicht - hieß ein Versteckspiel, das wir als Kinder spielten.
Und dieses...bleib wo du bist... ist eher meine Einstellung.
Was man hat, das hat man, aber was kommt, weiß eben keiner.
Jahrelang hat sie dort gewohnt. Und dann ist sie ausgezogen. In ein Pflegeheim. Und sie will wieder nach Hause und kann nicht, weil die Brücken hinter ihr abgebrochen sind und sie verstanden hat: Du musst ausziehen in ein neues Land.
Und das ist nicht der letzte Auszug - eines Tages wird sie merken, dass sie die Beine nicht mehr bewegen kann und nicht die Augen und nicht den Kopf und dann wird Gott zu ihr sagen, komm in das Land, das ich dir zeigen werde.
Gut wenn wir schon mal das Ausziehen geübt haben.
Lieber Abraham,
da, wo Du groß geworden bist, hast du deine Wurzeln geschlagen, das ist deine Muttersprache, deine Kultur, deine Gemeinde, deine Religion. Da bist Du Einheimischer,
da bist du gewissermaßen Altwilhelmsdorfer.
Mir fallen da die Menschen ein, die in der Türkei oder in Osteuropa oder in Afrika groß geworden sind und in unser Land kommen - in ein für sie fremdes Land.
Wie viel Sehnsucht nach Heimat, Kultur, Religion, Sprache, Familie kommt in den Menschen zusammen, wie viele Tränen nach Vergangenheit.
Wie viele Patienten, Schüler, Kinder, Jugendliche in unserem Dorf, die sich klammern möchten an ursprünglicher Herkunft und müssen doch weiter ziehen.
Und zieht es uns nicht auch immer wieder zurück an den eigenen heimischen Herd,
so wie es den Hebräern auch ging: "Lasst uns die alten Gesetze wiederbeleben."
Opfer und Spenden anstatt Jesus.
Beschneidung und Taufe anstatt Jesus.
Gesetze und Gesetzlichkeit anstatt Jesus.
Kult und Tradition anstatt Jesus.
Altar anstatt Golgatha.
Gerechtigkeit anstatt Glaube.
Opfer und Gerechtigkeit sind unsere Leistung - gewiss etwas sehr Edles-
aber es geht um den Glauben - der in Abraham anfing und in Jesus zur Vollendung kommt. Der Glaube ist nicht in uns, sondern in Jesus und in seinem Wort.
Ich denke Deine Heimat, Abraham, an Ur in Mesopotamien.
Fruchtbare weite Ebene zwischen Euphrat und Tigris.
Dein Volk, die Sumerer hatten Reichtum und Einfluss.
Einige eurer Statuen gelten heute noch als kunstvolle Meisterwerke in ihrer Anmut und Einfachheit.
Ihr Sumerer habt euch den Idolen der Natur und des Kosmos geweiht, um dies gewaltige All im Großen und im Kleinen zu beschreiben.
Im Talmud steht von dir Abraham, dass Dein Vater Terach eine Art religiöser Apotheker war. Er verkaufte Götterfiguren für verschiedenste Lebenssituationen:
Kinderlosigkeit, Angst, Depression, Lepra, Unwetter, Missernte. Durch die Herstellung und den Verkauf von Götterbildern ist eure Familie reich geworden und auch du hast davon profitiert. Statuen aus Terrakotta oder Votivbilder für und gegen die Mächte zwischen Himmel und Erde.
Und in der Werkstatt Deines Vaters - der ganz sicher zu den Honoratioren von Haran gehörte - hast Du die Käufer und Interessenten wie ein Psychoanalytiker beobachtet. Du hast sie in ihren Hoffnungen und Ängsten gesehen. Du hast ihren Fanatismus und ihren Zweifel, ihre Hemmungen und unausgesprochenen Vorurteile gemerkt,
und dass immer wieder andere Gestalten aus Ton und Lehm entstanden - Gold bedeckt aber innen hohl. Und Vater Terach hat den Leuten das verkauft, was er hatte und das was die Leute meinten zu brauchen - wie eben auch heute ein Apotheker seine Medizin verkauft. Vater Terach hat es in bester Absicht getan.
