Jesaja 49, 13 - 16
13 Jauchzet, ihr Himmel, und frohlocke, du Erde! Brecht aus in Jubel, ihr Berge! Denn der Herr tröstet sein Volk, und seiner Elenden erbarmt er sich.
14 Zion sprach: "Verlassen hat mich Gott, der Herr hat meiner vergessen."
15 Wird auch ein Weib ihres Kindleins vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes? Und ob sie gleich seiner vergäße, so will ich doch dein nicht vergessen.
16 Siehe, auf meine Hände habe ich dich gezeichnet; deine Mauern habe ich immerdar vor Augen.
Liebe Schwestern und Brüder, liebe Gemeinde,
wie geht es Ihnen heute morgen? An diesem Sonntag morgen in einer Zeit, die man oft bezeichnet als "die Zeit zwischen den Jahren" (also nicht mehr ganz 2007 aber eben auch noch nicht 2008)? Ich hoffe, es geht Ihnen gut, Sie fühlen sich wohl in ihrer Haut und sind im Großen und Ganzen mit Ihrem Leben zufrieden, so wie es gerade ist?! Vielleicht, weil Sie erreicht haben was sie im abgelaufenen Jahr erreichen wollten (vielleicht hatten Sie sich ja an Silvester 2006/2007 etwas ganz Bestimmtes vorgenommen, das sie erreichen wollten?); und wenn nicht, dann hoffe ich, dass Sie das nicht all zu sehr frustriert.
Vielleicht sind Sie aber gerade auch eher unzufrieden mit sich und der Welt und dem, was Sie erreicht oder eben nicht erreicht haben. Vielleicht sind Sie enttäuscht von Anderen, oder auch von sich selber. Vielleicht sind Ihre Erwartungen, die sie an da 2007 hatten, nicht oder nicht völlig erfüllt worden. Vielleicht ist Manches ganz anders gekommen, als Sie gedacht haben; vielleicht haben sich Entwicklungen ergeben, die Sie gar nicht vorhersehen oder auch nur ahnen konnten - im Positiven wie im Negativen. Und vielleicht fragen Sie sich manchmal auch (oder haben sich gefragt): wo ist in meinen persönlichen Problemen eigentlich Gott? Interessieren die den eigentlich noch? Greift der da überhaupt noch irgendwie ein? Handelt Gott eigentlich noch in meinem Leben? Oder hat Gott mich - vergessen?
Mal ehrlich: sind Sie zufrieden mit sich und ihrem derzeitigen Leben??
Die Menschen, zu denen der Prophet Jesaja die Worte des Predigttextes gesagt hat, waren es sicherlich nicht. Denn es waren Menschen - genauer: das Volk Gottes - die zu diesem Zeitpunkt unter der Herrschaft eines anderen Volkes standen. Das Nordreich Israels war zu diesem Zeitpunkt wohl völlig zerschlagen, das Südreich konnte nur mühsam den Belagerern widerstehen.
Ich könnte mir durchaus vorstellen - und der Predigttext bestätigt dies ja auch - das die Menschen in Jerusalem sich gefragt haben: hat Gott uns eigentlich vergessen?
Es gab doch da mal so tolle Zusagen dieses Gottes zu Moses Zeiten, dass wir das Volk Gottes sind und ganz besonders unter seinem Schutz stehen?! Was ist jetzt damit ? Haben wir vielleicht was falsch gemacht?
Manchmal, wenn alles schief zu gehen scheint, hat man ja das Gefühl: vielleicht habe ich irgendwas falsch gemacht?
Oder man fragt sich: womit habe ich das eigentlich verdient? Ist das die Quittung für irgendwelches Fehlverhalten??
Dem Volk Gottes beantwortet der Prophet Jesaja, der etwa 700 Jahre vor Christus lebte, also etwa zur Zeit des Königs Usija (möglicherweise ein Cousin dessen) und als der Bedeutendste im Alten Testament gilt diese letzte Frage beantwortet ganz klar mit JA in den vorhergehenden Kapiteln 1 - 40.
"Ihr seid Gott untreu geworden, habt euch abgewandt von IHM! Und die Situation, in der ihr jetzt steckt, die Verbannung in die babylonische Gefangenschaft, ist nichts anderes als die Folge davon! sagt Jesaja.
Jesaja geht sogar noch weiter: er sagt dem Volk Gottes auf den Kopf zu, wo und wie sie sich von Gott abgewandt haben. Und er sagt ihnen auch, dass das Sünde war, die Gott bestraft hat mit der Folge der Zerschlagung des Staates und der Verbannung in die babylonische Gefangenschaft. Also quasi "selber eingebrockt..."
