1. Timotheus 3, 16
Wieder einmal ist Heiliger Abend. Für viele Menschen ist das der Ruhepol des Jahres, trotz mancher Unruhe vorher. Von hier aus leben wir unser Leben das Jahr über. Und am Heiligen Abend kommen wir wieder heim. Es ist, als wäre unser Leben an diesem Punkt festgemacht. So wie ein Haus auf seinem Fundament steht; wie das Seil eines Bergsteigers oben in der Wand am Haken festgemacht ist; wie der Nullpunkt im Koordinatensystem. Wenn du diesen Punkt wegnimmst, dann würde das Leben wackeln und ins Rutschen geraten. Doch Gott sei Dank: Es ist fest. Wir dürfen bei ihm zu Hause sein!
Natürlich hängt es nicht am Tag, sondern daran, was dieses Weihnachtsfest mit Inhalt füllt. Wir feiern, dass Gott Mensch geworden ist. Deswegen dürfen wir zu ihm gehören. Er hat die zerrissene Verbindung zu uns hergestellt. Wäre er nicht Mensch geworden, dann wären wir verloren, dann hätte unser Leben keinen Sinn.
Vermutlich ist es ein Hymnus, den Paulus schon von der Gemeinde der ersten Christen übernommen hat, den er uns in seinem 1. Brief an Timotheus (3,16) überliefert. Die christliche Gemeinde hält an diesem Bekenntnis fest. Dieses gemeinsame Bekenntnis macht uns zur Gemeinde.
16Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.
Weihnachten ist voller Geheimnisse. Aber dieses Geheimnis Gottes kann man nicht für sich behalten. Man darf, man muss es ausposaunen. Bei menschlichen Geheimnissen ist es anders. Die behält man tunlichst für sich. Jeder Geheimdienst könnte seine Arbeit sofort einstellen, wenn man seine Kenntnisse gleich in die Zeitung bringt. Aber Gottes Geheimnisse gehören an die Öffentlichkeit. Und sie verlieren doch nicht ihre Eigenart. Man macht sie nicht kaputt, wenn man darüber redet. Ja man soll sogar darüber reden. Dafür ist die Gemeinde verantwortlich, dass sie darüber redet. Mit deswegen hat er uns ja ausgewählt, dass wir's weitersagen.
Wir packen also das Geheimnis aus:
1. In der Welt und im Himmel ist er zuhause
Die Welt, in der wir leben, und der Himmel als Wohnort Gottes sind himmelweit auseinander. Und doch gehört beides in Jesus zusammen. Da ist die irdische Welt. Jesus kommt nicht in einem Fürstenhaus oder im Haus des Hohenpriesters zur Welt, sondern er erlebt das Leben der normalen Leute. Maria und Joseph haben kein großes Vermögen. Sie kommen aus einfachen Verhältnissen. Von der römischen Besatzungsmacht werden sie hin- und hergeschoben. Sie können sich nicht wehren gegen die große Macht der Römer, aber sie versuchen es auch gar nicht. Sie lassen sich schieben. Die Kleinen haben sich immer von den Großen schieben lassen müssen. Auch wenn wir in einer Demokratie leben und im Grunde mitentscheiden können, haben wir dennoch das Gefühl, dass wir vielem ausgeliefert sind.
In den letzten Monaten hat die Leute der Anstieg der Energiepreise ungeheuer bewegt. Was auch immer die Gründe sind, wir können's eigentlich kaum beeinflussen. Wenn früher die Preise für die Nahrungsmittel durch Spekulanten hochgetrieben wurden, dann konnten es die Kleinen nicht mehr bezahlen und mussten sogar hungern. Die konnten das nicht abfangen. Im Altertum waren die Armen noch sehr viel hilfloser als heute. Und vor allem: Wenn damals der Kaiser etwas wollte, dann mussten die Leute dem nachkommen. So war es auch bei der Volkszählung und Steuerschätzung.
In dieser Welt ist Gott mit dabei, ziemlich weit unten, und ziemlich wehrlos. Doch das gehört zu dem Besonderen - das gehört mit zu seinem Heilsplan. Denn so kommt Er nach Bethlehem. So erfüllt sich die Verheißung des Propheten Micha. "Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist."
"Er ist offenbart im Fleisch". Vielleicht hätte er gerne seine Ruhe gehabt. Aber er muss der täglichen Arbeit nachgehen, Häuser bauen und sich von seiner Hände Arbeit ernähren.
