Jesaja 52, 7-10

23. Dezember 2007 - 4. Advent
Pfr. Dr. Karl Knauß

7 Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten, die da Frieden verkündigen, Gutes predigen, Heil verkündigen, die da sagen zu Zion: Dein Gott ist König!
8 Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und rühmen miteinander; denn alle Augen werden es sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt.
9 Seid fröhlich und rühmt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.
10 Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Ich weiß noch, wie die Vorweihnachtszeit für mich als Kind eine Spannung hatte. Diese Spannung musste nicht künstlich erzeugt werden. Sie war da; und sie hatte ein Ziel: Es ging auf Weihnachten zu. Vermutlich geht das den meisten Kindern so.

Viele Erwachsene erleben es anders. Sie sagen, dass sie eher Hektik verspüren in dieser Zeit. Man muss noch so vieles erledigen. An Weihnachten soll alles aufgeräumt sein: Die Wohnung, der Garten, das Auto - und unsere Seele auch. Aber vor lauter Äußerlichkeiten haben wir für die Seele keine Zeit. Und dafür müssten wir doch eigentlich Zeit haben.

Gott ist es ein Anliegen, nicht nur Äußeres zu ordnen, sondern auch in unseren Seelen.

Bei dem Propheten Jesaja ist die Freude auf die Rettung echt. Ob er die Menschen damit anstecken konnte, weiß man nicht so recht. Denn wir Menschen können normalerweise erst richtig aufatmen, wenn wir das Ergebnis sehen können. Über ein Examen können wir uns erst hinterher freuen, wenn wir's bestanden haben. Vorher fühlen wir uns unter Druck.

Das Besondere an dem Propheten: Er atmet schon vorher auf. Wenn er nur das Wort Gottes hat, dann kann er schon sehen. Nüchterne Leute könnten ihn für einen Spinner gehalten haben. Er sieht Dinge, die mit den sichtbaren Tatsachen nichts zu tun haben. Aber das ist der Unterschied zwischen einem Propheten und einem Spinner: Was der Prophet sagt, kommt dann tatsächlich. Und er redet schon vorher davon, als wäre es da. Hat der etwas, das andere nicht haben?

Im letzten Jahr war in München in der alten Pinakothek eine Ausstellung. Dabei wurde auch das Bild von Adam Elsheimer "Flucht nach Ägypten" ausgestellt. Mit dem Bild sind wir zeitlich etwas zu früh dran. Denn die Flucht nach Ägypten ist ja erst nach Weihnachten dran. Trotzdem schauen wir es uns an. Im Vordergrund die heilige Familie auf der Flucht, links an einem hellen Feuer ein paar Hirten mit ihren Tieren.

Das Bild hat aber Aufsehen erregt, weil der Sternenhimmel genauer dargestellt ist, als man ihn mit bloßem Auge erkennen kann. Es sind mehr Sterne drauf, als man bis dahin kannte. Und sie sind so genau gemalt, dass man fast sicher ist, das war keine bloße Phantasie. Das hat der Maler tatsächlich gesehen (am 16. Juni 1609 von Italien aus). Man hatte das lange kaum für möglich gehalten. Aber inzwischen weiß man: Im Jahr zuvor war in Holland das Fernrohr erfunden worden. Adam Elsheimer muss den Sternenhimmel durch ein Fernrohr beobachtet haben und danach sein Bild gestaltet.

Bei dem Propheten Jesaja scheint es irgendwie ähnlich zu sein. Natürlich hat er kein Fernrohr, um in den Himmel zu schauen. Aber er sieht und weiß mehr als andere Menschen sehen. Er schreibt, was er von Gott weiß. Ob er's gesehen oder ob er's gehört hat, sagt er nicht. [Andere Propheten sagen ausdrücklich, wenn sie etwas gesehen haben, z.B. Amos (7).] Doch er beschreibt es so, dass man den Eindruck hat, er sieht's. Da läuft ein Freudenbote auf den Bergen, da sind Wächter in Jerusalem, die Ausschau halten. Und sie werden ganz aufgeregt über ihre Beobachtung und rufen laut. Sie rufen es den verbliebenen Bewohnern in den Trümmern Jerusalems und den Trümmern selbst zu: Gott hat sein Volk getröstet und erlöst.

Gott ist König. Er ist derjenige, der andere Mächtige einsetzt und absetzt. Der Perserkönig Kyros ist König, weil Gott ihn eingesetzt hat. Einige Kapitel vorher heißt es sogar: Er ist der Gesalbte Gottes. Seine Herrschaft hat den Zweck, Jerusalem wieder in seine Heimat zu führen.

Wie leicht lassen wir uns vom vordergründigen Geschehen gefangennehmen! Wir erleben die Vorgänge unserer Zeit, als wäre Gott nicht da. Doch in der Bibel ist eine andere Sicht. Gott hat sein Volk erhalten, weil es vor Gott eine besondere Stellung hat. Durch dieses Volk sollen alle Völker gesegnet werden. So ging schon die Verheißung an Abraham. Deswegen ist es nicht in Babylon im östlichen Völkergemisch untergegangen, auch wenn es schwer gedemütigt worden ist. Sie wurden nicht gerettet, weil sie besser wären als alle anderen. Sie wurden gerettet, weil Gott uns retten wollte. Das ist dann durch Jesus Christus geschehen, der uns aus unserer Verlorenheit herausgerissen und wieder in die Gemeinschaft mit Gott gebracht hat.

In der Prophetie in Jesaja 52 ist darum eine verborgene Christusweissagung enthalten. Alle Enden der Welt sollten das Heil Gottes sehen. Die Prophetie wurde also zweifach erfüllt. Die erste war bei der Rückführung des Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft. Vielleicht hat damals die Völkerwelt nicht viel mitbekommen, als sie gerettet wurden; nur die Juden selbst, und einige wenige darüber hinaus. Aber später bei der zweiten Erfüllung, als Jesus als unser Retter in die Welt gekommen war, da haben es auch die anderen Völker erfahren. Gott ist der, der die Geschicke der Welt steuert. Wir dürfen ihm auch das heutige Geschehen anvertrauen.

Und die, die es heute noch nicht wahrhaben wollen, werden es dann erfahren, wenn unser Herr wiederkommt in Herrlichkeit.

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten... Das sind nicht nur die Boten für Jerusalem. Sondern die Freudenboten gelten auch uns. Die Rettung damals hat auch unsere Rettung vorgebahnt. Amen!

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