Sünde - ein altes Wort, dass heutzutage allenfalls noch schmunzelnd und augenzwinkernd im Zusammenhang mit Menschen genannt wird, die eigentlich abnehmen wollten und dann doch wieder den süßen Verlockungen erliegen und Dinge essen, die sie lieber nicht essen sollten.
Im Wort Sünde steckt das Wort Sund: wer sich je mit Skandinavien beschäftigt hat, der weiß, was ein Sund ist: die Trennung zweier Landmengen durch Wasser wie z. B. dem Fehmarnsund zwischen Dänemark und Deutschland. Wer den überwinden will, braucht entweder ein Schiff oder eine Brücke. (Oder er kann sehr ausdauernd schwimmen... )
Sünde im eigentlichen Sinn ist eben nicht ein bestimmte, sozusagen "falsche" Tat, wie wir uns das oft vorstellen. Sondern Sünde ist vielmehr ein Trennungszustand - ja mehr noch: ein Seinszustand - zwischen Mensch und Gott, der dadurch entsteht, weil der Mensch Gott letztendlich mißtraut. Mal Hand aufs Herz, wie ist das bei Ihnen: leben Sie ihr Leben derzeit im Vertrauen auf Gott (das ist eigentlich das, was das Wort "Glauben" meint!) ? Oder eher noch (oder wieder) im Mißtrauen Gott gegenüber?
Und wir wissen ja, wie das schon in einer guten Beziehung zwischen 2 Menschen ist: wenn da das Mißtrauen herrscht, dann ist diese Beziehung massiv gestört. Und wenn sich daran nichts ändert, geht die Beziehung auch unweigerlich kaputt. Ich glaube: das ist zwischen Mensch und Gott nicht anders?!
Und genau das ist auch das, was Jesaja seinem Volk gegenüber anprangert. Er tat das aber nicht aus eigenen Stücken heraus, vielleicht weil er Lust hatte, den Israeliten mal "so richtig die Leviten zu lesen". Sondern er tat das im Auftrag Gottes, wie üblich bei Propheten. In den Kapiteln vor dem Predigttext sagt er deutlich, dass Gott ihn dazu vom Schoße seiner Mutter an dafür vorgesehen hat. Ich bezweifele, dass das ihm Freude gemacht hat; aber es war einfach sein Auftrag von Gott höchstpersönlich.
Manchmal denke ich, es wäre gut, wir hätten heute auch solche Propheten, die im Auftrag Gottes uns (und den Politikern und Kirchenoberen) mal so richtig sagen wo`s lang geht und wo wir vielleicht "auf dem falschen Dampfer" sind. Aber wir sind eben nicht das Volk Gottes. Bei uns gibt es bestenfalls falsche, weil selbst ernannte Propheten. Und die können uns nicht wirklich weiter helfen. Weder zum Jahreswechsel noch sonst irgendwann.
Allerdings redet der Prophet Jesaja etwa 700 Jahre vor Christus - also vor heute etwa 2700 Jahren (!!) nicht nur zum Volk Israel. Sondern da ist ein paar Verse vorher die Rede davon, dass Gott diesen Propheten "zum Lichte der Völker machen" will; "das mein Heil reiche bis an das Ende der Erde." !
Liebe Wilhelmsdorfer: da gehören wir eindeutig dazu!
Und unser Predigttext beginnt - sozusagen mit einem Freudenböller! "Jauchzet , ihr Himmel, und frohlocke, du Erde! BRECHT AUS IN JUBEL, ihr Berge!
Wann haben Sie eigentlich das letzte mal gejauchzt?! Wann sind Sie das letzte mal in Jubel ausgebrochen?! Heilig Abend, als die Geschenke ausgepackt waren? Weil Ihr "Traumgeschenk" tatsächlich dabei war, oder etwas noch ein viel Schöneres? Schön, ich gönne es Ihnen!
Aber Jesaja hatte bei dieser deftigen Aufforderung etwas ganz Anderes im Kopf! Nämlich die Ankündigung, dass der lebendige, allmächtige Gott sein Volk trösten will, sich seiner Elenden erbarmen will!
Wenn Gott Sünde beim Namen nennt - hier durch den von ihm selber berufenen Propheten - dann ist ER damit noch längst nicht fertig mit seinem Volk! Sondern dann geht`s erst richtig los! Und das ist der Grund zum Jauchzen und Jubeln!
