Offenbarung 3, 1-6
Neulich bin ich auf der Autobahn einem Schwertransport begegnet. Das ist ein ziemlich sperriges Fahrzeug, das z.B. eine riesige Turbine transportiert. Die anderen Verkehrsteilnehmer müssen dann ganz besonders aufpassen. Man muss das eigene Verhalten ganz auf diese Situation einrichten. Unter Umständen kann man dann nicht mehr überholen. Der gesamte Verkehr muss reguliert werden. Ein solcher Schwertransport hat deshalb Begleitschutz durch Polizeifahrzeuge. Man kann sich fragen, wen die Polizei hier eigentlich schützt, den Schwertransport, oder die anderen Fahrzeuge? Ich glaube, die anderen Fahrzeuge sind gefährdet. Was würde passieren ohne Begleitschutz! Die Gefahr einer Massenkarambolage wäre sehr realistisch.
Johannes der Täufer hatte eine ähnliche Aufgabe, nämlich den Messias anzukündigen. Alle sollen wissen: Er kommt demnächst. Darum passt auf! Wenn der Messias nahe kommt, das ist eine höchst kritische Zeit. Da kann man nicht so weiterleben, als wäre nichts gewesen. Das ist ein geistiges und geistliches Erdbeben, und es hat auch Folgen in der Gesellschaft und Öffentlichkeit. Wenn er kommt, dann kann nichts so bleiben wie bisher.
Der 3. Advent hat das Thema: Vorläufer des Herrn, also Johannes der Täufer, der Bußprediger. Die Adventszeit ist nicht nur die Zeit der Vorfreude auf den kommenden Herrn, sondern auch eine Bußzeit. So müssen wir es verstehen, wenn wir heute das Sendschreiben an die Gemeinde in Sardes haben, an eine Gemeinde, die deutliche Kritik bekommt, und die zur Umkehr aufgerufen wird.
1 Und dem Engel der Gemeinde in Sardes schreibe: Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot.
2 Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.
3 So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.
4 Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert.
5 Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln.
6 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!
Ich habe gewisse Probleme, dass wir so kurz vor Weihnachten so ein niederschmetterndes Urteil über eine Gemeinde überdenken sollen. Du hast den Ruf, dass du lebst, aber du bist tot. Die sieben Gemeinden der Offenbarung sind nicht nur irgendwelche historischen Gemeinden, sondern sie gelten der Kirche aller Zeiten. Und so gilt auch für unsere Gemeinde einiges, was damals galt. Andernfalls könnten wir jetzt sagen: Heute sind wir früher fertig. Das enthält keine Botschaft für uns. Doch unser Herr hat auch für uns nicht nur Lob und Anerkennung, sondern auch Kritik.
Ich möchte heute die Geschichte der toten Gemeinde von Yonderton in England erzählen oder vielmehr vorlesen. Sie klingt überhaupt nicht vor-weihnachtlich. Aber wie gesagt, Adventszeit ist ja kirchliche Bußzeit. Ich lese die Geschichte so, wie sie vom Erzähler wiedergegeben wird, in der Ich-Form, ziemlich gekürzt.
Heutzutage stehen wir Yondertoner - ich sage das mit einem gewissen Lokalstolz- in dem Ruf, eine christliche Gemeinde zu sein... So war es aber nicht immer.
Kälte, Gleichgültigkeit und Interesselosigkeit, das war die Atmosphäre hier in Yonderton, als der Pfarrer Herbert Wright sein Amt antrat. Am ersten Sonntag predigte er in einer völlig leeren Kirche. Am zweiten Sonntag war es genauso. Und wenn der junge Pfarrer an den Werktagen seine Gemeindeglieder besuchte, um die kalte Gleichgültigkeit zu überwinden, erging es ihm nicht besser. "Die Kirche ist tot" sagte man ihm, "tot ohne irgendwelche Hoffnung auf Wiederbelebung." Aber - am Donnerstag nach jenem zweiten Sonntag geschah es, dass eine Anzeige in der Zeitung des Nachbarortes erschien.
Sie... war in Form einer Todesanzeige gehalten. Sie lautete: "Mit dem Ausdruck tiefsten Bedauerns und mit Zustimmung seiner Gemeinde meldet Herbert Wright, Pfarrer zu Yonderton, den Tod der Kirche St. Francis zu Yonderton. Trauer- und Gedächtnisfeier findet am Sonntagmorgen um 11 Uhr statt. Die Bewohner von Yonderton sind hiermit herzlichst eingeladen, an diesem letzten Akt ihrer Dorfkirche teilzunehmen."
Es braucht wohl kaum erwähnt zu werden, dass sich diese Zeitungsnachricht wie eine Sensation verbreitete... Am Sonntag schon früh um 10 Uhr erlebte Yonderton eine wahre Invasion. Um halb elf Uhr war die bis dahin verachtete und stark verschmutzte Kirche gedrängt voll.
Als ich die Kirche betrat, sah ich sogleich einen Sarg auf einer Bahre vor dem Altar stehen. Es war ein schlichter Eichensarg, nur mit einem vergoldeten Kruzifix geschmückt....
Pünktlich um 11 Uhr bestieg der Pfarrer die Kanzel.
