1. Mose 12, 1-3

14. Oktober 2007
Pfr. Heiko Bräuning

Es ist zum Mäusemelken. Meine Frau kann zu Hause das beste Essen zaubern. Wenn Möhren drin sind, pickt sich meine Tochter nur die Möhren raus. Bei meinem Sohn ist es so ähnlich. Wenn er irgendwo Mais drin sieht, muss der Mais rausgepickt werden. Auch wenn Rauspicken eine Unart ist, ermutige ich sie heute ausnahmsweise dazu. sich aus der abrahamitischen Berufungsgeschichte einen Aspekt rauszupicken.

Predigttext: 1. Mose 12, 1-3

Sie dürfen sich den Aspekt des Segen rauspicken. Das andere geht uns quasi nichts an, weil es an Abraham gerichtet ist: den Aspekt „zum großen Volk werden“, oder „einen großen Namen bekommen“. Warum ist es erlaubt, sich den Segen rauszupicken? Erklärt Paulus im Galaterbrief: „So werden nun die, die aus dem Glauben sind, gesegnet mit dem gläubigen Abraham.“ (Galater 3, 9) Warum wurde Abraham gesegnet? Weil er laut Römer 4 „aufs allergewisseste wusste: was Gott verheißt, das kann er auch tun“. Und das ist verwunderlich, denn laut Josua 24,2 war die Familie Abrahams eine, die – wie es Johannes Calvin formulierte, im Schlamm des Götzendienstes versunken. Luther nennt ihn vor seiner Berufung einen Abgöttischen und Götzendiener. Das heißt, nachdem er Gottes Wort gehört hat, vertraut er, obwohl er von Gott noch nichts weiß. Weder positive, noch negative Gotteserfahrungen gemacht hat. Er vertraut ihm. Dieses bedingungslose Gottvertrauen rechnet Gott ihm hoch an, ja er rechnet es ihm sogar zur Gerechtigkeit an, was soviel heißt wie: das ist ein absolut rechter Mensch aus der Sicht Gottes, zudem Gott ein ganzes Ja hat. Aus einem völlig unbedingten, ungebildeten, ungeformten Glauben, aus einem ganz ursprünglichen, unentwickelten Glauben an Gott, kommt Abraham alle mögliche Ehre und Wertschätzung, Reichtum und große Nachkommenschaft zu und empfängt eben den Segen. Den Segen, von dem Paulus sagt: alle nun, die aus Glauben sind, werden mit dem gläubigen Abraham gesegnet.“ Deshalb ist es völlig anständig und legitim, sich diesen abrahamitischen Segen aus dem Text zu picken.

Sie fragen zurecht: Wäre es nicht aber viel interessanter, sich die anderen Rosinen aus dem Text zu picken? Also: „ich will dich zum großen Volk machen…“, „will dir einen großen Namen machen“ usw.

Dazu muss man wissen, was Segen, gesegnet sein, zum Segen werden, eigentlich ist. Und da gibt’s viele Missverständnisse. Missverständnisse, die zu völlig falschen Erwartungen führen. Die aufgrund völlig falscher Vorstellungen beruhen. Missverständnisse können verhängnisvoll sein. Gerade letzte Woche habe ich so ein Missverständnis mitbekomment: Wir bieten in den Zieglerschen Anstalten seit kurzem im Rahmen von unseren MA-Gottesdiensten an allen unseren Standorten auch liturgische Nachtwanderungen an. Als sich eine Mitarbeiterin zu Hause von ihrem Mann verabschiedete, um an einer solchen liturgischen Nachwanderung teilzunehmen, war der völlig begeistert und sagte zu ihr: „toll, das ihr auch was für eure türkischen Mitarbeiter tut. Er verstand unter einer litürkischen Nachwanderung eine Döner-Buden-Rundwanderung mit Fackeln und scharf mit allem. Aber das war ein Missverständnis. Auch die Mitarbeiterin war possitiv überrascht, was eine liturgische Nachtwanderung eigentlich ist.

Damit es in Sachen Segen nicht zu Missverständnissen kommt, sei folgendes gesagt: Segen ist nicht materieller Wohlstand. In Sachen Abraham heißt es in der Apostelgeschichte: „er gab ihm kein Eigentum darin, auch nicht einen Fuß breit.“ Obwohl Gott ihm das Land verheißen hat, hat er nichts persönlich gehabt. Obwohl er ihm große Nachkommenschaft versprochen hat, hat er es gerade mal auf einen eigenen Sohn gebracht (abgesehen von denen, die von seinen Nebenfrauen dazu kamen), auf den letzten Drücker.