Durch deine Beobachtungen, lieber Abraham, bist du skeptisch gegenüber den vielen Göttern und Geistern geworden. Einmal als niemand zu Hause war, hast du eine Figur genommen und auf dem hart getretenen Lehmboden zerschlagen.
Und siehe da, kein Blitz, kein Donner, kein Erdbeben geschah wegen der mutwilligen Zerstörung eines Gottes. - So hast du es ja auch angenommen.
Je, unübersichtlicher das Heer zwischen Himmel und Erde wurde, um so mehr Götzen wurden verkauft und um so unsicherer wurden die Menschen, um so mehr produzierten sie Götter, Götzen, Göttlein und Engelein und achteten ängstlich darauf keinen Gott zu vergessen, keinen Neid zwischen den Göttern aufkommen zu lassen. Im wahrsten Sinne ein Teufelskreis.
Und dann hast du es noch einmal gemacht
es war eine wunderbare Handarbeit - die Göttin eurer Heimat. Krach! - in tausend Scherben lag sie unten.
Wieder kein Blitz, kein Donner, kein Erdbeben - so hast du es auch dieses mal erwartet und geahnt. Hilflose Terrakotta Gestalten, innen hohl.
Ich stelle mir vor, lieber Abraham, du bist abends vor das Tor der Stadt gegangen und hast die Ewigkeiten des Sternenhimmels gesehen und gestaunt. Hattest Du nicht eine Ahnung - wie wir alle die Ahnung in uns haben, dass es da eine Autorität gibt, einen Schöpfer, einen Vater, einen Allmächtigen, einen Herrn?
Wenn dem so ist, so hast Du gedacht - eigentlich schon halblaut vor dich hingesprochen, dann Gott, dann offenbare dich doch deinen Menschen. Dann lass uns doch ein Ende machen mit dem Kaufen und Anbeten der Terrakotta - Figuren.
Gib doch, dass wir zur Wahrheit finden. Wahrheit, die dich und uns betrifft. Dass wir eine, deine, Schöpfungsfamilie werden und du unser Vater bist.
Und dann, als Du so da standest, hörtest du: Abraham, Abraham! Und du hast gestaunt und warst in höchster Anspannung zwischen Angst und Freude, zwischen Tod und Ewigkeit. Und du hast dich überschlagen und gestottert und gejauchzt und geschrieen und geglaubt!
Wo bist Du, Gott? Hier bin ich Mensch. Du hast dich umgeschaut, du hast in den Himmel geschaut, du hast nichts gesehen. Kein Stern ist vom Himmel gefallen. Und doch war alles anders und du hast gewusst, alles gewusst, mehr als gewusst, nämlich geglaubt, Und dieser Glaube hat deine ganze Existenz erfasst:
Es gibt einen Gott, es gibt meinen Gott.
Und dann hat die Beziehung zwischen dir und deinem Vater im Himmel begonnen und Gott hat seien Führungsanspruch an dich geltend gemacht: Und du warst gehorsam und dass war der Beginn der Freundschaft zwischen dir und Gott:
Geh aus deinem Land, und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Hause deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde.
Da ist in dir, lieber Abraham die Ahnung aufgestiegen, dass es außerhalb der dir bekannten Götterwelt eine Autorität geben muss, die sich nicht in die Eifersüchteleien unserer irdischen Götter einlässt, der sich aber für den einzelnen Menschen interessiert.
Ob die Menschen damals um dich herum im Anblick der sichtbaren Götter sich einen Gott gewünscht haben, gesucht haben, der über den Dingen steht? Einen Schöpfer, einen Allmächtigen, einen liebenden Vater?
Hier, lieber Abraham hat etwas statt gefunden, das umwerfend ist in deiner
Lebensgeschichte, aber auch in der Menschheitsgeschichte.
Dir wurde der Zugang zum einzig wahren Gott eröffnet. Der Beginn einer Freundschaft zwischen dir und Gott.
Es ist so schwer Glaube zu erklären, wie man auch Beziehung oder Liebe so schwer erklären kann.
