Hebräer 10, 19-25
In der Adventszeit werden wir besonders daran erinnert, dass die Tür zum Himmel offen ist. Es ist wie bei einem fahrenden Zug, wo man von einem Wagen in den anderen gehen kann. Aber man kann nur durch, wenn da eine Tür dran ist. Es ist nicht so, dass diese Tür schon immer offen war. Sondern die Tür hat Jesus aufgemacht, ja, er ist diese Tür selbst. Ohne ihn, ist nur Wand. Da wäre kein Durchkommen. Aber wo er als die Tür ist, da können wir durchgehen.
19 Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum,
20 den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes,
21 und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes,
22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.
23 Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat;
24 und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken
25 und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.
In den letzten Tagen ist meine Frau wegen einer Erkältung ziemlich schlecht dran. Wenn sie nur zwei Seiten in einem Buch liest, kommt sie schon ins Schwitzen. Sie jammert darüber und sagt, das sei doch sehr anstrengend. Ich sagte ihr, damit habe sie sich schon einen Sommerurlaub im Süden erspart.
Ich hatte auf die gleiche Weise ja in der letzten Woche einen kleinen Abstecher in wärmere Klimazonen gemacht. Das habe ich beim Krank-Sein wieder gelernt: Es sind Sehnsüchte da. Man freut sich drauf, wieder gesund zu sein. Wenn man krank ist, macht nicht mal das Essen Freude, weil nichts schmeckt. Darum freut man sich wieder auf ein gutes Essen... oder dass man wieder ganz normal leben kann und wieder Kräfte hat.
Ein Gesunder hat sich so dran gewöhnt, dass er sich gar nicht mehr darüber freut.
Wie ist das dann in unserem Verhältnis zu Gott? Sind wir noch gespannt? Gibt es noch Sehnsüchte?
Löst eigentlich der Gedanke bei uns Freude aus, dass wir freien Zugang zu Gott haben? Ich meine, nicht nur bei gründlichem Nachdenken und eigentlich... und so. Sondern erfüllt es uns, so wie wir uns über ein gewonnenes Monopoly-Spiel freuen können? - und noch viel mehr!
Wovon der Predigttext spricht, das müsste für Christen den Puls höher schlagen lassen als sonst; da müssten wir in helle Aufregung geraten, da müsste uns die Freude eigentlich Tag und Nacht verfolgen. Ihm begegenen zu dürfen, das ist doch mehr als eine Hochzeit und hundert gewonnene Spiele und ein Traumurlaub zusammen.
Beobachten wir die paar Verse aus dem Hebräerbrief: Vergangenheit und Zukunft fließen hier zusammen. Vergangenheit: Das ist das, was unser Herr für uns getan hat. Zukunft, das ist, dass wir ihm begegenen werden. Aber wir sollen beides in der Gegenwart feiern, hier und jetzt und heute, und zwar im Gottesdienst. Ich will es heute auch hauptsächlich auf den Gottesdienst konzentrieren; als würde das alles genau den Gottesdienst beschreiben; und als müssten wir für unsere Gottesdienste genau das lernen und bedenken und erleben.
"Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen..."
Gott streckt uns im Gottesdienst seine offenen Hände entgegen. Der Veranstalter, der Gastgeber, der Hausherr für unsere Gottesdienste ist Jesus, der Hohepriester. Tatsächlich machen wir ja mit unseren Gottesdiensten auch nicht unsere eigenen Feiern. Sondern er hat uns eingeladen, seine Gäste zu sein. Ich stelle mir vor, das ist so ähnlich wie bei dem Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl. Wir haben von ihm Festtagskleidung bekommen. Das heißt, er hat auch alles weggenommen, was einer Begegnung mit ihm im Weg stehen könnte: Unsere Schuld ist vergeben, unsere schlechten Erinnerungen sind geheilt, unsere Ängste sind gewichen und haben einem großen Urvertrauen Platz gemacht. Wir dürfen einfach zu ihm kommen. Wir müssen uns auch nicht mehr profilieren. Denn wir sind in sein Bild umgestaltet und leben nur durch ihn. "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir..." (Gal 2,20). Wir sind ganz auf ihn eingestellt und er auf uns.