Und das ruft der Prophet seinem Volk zu in einer Situation, die alles Andere als schön oder angenehm war. Vielleicht können diejenigen unter uns, die noch das Ende des letzten Krieges miterlebt haben als alles in Schutt und Asche lag und keiner wusste, wie es weiter gehen sollte sich am besten vorstellen, wie es den Juden ging in der babylonischen Gefangenschaft. Und in eine so eine Situation hinein ruft der Prophet seinem Volk zu: jauchzet, ihr Himmel, und frohlocke, Du Erde! Brecht aus in Jubel, ihr Berge!
Denn: wenn Du gedacht hast, Gott hat Dich vergessen, dann bist Du einfach von total falschen Voraussetzungen ausgegangen?!
Als anschauliches Beispiel das mit der Mutter, die ihr Kind doch nicht vergessen kann. Oder eben doch vergessen kann (wie wir ja gerade in den aktuellen Nachrichten immer wieder mal hören...) - aber Gott kann das nicht passieren: der vergißt sein Volk nie! Und zwar unabhängig davon, ob sie sozusagen "Schuld" sind an ihrer eigene mißlichen Lage oder nicht.
Gott ist wie ein liebender Vater (oder eben wie eine liebende Mutter) der/die sein/ihr Kind auf gar keinen Fall vergißt (denken Sie an das Beispiel Jesu vom sog. verlorenen Sohn: so ist Gott!); davon können, davon sollen wir ausgehen.
Und der Prophet bleibt ja nicht stehen bei dieser Zusage: er kündigt ja Gottes massives Eingreifen in die Weltgeschichte schon knapp 700 Jahre zuvor an wie kaum ein Anderer. Er kündigt Weihnachten an, die Geburt Jesu, sein Leiden für die Schuld der ganzen Welt, sein Sterben, seine Auferstehung.
Es sieht immer noch so aus - auch 2000 Jahre nach Jesu Leben, Sterben und Auferstehung, als ob diese Welt noch nicht wirklich verändert wäre. Es gibt immer noch Krieg, Mord und Totschlag, Hass, Empörung, Leid, Wut, Enttäuschung usw.
Und natürlich werden wir immer wieder noch schuldig aneinander - machen wir uns nichts vor - gerade als Christen wissen wir das, das auch Christen eben nicht besser sind als Andere!
Aber - und jetzt zitiere ich noch einmal Jesaja, allerdings Kapitel 53, 4 ff, eine andere Aussage von ihm:
"Doch wahrlich, unsere Krankheiten hat er getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen; wir aber wähnten, er sei gestraft, von Gott geschlagen und geplagt. Und er war doch durchbohrt um unserer Sünden, zerschlagen um unserer Verschuldungen willen; die Strafe lag auf IHM zu unserem Heil, und durch seine Wunden sind wir genesen. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir gingen jeder seinen eigenen Weg; IHN aber liess der Herr treffen unser aller Schuld."
Haben Sie verstanden? Unsere Schuld - Ihre, meine - ist ein für alle mal "erledigt"!
Das hat der Prophet Jesaja schon vor etwa 2700 Jahren vorausgesagt.
Das ist das, was sich eben fundamental geändert hat seit Karfreitag und Ostern! Das ist der Unterschied zwischen altem und neuem Testament.
Deswegen ja wohl auch dieses Kreuz hier im Betsaal hinter mir; damit wir das ja nie vergessen!
Oder wie Jochen Klepper im eben gesungenen Lied sagte: "als wollte er die Welt belohnen, so richtet er die Welt!" So ist Gott zu uns.
Das, liebe Brüder und Schwestern, ist der Grund zum Jubeln und Jauchzen!
Und da steckt, glaube ich auch, diese "tiefe echte Weihnachtsfreude" drin, nach der Manche an Weihnachten so händeringend suchen.
Gott hat sein Volk nicht vergessen, er kann es gar nicht vergessen. Und: Gott vergißt auch die nicht, die ihm von Herzen vertrauen.
Und falls Sie bis jetzt noch nicht zu denen gehörten, die das tun: das läßt sich ja jederzeit ändern....! Wenn Sie nur wollen.
Amen.
Lassen Sie uns die nächsten beiden Lieder also singen in diesem Sinne - lassen Sie uns "jauchzen"! Weil Gott uns nicht vergessen hat, weil er sich Unserer erbarmt hat.