Markus 13, 31-37

25. November 2007 - Ewigkeitssonntag
Pfr. Dr. Karl Knauß

Es ist etwa 40 Jahre her. Da habe ich meinen Patenonkel besucht. Er war Pfarrer in Oppenheim am Rhein gewesen. Er war im Ruhestand. Er war auch schon viele Jahre erblindet, aber innerlich war er noch hellwach. Ich war angehender Theologiestudent, und er hatte mitgeholfen, dass es dazu überhaupt gekommen ist, als ich mit meinem Vater deswegen nicht zurechtkam. Bei diesem Besuch hat er mir eine kleine Stadtführung gegeben. Vielleicht dachte er schon an so eine Situation wie heute, wo ich irgendwo Pfarrer sein würde, und hat mir ein Stück Anschauungsmaterial für den Ewigkeitssonntag mitgegeben. Jedenfalls hat er mich unter anderem auch zum Beinhaus geführt. Bis dahin hatte ich nicht gewusst, was ein Beinhaus ist. Im Mittelalter und lange danach (von 1400 bis 1750) bewahrte man die Überreste der Toten hier auf, wenn man deren Gräber neu hatte belegen müssen. Sie sollten hier sein bis zur Auferstehung der Toten, wenn die große Posaune erschallt aus dem Himmel, wenn diese Weltzeit zu Ende geht und mit ihr die Not und das Elend und wenn Gott zum Ziel seiner Schöpfung kommen wird. Dann werden die Toten aus ihrem Schlaf auferweckt und mit einem neuen Leib versehen. Und man war überzeugt, dieser neue Leib sei mit dem alten so eng verbunden, dass auch das Übriggebliebene aus unserem irdischen Leben dazu verwendet würde.

Wir haben heute nicht mehr die gleichen Gepflogenheiten. Aber mfir ist die Frage geblieben: Was tun wir zur Vorbereitung der Ewigkeit? In dieser unserer Lebenszeit treffen wir Vorkehrungen, was mit uns danach geschehen wird. Jesus gibt dazu Anweisungen.

31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.
32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.
33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.
34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen:
35 so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen,
36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

Der rote Faden des Predigttextes ist das Wachen. Wenn Jesus über die Endzeit gesprochen hat, dann hat er oft zur Wachsamkeit aufgerufen, mit und ohne Gleichnis. Und im übrigen Neuen Testament wird dieser Aufruf fortgesetzt, besonders bei Paulus und in der Offenbarung. Das Wachen gehört zur Endzeit. Denn die Endzeit ist nicht voll berechenbar, sondern hat Überraschungsmomente.

Ich will daher anhand dieses Wortes dreifach untergliedern:
1. Wacht, denn seine Worte sind zuverlässig
2. Wacht, denn Zeit und Stunde sind unbekannt
3. Wacht, denn wir sollen uns im Dienst bewähren

1. Wacht, denn seine Worte sind zuverlässig

Worauf verlassen wir uns im Leben? Auf das, was wir aufgebaut haben? Auf die Stabilität politischer Zustände? Familie, gutes finanzielles Polster...?

Wer auf die falschen Werte baut, der hat andere Götter neben dem lebendigen und wahren Gott. Niemand sage, wir hätten heute keine Götzen mehr. Das, was uns Tag für Tag beschäftigt, wem unsere Phantasie hauptsächlich nachgeht, worüber wir uns mit Freunde oder Experten immer und immer wieder austauschen, das ist es, worauf wir unser Leben bauen. Von dem beziehen wir den Sinn unseres Lebens. Doch wir dürfen das Vorläufige und das Endgültige nicht verwechseln.

Nur eines hat Bestand: Die Worte Jesu! Darauf dürfen wir uns verlassen.

Eine Frau ist krank mit Krebs im Endstadium. Ich mache einen Besuch bei ihr. Wir sprechen lange und beten miteinander. Dann verabschiede ich mich und sage, dass ich sie vielleicht nicht mehr sehen werde. Sie verabschiedet sich auch, mit den Worten: "Auf Wiedersehen, beim Herrn!" Es ist eine Ruhe und ein Friede in dem Krankenzimmer.

