Johannes 15, 9-17
Die letzten Tage des irdischen Jesus werden in allen vier Evangelien am ausführlichsten beschrieben. Je näher es auf die Kreuzigung zugeht, desto mehr berichten sie. Der Evangelist Johannes bringt aus dieser Zeit besonders die Worte und Reden Jesu, was meist mit "Abschiedsreden Jesu" bezeichnet wird. Da will Jesus seinen Jüngern und der späteren Gemeinde sagen, was sie auf gar keinen Fall vergessen dürfen.
Diese Worte haben deshalb ihr ganz besonderes Gewicht. Man muss sie auf die Goldwaage legen. Hier geht es um Kernstücke des Glaubens; auf Neudeutsch Essentials. Vielleicht müssen wir diese Worte Jesu immer wieder durchlesen und ständig wiederholen, so wie Erstklässler das Einmaleins wiederholen müssen, bis es tief ins Unterbewusstsein eingegangen ist.
9 Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe!
10 Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.
11 Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.
12 Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.
13 Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.
15 Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er's euch gebe.
17 Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.
Heute soll es also um das Thema Liebe gehen. Die meisten schalten dabei: Liebe, das hat was mit Partnerschaft, Erotik, Sexualität zu tun. Das Wort kann aber sehr vieles bedeuten.
Stellen Sie sich vor, wir würden alles, was Räder hat, mit Auto bezeichnen. Omnibus, Lastwagen, Kutsche, Anhänger, Motorrad - und Flugzeug. Aber wir haben zum Glück unterschiedliche Begriffe.
In den biblischen Sprachen hat man für Liebe mehr Wörter zur Verfügung, vor allem in Griechischen, in dem uns ja auch das Neue Testament überliefert ist. Das hier in diesem Zusammenhang am häufigsten gebrauchte Wort ist Agape. Das war im heidnischen Griechisch so gut wie gar nicht benützt wurde. D.h. es wurde erst durch die Christen bekannt, (und auch durch die Übersetzung des Alten Testaments ins Griechische.)
Liebe war etwas völlig Neues, eine ganz andere Dimension; so wie die Raumfahrt eben doch etwas anderes ist als das Fliegen von einem Land zum anderen.
Was bedeutet dann Liebe in der Bibel, vor allem im Neuen Testament?
Auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot hat Jesus einmal gesagt, dass in der Liebe das ganze Gesetz und die Propheten zusammengefasst sind, nämlich in dem Doppelgebot der Liebe: "Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, von ganzem Herzen... und deinen Nächsten, wie dich selbst." (Matth. 22, 37-39). Wenn man sich das in einem Bild vorstellen möchte: Die Liebe ist wie ein Seil, an dem alles hängt, das ganze Leben, der ganze Glaube, unser Verhältnis zu Gott und unser Verhältnis zu den Mitmenschen. Nimmt man die Liebe weg, dann kracht alles in sich zusammen. Dann stürzt alles herunter und ist kaputt. Aber an der Liebe ist alles befestigt. Und sie kommt von oben.
Die beiden Gebote kommen ja im Alten Testament vor. Sie gehören nicht zu den 10 Geboten. Aber diese beiden Gebote tragen das ganze Gewicht. Ohne sie kann man nicht leben, ohne sie ist auch das Verhältnis zu Gott nicht das, was es sein soll. Wenn Liebe so wichtig ist, dann muss es täglich unser Gebet sein: Herr, gib mir, gib uns diese Liebe. Wir brauchen sie mehr als alles andere.
Nicht umsonst hat auch Paulus die Liebe als die größte Gabe hervorgehoben. Im 1. Korintherbrief hat er ja viel über die Gaben geschrieben, die in der Gemeinde vorhanden sind. Schaut man diese Gaben an, dann würden sich wahrscheinlich viele eine davon wählen und sagen: Die ist am wichtigsten, eine gute Organisationsgabe ist das Wichtigste, oder eine gute Rednergabe, oder Heilungsgaben. Sie werden von Paulus nicht abgewertet. Aber er sagt doch: Mehr als alle Gaben ist die Liebe. Sie wird sogar in der Ewigkeit noch da sein.
Fassen wir das zusammen, dann hat die Liebe eine Schlüsselfunktion zum ganzen Glauben und zum ganzen irdischen Leben ist, dann brauchen wir sie dringend, immer wieder neu.
Natürlich ist diese Liebe nicht nur ein Gefühl. Aber auch nicht nur ein Handeln oder ein Wollen.
Die Liebe, die Jesus meint, bringt dem, der sich an sie hält, nicht viel. Wir kalkulieren sie deshalb in Erfolgsrechnungen nicht ein. Bei betriebswirtschaftlichen Überlegungen bleibt sie meist außer acht. Man kriegt mit ihr nicht mehr Geld aufs Konto. Vielleicht kostet sie sogar noch etwas. Man kann auch kein Examen mit ihr bestehen. Und doch baut Jesus auf sie seine Gemeinde.
Was haben die Gemeinden und Kirchen im Lauf ihrer Geschichte damit angefangen? - Im Grunde war die Liebe immer wieder gefährdet. Es gibt große Zeugnisse über sie, und dann geht sie wieder unter im menschlichen Streit. Trotz vieler Anfeindungen und Bedrängnisse hieß es von den Christen im römischen Reich: "Seht, wie haben sie einander so lieb!" Das machte sie glaubwürdig. Sie konnten vergeben, wo man ihnen Unrecht tat. Sie schlugen nicht mit den gleichen Mitteln zurück, mit denen man sie bedrängte. Und doch haben sie sich damals auch um den richtigen Glauben gestritten, nicht immer nur mit reinem Herzen, sondern es gab auch viel Rechthaberei.
