Galater 4, 4-7
Heute ist die Weihnachtsgeschichte nach Paulus dran. Vielleicht denken Sie, wenn Paulus sie erzählt, dann wird es sicher ziemlich lang. Dann fängt er wohl ganz vorne bei Adam und Eva an und schreibt ein halbes Buch darüber. Aber trösten Sie sich: Kürzer und prägnanter kann man sich die Weihnachtsgeschichte kaum vorstellen, nur ein Vers. Paulus ist auch ein Meister der prägnanten Kurzfassung. Und dann fährt er fort und sagt auch, warum das Ganze. Er bringt es fertig, in nur vier Versen das ganze Evangelium zu beschreiben. Zum Auswendiglernen! Damit kann man morgens aufwachen und abends zu Bett gehen. Jedes Wort kann man auf die Goldwaage legen. (Galater 4, 4-7)
4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan,
5 damit er die, die unter dem Gesetz waren, erlöste, damit wir die Kindschaft empfingen.
6 Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!
7 So bist du nun nicht mehr Knecht, sondern Kind; wenn aber Kind, dann auch Erbe durch Gott.
Warum nur, warum wartet Gott so lange? - Er hat sehr lange mit angesehen, wie sein Volk im Elend war, wie es verfolgt und missachtet war und wie es schließlich auch selbst von ihm weggelaufen ist. Eigentlich war es doch nie ein normales Leben, immer diese Schwierigkeiten, ständig in Angst, oft in Gefahr, und lange unter fremder Herrschaft.
Hätte Weihnachten nicht früher kommen können? - Ohne die Umwege und Verirrungen der menschlichen Geschichte. Seit Jahrhunderten war ja der Retter verheißen.
Eigentlich wäre es für Gott doch eine Kleinigkeit gewesen, wenigstens gleich nach dem König David sein ewiges Reich auf der Erde aufzurichten, mit großer Pracht und Herrlichkeit. Aber er hat dann immer noch 1000 Jahre gewartet. Was wäre seinem Volk nicht alles erspart geblieben, wenn er gleich gehandelt hätte. Und dann, als er kam, war das nicht mit großer Pracht und Herrlichkeit, sondern in aller Niedrigkeit.
Gott hat seinen Sohn geschickt, als die Zeit erfüllt war. Er hat sie für erfüllt angesehen; so wie das Jahr reif ist für die Ernte im Herbst, oder wie für ein Kind die Zeit der Geburt irgendwann dran ist. Aber für Gott war die Zeit nicht deswegen reif, weil die Menschen die Bedingungen dazu erfüllt hätten. Sondern er selbst war es, der die Erfüllung der Zeit geplant und herbeigeführt hat und seinen Sohn sandte.
So kurz diese Weihnachtsgeschichte ist, so überraschend ist sie doch. Und es lohnt sich, dieser Überraschung nachzugehen.
Im Urtext ist es sehr merkwürdig ausgedrückt. Dort heißt es, ... sandte Gott seinen Sohn, geworden aus einer Frau, geworden unter das Gesetz. Es ist beides mal das gleiche Wort verwendet. Das ist nicht nur in unserer Sprache ungewöhnlich, sondern auch im griechischen Urtext. Paulus muss sich etwas dabei gedacht haben. Er will sagen, das hat Gott so arrangiert und gewollt. Da steckt sein Plan dahinter. Sein Sohn soll durch eine Frau zur Welt kommen und er soll den weltlichen Bedingungen unterworfen sein.
Vielleicht fragen Sie: Ist das dann nicht normal? Warum wird das Normale so sehr betont? Alle Menschen werden doch durch eine Frau geboren und den menschlichen Bedingungen unterworfen! Das ist doch eine Binsenweisheit!
