Markus 2, 23-28

21. Oktober 2007 - Gottesdienst am 20. Sonntag n. Trin.
Pfr. Dr. Karl Knauß

Heute geht es um den Feiertag. Der Sonntag ist bei uns bedroht: Durch wirtschaftliche Interessen und ökonomische Sachzwänge, durch individuelles Freiheitsbedürfnis, vielleicht auch noch durch anderes.

Zur Zeit Jesu war der Sabbat dieser Feiertag. Viele meinen, damals war die Welt noch in Ordnung. - Der Sabbat war damals auch bedroht; aber diese Bedrohung war ganz anderer Art als heute. Das beschreibt der Predigttext (Markus 2, 23-28):

23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch ein Kornfeld ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.
24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?
25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er in Not war und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:
26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit Abjatars, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?
27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
28 So ist der Menschensohn ein Herr auch über den Sabbat.

Der Sabbat war zur Zeit Jesu ein Schlüssel-Gebot, das im Grunde über allen anderen Geboten stand. Es ist uns heute schwer zu erklären, warum. Aber es war so. Denn im Sabbat feiert man, dass Gott das Werk seiner Schöpfung vollendet hat und am siebten Tag ruhte. Und so lässt man sich am Sabbat in die Welt Gottes mit hineinnehmen. Am Anfang soll deshalb ein Lob auf den Sabbat und Sonntag stehen.

Für uns ist der Feiertag ja der Sonntag. Da feiern wir den Anbruch der neuen Schöpfung. Wir feiern die Auferstehung Jesu. Und wir haben deshalb eigentlich noch mehr Grund, den Feiertag als Geschenk aus Gottes Hand zu nehmen. So haben es schon die Christen der ersten Generation gehalten. Der Sonntag bedeutet nicht nur den Abschluss und Höhepunkt der jetzigen Schöpfung, sondern wir feiern die kommende Welt Gottes, ein Stück vorweggenommenes Reich Gottes.

Was der Mensch tut, das tut er als Ebenbild Gottes. Unsere Bestimmung ist, Ebenbild Gottes zu sein. So heißt es schon im Schöpfungsbericht. Im Neuen Testament wird das mehrfach aufgegriffen. Wir werden aufgefordert, den neuen Menschen, d.h. Christus anzuziehen, und damit in das Bild Gottes verwandelt zu werden. Wer sich nun von Gott entfremdet, wird seiner Bestimmung nicht gerecht. Unsere Bestimmung liegt also darin, Gott näher zu kommen, indem er uns in sein Bild umgestaltet. Im Licht der Bibel ist unser Arbeiten ein Nachahmen des Schöpfers, und das Ruhen auch. Im Ruhen vollendet sich das Schöpfungswerk Gottes. Der Höhepunkt seines Werkes beruht also nicht darauf, dass er immer weiter macht, sondern dass er aufhört.

Der Mensch als Gestalter seines Lebens und der Gesellschaft hat sein Ziel im Aufhören. Das Aufhören und feiern ist der Höhepunkt des Lebens. Wir verzichten darum am 7. Tag auf Erwerbsarbeit und auf die Anhäufung von Gewinn. Das Feiern des Sabbats bzw. Sonntags bedeutet, wir Menschen sind mehr als das Produkt unseres Schaffens. Wir leben von dem, was Gott uns an seinen Gaben bereitet hat. Das ist mehr als das Zeithaben fürs Wandern und Fernsehen. Wandern und Fernsehen sind nicht verboten. Aber der Sinn des Feiertags ist mehr. Wir sind herausgenommen aus dem Sorgen für das Lebensnotwendige, heraus aus der Tretmühle, wir sind hineingestellt in die Freude und Freiheit der Kinder Gottes.

Letztlich geht es beim Sonntag auch darum: Was ist eigentlich der Sinn des Lebens? Wofür leben wir denn?

Die Pharisäer verstehen den Angriff Jesu auf das Sabbatgebot als einen Angriff auf die Ordnung Gottes überhaupt, nicht nur auf ein einzelnes Gebot. Auch Jesus hat es in seiner Antwort verallgemeinert. Wir nehmen es deshalb ebenfalls sehr grundsätzlich; gar nicht nur auf das dritte Gebot bezogen, sondern auf alle Gebote und Ordnungen Gottes. Was haben sie für einen Sinn? Wer kann über diese Ordnungen verfügen, und für wen sind sie eigentlich da?

Dieser erste Teil war also ein Lob auf den Sabbat bzw. Sonntag. Die Größe des Feiertags zu beschreiben schien mir als Hintergrund für den Streit zwischen Jesus und den Pharisäern sinnvoll.

Jetzt komme ich mehr zum Inhalt des Predigttextes.

In der Antwort Jesu ist eine Steigerung. Es geht von unten nach oben, aus unseren menschlichen Niederungen in die Welt Gottes. Ich möchte diese Steigerung im folgenden mitgehen:

Die gute Ordnung Gottes:
1. Not kann sie durchbrechen
2. Sie soll dem Menschen dienen
3. Der Herr will sie überbieten

1. Die gute Ordnung Gottes: Not kann sie durchbrechen
Die Jünger tun nichts Unrechtes. Sie stillen ihren Hunger mit den Körnern aus einem reifen Kornfeld. Mundraub war ausdrücklich erlaubt und nicht verboten. Aber nach Meinung der Pharisäer tun es die Jünger zum falschen Zeitpunkt.