Unsere Individualität ist nicht abgeschafft. Wir wissen schon noch, wer wir sind. Aber was an unserer Individualität stört, ist hinweggetan. Wir sind in die Gemeinschaft der Glaubenden hineingestellt. Konkurrenz und Neid sind weggenommen; sie, die doch immer die Gemeinschaft zerstören und sprengen.
Ein Stück Vorgeschmack auf den Himmel ist das schon. Aber eigentlich soll das, wenigstens ansatzweise, in unseren Gottesdiensten geschehen. Er, unser Herr, soll allein der Mittelpunkt sein.
Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung...
Gottesdienst soll nicht sprachlos machen; nicht so, dass nur einer redet und die anderen hören. Sondern was wir im Gottesdienst bekennen, das soll danach weitergehen. Der Gottesdienst soll sich weiten in das, was sonst in unseren Hauskreisen geschieht, aber auch darüber hinaus. Der Gottesdienst soll uns die Zunge lupfen, dass wir anderen unseren Glauben bekennen und bezeugen können.
Ein vielgereister Mann hat von 2 Bildern berichtet, die er gesehen habe. Das eine Bild stammt aus Ostasien. Da ist der Drache abgebildet, jenes Ungeheuer, das in Ostasien auf vielen Bildern vorkommt. Aber bei diesem besonderen Bild hatte der Drache eine Weltkugel im offenen Rachen. Dieses Bild lässt einen denken: Jederzeit kann der Drache zubeißen, und dann geht alles unter im Chaos.
Das zweite Bild hat er in einer alten Kirche auf dem Balkan abgebildet gesehen. Da ist auch eine Weltkugel drauf. Auch sie ist nicht freischwebend im freien Raum. Sondern eine Hand hält sie behutsam fest. Die Hand ist durchbohrt. Christus hat die Welt in seine liebenden Hand.
Der Reisende hat diese beiden Bilder vor Politikern beschrieben. Und dann sagte er: Nicht das erste Bild ist die Wirklichkeit, sondern das zweite. Was wir von Jesus erhoffen, das ist die Fortsetzung von dem, was er einst für uns getan hat. Der sich in Liebe für uns hingegeben hat, der wird auch das letzte Wort über dieser Erde sprechen.
Ich möchte darum bitten, dass wir die Weisheit bekommen, andere Menschen zu trösten und aufzurichten und ihnen Hoffnung zu geben.
Lasst uns aufeinander achthaben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken...
Im Gottesdienst haben wir eine große Chance. Es sind viele Menschen da, die wir sehen. Wir können beim Singen, sofern wir's auswendig können, den einen oder anderen wahrnehmen und füreinander beten und einander segnen.
(Wörtlich:) Wir sollen genau hinsehen. Wir sollen bemerken, wie's dem andern, der anderen geht. Nicht, um negativ übereinander zu reden, sondern um sich gegenseitig aufzubauen. Kummer entdecken und beistehen, Gaben entdecken und bestätigen und fördern und aufbauen helfen.
Jesus hat uns nicht aufgefordert, einander beim Kritisieren mitzunehmen. Sondern wir sollen von ihm Liebe lernen. Es kann sein, da ist jemand, mit dem Sie regelmäßig zu tun haben, wo aber einfach das Lieben schwerfällt. Sie können sein Handeln nicht verstehen. Aber vielleicht geht es ihm mit Ihnen genauso.
Jesus hat nicht danach gefragt, ob man alle Beweggründe nachvollziehen kann. Sondern Jesus hat einfach den Kreis des Hasses durchbrochen. Wahrscheinlich habe ich seine Liebe nicht verdient. Aber er hat mich trotzdem geliebt. Nur dadurch hat er mich gewonnen.
Nochmal zurück: Das alles kann und soll im Gottesdienst seinen Platz haben. Ich soll mit wahrhaftigem Herzen vor ihn hintreten, meine Gedanken und Empfindungen frei werden lassen für ihn. Im Gottesdienst soll ich mir Gedanken und Ideen schenken lassen, wie und wo ich ihn bekennen kann. Im Gottesdienst soll ich andere wahrnehmen, mir Wege zeigen lassen, wie ich ihnen helfen kann. Und da kann und soll auch manche Heilung von Verletzungen ihren Anfang nehmen.
Wenn das alles im Gottesdienst geschieht, dann werden wir die Folgen davon sehen. Amen.