Doch nicht für Gottes Sohn. Wäre er ein Mensch, dann wär's normal. Doch weil er Gott ist, deshalb ist's höchst überraschend. Und so trifft den heruntergekommenen Gott, was so gar nicht zu ihm passt. Er wird Mensch. Das war er vorher nicht! In dem Christushymnus im Philipperbrief heißt es, "obwohl er in göttlicher Gestalt war, hielt er es nicht wie eine Beute fest, Gott gleich zu sein, sondern entleerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.."
Gottes Sohn wurde einer von uns. Das machte den Menschen große Probleme. Die einen sagten, das kann doch nicht sein, er war kein richtiger Mensch, sondern hat nur einen Scheinleib getragen. Andere sagten, er war nicht richtig Gott, er nannte sich nur so. Diese Probleme begleiteten die Christen vom 1. bis zum 21. Jahrhundert. Mal war das eine, mal das andere Problem größer.
Auch Menschen in Wilhelmsdorf denken darüber nach: Kann das denn sein, dass Jesus wahrer Gott gewesen ist? Wenn uns das beschäftigt, dann treibt uns genau das um, was die Christen seit Anfang umgetrieben hat, ja was bereits zur Erdenzeit Jesu die Menschen umgetrieben hat.
Aber das Neue Testament bezeugt: Jesus Christus, wurde durch und durch Mensch. Und so will ich gliedern:
Gott schickt seinen Sohn,
1. in Gefangenschaft - für unsere Freiheit
2. um uns zu seinen Kindern zu machen
3. um uns zu himmlischen Erben zu machen
1. Gott schickt seinen Sohn in Gefangenschaft - für unsere Freiheit
Das tatsächliche Leben in dieser unserer Welt, das kannten die Menschen damals. Hunger und Durst und harte Arbeit. Sachzwänge. Wer nicht genügend Disziplin hat, geht unter. Dann kommt das jüdische Gesetz dazu, wie eine Macht, die über die Menschen verfügt. Wenn du allem dem standhältst und entsprichst, dann kommst du durch. Aber du darfst dir kein Versagen erlauben. Du stehst unter einem Joch, alle Menschen sind unter einem Joch.
Die Juden dachten: Wenn nur ein einziges Mal alle aus dem Volk ohne Einschränkung den Sabbat halten, dann ist Gottes Zeit da, dann kommt die Erfüllung. So ist Gott von unserem menschlichen Handeln abhängig.
Aber das alles ist Kennzeichen der Knechtschaft.
Zur Knechtschaft gehört auch der Streit, in den wir uns in der Familie hineinmanövrieren. So haben es gestern die Jugendlichen in dem Weihnachtstheater im Familiengottesdienst gespielt. Wer auch immer daran schuld ist, die Schwiegermutter oder die ungezogene Jugend. In so vielen Familien bricht gerade an Weihnachten der Streit aus. Denn da erwarten wir viel voneinander. Man könnte sagen, so sieht die Realität in unserer Welt aus. Du kannst dich darüber aufregen, dass du nicht aus deiner Haut fahren kannst.
Kennzeichen der Knechtschaft:
Sachzwänge in allen Bereichen unserer Welt. Alle hohen Ziele helfen nichts, wenn sie nicht durchgeführt werden können, wenn man damit gegen die Wand fährt.
Ist Gott blind für unsere Lage? Kennt er sie nicht? Weiß er nicht so recht, wie es uns zumute ist?
Nehmen wir einfach einmal die Zeit, als die Erfüllung noch nicht war; als Jesus noch nicht hier auf der Erde war. Da konnten die Leute vielleicht meinen: Gott kann viel sagen und verlangen. Aber wir können nicht alles, was wir gerne wollten. Sie konnten denken und vielleicht auch sagen: Gott verlangt Unmögliches.