"Meine Freunde, .... Sie haben es mir klargemacht, dass Sie ernstlich davon überzeugt sind, unsere Kirche sei tot.... Bitte, gehen Sie alle, einer nach dem anderen, an diesem Sarg vorüber, und sehen Sie sich den Toten an; dann verlassen Sie die Kirche durch das Ostportal!" Alle Augen waren auf den Sarg gerichtet. "Danach werde ich die Trauerfeier allein beschließen. Sollten aber einige von Ihnen ihre Absicht ändern und wären auch noch so wenige unter Ihnen der Meinung, eine Wiederbelebung der Kirche sei vielleicht doch noch möglich, dann bitte ich diese, durch das Nordportal wieder hereinzukommen. Statt der Trauerfeier würde ich dann einen Dankgottesdienst halten."
Ein bedrückendes Schweigen folgte diesen Worten. Der Pfarrer trat an den Sarg und öffnete ihn. Einer der letzten in der Prozession war ich, und so hatte ich Zeit genug, darüber nachzudenken: "Was ist eigentlich die Kirche, woraus besteht sie? Wer wird wohl in dem Sarg liegen? Wird es vielleicht ein Bild des gekreuzigten Heilands sein? Aber nein, das kann nicht sein; denn auf den Tod des Herrn ist ja die Kirche gegründet. Lebt denn die Kirche überhaupt? Und wenn sie lebt, kann sie sterben?" Ähnliche Gedanken hatten vielleicht meine Nachbarn, denn ich merkte, dass uns ein Schaudern und Gruseln überkam, je mehr wir uns dem Sarg näherten. Dazu erschreckte uns ein schrilles Knarren und Quietschen, das Nordportal drehte sich in seinen verrosteten Angeln, herein trat eine kaum zu zählende Schar.
Und nun war es soweit, dass ich die tote Kirche sehen sollte. Unwillkürlich schloss ich die Augen, als ich mich über den Sarg beugte. Als ich die Augen öffnete, sah ich nicht die ganze Kirche kalt und leblos im Sarg liegen, sondern nur - eines ihrer toten Glieder: Ich sah mich selbst - im Spiegel.
Soweit die Geschichte der toten Gemeinde Yonderton.
Eine Gemeinde ist so tot oder lebendig wie die Gemeindeglieder. Wenn Christus die Gemeinde in Sardes aufruft, dann meint er die einzelnen. Er möchte eine Gemeinde, die lebt.
Die Gemeinde in Sardes hat etwas Tragisches. Sie lebt in einer Selbsttäuschung. Sie hat den Ruf, lebendig zu sein. Aber dieser Ruf führt in die Irre. Er baut sich nur auf das, was man von außen sieht. Wahrscheinlich läuft viel und sie sind aktiv. Die anderen meinen, das sei doch alles gut und lebendig. Und die Leute in der Gemeinde meinen das auch. Doch Jesus muss auf etwas ganz anderes schauen.
Denke daran, wie du empfangen und gehört hast und halte es fest. Haben sie etwa vergessen, wie das damals mit ihrem Christsein angefangen hat? Da haben sie von dem gehört, dass Jesus für sie gestorben ist. Er hatte es doch gar nicht verdient, denn er hatte nichts Böses getan. Aber er hat es ohne Gegenwehr hingenommen, um damit uns zu retten. Haben die das denn vergessen? Und dass er auferstanden ist und wir von seiner Kraft leben.
Aber es ist nicht nur so, dass sie die Anfänge ihres Glaubens vergessen haben. Es ist nicht nur die erste Liebe erkaltet. Sondern der Schaden muss schon tiefer gegangen sein. In der Gemeinde scheint Sünde um sich gegriffen zu haben. Und man hat das anscheinend nicht tragisch gefunden. Es gibt zwar noch einige, die ihre Kleider nicht beschmutzt haben. Aber sie scheinen nicht mehr die Mehrheit zu sein.
Die Gemeinde muss gewusst haben, was ihr Herr meint. Vielleicht handelt es sich um sexuelle Verfehlungen, aber sicher ist das nicht, denn wir haben nur sehr unspezifische Andeutungen.
Heute gibt es gegenüber den Christen sehr widersprüchliche Meldungen. Einmal wirft man uns vor, wir seien auch nicht anders als andere. Wir würden uns in unserem Leben fast nicht von Nichtchristen unterscheiden. Aber dann heißt es auch oft, wir seien moralisch. Und wir Christen sind dann in der Gefahr, mal das eine, mal das andere für schlimm zu halten, und schließlich die Orientierung zu verlieren. Aber wir sollen unser Urteil nicht nach dem richten, in welchem Ruf wir stehen, sondern wie uns Jesus beurteilt. Darum geht es eigentlich!
Wer auf ihn hört, bekommt eine wichtige Aufgabe: Wiederbelebung an denen zu machen, die im Begriff sind, geistlich tot zu werden. Das ist Seelsorge an solchen, die wahrscheinlich gar nicht einsehen, dass sie das brauchen.
Für die Gemeinde gibt es auch eine große Hoffnung. Sie wird am Schluss angedeutet: Es gibt welche, die werden mit Jesus in weißen Kleidern einhergehen. Sie haben die Reinheit nicht aus eigener Kraft, sondern von Jesus als Geschenk bekommen. Zu ihnen möchten wir gehören. Das ist unser Ziel und unsere Hoffnung. Amen!