Römer 8, 28a
Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Es war 4 Uhr morgens an einem Samstag, Beginn der Pfingstferien. Wir kamen rechtzeitig aus dem Bett, haben einen schnellen Kaffee getrunken und wollten gerade starten in unseren jährlichen inoffiziellen Gemeindefreizeit-Pfingsturlaub an die Ardèche. Alle saßen noch müde im neuen Auto, das übliche Gebet im Auto vor Beginn der 11-stündigen Fahrt mit dem Wohnwagen hinten dran.
Los geht's. Schlüssel ins Schloss, umdrehen - klack!
Noch mal: Klack!
Warum springt der Wagen nicht an? Er ist ganz neu, die Batterie kann es nicht sein.
Ärger, neuer Versuch: Klack!
Mehr Ärger, neuer Versuch: Klack!
Noch mehr Ärger.
Die Gedanken rasen und kreisen nur noch um die Fehlversuche und darum, dass wir doch eine lange Fahrt vor uns haben, dass die Freunde, die schon am Urlaubsort sind, uns zum Kaffee am Nachmittag erwarten, u.s.w. ...
Nach einigen weiteren Startversuchen, bei denen der Motor gar nichts und der Anlasser sein kurzes "Klack" hören ließ, sind wir wohl oder übel ausgestiegen und mit dem Gedanken "Wozu das wohl gut ist?" wieder ins Bett gegangen - es hilft ja nichts, um 4 Uhr morgens schlafen noch aller Mechaniker (außerdem ist ja Samstag).
"Wozu das wohl gut ist?" Mit dieser Frage ist es mir tatsächlich gelungen, von mir weg und hin zu Gott zu schauen, der wohl einen anderen Plan hatte, als ich. Und ich konnte erstaunlicherweise wieder einschlafen.
Unser diesjähriger Losungstext aus Römer 8 steht in einem - wie ich finde - bemerkenswerten Zusammenhang mit der gesamten Schöpfung und Natur. Es lohnt sich sicher, Römer 8 zu Hause nochmals im Zusammenhang zu lesen. Da steht z.B. in den Versen 22 und 23:
"Denn wir wissen, dass alle Kreatur sehnet sich mit uns und ängstet sich noch immerdar. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir haben des Geistes Erstlingsgabe, sehnen uns auch bei uns selbst nach der Kindschaft und warten auf unsers Leibes Erlösung."
Ich denke jeder von uns kennt diese Sehnen erlöst zu sein - von den kleinen und großen Widrigkeiten im Leben, z.B. von Geldsorgen, Sorgen um das Wohl der Kinder, von bösen Menschen, quälenden Gefühlen, Schmerzen oder Krankheit.
Sehnsucht danach, erlöst und geborgen auf dem Schoß des Vaters zu sein, wie in dem Taizé - Lied:
"Bei Gott bin ich geborgen, still wie ein Kind. Bei ihm ist Trost und Heil. Ja, hin zu Gott verzehrt sich meine Seele. Kehrt in Frieden ein."
Es ist schon eine Herausforderung darauf zu vertrauen, dass uns alles (wirklich alles) zum Besten dienen soll, wird und muss! Nämlich weil es Gottes Wille ist.
Wenn es uns gelingt, von Gott etwas zu erwarten und neugierig zu sein auf das, was er in unserem Leben tut, verändert sich die Perspektive auf Widrigkeiten völlig. Resignation und Angst verwandeln sich in positive Neugier, Neugier auf Gott: Was wird er tun? Wozu das wohl gut ist? Lassen Sie uns mit Gottes aktivem Handeln in unserem Leben und in unserer Gemeinde rechnen!
In einem Kalender ist mir ein jüdisches Sprichwort in die Hände gefallen:
"Schon wegen der Neugier ist das Leben lebenswert".
Und mit dieser erwartungsvollen Neugier auf Gottes Tun sollten wir auch in dieses neue Jahr gehen.
