Römer 8, 28a

06. Januar 2008 - Jahreslos der BG
Gerhard Haag

Liebe Gemeinde,

"Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen…"

Dieses Wort aus dem Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 8, 28 ist uns als Jahreslosung für die Gemeinde gezogen worden.

Ich gehöre zu den Glücklichen, die den Jahreswechsel auf unserer Gemeinde-Schifreizeit in Tirol erleben konnten. Wir waren mit fast 70 Personen aus unserer Gemeinde dort; waren eine bunt gemischte Schar, die Teilnehmer zwischen ½ Jahr und knapp ca. 60 Jahren. Wir sind dort hingefahren, weil wir Freude an der Natur und dem Schnee haben, aber auch weil wir den Jahreswechsel in Gemeinschaft mit lieben Menschen und unserem liebenden Gott begehen wollten. Weil uns Gott und sein Wort wichtig ist, hat dieses, sein Wort eine wichtige Rolle gespielt…die, die dort zusammen waren haben spätestens dort Gott und sein Wort schätzen und lieben gelernt…

"Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten…"
Ja, in diesen 6 Tagen waren wir bestens bedient…von der hervorragenden Freizeitorganisation über das vorzügliche Essen, die äußeren Bedingungen (fast nur Sonne, viel Schnee bis hin zur geistlichen Versorgung…Leib, Seele und Geist konnten profitieren……
Vielleicht denken Sie jetzt: Schön für dich…schön für euch…
Vielleicht denkt mancher Teilnehmer der Freizeit der hier sitzt…schön für dich…bei mir kann ich das nur mit Abstrichen sagen….?
"Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten…"

Eigentlich war es so geplant, dass die Jahreslosung nach der Ziehung sofort per Telefon zur Schifreizeit übermittelt wird…damit die Freizeit-Gemeinde-Abteilung auch das Wort als Wegweisung für das neue Jahr empfängt….und damit ich mir schon Gedanken für den heutigen Gottesdienst machen kann…
Das hat wegen verschiedener technischer Probleme nicht funktioniert…
und doch…haben wir während der Freizeit das Wort inhaltlich schon diskutiert und durchlebt…..ohne es zu kennen…
und zwar wegen eines Unfalls…als am ersten Schitag schon nach wenigen Stunden ein jugendlicher Snowboardfahrer aus unserer Gruppe mit dem Helikopter in eine Unfallklinik geflogen werden musste….

Wir waren sehr betroffen…in Unsicherheit, wie wird das ausgehen…er war auf den Kopf gefallen…mit Helm zwar…aber es waren viele Stunden des Hoffens, Bangens und Betens…und die Frage: Musste das sein? Wir beten um eine gesegnete Freizeit…um Bewahrung….und dann das…!!??
"Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten…" …

Als dann die erlösende Nachricht kam - nur eine Gehirnerschütterung, Prellung, nach einer Nacht der Beobachtung keine weiteren Komplikationen und der Junge wieder bei uns - waren wir froh….er selbst auch, dass nichts schlimmeres passiert war!

Aber die Enttäuschung darüber, dass das Ferienvergnügen im Schnee zu Ende war, war groß…er durfte nicht mehr…musste zu hause ruhen…während die Anderen jeden Morgen wieder auf die Piste konnten…
Was konnten wir ihm sagen? Es waren wohlgemeinte tröstende Worte…aber ich hatte den Eindruck…bei ihm kam das nur bedingt an…er haderte mit seinem Schicksal und ich muss sagen….ich verstehe das!

…alle Dinge zum Besten…
wenn man selbst betroffen ist, wie kann man das verstehen?
Es kamen gut gemeinten Ratschläge: "Es hätte schlimmer kommen können!"…"Sei froh, dass es so ausgegangen ist!"…
In einer Bibelarbeit haben wir auch über diese Fragen nachgedacht und dabei haben Einzelne berichtet, wie sie erst lange nach schwierigen Erfahrungen erlebt und erkannt haben, dass es tatsächlich einen tieferen Sinn hatte, sie vor noch schwierigeren Situationen oder falschen Entscheidungen und Wegen bewahrt wurden …
"Denen, die Gott lieben, dienen alle Dinge zum Besten…"
Ich habe mich gefragt, was dieser Satz in einer wirklich schicksalhaft schwierigen Situation bedeutet!
"Ich weiß, dass dem Jungen auch dieser Unfall zum Besten dient!???"

Was heißt hier eigentlich? Zum Besten dienen....
Bedeutet das:
"Ein Christ kann darauf vertrauen, dass es so, wie es im Leben gerade läuft, schon am Besten ist. - Alles hat seinen tieferen Sinn… von Gott her so gedacht?"
Die Dinge sind oft nicht so schlecht, wie sie auf den ersten Blick scheinen?
Manches sieht schlecht aus, aber Gott hat sich schon was dabei gedacht, und wir werden es irgendwann erfahren, wozu das gut war - und sei es auch erst in der Ewigkeit?

