2. Korinther 8, 9

26. Dezember 2007
Pfr. Heiko Bräuning

Predigttext: 2. Korinther 8, 9

4. Jahrhundert: Predigt im altkirchlichen Gottesdienst Bischöfen und Priestern vorbehalten. Die Lehrautorität war dadurch gewährleistet, dass der Prediger während der Predigt saß (cathedra ist ein Lehrstuhl und keine Kanzel), und die Gemeinde stand. Wollen wir heute mal tauschen, oder wollen sie sitzen bleiben?

Sitzen sie gut? Einige von ihnen sitzen schief. Ich vermute zu wissen, woran das liegt. Der Geldbeutel - in der rechten Hosentasche - bringt Sie in eine Sitzschieflage. Die vier Buchstaben sitzen nicht gleichförmig auf der Bank, sondern mindestens ein Buchstabe hockt auf dem Geld. Ich lade sie ein, dass sie den Geldbeutel neben sich, oder hinter sich, oder vor sich auf die Bank legen. Und dann erleben, wie gut man mit vier Buchstaben auf den Bänken hockt.

Sorry, wenn ich Ihnen zu Nahe trete. Ich hoffe, dass die Freundschaft nicht aufhört zwischen uns, auch wenn es heute ums Geld geht. Zu meiner Entlastung muss ich sagen, Perikopentexte, über die wir Pfarrer Normalfall predigen sollten wurden von der Lutherischen Liturgischen Konferenz nach längerer Erprobungszeit 1958 herausgeben.

Ein guter Schachzug, diesen Text für heute rauszusuchen. Könnte man auf den ersten Blick meinen. Immerhin geht es ums Geld. Weihnachtszeit ist eine gute Zeit, an das Geld der Leute zu denken. Und sich darüber Gedanken zu machen, wie man es bekommen könnte für - natürlich gute Zwecke. Paulus macht sich hier im 8. Kapitel des 2. Korintherbriefes Gedanken über das Geld. Und das macht er m.E. nach allen gängigen Kriterien eines hochprofessionellen Spendenmarketings. Er zeigt andere Gemeinden auf (die in Mazedonien), die obwohl sie ärmer sind als die Korinther, doch über ihre Maße gegeben haben. Dann zeigt er den Korinthern auf, wie viel Grund zur Dankbarkeit sie haben, weil sie ja doch in allen Stücken reich sind. Begründen tut er dies geistlich: "Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet." Dann wird er ein bisschen moralisch: wollt nicht nur wollen, sondern wollt ihr bitte auch das nahe liegende tun. Und dann schließt er dieses Kapitel mit der Kollektenbitte, Zitat 8, 24: "erbringt jetzt den Beweis eurer Liebe und zeigt, dass wir euch zu Recht vor ihnen gerühmt haben öffentlich vor den Gemeinden."

Auf den ersten Blick betrachtet, könnte man nun über die Spendenfreudigkeit oder Spendenträgheit von uns Christen nachdenken. Man könnte auf den zweiten Blick ein Predigt über Arm und Reich sein halten. Über das Verhältnis der Christen zum Geld. Wenn man aber genau hinschaut, geht es nicht in erster Linie um Geldwert, sondern um Lebenswert. Sprich es geht um einen Lebensstil und nicht nur um Geld.

Dieser Lebensstil heißt - aus dem griechischen übersetzt "Hingabe, Aufopferung". (griech. "edokan"). Er macht dies an den Christen in Mazedonien deutlich, welche er kurz zuvor getroffen hat, und die für ihn sehr eindrücklich waren. Die nämlich, so schreibt er, wollten nichts für sich behalten, obwohl sie sehr arm sind. Sondern über ihre Kräfte haben sie von sich gegeben. Sie baten mich inständig, schreibt Paulus, dass sie mit dem Wenigen was sie haben, und mit ihrer Unbedeutsamkeit mithelfen dürften an der Wohltat und der Gemeinschaft des Dienstes für die Heiligen. Und dann - Zitat - "gaben sie sich selbst, zuerst dem Herrn und danach uns, nach dem Willen Gottes. (2. Korinther 8, 5)

Warum ist diese Hingabe, diese Opferbereitschaft für die Christen, mit denen Paulus zu tun hat, so selbstverständlich? Anders gefragt: warum ist diese Haltung zutiefst geistlich wichtig und theologisch richtig. Paulus hat das durchdacht und es wurde ihm bewusst: genau das, hat Gott mit uns getan. Genau so ist Gott mit uns umgegangen. Voller Hingabe, voller Aufopferungsbereitschaft. Und zwar obwohl Hingabe und Opferbereitschaft bis zu Jesu Geburt von den Menschen verlangt wurde. Das war das oberste Bedürfnis Gottes laut Gesetz und Propheten: Liebe, Ehrfurcht, Zuwendung der Menschen zu Gott. Weihnachten wendet sich das Blatt und Gott opfert sich selbst für uns in die Krippe hinein bis ans Kreuz ran. Gott gibt sich ganz für uns. Und das schreibt er seinen Christen immer wieder:

1. Timotheus 2, 6: "Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung."

Galater 1, 4: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsre Sünden dahingegeben hat, dass er uns errette von dieser gegenwärtigen, bösen Welt nach dem Willen Gottes unseres Vaters."