Viele sagen sich: "Mein Leben ist so eng. Ich würde gerne irgendwo in ein Sonnenparadies gehen; auf eine kleine Insel; ohne Telefon. Und einen Sack voll Geld mitnehmen!" Aber sie haben keinen Sack voll Geld. Deswegen müssen sie täglich arbeiten. Und irgend jemand muss es ja schließlich tun.
Das bedeutet es, dass Gott Mensch geworden ist. Er hat sich nicht eine Tarnkappe aufgesetzt, sondern ist wirklich so geworden, wie wir. Er musste mit den gleichen Schwierigkeiten kämpfen, mit denen auch die anderen Menschen zu kämpfen hatten.
Und doch war er anders. In diesem ganz normalen Leben hat er die Verbindung mit seinem himmlischen Vater gehalten. Und in diesem ganz normalen Leben war er zwar versucht wie wir, doch ohne Sünde.
Wir kriegen es logisch nicht zusammen, wie er, trotz seinem Menschsein, noch Gott war. Denn Gott wohnt doch in einem Licht, zu dem kein Mensch sich nahen kann; und wo wir doch vergehen müssten, wenn wir ihn sehen. Solange er auf dieser Erde war, hat er seine Gottheit gewissermaßen abgelegt. Aber er wusste davon und hat sie bezeugt und nicht verleugnet. "Ich und der Vater sind eins", sagt er in einer Auseinandersetzung mit der religiösen Oberschicht.
Wir als seine Gemeinde sollen das weitersagen: "Er ist offenbart im Fleisch - gepredigt den Völkern." In diese unsere wirkliche Welt ist er mitten hereingekommen. Sein Kommen gilt nicht nur einer geistigen oder geistlichen Elite, sondern allen Menschen. Wenn Gott nicht mitten in unserem Alltag bei uns ist, dann ist er es auch an den Feiertagen nicht und auch nicht im Urlaub. Darum kam er in die Armut des Stalles, damit er auch bei uns sei in unserem Alltag; wenn wir unserer normalen Arbeit nachgehen und für unser Leben sorgen, wenn wir Spannungen in der Familie erleben, oder wenn wir unsere Feste feiern. Gott sagt sein Ja dazu. Er sagt ja zu Ihnen und zu mir. Wir sollen nicht auf andere Zeiten warten, wenn er da ist.
2. In der Welt und Himmel ist er der Herr
Das ist Geheimnis des Glaubens, das wir bekennen sollen! Als er Mensch wurde, hat er sich in die Missverständlichkeit unseres Lebens herein begeben. Als er gekreuzigt wurde, hat er sich dem Ärgernis ausgesetzt. Aber als er auferstanden ist, wurde im Himmel seine Macht offenbar, und auf der Erde denen, die zu ihm gehörten. Im Himmel ist das schon überall klar, den Engeln und sogar den Dämonen, den einen zur Freude und den anderen zum Trotz. Auf der Erde ist das aber nur der glaubenden und bekennenden Gemeinde klar. Erst wenn er wiederkommen wird, wird es für alle sichtbar. Dann werden sich ihm alle Knie beugen und alle Zungen werden bekennen, du bist der Herr.
Jesus hat vor Pilatus gesagt: "Mein Reich ist nicht von dieser Welt." Pilatus hat es nicht ernst genommen. Er war Politiker. Aber seine Jünger haben ihn ernst genommen. Und nach seiner Auferstehung haben sie es weitergesagt.
Wir können jetzt schon teilnehmen und teilhaben an der Welt Gottes, wenn wir uns in dieses Bekenntnis einreihen. "Geglaubt in der Welt", heißt es in dem Lied. Da ist mitten in unserer Welt eine Menschengruppe, die den Himmel vorweggenommen hat. Es ist nicht die ganze Welt, die da vergöttlicht worden wäre oder in den Glauben hineingezwungen. Darum kommt es auf uns an, dass wir auch seine Herrschaft anerkennen.
Es ist das große Wunder, dass er in der Welt seine Gemeinde hat, die ihn als Herrn anerkennt. Auch wenn er erst sehr im Verborgenen regiert, auch wenn seine Macht noch gar nicht offen sichtbar geworden ist. Dann ist der Himmel auch für uns heute auf die Erde gekommen, wenn er in uns eingezogen ist und Glauben gefunden hat.
Am Heiligen Abend sind wir bekennende Gemeinde. Wenn wir uns zu ihm bekennen, dann tun wir das nicht allein. Das Bekenntnis verbindet uns untereinander und macht uns erst zu einer Gemeinde, die Gottes große Taten lobt und ihn anbetet.
Ich wünsche es uns allen, dass wir so zur bekennenden Gemeinde gehören, die den lobt und anbetet, der Himmel und Erde verbindet: Unseren Herrn. Amen!