Johannes 14, 19

1. Januar 2008 - Gottesdienst am Neujahr
Pfr. Dr. Karl Knauß
Es ist eine gute Sache, dass am Anfang des Neuen Jahres über die Jahreslosung gepredigt wird, die uns die nächsten 12 Monate begleiten soll. In Wilhelmsdorf haben wir ja auch noch unser Jahreslos (Röm 8, 28) , über das am kommenden Sonntag, 6. Jan gepredigt wird.

Jesus Christus spricht: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Wussten Sie eigentlich, dass eine Jahreslosung politisch gefährlich sein kann? - Die Jahreslosung gibt es noch nicht lange, erst seit 1934. Zwar wurden schon 4 Jahre vorher welche herausgegeben, unter der Leitung von Otto Riethmüller. Aber offiziell gab es sie erst seit 1934. Die Machthaber des Dritten Reiches empfanden sie als Gegenpropaganda gegen ihr Programm. Das war auch nicht verwunderlich. Die damalige Jahreslosung hieß: Des Herrn Wort bleibet in Ewigkeit, 1. Petrus 1,25. Das bedeutet ja doch auch die Ansage, menschliche Worte sind zeitbedingt, auch wenn sie noch so selbstsicher vorgetragen werden. Im gleichen Jahr kamen auch die Monatssprüche heraus, die auf Plakaten gedruckt und ausgehängt wurden. Sie erreichten innerhalb kürzester Zeit eine Auflage von 500.000 Exemplaren. Deswegen wurde eigens ein Gesetz erlassen, womit man diese gefährlichen Worte unterbinden konnte.

Gottes Wort: Gefährlich für den, der anders denkt und andere Ziele hat. Und doch Wort zum Leben für den, dem Gottes Wort wichtig ist. Paulus schreibt einmal: Die christliche Erkenntnis sei... den einen ein Geruch des Todes zum Tode, den anderen aber ein Geruch des Lebens zum Leben.

Wir haben es also mit einem kritischen, mit einem brandgefährlichen Wort zu tun, das manche als Bedrohung empfinden. Vor allem ist es bedrohlich für die, die den Menschen und die Gesellschaft ganz unter Kontrolle bringen wollen. Dagegen will doch Jesus unser Herr sein.

Es ist gut, das sich wieder vor Augen malen zu lassen. Zu Jesus Christus zu gehören ist alles andere als nur eine harmlose Gefühlssache. Andere spüren, das sind die irdischen Spuren des Reiches Gottes. Und wer als Bürger des Reiches Christi hier lebt, der wird als Fremdkörper empfunden. Die Macht Jesu Christi ist in seiner Gemeinde gegenwärtig.

Ich lebe und ihr sollt auch leben: Das sind 2 Verheißungen

1. Verheißung: Ich lebe..

Seltsam an der Verheißung ist: Jesus sagt das "ich lebe.." kurz vor seinem Tod. Wir sagen deswegen auch dazu Abschiedsreden. Er sagt nicht, lebt wohl! Ich gehe jetzt aus dieser Welt und ihr werdet ohne mich auskommen müssen. Er sagt nicht, ich sterbe, aber ihr sollt mein Programm weiterführen. Sondern er sagt, ich lebe.

Es wird nicht lange dauern, dann wird man Jesus im Garten Gethsemane festnehmen, nach Jerusalem führen und verhören und dann ans Kreuz schlagen. Dort wird er sterben. Jesus weiß das und hat es vorausgesagt. Und dennoch sagt er, ich lebe. Der Tod am Kreuz wird überstrahlt von seiner Auferstehung. Es ist, als würde Jesus die drei Tage am Kreuz und im Grab einfach übergehen. Es ist, als würde er schon mit dem Blick aus weitem Abstand urteilen. Aus der Ewigkeit herübergeschaut kann man auch die Stunden im Totenreich eigentlich übergehen.

Die Worte Jesu gehören zur Verheißung des Heiligen Geistes. Er will seinen Vater bitten, den anderen Tröster, den Geist der Wahrheit zu schicken. In der Apostelgeschichte wird berichtet, wie das dann an Pfingsten geschehen ist. Gleichzeitig verspricht Jesus auch, in kurzem selbst wieder bei den Jüngern zu sein. Nach seiner Auferstehung wird er sich ihnen als der Lebendige zeigen. Er ist der Sieger über den Tod. Ostern und Pfingsten fließen in der Bedeutung fast zusammen. In beidem zeigt sich Jesus als der Mächtige und als der Lebendige.