In der Vorbereitung habe ich eine Geschichte gelesen:
Da kommt ein Engel und klaut einem Mann einen goldenen Becher und zündet einem anderen sein Haus an! Immer mit der Begründung: Das ist Gottes Weg mit dir. Und jeder schreit: Wie kann Gott das zulassen?
Der Mann mit dem gestohlenen goldenen Becher erfährt in der Ewigkeit, dass der Becher vergiftet war und der Engel durch die Entwendung des Bechers das Leben des Mannes gerettet hat.
Und der Mann, dem das Haus abgebrannt ist, der versucht das Haus wieder neu aufzubauen und findet dabei einen Schatz im Boden.

In der Geschichte sieht es so aus:
Die Erlebnisse sind nur vordergründig schlecht. Es hat irgendwie alles seinen Sinn, auch wenn wir es jetzt noch nicht verstehen…
Heißt das für unseren jungen Snowboarder: Ich kann darauf vertrauen, dass es aus irgendeinem Grund gut für mich war, diesen Unfall gehabt zu haben?
Und dieser Unfall war ja nicht wirklich schlimm in seinen Auswirkungen…

In den Schweizer Bergen ist bei einem Liftunglück ein Mann ums Leben gekommen: Heißt das für seine Angehörigen, dass sie glauben müssen, es wird schon aus irgendeinem Grund am Besten sein, dass ihr Mann, Vater usw. umgekommen ist?
Oder ich denke an den Nachbarn, der eine schreckliche Diagnose bekommt: Krebs in unheilbarem Stadium…Muss er nun sagen, freuet euch in dem Herrn allewege…auch dies ist das Beste was ihm passieren kann in Gottes Augen…?
Nein, ich denke nicht, dass dies die Botschaft der Bibel an uns - oder an die betroffenen Menschen - ist.
Der- oder diejenige die von solchem Leid betroffen ist, könnte das in den Wahnsinn treiben!

Auch die Botschaft unseres Bibelverses ist sicher eine andere….
Was bedeutet das also denn wirklich: es wird alles "zum Besten dienen"? Was ist für uns das "Beste"?
In der Elberfelder Bibelübersetzung habe ich gelesen:
….dass denen die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken…
Was ist das Beste…das Gute…!?
In einer Parallelstelle im Brief des Paulus an die Gemeinde in Philippi lesen wir im Kap. 1, Vers 19:
Aber ich werde mich auch weiterhin freuen, denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird."
Das bedeutet für mich: Wenn ich Gott liebe, dann trägt alles was mir passiert dazu bei, dass meine Beziehung zu Gott nicht zerstört wird, sondern in ihrer Festigkeit und Tiefe wachsen wird.
Das Beste in meinem Leben ist die Heilung und Festigung meiner Beziehung zu Gott.
Seit der Geschichte im Paradies, wo unsere Beziehung zu Gott noch heil war und dann zerbrochen ist, seufzen wir Menschen und die ganze Schöpfung unter dem oft mühsamen Leben und unter manchen Schicksalsschlägen….
und auf der anderen Seite schafft Gott in Jesus Christus an unserer Heilung, an unserem Heil.

Ich denke, dass wir den Vers auch so verstehen können:
"Wir wissen, dass denen die Gott lieben, alle Dinge dazu dienen, dass ihre Beziehung zu Gott noch fester, ihre Liebe zu Gott noch tiefer wird.

Es ist sicher nicht so, dass alles, so wie es passiert, schon am Besten ist. Es geht auch nicht darum, dass alles Leid schon seinen Sinn haben wird.
Sondern es geht darum, dass jemand, der Gott liebt, auch durch negative Erlebnisse nur noch enger in die Beziehung zu Jesus getrieben wird.
Wenn es dazu dient, dass wir nur noch fester an der Hoffnung auf sein Wiederkommen, auf sein ewiges Friedensreich festhalten, dann ist das ein unermesslich großer Gewinn, das Beste was uns passieren kann.
Im Vers 18 im selben Kapitel lesen wir: "Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll."
Eigentlich müssten wir zum Verständnis das Kapitel 8 ganz lesen:
Es ist in der Lutherbibel überschrieben mit:
Hoffnung für die Schöpfung und Gewissheit des Heils!
Ich möchte einige Kerngedanken beschreiben:
Insgesamt geht es hier um unsere Welt wie sie ist:
Die Erfahrung von Leid - und wir mitten drin- ist auch Realität.