Römer 8, 31: "Ist Gott für uns, wer kann wieder uns sein? Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken."

Weihnachten bedeutet ein seltsamer Tausch: aus dem reichen Gott wird ein armer Gott, damit wir durch seine Armut reich würden. Arm / Armut ist hier die Chiffre für ganze Hingabe. Nicht seine Bedürfnisse stehen im Vordergrund, sondern unsere Bedürfnisse. Armut bedeutet ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung Gottes entgegen allen Gepflogenheiten. Nichts hält ihn. Nichts lenkt ihn ab. Volle Konzentration auf die Lage und die Bedürfnisse, auf die Notlage und die Grundbedürfnisse der Menschen. In Jesus geht Gott auf uns ein. In Jesus konzentriert sich Gott völlig auf uns. Jesus ist, könnte man sagen, ist 100 % göttliches Konzentrat. Unverdünnt. Unverfälscht. Absolut echt und damit wohltuend und heilvoll.

Eine Begegnung vor kurzem führt mich dazu zu vermuten, dass es uns unglaublich schwer fällt, diesen Aspekt von Weihnachten nachzudenken und nachzuleben: Ich war eingeladen zu einer Veranstaltung des Medienforums der katholischen Akademie und Pädagogischen Hochschule Weingarten. Auch eingeladen war die Autorin und Journalistin Ursula Ott. Ein Bestseller von ihr: "New Family, Elternreiche Kinder, nicht kinderreiche Eltern sind die Zukunft." Im Klappentext liest man:

"Patchwork-Familien, binationale Familien, Familien mit Adoptiv-Kindern, Kinder mit homosexuellen Eltern. Es gibt viele Möglichkeiten, heute Familie zu leben. Denken Politiker schon an diese Familien, wenn sie von Familienpolitik reden? Die positiven und Mut machenden Beispiele von "Neuen Familien" machen aus "New Family" ein empfehlenswertes Lesebuch. Was also kommt nach der Familie? Die Antwort ist überraschend: Es ist wieder die Familie. Aber nicht die traditionelle Kleinfamilie aus der Fernseh-Werbung, sondern vielfältigste neue Familienformen, die den individuellen Bedürfnissen und den wirtschaftlichen Gegebenheiten eher entsprechen."

Wir richten uns nach unseren Bedürfnissen. Und da scheuen wir uns auch nicht, aus der Not eine Tugend zu machen. Und aus der Tugend dann Gesetz. Gott sei Dank. Hast Du Gott nicht auf deine individuellen Bedürfnisse beharrt und Wert gelegt. Sondern hast Dich entäußert, hast verzichtet, hast dich aufgeopfert. Genau das macht die Kinder Gottes stark. In diesem Sinne sind wir reich an Gott: weil Gott ganz reichlich für uns da ist. Und genau dann hat ein Kind Zukunft, wenn es reich ist an Vater und Mutter. Und nicht elternreich sind.

Unsere neue Tugendhaftigkeit wirft das Heilshandeln Gottes nicht durcheinander. Nachdem es für Gott die wertvollste Aufgabe war, ist und bleibt, sich für uns aufzuopfern, hingabevoll für uns zu sein, ist auch der Schluss, den biblische Autoren, allen voran Paulus ziehen, nach wie vor gut und günstig für uns: wie Gott mir, so ich Dir.

Eine Folge, ein Gedanke zu Weihnachten: dass die Hingabe Gottes, die Bescherung und damit Aufopferung Gottes christliche Gemeinde bis ins letzte Glied hinein in jeder Hinsicht und in jeder Beziehung prägt. Gottes Beziehung zu uns prägt jede Beziehung unter uns. Meine Gottesbeziehung prägt meine Menschenbeziehung. Mein Gottesverhältnis prägt meine Lebensverhältnisse. Weihnachten wird zu einer "neverending story", zu einer "unendlichen Geschichte".

Reich wird, wer Gott für sich hat. Arm bleibt, wer an seinen Bedürfnissen hängt.

Reich ist, wer viel Zuwendung Gottes zulässt. Arm und ärmer wird, wer sich Stück für Stück abwendet. Reich bleibt, wer an Gott bleibt. Arm dran ist, wer gegen Gott ist.

Ich hoffe, sie können noch sitzen. Wenn nicht, stehen sie zum nächsten Lied auf.

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