2. Wacht, denn Zeit und Stunde sind unbekannt

Viele Menschen stecken heute eine große Mühe in die Schul- und Berufsausbildung. Das ist gewiss viel wert und es ist sinnvoll, wenn Eltern ihren Kindern eine ihrer Begabung entsprechende Ausbildung ermöglichen und wenn junge Menschen ihre Energie in ihre berufliche Grundlage legen. Sogar der Staat hat ein Interesse an einer guten Ausbildung und unterstützt es deshalb.

Können Sie sich vorstellen, dass man eine ähnliche Mühe in die Vorbereitung zum Sterben hineinsteckt? Wer nicht richtig sterben kann, kann auch nicht richtig leben.

Jesus sagt zwar, dass wir wachen sollen, weil die Zeit seiner Wiederkunft unbekannt ist. Aber für jeden ist die Stunde seines Todes gewissermaßen Endzeit. Danach wird er dem wiederkommenden Herrn begegnen.

Martin Luther schreibt in seinem Sermon von der Vorbereitung zum Sterben: "Erstens: Weil der Tod ein Abschied von dieser Welt und allen ihren Angelegenheiten ist, ist es not, dass der Mensch sein zeitlich Gut ordne,... dass nicht nach seinem Tod Ursache zu Zank, Hader oder sonst einem Irrtum unter seinen Hinterbliebenen bleibe. Das gehört zum äußeren Abschied von dieser Welt...

Zweitens: Man soll auch geistlich Abschied nehmen, das heißt, man vergebe freundlich und ehrlich um Gottes Willen allen Menschen, wo sie uns beleidigt haben, weiter begehre man Vergebung ehrlich um Gottes Willen und von allen Menschen, die wir zweifellos beleidigt haben, mindestens durch schlechtes Beispiel oder Nachlässigkeit in Wohltaten, die wir nach dem Gebot der brüderlichen, christlichen Liebe schuldig waren. Die Seele soll nicht mit irgendeiner irdischen Angelegenheit behaftet bleiben.

Drittens: Wenn man so von jedem auf Erden Urlaub genommen hat, soll man sich dann allein auf Gott hin ausrichten...

Es sind hier nur einige wichtige Gedanken vorgetragen, die eigentlich für Christen selbstverständlich sein sollten. Aber es ist gut, das wieder ins Gedächtnis und vor allem in die Praxis zurückzurufen, weil es nicht mehr allgemein üblich ist. Wir haben heute einen großen Abstand zu dem, was für Christen vergangener Generationen das Normalste von der Welt war. Unser Lebensgefühl ist sehr diesseitig geworden und deswegen auch so sinnentleert.

Viele Menschen wünschen sich ihren eigenen Tod, wenn man schon darüber nachdenkt, am liebsten so, dass er schnell kommen soll. Früher hielten die Menschen einen schnellen Tod für eine schlimme Sache. Sie haben sich gewünscht, und es war Ausdruck ihres Gebetes, dass der Tod nicht schnell oder unerwartet kommen solle, sondern dass man sich auf ihn mit Bewusstsein und sorgfältig vorbereiten könne. In unseren Gesangbuchliedern, und zwar in Morgenliedern, haben wir noch Verse, die das ausdrücken. Z.B. heißt es in dem Morgenlied "Aus meines Herzens Grunde" im dritten Vers: "Du wollest auch behüten mich gnädig diesen Tag vor s' Teufels List und Wüten, vor Sünden und vor Schmach, vor Feur- und Wassersnot, vor Armut und vor Schanden, vor Ketten und vor Banden, vor bösem, schnellem Tod."

