Jeremia 8, 4-7
Vor ein paar Tagen haben ich Reifenwechsel gemacht und die Winterreifen montiert. Aber ich hatte das richtige Werkzeug nicht zur Verfügung. Mein Radkreuz habe ich im letzten Jahr abgebrochen. Also habe ich mit dem Bordwerkzeug gearbeitet. Aber das war ziemlich schlecht. Damit habe ich eine Schraube kaputt gemacht.
Hinterher ist man klüger als vorher.
Die Frage ist: Warum sind wir nicht schon vorher klug? Müssen wir immer vorher schlechte Erfahrungen machen, um klüger zu werden? Eine Schraube lässt sich ersetzen. Doch wie ist's bei bedeutenden Sachen?
Das gehört zu den schlimmsten Tragödien von uns Menschen. Hinterher sind wir klüger. Erst hinterher! Irgendwie hat das System. Wie gut wäre es, vorher schon zu bedenken, was dabei herauskommt!
Haben nicht vor dem 1. Weltkrieg manche Leute gewarnt? Ja, das gab es. Aber man hat nicht auf sie gehört. Vor der kommunistischen Weltrevolution gab es auch Warnungen; vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten auch. Aber das Unglück musste jeweils vorbei sein, bis man eingesehen hat: Das war verkehrt!
Beispiele aus der jüngeren Geschichte erschüttern uns, weil wir den Ausgang kennen und weil wir auch mit den Ergebnissen leben müssen, mit den unzähligen Wunden, die noch nicht verheilt sind.
Was läuft eigentlich schief bei uns Menschen? Es ist zum Verzweifeln, es ist, als wären wir zur Blindheit verdammt. Wir haben Augen. Aber wir machen sie zu, wenn wir etwas nicht wahrhaben wollen.
In genau so eine Situation hinein spricht der heutige Predigttext. Die Zeit ist schon ziemlich lange her, mehr als 2½-tausend Jahre. Aber die Menschen sind in diesem Punkt nicht viel anders als heute.
4 Sprich zu ihnen: So spricht der Herr: Wo ist jemand, wenn er fällt, der nicht gern wieder aufstünde? Wo ist jemand, wenn er irregeht, der nicht gern wieder zurechtkäme?
5 Warum will denn dies Volk zu Jerusalem irregehen für und für? Sie halten so fest am falschen Gottesdienst, dass sie nicht umkehren wollen.
6 Ich sehe und höre, dass sie nicht die Wahrheit reden. Es gibt niemand, dem seine Bosheit leid wäre und der spräche: Was hab ich doch getan! Sie laufen alle ihren Lauf wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt.
7 Der Storch unter dem Himmel weiß seine Zeit, Turteltaube, Kranich und Schwalbe halten die Zeit ein, in der sie wiederkommen sollen; aber mein Volk will das Recht des Herrn nicht wissen.
Es war kein goldenes Zeitalter, sondern eine ziemlich turbulente Zeit damals zu Zeit des Propheten Jeremia. Einige Generationen vorher hatten die Assyrer den ganzen vorderen Orient erobert. Sie waren die absolute Weltmacht der damaligen Zeit.
In Assyrien wurden andere Götter verehrt als der lebendige Gott. Wahrsagerei war groß. Und die Astrologie blühte. Zum Kult gehörten viele Kinderopfer, man nannte das "seine Kinder durch's Feuer schicken". Das war damals so. Es war nicht wegen des Lebensstandards - ein Esser weniger. Das war der Kult, so wie man heute den Fernseher einschaltet, wenn ein Fußballspiel kommt. Bei weitem nicht so häufig, aber mit einem ähnlichen inneren Zwang. Man meinte, das den Göttern schuldig zu sein. Man meinte, uns geht's gut, wenn man Kinder opfert.
Auch Israel und Juda lagen unter der Knute dieser Weltherrschaft. Der judäische König von Jerusalem hieß damals Manasse. Er führte alle diese entsetzlichen Kulte ein, offenbar freiwillig in einer Art vorauseilendem Gehorsam. Auf jeden Fall war das politisch opportun. Damit erkaufte man sich mehr Wohlwollen von der assyrischen Besatzungsmacht. Im Tempel Gottes standen Götzenbilder. Es herrschte - eine Gottesfinsternis.
Aber dann drehte der Wind. Der König Josia, ein Enkel jenes traumatischen Greuel-Königs, führte in Jerusalem und Judäa eine Reformation durch (628 v.Chr). Man konnte wieder schnaufen. Er schaffte den Götzendienst ab. Man feierte wieder richtigen Gottesdienst. Bei Renovierungsarbeiten im Tempel fand man im Gerümpel das Gesetz Gottes. Der Götzendienst wurde abgeschafft und der lebendige und wahre Gott wieder verehrt, seine Feste wieder gefeiert.
Sagen wir ruhig: Es war eine Art Erweckungszeit. Doch das war es auch schon! Es blieb beim Äußeren. Die Erweckung währte nicht lang, sie wurde fast im Keim erstickt. Die Erneuerung ging nicht tief. Sie erreichte nicht die Herzen. Mit solchen heidnischen Herzen hat es Jeremia zu tun. Er lief Sturm gegen diesen Missbrauch der frommen Fassade. Euer ganzer Gottesdienst ist Lüge, sagt er. Wie könnt ihr sagen, hier ist des Herrn Tempel, und ihr übervorteilt die Schwachen, die Witwen und Waisen und die Fremden, ihr vergießt unschuldiges Blut, ihr seid Diebe, Mörder, Ehebrecher, und trotz eurem Gottesdienst dient ihr weiter den fremden und falschen Göttern. Selbst die Kinderopfer gingen weiter.
Die Leute konnten es nicht leiden, dass Jeremia ihnen sagte, ihr liegt schief. Ihr Lebensstil wurde angegriffen, ihr Gottesdienst am Feiertag und ihr Leben im Alltag. Keiner kann das leiden. Das Wort Umkehr wollten sie nicht hören. Sie verteidigten ihren Irrweg mit Zähnen und Klauen. Deswegen verfolgten sie den Propheten. Sie lauerten ihm auf, bis er irgend etwas Ungeschicktes machen würde und sie ihn anklagen könnten. Er wurde verleumdet. Durch den Dreck gezogen. Ins Gefängnis geworfen, schließlich in eine leere Zisterne in den Sumpf gesteckt.
Jeremia war Prophet im Widerstand. Als dann der damalige König Zedekia Jeremia zu der verworrenen Lage hören wollte, musste er es heimlich tun.
Doch es half nichts! Jeder hatte vor jedem Angst, selbst der König vor seinen Beratern. Das Unheil war nicht aufzuhalten. Das Unheil war hausgemacht.
- Wie gut, dass das alles so lange her ist!
Aber so viel anders sind die Menschen heute nicht. Es ist so schwer, gegen den Strom zu schwimmen.
Die Päpstin der Demoskopie in Deutschland und einstige Leiterin des Meinungsforschungsinstituts Allensbach am Bodensee, Elisabeth Noelle-Neumann, hat als Zusammenfassung ihres Lebenswerkes das Buch Die Schweigespirale geschrieben: Die meisten Menschen passen sich an und gehen mit der Mehrheit mit. Sie schweigen einfach. Vielleicht denken sie innerlich anders. Aber sie sagen nicht, was sie denken. Sie passen sich an. Sie tun das, weil sie sich vor der Isolation fürchten. Sie wollen nicht alleine dastehen mit ihrer Meinung. Das nennt sie die Schweigespirale. Aber nur, wer keine Angst hat, gegen den Strom zu schwimmen, kann etwas ändern. Nur wer die Isolationsangst überwindet, bewegt etwas.
Die Menschen schweigen zu dem, was nicht gut ist. Das war fast immer so. Wer die Hauptströmung der Gegenwart vertritt, ist stolz, dass er oben auf den Wellen schwimmt.
Es ist sehr heikel, von der Gegenwart zu reden. Wir müssen's dennoch tun.
Ein gesellschaftlich viel diskutiertes Thema ist die Kinderarmut. In einem Bericht des Kinderhilfswerks wird beschrieben: Vor etwa 40 Jahren sei in Deutschland nur jedes 75. Kind auf Sozialhilfe angewiesen gewesen. Heute lebe jedes 6. Kind von der staatlichen Fürsorge. Es ist relativ unwesentlich, wer die Untersuchung durchführt. Das Ergebnis stimmt in der Hauptsache überein. Die Medien und gesellschaftlichen Kräfte greifen es auf, und natürlich auch die Politik. Und es werden teilweise weitgehende Programme gefordert, dass das anders wird. Steuerpolitik, Sozialpolitik und Bildungspolitik sollen darauf reagieren. Man kann nicht alles darstellen. Vielleicht sind diese Forderungen richtig.
Aber dieses Problem lässt sich nicht mit Geld allein lösen. Aus christlicher Sicht wird der entscheidende Punkt normalerweise verschwiegen: Der Zerfall der Familie. Wer diesen Punkt zur Sprache bringt, wird in der Öffentlichkeit diffamiert. Aber nur wenn die Familie gestärkt wird, und ihr Aufbau gefördert wird, kann es hier besser werden. Das eigentliche Problem ist, dass die Kinder ihren eigenen Weg gehen müssen. Und sie brauchen doch ihre Eltern! Eltern, denen ihre Kinder wichtig sind. Natürlich gibt es auch weitere Gründe. Auch fehlende Integration von gesellschaftlichen Randgruppen spielen eine Rolle. Aber auch hier ist es nicht zuerst ein finanzielles Problem, sondern es liegt tiefer, nämlich im menschlichen Bereich. Wir Deutschen meinen, mit Geld ließe sich alles steuern und heilen.
Wir müssen tragfähiger werden. Wir müssen es aushalten lernen, dass nicht überall Harmonie herrscht. Aber wer große Ziele hat, ist zu Opfern bereit. Gott will eine Zukunft für unsere Gesellschaft. Wir müssen es als wichtiges Ziel Gottes sehen, einander zu stärken und aufzubauen.
Für uns als christliche Gemeinde bedeutet das: Wir müssen davon reden, wieder mehr Opfer füreinander in der Familie zu bringen, die Männer für ihre Frauen und die Frauen für ihre Männer, die Eltern für ihre Kinder usw. Nicht Beruf und Karriere ist das wichtigste Ziel für den irdischen Teil des Lebens, sondern die Familie.
Wo gibt es welche, die helfen? Christen können nicht tatenlos zusehen, wenn Menschen Hilfe brauchen. Nicht jeder hat die gleiche Aufgabe, es gibt auch anderes zu tun. Auch wer betet, ist wichtig; auch wer in die Mission geht, tut Gottes Willen. Auch die Treue im ganz Kleinen ist ein Segen. Man darf nicht das eine gegen das andere ausspielen. Aber als christliche Gemeinde müssen wir auch in den Nöten unserer Zeit helfen.
Jeremia hatte einst gesagt, euer formal richtiger Gottesdienst wird falsch, wenn ihr im Alltag Gottes Gebote missachtet. Das stimmt auch heute. Amen!