Wie groß die Not bei den Jüngern war, ist nicht wichtig. Sie wären wahrscheinlich nicht verhungert, wenn sie mit dem Essen noch eine Weile gewartet hätten. Aber Jesus hat ihnen nicht gewehrt. Er war ihr Herr und Meister. Und deshalb machen die Pharisäer ihn für das verantwortlich, was seine Jünger tun. Jesus stellt sich dem: Ja, er ist dafür verantwortlich!

Er zeigt zunächst die Grenzen der Ordnungen, nicht nur der menschlichen, sondern sogar der Ordnungen Gottes. Selbst der große König David hat das Überleben für wichtiger gehalten als die buchstäbliche Einhaltung eines Gebotes. David hatte nach dem gegriffen, was zum Eigentum Gottes gehörte. Die Schaubrote waren eigentlich für Gott da. Sie waren eine Opfergabe. Und nur, nachdem neue aufgelegt waren, durften die Priester die alten und nicht mehr frisch duftenden Brote essen.

Jesus ist vordergründig zunächst in einem ethischen Konflikt. Da stehen zwei Werte gegeneinander. Normalerweise sollten beide Werte eingehalten werden. Aber in dem Konflikt geht das nicht. Es muss entschieden werden, welcher Wert wichtiger ist. Das Leben wäre sehr einfach, wenn es keine ethischen Konflikte gäbe. Aber in Wirklichkeit begegnen sie uns oft.

Z.B. im Straßenverkehr: Ich bin auf der Autobahn in einen Stau geraten. Und dabei muss ich doch zu einer bestimmten Zeit irgendwo sein. Darf ich nun schneller fahren als erlaubt, oder muss ich mich verspäten?

Viele Menschen kommen regelmäßig in ethische Konflikte, vor allem in bestimmten Berufen oder Ämtern. Darf man in der Not lügen?

Der erste Bundeskanzler Adenauers hat zu den Notlügen in der Politik gesagt: Notlügen gibt es nicht. Man ist immer in Not. Also müsste man immer lügen.

In einem ethischen Konflikt heißt das: Adenauer hat die Wahrheit für den höheren und wichtigeren Wert gehalten als einen kurzfristigen Erfolg. Dahinter steht sicher eine feste Vorstellung einer Hierarchie der Werte.

Jesus hat an anderen Stellen durchaus auch wichtigere und unwichtigere Gebote unterschieden. Aber zum Sabbatgebot gibt er eigentlich eine sehr gefährliche Antwort. In der Not können selbst gute Ordnungen Gottes durchbrochen werden, aber nur dann, wenn man dem Sinn der Gebote folgt.

2. Die gute Ordnung Gottes: Sie soll dem Menschen dienen
Jesus sagt vereinfacht: Der Mensch hat Vorrang vor dem Wortlaut der Gebote. Oder anders gedacht, man muss die Gebote so auslegen, dass sie dem Menschen dienen, und nicht, dass der Mensch den Geboten nur um der Gebote willen dienen muss.

Wir dürfen und können nicht sagen, Jesus habe die Strenge der Gebote halt etwas abgeschwächt. Wir wissen aus der Bergpredigt, dass er sie dort sogar noch verschärft hat. Jesus hat auch nicht gesagt, der Mensch sei das Maß aller Dinge. Der Sabbat oder Feiertag hat weiterhin sein Recht.

Jesus hat nicht gesagt und nicht gemeint, dass man nur das tun solle, was man einsieht. Viele Gebote gelten auch gegen die Einsicht von einzelnen Menschen. Sonst müsste man ja jeweils über die Gültigkeit von Geboten erst noch abstimmen. Jesus kämpft nicht für eine Auflösung der Gebote, sondern dagegen, dass sich die Gebote zu Feinden der Menschen machen, die Leben zerstören, statt es zu ermöglichen.

3. Die gute Ordnung Gottes: Der Herr will sie überbieten
Wo Jesus anwesend ist, da ist das Reich Gottes mitten unter uns. Wir sind nicht die Herren über Gebote und Ordnungen Gottes, sondern er, unser Herr.

Jesus sagt es sehr einfach: Der Menschensohn ist ein Herr auch über den Sabbat.

Unser Leben findet seinen Sinn nicht in unserer Selbstverwirklichung, sondern dass wir in das Bild Gottes umgestaltet werden. Damit komme ich wieder auf das anfangs Gesagte zurück. Paulus drückt es so aus, dass wir dieses Bild Gottes empfangen, indem wir Christus anziehen. Da wird unser Wille weniger wichtig und sein Wille wird groß. Da stellen wir nicht mehr uns in den Mittelpunkt, sondern ihn.

In unserem irdischen Leben können wir das nicht vollkommen. Aber wenn er in seiner Herrlichkeit sein Reich aufrichtet, dann hört unsere Begrenzung auf. Dann werden wir ihn sehen, wie er ist, von Angesicht zu Angesicht. Da werden wir ihn auch lieben, wie wir es hier nicht können. Hier auf dieser Erde, da brauchen wir noch Gebote, weil wir nicht lieben können, wie wir sollen, und weil wir auch nicht so glauben können, wie wir sollen. Wenn wir aber in der Vollendung sind, dann wird die Liebe mehr sein als die Gebote.

Indem Jesus damals die Gebote manchmal eingeschränkt hat, nahm er ein Stück von dieser Endvollendung vorweg und wies hin auf seine ewige Herrschaft. Jesus zeigt: Er ist der Herr, jetzt schon für seine Gemeinde, aber er ist auch der Herr der kommenden Welt. Amen!

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