Niemals hat sich die Liebe, wie Jesus sie verkündete, auf breiter Front durchgesetzt. Während sie oft in kleinen Gemeinschaften und Gruppen, in Klöstern und Kommunitäten gelebt wurde und missionarische Kraft entfaltete, hat man in der großen Linie allzu oft auf andere Kräfte gesetzt. Zunächst auf eine gut organisierte Leitungsstruktur, später auf Macht und Wissenschaft. Aber durch Hierarchie und Macht oder Wissenschaft konnte man die Gemeinde sichern, auch nicht durch Demokratie und Beteiligung aller. Es ist falsch, zu meinen: Wenn wir nur die von uns favorisierte Struktur gut durchhalten, dann geht in der Gemeinde oder Kirche alles in Ordnung.
Fast muss man sagen, dass es gleichgültig ist, welche Struktur man hat. Wenn Liebe dabei ist, dann wird sie recht.
Wir müssen immer wieder neu mit der Liebe anfangen; neu bei Jesus lernen, immer wieder neu seine Jünger sein. Jesus spricht nicht von der Liebe an sich. Sondern die Liebe ist hier immer an Jesus bzw. Gott gebunden. Sie wird durch ihn definiert und durch ihn vorgelebt.
Liebe bedeutet die Verbindung mit ihm. Sie bedeutet auch das Gebet. Er will, dass wir Frucht bringen. Und wir bitten ihn darum. Und zwar nicht so, dass unsere Wünsche erfüllt werden, sondern so, dass wir seinen Willen erkennen und ihn um das bitten, was von ihm kommt. Er möchte dass die Frucht auch bleibt, er will keine Strohfeuer.
Zu seiner Liebe gehört, dass man seine Gebote hält. Jesus vergleicht das damit, dass auch er die Gebote seines Vaters hält und damit in seiner Liebe bleibt. Man fragt verwundert: Welche Gebote hat denn Jesus von seinem Vater bekommen? - Am deutlichsten ist sein Gebetskampf im Garten Gethsemane, der ihm ja noch bevorsteht: Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte er den Weg zum Kreuz gerne vermieden. Und darum ringt er mit seinem Vater im Gebet, ob das denn wirklich sein muss. Doch er stellt seinen eigenen Wunsch zurück und erfüllt den Willen seines Vaters. Er ist bereit zum Opfer am Kreuz. Durch seine Hingabe ist er mit seinem Vater verbunden. In der Liebe erfüllt er den Willen seines Vaters. So erlöst er auch uns, seine Gemeinde. Wir gehören zu ihm nur wegen seiner hingebenden Liebe.
Man kann beim Gehorsam Jesu seinem Vater gegenüber auch an die zurückliegende Zeit denken: Jesus hat in seinem Reden und in seinem Handeln den Menschen Gott vorgestellt und seinen Willen bekanntgemacht. So sagt er es im Hohenpriesterlichen Gebet. Jesus hat den Menschen bekanntgegeben, dass er vom Vater ausgegangen ist. Und das haben die Menschen angenommen. Es war der Wille Gottes, dass Jesus das sagt. An dieser Stelle hat Jesus gehorcht. Der schwäbische Ausdruck ist eigentlich deutlicher. Jesus hat seinem Vater gefolgt. Er hat den Menschen vieles gesagt, was ihnen überhaupt nicht eingängig war. Im Johannesevangelium wird das am meisten geschildert, indem Jesus seine Herkunft von oben her bezeugt. Das bringt ihm die heftigste Gegnerschaft ein und führt schließlich zu seinem Tod. Dass er ein Rabbi wäre, das hätte man noch durchgehen lassen. Aber dass er sich als Sohn Gottes bezeichnete, das brachte ihm die erbitterte Feindschaft. So hat Jesus seine Liebe zu seinem Vater gezeigt.
Dass Jesus den unangenehmen Dingen nicht ausweicht, zeigt sich auch schon bei der Versuchung durch den Teufel: Jesus hat sich nicht von dem Weg Gottes abbringen lassen. Die Versuchungen waren im Grunde eine Verlockung zu einer Abkürzung des schwierigen Weges Gottes. Geht der Weg der Erlösung nicht einfacher, nicht mit weniger Aufwand und geringeren Schmerzen? Jesus ist dem Teufel nicht gefolgt, sondern hat den Willen seines Vaters erfüllt.
Wir sollen die Liebe an Jesus lernen, wie er seinem Vater folgt.
Wenn nun auch wir seine Gebote halten sollen: Wir sollen das weitergeben, was er will. Auch wenn es uns den Widerstand der Menschen kostet. Seine Gebote, dazu wird später auch der Missionsbefehl gehören. Und für nicht wenige bedeutete es, ihm die Treue zu halten bis zum Märtyrertod.
Liebe will nicht selber groß sein und gewinnen, sondern lebt von Verlusten (niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde).
Er nennt die Jünger seine Freunde. Unter Menschen ist die Freundschaft eine gegenseitige Wahl. Da handelt es sich bei Freunden um gleichberechtigte Partner. Aber bei Jesus ist es anders. Wir gehören zu ihm, weil er uns erwählt hat und weil er alles für uns getan hat. Wir gehören auch zu ihm, weil er uns seinen Willen mitgeteilt hat.
Zusammenfassung: Wir sollen in der Liebe leben. Das können wir nur, weil wir von seiner Liebe leben und die Liebe von ihm abschauen. Wenn wir wissen wollen, was Liebe ist, dann sollen wir auf ihn schauen. Amen.