Jesaja 58, 1-9a
Wer ein Auto hat, kennt das: Ab und zu muss man zum TÜV. Für den Geldbeutel ist das zwar ärgerlich, und Zeit verliert man auch noch bei dem Geschäft. Aber trotzdem ist das eine gute Sache. Denn wenn ein Auto nicht in Ordnung gehalten wird, dann wird es zur Gefahr; für einen selber und für die anderen. Und wenn es in Ordnung ist, dann hat man irgendwie ein beruhigendes Gefühl: Man kann damit guten Gewissens auf die Straße.
Eigentlich wäre eine entsprechende Einrichtung für uns Menschen nicht das Dümmste. Denn wir brauchen Korrektur, und zwar noch viel dringender als ein Auto. Wer sich nicht korrigieren lässt, der geht den anderen auf den Wecker oder wird seiner Umwelt gar zur Last. Schlimmer noch: Es kann zu großen familiären oder gesellschaftlichen Schäden kommen; oder zu Schäden im Verhältnis zu Gott.
So gut es uns tut: Unter Zwang ist es nicht möglich. Denn unsere geschichtliche Erfahrung ist, dass das so leicht missbraucht wird. Stasi und Gestapo lassen grüßen.
Trotzdem nochmal: Eigentlich hätten wir es nötig, uns regelmäßig einem menschlichen Check zu unterziehen.
Fastenzeiten haben den Sinn, dass man diesen Check freiwillig macht. Ohne staatlichen Zwang. Ohne Überwachung. Einfach, weil es uns gut tut. Fastenzeiten gab es auch schon zur Zeit des Alten Testaments. Und es gibt sie auch in anderen Religionen. In den protestantischen Kirchen hat man zum Fasten meist kein gutes Verhältnis. Aber in den letzten Jahren ist es auch hier wieder salonfähig geworden:
Die Aktion "sieben Wochen ohne" findet jährlich in der Zeit vor Ostern statt, inzwischen schon 25 Jahre. Dieses Jahr hat sie das Motto: "Sieben Wochen ohne Geiz".
Echtes Fasten lädt aber nicht dazu ein, einfach nur mitzumachen, weil es ein Trend ist. Und dabei geht es auch nicht nur um die Enthaltung von bestimmtem Essen oder Enthaltung von Lebensgewohnheiten. Sondern es geht um einen positiven Sinn. Es geht um eine Lebenshaltung und um einen gesamten Lebensstil. Wer an Gott glaubt, kann nicht nur tun und lassen, was für ihn selbst nützlich ist. Sondern der wird empfindsam für die anderen, und der bleibt auch nicht nur beim Empfinden, sondern er handelt auch.
Wir sind eingeladen, darüber heute nachzudenken.
[Jesaja 58, 1-9a]
1 Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!
2 Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe.
3 "Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?" Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?
6 Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7 Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.
Man könnte meinen, wir seien auf einem falschen Schiff. Da kommt Frömmigkeit und Wirtschaftsethik zusammen, was in unserer Gesellschaft meist überhaupt nicht zusammen gesehen wird. Da überlässt man die Frömmigkeit den Kirchen, und das Nachdenken über die Wirtschaft überlässt man der Politik, den Arbeitgebern und den Gewerkschaften. Aber die Bibel hält das beides zusammen. Du kannst nicht fromm sein und im Geschäftsleben Gott einfach abschalten wie einen unerwünschten Sender. Sondern Gott redet mit.
Ich möchte zwei gegensätzliche Beispiele nehmen, die wohlbekannt sind: Nokia und die Gründerjahre Wilhelmsdorfs.
Die Handy-Firma Nokia möchte ihr Werk in Bochum schließen. Sie behaupten, die Arbeit an diesem Standort sei zu teuer d.h. die Arbeiter bekämen zu viel Geld. Aber weil ein Handy billig sein muss, deswegen muss man auch billig produzieren. Deswegen geht man in ein Land, wo die Arbeiter noch mit wenig Geld zufrieden sind. Aber weil wir billige Handys haben wollen, ist es nicht nur ein Problem der Firma Nokia, sondern unser aller Problem. Wir hängen alle im Wirtschaftskreislauf drin, sei es als Verbraucher oder als Hersteller. Keiner kann sich herausnehmen. Wir heizen den Preiskampf an und die Hersteller und Händler unterbieten sich gegenseitig den Preis. Eigentlich ist das ja komisch: Je billiger die Handys werden, desto mehr verdient so eine Firma. Das versteht man nicht auf Anhieb. Aber das ist die heutige wirtschaftliche Logik.
Als Wilhelmsdorf gegründet wurde, war die wirtschaftliche Welt noch ziemlich klein. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Man war damals der Meinung, dass von jedem Gewerbe nur ein einziges am Ort sein dürfe. Man war der Meinung, die Konkurrenz trage Gift in die Gemeinschaft hinein. Wenn es keine Konkurrenz gibt, dann kostet eine Sache einfach ihr Geld. Und wenn man das Geld nicht bezahlen will oder kann, dann kauft man es auch nicht. So einfach war das. Wir bleiben dann alle bescheiden.
Jetzt kann man fragen: Nach welchem Modell von den beiden sollen wir denn leben? Was entspricht dem Willen Gottes für uns heute?
Ich bin sicher, weder das eine noch das andere Modell. Denn Gott will uns nicht irgendein bestimmtes Wirtschaftsmuster beibringen, das für alle Zeiten gültig wäre. Sondern er will, dass wir in all unserem Tun und Handeln Gott und unseren Nächsten im Blick haben. Auch im Alltag. Auch im Beruf. Auch in der Wirtschaft.
Luther hat deswegen auch das Leben in der Welt als einen Gottesdienst bezeichnet. Wir dienen Gott in diesem Alltag; ob wir in der Diakonie arbeiten, oder in der Schule, in einer Werkshalle oder auf einer Bank: Es geht um Menschen, die Gott liebhat; die er zu seinem Bild geschaffen hat. Gott liebt die Vermögenden ebenso wie die, die sich mit ihrer eigenen Kraft nicht durchbringen können.
Die Wirtschaft kennt meistens nur den Starken. Das ist wie beim Sport: Der Schnellste und Beste gewinnt. Und gewinnen wollen sie alle. Aber bei Gott hat der Schwache genauso viel Sinn, ist genauso wichtig, vielleicht sogar noch mehr. Als Jesus vom Weltgericht erzählt, da identifiziert er sich mit den Schwachen und Geringen: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. Es gehört zum Geheimnis Gottes, dass er uns verändert, wenn wir mit Schwachen zu tun haben. Entweder wird unser Herz kalt und abgestumpft, oder es öffnet sich für ihn. Und wo sich Menschen für ihn öffnen, da gibt er Heilung für den einzelnen und für die Gesellschaft.
Das ist mit ein paar Schlagworten noch nicht getan. Wir können jedenfalls die Probleme der Gegenwart nicht mit den Ideen des 19. Jahrhunderts lösen. (Darum brauchen wir vor allem auch junge Christen, die in Verantwortung vor Gott darüber nachdenken.)
Was hat das mit der vorösterlichen Fastenzeit zu tun? Fasten heißt nicht nur, weniger zu essen und trinken. Sondern Fasten heißt noch mehr, sich im Licht Gottes sehen, für ihn Zeit haben; weglassen, was von ihm ablenkt. Wenn wir uns in seinem Licht sehen, dann werden wir klein und er groß. Amen.