Aber nun hat sich Gott die gleiche Lage auferlegt. Er hat alle Bedingungen auf sich genommen, die wir Menschen auch haben. Er kam zu uns als Mensch. Kein Theaterspielen. Nicht irgendein geheimer göttlicher Rest im Gehirn oder in der Seele, der den übrigen Menschen fehlt. Sondern echt und wirklich Mensch. Sein Gebetszugang zu Gott auch nicht anders als bei den anderen Menschen. Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Das ist die Lage des Sohnes Gottes. Keine Sonderbedingung, sondern: geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan. Oder wörtlich: Als die Erfüllung der Zeit kam, entsandte Gott seinen Sohn. Es ereignete sich aus einer Frau, es ereignete sich unter dem Gesetz.
Gott hat gehandelt. Er hat die Bedingungen gewählt. In unseren Augen nicht ideal. Da kann Gott ja alles das, was ihn als Gott ausmacht, gar nicht mehr ausspielen.
Und genau das wollte er. Er ging ganz auf die Bedingungen unserer Verhältnisse ein. Wir dürfen wissen: Der versteht mich. Der kennt meine Lage, denn er saß ja noch schlimmer drin. Er kam in unsere Unfreiheit, um uns freizumachen.
2. Gott schickt seinen Sohn, um uns zu seinen Kindern zu machen
Gottes Sohn, ein echter Mensch! Aber er ist das nicht immer gewesen, sondern geworden. Geworden zu einer Zeit, die Gott sich wohl überlegt hat.
Gott hat seinen Sohn gesandt! Wir sollen sehr wohl hören, dass er schon immer der Sohn war. Er ist nicht durch seine irdische Geburt Sohn Gottes geworden, auch nicht durch seine Taufe oder etwa durch sein tadelloses Leben. Sondern Gott hat den gesandt, der von Ewigkeit her bei ihm war, vor der Schöpfung der Welt, durch den die Schöpfung geschaffen wurde, wie es am Anfang des Johannesevangeliums beschrieben ist.
An Weihnachten geht es um uns Menschen. An uns hat Gott gedacht, als er seinen Sohn in diese Welt schickte. Er wollte uns retten aus unseren Zwängen, aus unseren Nöten, aus unserer Gottesferne. "Er sprach zu seinem lieben Sohn, die Zeit ist hier zu erbarmen. Fahr hin, mein's Herzens werte Kron und sei das Heil dem Armen."
Unser Leben ohne Christus ist ein Leben in der Fremde, unter den Bedingungen der Knechtschaft. Das hat Jesus ja im Gleichnis vom verlorenen Sohn beschrieben, der hinausging, um sich ein Leben in Freiheit zu erobern, und doch die Welt erlebte, wie sie wirklich ist, und der sich selbst auch erlebte voller Unfreiheit. Aber dann macht der Vater ihm wieder die Tür auf und gibt ihm das Zeichen der Kindschaft, einen Siegelring an den Finger. Er darf im Festkleid feiern. Er ist wieder zu Hause.
Gott hat seinen Sohn geschickt, um uns zu seinen Kindern zu machen. Kinder dürfen mit ihrem Vater reden. Wir dürfen beten. Fällt uns nichts Rechtes ein - der Heilige Geist, der Geist Jesu Christi, steht uns bei und ruft in uns nach Gott. Der Himmel steht uns wieder offen. Schauen wir zu, dass wir die offene Tür nützen.
3. Gott schickt seinen Sohn, um uns zu himmlischen Erben zu machen
Wer Kind Gottes ist, der ist auch Erbe. Das gehört untrennbar zusammen. Manche Menschen meinen, Kind Gottes, das sei so eine Spezialität von einigen extra Frommen, die ein ganz spezielles frommes Vokabular benützen. Aber im Neuen Testament ist das so gemeint: Kinder Gottes: Das sind die, die dabei sind, wenn alles verteilt wird: Das Reich Gottes, Himmel und Erde und wahrscheinlich noch mehr. Und da hat keiner Angst, er kriege zu wenig. Denn da ist unendlich viel da.
Aber am meisten lebt das Erbe von der ungebrochenen Gemeinschaft mit Gott und mit Jesus.
Ich wünsche es uns, dass wir daran teilhaben können. Amen.