Paulus spricht von den Leiden dieser Zeit. Die ganze Schöpfung seufzt und leidet, wie eine Frau, die in den Wehen liegt.
Und das gilt grundsätzlich für jeden Menschen, mal mehr mal weniger, je nach Lebenssituation.
Jeder hat immer wieder Grund zum Seufzen, leidet und hat Angst…auch wir Christen.
Und Paulus sagt nicht: "Hört auf zu jammern, es hat schon alles seinen tieferen Sinn!"
Paulus sagt stattdessen: "Die Schöpfung seufzt, die Menschen seufzen - und der heilige Geist seufzt mit uns!"
Vers 26: "Desgleichen hilft auch der Geist unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen."

Dabei fallen mir die Kinder ein, die in den letzten Wochen und Monaten gequält, misshandelt, vernachlässigt, zu Tode gekommen sind, oder an die vielen anderen, von denen wir überhaupt nichts wissen, die im Verborgenen leiden…!!
Wenn wir in unsere Welt schauen, kann es schon einmal sein, dass uns die Worte fehlen bei all dem Leid, das wir in dieser Welt sehen oder selbst erleben,
… und dann "vertritt uns der Heilige Geist - also Gott selbst - mit unaussprechlichem Seufzen!"

Ich denke, dass wir diese Worte "alle Dinge dienen zum Besten" nur dann richtig verstehen können, wenn unser Gottesbild stimmt, wenn wir daran glauben können, dass Gott nicht "der durch Schicksalsschläge Strafende" ist, sondern der, der mit uns leidet, mit uns durch dick und dünn geht, in aller Bedrängnis bis ans Ziel.
Er ist unser liebender Vater, der uns an der Hand nimmt in allen Höhen und Tiefen, der mit uns leidet und sich mit uns freut!
Dabei fiel mir ein Vers aus Psalm 23 ein: "Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, im Tal der Todesschatten - fürchte ich kein Unglück!"
Warum fürchtet der David, warum muss ich kein Unglück fürchten?
Weil das Unglück seinen Sinn hat? Nein, sondern:
Ich fürchte kein Unglück, "denn DU bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich!"
Unglück ist Unglück, aber alles Leid, so schwer es auch sein mag, verbindet uns nur noch enger mit Jesus, der für uns gelitten hat, ………damit wir durchkommen.

"Denen die Gott lieben"!?
Aha, also nicht allen!?
Bin ich dabei? Sind wir unter "denen"?
Wenn wir nicht nur in Höhen sondern auch in Tiefen Gott lieben, an ihm festhalten, nur dann können wir erleben, dass er in allen Dingen bei uns ist, und uns durchträgt.
Ein weiterer Punkt wurde mir dabei noch wichtig:

Ich denke, Gott will nicht, dass wir den Dingen ihren Lauf lassen.
Wenn uns schwierige Dinge in unserer Umgebung, in der Welt begegnen, oder uns selbst widerfahren, sollen und müssen wir nicht passiv bleiben…Hauptsache hoffen und vertrauen…es wird uns und den anderen schon zum Besten dienen.
Nein, sondern:
Wenn wir von Krankheiten betroffen sind, sollen wir zum Arzt gehen.
Wenn wir in finanzielle Schwierigkeiten geraten, sollen wir unsere Angelegenheiten klären, uns ggf. dabei helfen lassen oder anderen helfen.
Wenn wir in unseren Familien Probleme bekommen, Konflikte unter Ehepartnern oder mit den Kindern sollen wir um Klärung und Heilung ringen…
Es gäbe noch viele Beispiele von Dingen / Problemen die uns nicht zum Besten dienen, wenn wir uns nicht um Lösungen bemühen, die wir mit Gottes Hilfe auch finden können.
Wenn wir Gott lieben, wenn wir Jesu Nachfolger sind, dann werden wir uns mit Schwierigkeiten und notvollen Situationen nicht einfach abfinden, sondern ihn als Beispiel nehmen.
Wann immer Jesus Nöte und Leid gesehen hatte, hat er eingegriffen…mal früher mal später.
Immer so und zu dem Zeitpunkt, dass es den Menschen zum Besten gedient hat.
Als Petrus im Wasser zu versinken drohte, als er Aussätzige, Besessene oder Gelähmte sah, hat er gehandelt.
Er wollte, beauftragt vom Vater und getrieben von der Liebe, den Menschen zeigen:
Wenn ihr euch auf mich verlasst, dann werdet ihr erfahren, dass euch alle Dinge zu eurem Besten zu eurem Heil dienen werden.

Deshalb sind wir, als Nachfolger Jesu, auch dazu berufen,
Gottes Wort vom liebenden Vater weiterzusagen,
sowie in diakonischem Handeln in unserer Gemeinde
und in unserer Gesellschaft - also in Wort und Tat- zu bezeugen:
"Wir wissen, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen"

AMEN

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