Ich bin sicher, dass Gott uns, dass er mich liebt und nur mein Bestes möchte. Können sich die Eltern unter uns noch daran erinnern, wie es war, als unser Kind direkt nach der Geburt zum erstem Mal, noch ganz verknautscht, warm und nass auf unserem Bauch lag? War das nicht ein überwältigendes Gefühl der Liebe zu diesem Kind? Und das Baby hat gar keinen Gedanken daran verschwendet, ob es von uns geliebt wird und ob es uns liebt - es war einfach so. Und diese bedingungslose Elternliebe zum neugeborenen Kind ist doch nur ein Gleichnis für Gottes vollkommenen Liebe zu uns. Ich denke, wenn wir diese umfassende Liebe, mit der Gott uns liebt, wirklich erfassen, wissen wir, dass dieser Gott nur Dinge tun kann (oder zulässt), die gut für mich, die gut für Dich sind.
Aber zurück zu unserer Einstiegsgeschichte:
Ich war nach dem missglückten Start in den Urlaub natürlich sehr froh, dass ich am folgenden Morgen Starthilfe bekam und auch eine offene Werkstatt fand, die das Problem beheben konnte (Sie erinnern sich: es war Samstag).
Die Frage aber blieb: "Wozu das wohl gut war?"
Mit unserem wieder funktionierenden Auto daheim angekommen sagte mir meine Frau, dass Freunde aus Frankreich angerufen hätten. Sie waren sehr erleichtert, dass wir noch zu Hause waren. Sie hatten nämlich ihr gesamtes Zeltgestänge vergessen. Möglicherweise durften wir deshalb in der Nacht noch nicht wegfahren. So war es doch gut - zumindest für unsere Freunde. Und bei 14 Tagen Urlaub fällt ein halber Tag Verzögerung nicht zu sehr ins Gewicht.
Nach meiner Erfahrung ist es jedoch eher selten, dass der Sinn einer Schwierigkeit so schnell klar wird.
So bin ich z.B. vor 2½ Jahren an Krebs erkrankt - einige von Ihnen wissen das. Natürlich war das eine schlimme Diagnose, und ich weiß heute noch nicht, wozu das gut sein sollte. Aber auch hier gilt die Jahreslosung:
"Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen."
Ich bin sehr dankbar darüber, dass ich von Anfang an denken konnte:
"Gott, Du hast diese Krankheit zugelassen. Kümmere Du Dich jetzt um mich und um meine Familie. Du weißt, wie das enden wird. Du weißt, wozu das gut sein soll. Halte uns alle gemeinsam in Deiner Hand."
Und erstaunlicherweise habe ich in dieser Zeit eine tiefe Geborgenheit gespürt und keine Angst gehabt (außer vor den Spritzen).
Die OP und die Chemotherapie sind gut verlaufen und auch die bisherigen Nachsorgeuntersuchungen haben gezeigt, dass alles in Ordnung ist.
Aber ich weiß, wie gesagt noch nicht, wozu die Erkrankung gut gewesen ist (ich kann mir nicht vorstellen, dass es nur dafür war, hier ein Beispiel für die Predigt zu haben!). Vielleicht hat mich diese Erkrankung ein bisschen mehr zu der Person gemacht, die Gott gebrauchen kann? Ich weiß es nicht.
Grundsätzlich glaube ich schon, dass schwierige Zeiten uns oft in unserer Persönlichkeitsentwicklung voran bringen und (im Nachhinein betrachtet) zu Segenszeiten werden können.
Ich weiß, dass auch in unserer Gemeinde einige Menschen gerade mit Krankheiten - auch mit Krebs - zu tun haben.
Denen wünsche ich die Gelassenheit, die mir geschenkt wurde und die Gewissheit, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.
Mit einer solchen Gewissheit können wir getrost ins neue Jahr starten, egal, was auf uns zukommt. Lassen Sie uns neugierig sein, was Gott im neuen Jahr in unserer Gemeinde und in unserem persönlichen Leben tun wird. Denn:
"Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen."
Amen.
Jochen Hallanzy