Bei den Abschiedsreden Jesu an seine Jünger ist es, wie wenn er einen dichten Vorhang vor ihren Augen wegnehmen würde, als würde er jetzt endlich auspacken, was er bisher noch zurückgehalten hat. Die Jünger haben bis dahin zwar immer mal wieder etwas geahnt, aber jetzt zeigt ihnen Jesus die größeren Zusammenhänge. Er nimmt von Gott und teilt ihnen aus, weil es auch ihm gehört. Wenn er von dem Eigentum Gottes nimmt, dann nimmt er gleichzeitig von seinem eigenen Eigentum. Beide, Vater und Sohn, senden die Gabe des Heiligen Geistes. Er ist der Geist der Wahrheit und der Geist des Vaters und des Sohnes. So nah ist Jesus bei Gott!

Und mitten drin in den Abschiedsreden ist das anschauliche Bildwort von dem Weinstock und den Reben. "Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun."

Wir leben von seiner Kraft. Ohne sie können wir zwar existieren, aber wir können keine Frucht bringen. Leben ist mehr als nur existieren. Das Zeichen des Lebens ist die Frucht. Das Leben kommt von ihm. Von ihm geht aus, was für uns ein Geheimnis ist.

2. Verheißung: Ihr sollt leben

Wir sollen leben!? Aber: Es gibt so viele Lebensentwürfe. Auch andere Religionen meinen, wenn du nach unseren Vorgaben lebst, dann lebst du richtig. Und totalitäre politische Systeme meinen es auch. Es kann uns sogar Angst machen. Nicht dass es verschiedene Entwürfe gibt, sondern Angst machen kann uns, dass manche es mit Gewalt durchsetzen wollen und alles andere außer ihrer eigenen Meinung ausmerzen wollen. Sie meinen, dass richtiges Leben erst dann sein kann, wenn alle so leben wie sie, wenn also die ganze Gesellschaft bzw. alle Völker gleichgeschaltet sind. So dachten etwa die Nationalsozialisten, die Kommunisten und so denkt der Islam, auch wo er nicht aggressiv ist. Also nichts für einzelne Individuen. Die Gemeinschaft ist alles, der einzelne ist nichts!

Aber Jesus denkt anders und sagt anders. Hier gibt er keinen Auftrag - etwa zur Gleichschaltung oder zum gesellschaftlichen Erneuerungsprogramm -, sondern eine Verheißung. Und die Verheißung gilt seinen Jüngern, jedem einzeln. Jeder kann es für sich frei annehmen oder nein sagen. Das ist keine Kampfansage gegen die, die anders denken oder anders wollen und anders fühlen. Sondern die Verheißung gilt denen, die leben wollen.

Das ist gegen alle Lebensangst gesprochen. Ihr braucht keine Angst zu haben vor dem, was auf euch zukommt. Für mich ist es oft erschreckend, wie viele vor allem junge Menschen Angst vor der Zukunft haben. Damit ist nicht nur die Sorge um den Arbeitsplatz oder Ausbildungsplatz verbunden. Sondern die persönliche Perspektive fehlt. Darum leben viele einfach nur aus dem Augenblick heraus, während im Nacken die Angst sitzt.

Aber Jesus sagt: Ihr sollt leben. Nicht nur in der Ewigkeit nach unserem Tod. Sondern auch jetzt.

Wir sollen keine Waisen sein. So sagt er zu seinen Jüngern. Sondern er ist da. Wir wissen, wo wir hingehören. Und das mitten in dieser Welt.

Wenn unser einziges Ziel als Christen das wäre, wie wir die Ewigkeit im Reich Gottes erreichen, dann könnte er uns ja sofort nachdem wir zum Glauben gekommen sind, aus dieser Welt nehmen. Wie bei einem Leichtathleten. Wenn da z.B. ein 100-m-Läufer über die Ziellinie läuft, dann kann er das Tempo wegnehmen, dann macht er nur noch ein paar Schritte zum Auslaufen und hört auf zu rennen. So wäre es bei uns auch, wenn das einzige Ziel wäre, wie man das Ziel des ewigen Lebens erreicht.

Jesus gibt unserem Leben auch hier in dieser Welt Sinn. Deswegen gibt er uns seine Gaben. Mitten in unserem irdischen Dasein leben wir von seinen Gaben. Im Zusammenhang der Jahreslosung ist das die lebendige Gegenwart von Jesus und die Gabe des Heiligen Geistes. Das ist für die Bewältigung des irdischen Lebens gemeint.

Niemand sollte meinen, das sei unkonkret. Seit die Jünger die Gabe des Heiligen Geistes hatten, hat niemand und nichts mehr sie zurückhalten können. Sie mussten von Jesus weitersagen. Jede Angst war verflogen. Bei ihnen war zu merken, was die Früchte des Geistes sind: Liebe, Freude, Friede, Geduld... Sie haben die Gaben entdeckt, die er ihnen mit dem Heiligen Geist gegeben hat. Und diese Gaben haben sie zu anderen Menschen geführt. Diese Gaben haben die Gemeinde aufgebaut und gestärkt.

Dass wir leben sollen heißt, dass wir Leben von ihm an andere weitergeben. Amen.

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