Ein heute weit verbreitetes Missverständnis ist: Wir würden sowieso alle zum ewigen Leben kommen. Die hinduistische und buddhistische Vorstellung von der Seelenwanderung wird heute von vielen Menschen auch bei uns vertreten. Aber diese Lehre ist ganz und gar unverträglich mit der Bibel. Das Zentrum des christlichen Glaubens, die Erlösungstat Jesu am Kreuz und seine Auferstehung würden sinnlos, wenn man an eine Seelenwanderung glaubt. Für die Bibel ist es klar: "...den Menschen ist bestimmt, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen..." Das ewige Leben ist keineswegs ein Naturgesetz. Es wird nur dem geschenkt, der sein Leben mit Gott verbunden hat und der die Erlösungstat Jesu für sich anerkannt hat.

Der an Ostern durch verschlossene Türen ging, der wird, wenn ich im Sarg liegen werde, auch durch meinen verschlossenen Sarg hindurchgreifen und nach meiner Hand fassen. So sind wir verbunden durch ihn. Nicht, weil irgendetwas Engelartiges an uns sozusagen automatisch in den Himmel schwebte und dort zufällig auch Jesus träfe. Sondern nur die Verbindung zu ihm bringt mich zum ewigen Leben.

3. Wacht, denn wir sollen uns im Dienst bewähren

Jeder muss an der Stelle, an der er steht, sein Leben vor Gott bewähren. Wir sollen uns nicht erst dann bewähren, wenn wir die von uns als ideal erstrebte Lage in Familie, Beruf und Gesellschaft erreicht haben. Sondern Jesus will, dass wir uns in unserer gegenwärtigen Aufgabe bewähren. In dem Gleichnis hat der Chef seinen Untergebenen eine Aufgabe zugewiesen und dann gesagt, sie sollten wachen, d.h., sie sollten voll bei der Sache sein. So hat jeder von uns seinen Dienst zugewiesen, sei es in einem geistlichen oder weltlichen Amt, in Hauskreisen oder anderen Kreisen der Gemeinde, sei es im Beruf oder in der Familie. Jeder steht an seiner Stelle als Beauftragter und Beauftragte Gottes. Das gibt uns eine große Würde: Wir sind nicht aus Versehen auf der Welt. Es soll uns aber auch vor Überforderung bewahren, denn jeder dient mit der Gabe, die er bekommen hat.

Ich schließe ab mit einer kurzen Geschichte aus meiner Kindheit:

Für uns Kinder war der Sommer oft ausgefüllt mit dem Ernten von Beeren. Hoch über dem Tal hatten wir ein Grundstück mit Kirschbäumen. Unser Vater brachte uns Kinder mit dem Auto dorthin. Er lud die Leitern, die Körbe, Stricke und was man so alles brauchte, ab. Dann verließ er uns wieder, weil er andere Aufgaben zu tun hatte. In brütender Hitze ernteten wir die Kirschen, während viele andere Kinder ins Schwimmbad gegangen waren. Wir wussten, dass Vater im späten Nachmittag irgendwann kommen und uns holen würde. Dann durften wir auch noch ins Schwimmen gehen. Selbstverständlich wollten wir, unser Vater sollte uns bei getaner Arbeit antreffen. Nun hatte er ein recht lautes Fahrzeug: Ein altes Dreirad, Marke Goliath, Baujahr 49 oder 50. Man hörte es schon eine Zeitlang, während es die Serpentinen hochkeuchte, bis er dann endlich eintraf. Hörten wir aber das Geräusch, verließen wir den Baum und sammelten rasch die abgebrochenen Zweige zusammen, um sie am Stamm aufzuhäufen. Wir wussten, dass Vater es so wollte. Beim Mähen sollte man mit der Sense nicht in diese Zweige treffen. Ich habe den Sinn damals überhaupt nicht verstanden. Das war aber auch gar nicht so wichtig. Allein dass er es so wollte, reichte aus. Jedenfalls schafften wir mit glühendem Eifer, damit wir fertig waren, wenn er bei uns eintraf. Es sollte dann doch alles in Ordnung sein. Für mich ist das Erlebnis ein Gleichnis auf den wiederkommenden Herrn geworden.

Amen!

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