Glaube, der sich weder im Verstand, noch im Gefühl noch in der Beziehung festmachen lässt, aber ohne Verstand und Gefühl und Beziehung auch nicht erklärbar ist.
Lieber Abraham,
ich muss jetzt das, was ich mit dir besprochen habe, nun für mich auf meiner Ebene verstehen lernen.
Wie vielen Schwankungen ist mein Glaube unterworfen. Feste Zuversicht wechselt mit tiefen Zweifeln. Ich kann dann nur beten:
Herr ich glaube, hilf meinem Unglauben.
Ich gehe davon aus, dass der Glaube nicht in mir, sondern in Gott verankert ist und in seinem Wort. Bei mir allein wäre er schlecht aufgehoben.
Und dann frage ich mich natürlich weiter, Gilt für mich:
Soll das so bleiben, mein Heimathaus ist:
Ist es in meinem Herzen so, wie in der Terrakotta Werkstatt deines Vaters Terach, für alle Unpässlichkeiten eine Versicherung?
Aber verstehst du, lieber Abraham, so einfach ist das nicht, eine neue Position auszuprobieren, um neue Erfahrungen mit sich selbst zu machen. Und es ist damit auch noch nicht viel getan,
Das ist schon viel aber es geht um mehr, um den Glauben, der von Gott kommt, um den Aufbruch zu neuen Ufern in das Land, das Gott uns zeigt.
Unsere Terrakotta Götter, die wir anbeten, sind unsere Ängste und die damit verbundenen Risiko Absicherungen. Unsere Sicherheiten gegen diese Ängste sehen den Göttern aus Terrakotta doch so ähnlich. Es sind unsere täglichen Opfer, die wir ihnen darbringen.
Und Gott sagt: "Zieh aus Deines Vaters Haus - in ein Land, das ich Dir zeigen werde."
Deine Energie und Dein Mut ist Gottvertrauen. Gewiss ein strapaziertes und altes Wort. Du vertraust Gott aber Gott vertraut auch dir! Das Urmisstrauen gegenüber dem einzigen Gott ist das, was uns im Vaterhaus der Götzenapotheke festhält. Da wo die vielen Götzenbilder der Versicherung für alle Risiken - in den Regalen stehen. Und zu jedem Risiko eine neue Liturgie angestimmt wird.
Lieber Abraham, Du kommst schließlich nach Salem, (nicht das Salem bei Heiligenberg) nach Salem, das später Jerusalem heißt. Die Hauptstadt des gelobten Landes.
Wir Christen sind unterwegs nach dem gelobten Land - nach Jerusalem. Haben wir alles verlassen, unsere Süchte und Sehnsüchte, unsere vermeintlichen Sicherheiten und Versicherungen, unsere ewigen Bedenken und Fragen? Sind wir unterwegs, wie Jesus unterwegs war und seine Jünger? Oder geht's in uns so zu wie bei Hänschen klein, der mit Stock und Hut in die weite Welt hineingeht bis er schließlich in Amerika landet. Da kommt dann der große Rückfall und die Sehnsucht, die den Rückwärtsgang einlegt, nach Mama - und ihren heimischen Fleischtöpfen:
Aber Mama weinet sehr, hat ja nun kein Hänschen mehr, da besinnt, sich das Kind, kommt nach Haus geschwind.
Lieb Mama, ich bin da, Hänschen aus Amerika, glaube mir, nimmermehr, geh ich fort von Dir.
Lieber Gott! Du umgibst uns - du weißt um uns, du kennst die inneren Kämpfe, Wüstenzeiten, Rückschläge, Heimwehreaktionen. Du weißt aber auch um unsere Wanderung zum gelobten Land, nach Jerusalem. Nimm uns bitte mit.
Gedankengebäude, die baufällig sind, nicht wie ein Museum pflegen. Abreißen können. Neues bauen.
Der Versuchung zur Gesetzlichkeit widerstehen, nichts Endgültiges schaffen. Vorläufig denken.
Glauben beginnt mit Bewegung. Geh aus deines Vaters Haus!
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
Darum lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens...