Micha 6, 6-8

4. November 2007 - Gottesdienst am Reformationsfest
Pfr. Dr. Karl Knauß

[Hammer zeigen]
So sah der Hammer damals sicher nicht aus. Aber einen Hammer soll er in der Hand gehabt haben, als der Mönch Martin Luther am 31. Oktober 1517 abends zur Kirche ging. Er wollte damit ein Stück Papier an die Kirchentür der Schloßkirche in Wittenberg nageln. Auf dem Papier standen 95 Thesen. So haben es viele in der Schule gelernt. Diese 95 Thesen waren nicht von Hand geschrieben, sondern gedruckt. Luther hatte sie vorher in einer Druckerei in Wittenberg drucken lassen. Kein spontaner Einfall also, sondern schon eine Weile vorher vorbereitet. Der Erzbischof von Mainz bekam ein Blatt und ein paar andere Leute auch. Eigentlich hatte er in der Universität Wittenberg zu einem Streitgespräch eingeladen. Aber als Luther hinging, war er der einzige Teilnehmer.

Ob alle Einzelheiten genau stimmen, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Aber mit diesem Datum wird der Beginn der Reformation verbunden.

"Wie muss ich denn mit Gott umgehen und wie geht er mit uns Menschen um?" Und: Wer ist Gott überhaupt? Das war die wesentliche Frage. Ist er ein unberechenbarer Tyrann, den niemand versteht? oder ist er ein schwacher Gott, mit dem wir machen können, was wir wollen? Man kann den Menschen damals nicht vorwerfen, dass sie Gott nicht ernst genommen hätten. Darüber haben sie sich die Köpfe heiß geredet. An vielen Stellen in Deutschland war das das Orts- und Stadtgespräch. Das hat viele auch noch nachts umgetrieben. Und das gehörte zu den Themen, die in einem Stadtrat verhandelt wurden.

Wir machen heute zu Recht einen immensen Aufwand, um evtl. Naturereignisse vorhersagen zu können, Erdbeben oder einen Tsunami, oder einen Vulkanausbruch. Wir machen auch einen großen Aufwand, um die Veränderungen des Klimas zu verstehen. Ich hätte bei diesen Untersuchungen gerne mitgemacht, wenn es für mich nicht noch viel wichtigere Dinge gäbe: Nämlich die Sache mit Gott. Dass wir wissen, wie wir mit Gott umgehen sollen, ist für uns von einschneidender Bedeutung.

6 "Womit soll ich mich dem Herrn nahen, mich beugen vor dem hohen Gott? Soll ich mich ihm mit Brandopfern nahen und mit einjährigen Kälbern?
7 Wird wohl der Herr Gefallen haben an viel tausend Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen für meine Übertretung geben, meines Leibes Frucht für meine Sünde?"
8 Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.

Eine Frau war ziemlich ratlos: "Ich kann das einfach nicht verstehen!" "Ich finde es ganz schlimm, einfach ungerecht. Wie sehr hat meine alte Mutter an Gott geglaubt, wie fromm ist sie gewesen! Jeden Sonntag war sie in der Kirche, jeden Tag hat sie gebetet, ihr Gesangbuch kann sie fast auswendig. Und trotzdem musste ihr jetzt das Bein abgenommen werden; und das noch in ihrem hohen Alter. Was will denn dieser Gott sonst noch alles haben, dass er einen Menschen ordentlich behandelt?"

Diese Geschichte kommt täglich 100mal vor. Wir verstehen manchmal Gott nicht. Es mag durchaus sein, dass wir meinen, alles recht gemacht zu haben, und Gott müsste eigentlich mit Dank und Anerkennung darauf antworten. Ist Gott etwa undankbar? Will er noch mehr?

Auch Christen können beinahe verzweifelt Gott fragen. Sie können Gottes Handeln tatsächlich nicht verstehen. Auch Menschen, die ihn vom Grunde ihres Herzens lieben wollen und ihm nachfolgen; Menschen, die es vor Gott eigentlich recht machen wollen.

Aber die Leute, die der Prophet Micha hier meint, sind von anderem Schlag. Ihnen ging es zwar schlecht. Doch sie waren sich sicher, dass sie daran nicht schuld waren. Hier pochen Menschen auf ein Recht, Gott gegenüber. Sie meinen, Gott müsse doch dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, er sei dazu verpflichtet; und das erst recht deswegen, weil sie doch auch immer zu ihm gehalten haben.

Kann man von Gott ein Recht einfordern, wenn es im eigenen Leben nicht stimmt? Komisch! Die sind bei allen Gottesdiensten dabei und halten alle Regeln im Gottesdienst ein. Aber auf der Straße und im Geschäftsleben ist's das krasse Gegenteil. Da halten sie die Regeln nicht ein! Zauberei und Götzendienst, Lüge und Betrug. Und das alles, obwohl ihr Gottesdienst nicht zu beanstanden war.

Wie reagiert Gott darauf?

Gott antwortet auf die Anschuldigungen der Menschen. Vielleicht ist es sogar außerordentlich missverständlich, was er erwartet. Hauptsächlich das rechte Verhalten im Alltag?

"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."

Wo bleibt der Glaube, wo bleibt die Liebe und das Vertrauen zu Gott?

Man muss es so verstehen:
Sonntag und Werktag sollen ihm gehören. Der Gottesdienst und der ganze Glaube werden wertlos, wenn es im Alltag nicht stimmt. Und deshalb liegt heute hier der Nachdruck drauf.

Gott geht es um ein Ganzes. Seine Antwort ist im Grunde ziemlich einfach. Er erwartet keine radikale Askese; etwa Disziplin beim Essen und Trinken, oder nur noch vegetarische Kost, nur noch einfache Kleidung, und ein Brett als Bett. Wenn Gott eine radikale Askese fordern würde, das würden viele sogar akzeptieren. Sie würden vielleicht sagen: Das ist wenigstens etwas, worauf man sich verlassen kann. Und viele Leute tun genau das sogar ohne Gott. Man kann auch nur um der Gesundheit willen bescheiden leben.

Doch genau das ist Gott zu wenig. Er will das Ganze, nicht nur einige kleine Bereiche im Leben. Sondern alles, das Geschäftsleben, Schule, Beruf, Familie, Sonntag, wie Werktag, alles soll von ihm her bestimmt sein.

Viele Menschen basteln sich heute ihren eigenen Glauben. Sie denken sich aus, wie Gott eigentlich sein müsste. Für die einen ist er ziemlich streng und radikal, für die anderen ist er eher sehr großzügig. Aber das sagt nicht viel über den wirklichen Gott. Es sagt viel mehr über das Innenleben dessen, der sich Gott ausgedacht hat. Der Großzügige baut sich einen großzügigen Gott, und der Pedant bastelt sich einen pedantischen Gott. Das dann Gott zu nennen, ist eigentlich eine Irreführung. Denn es handelt sich nur um menschliche Gedanken.

Der wirkliche Gott ist nicht ein Abbild unserer Vorstellungen. Wer ihn wirklich kennen will, muss ihn dort suchen, wo er sich selbst zu erkennen gegeben hat.

Darum war die Reformation auch eine Bibelbewegung. Wer den lebendigen Gott sucht, der muss ihn im geschriebenen Wort Gottes suchen. Dort hat er sich verbindlich zu erkennen gegeben.

Gott hat sich aber nicht nur in den Regeln und Geboten zu erkennen gegeben. Sondern seine Liebe zu uns zeigt sich auch in dem, wie er in seinem Sohn Jesus Christus mit uns umgegangen ist. Wir können unsere Sündhaftigkeit nicht einfach abstreifen, wie wir unsere Kleider aus- und neue anziehen. Er ist als unser Erlöser gekommen. Bei uns selbst bleibt ein großer Mangel. Niemand kann Gott so dienen, wie es eigentlich recht wäre.

Auch Perfektionisten müssen das anerkennen. Nicht dass wir den Willen Gottes erfüllen, macht uns vor ihm gerecht. Sondern Gott sei Dank: Er hat uns von allen unseren Sünden befreit, damit wir als Erlöste in Freude und Dankbarkeit seinen Willen suchen und erfüllen können. Amen.

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