Segen ist heißt auch nicht problemlos, sorglos, arglos. Schauen sie sich Abrahams Biographie an: Stress mit dem Pharao in Ägypten wegen seinem schönen Weib. Zoff in der Familie, mit Lot, der nachher in der Trennung endete. 25 Jahre lang ohne Nachkommen, obwohl es ihm Gott versprochen hatte. Und am Ende stirbt er wie jeder Mensch, nur ein bisschen älter: 175 Jahre alt.

Was also ist Segen? Segen, so formulieren es die AT´ler Jenni/Westermann in ihrem theologischen Handwörterbuch: ist eine Art „virtuelle Heilszone“. (wikipedia: „Als virtuell gilt die Eigenschaft einer Sache, die nicht in der Form existiert, in der sie zu wirken scheint, aber in ihrem Wesen und ihrer Wirkung einer real existierenden Sache gleichartig ist.“) Wenn Sie sich virtuell erklären lassen, wird man ihnen sofort einen Begriff an den Kopf werfen: Internet. Das beste Beispiel einer virtuellen Zone/ Welt ist das Internet. Allerdings ist das nicht unbedingt eine virtuelle Heilszone. Vielleicht darf man den Segen tatsächlich als die virtuelle Heilszone, das Internet Gottes bezeichnen. Nachdem 90 % der Deutschen Internetzugang haben, dürfte sich jeder unter dieser Umschreibung etwas vorstellen können. Segen als göttliches Internet, als das wörtlich übersetzt „Verbundnetz“. Das Verbundnetz zwischen Gott und Mensch, um Daten auszutauschen, die überlebensnotwendig sind, die lebenstüchtig machen und lebenstauglich sind. Das „miteinander verbunden“ sein zwischen meiner Geschichte und der großen Welt- und Heilsgeschichte. Wer gesegnet ist, hat Zugang zur Heilswelt und Heilsgeschichte Gottes. Wer zum Segen gesetzt wird, ist selber ein wesentliches Element, ein Verbindungsteil im Netzwerk Gottes. Wenn wir Sie heute segnen, stellen wir Sie mitten hinein in die virtuelle Heilszone Gottes. Sie werden nicht unbedingt gleich etwas davon erleben. Wie bei Abraham sind er erst Generationen später, die merken, wie gesegnet Abraham war. Wie Gott alle Versprechen und Verheißungen war gemacht hat. Aber stellen Sie sich das vor: alles was sie tun, ist eingefügt in das große Netzwerk Gottes. Wird an Stellen, wo es keiner glaubt und für möglich hält, anderen Menschen, ohne unser Wissen zu überlebenswichtigen Informationen, Daten, Anstößen, Impulsen werden. Und sie selber haben als Gesegneter Zugang zu allen wichtigen Daten und Fakten für das Leben. Die sie jederzeit und von jedermann abrufen und zugesprochen bekommen können.

Wer von Segen spricht, muss auch wissen, was das nicht gesegnet sein heißt, sprich: was das Gegenteil von Segen ist. Die Bibel nennt das „qll“. Hört sich etwas schöner an, als die deutsche Übersetzung, „Fluch“. qll ist die Alternative zu Segen. „Siehe, ich lege euch heute vore den Segen und den Fluch.“

qalal heißt im hebräischen eigentlich „leicht sein“. Im Sinne von schnell, flüchtig sein. Auch im Sinne von unbedeutend, geringfügig, bedeutungslos. Fluch ist etwas, das sich für wichtig hält, und doch unserem Leben letzten Endes keine Spanne zusetzen kann, egal wie intensiv man sich auch darum sorgt. (Zitat Jesus aus Matthäus 6)

Davon hat Segen nichts an sich. Gesegnetes ist nie oberflächlich, unbedeutend, vergänglich. Wird nie als zu leicht empfunden und als unbedeutend erlebt. Allerdings fällt die gesegnete Person fällt auch nie selber ins Gewicht. Sie lebt natürlich auch von Anerkennung, Ruhm und Ehre. Aber wer gesegnet ist, muss diese Anerkennung, muss Ruhm und Ehre nicht aufgrund von Spitzenleistungen hervorbringen, sondern hat sie aufgrund der gesegneten Persönlichkeit. Gesegnete sind von Gott bedingungslos wertgeschätzt und unbedingt geliebt.

Ein Mensch, der sich in der unheilvollen Zone des Fluches aufhält, muss sich immer wieder über sein „Gewicht“ Gedanken machen (Gewicht meint im biblischen „Ehre, Ruhm, Wert“.) Wer sich als qll „zu leicht“ empfindet, der leidet früher oder später unter Bedeutungslosigkeit. Der Fluch der Leichtigkeit, des zu leicht seins, ist ein Fluch, der uns immer in die verfluchte Spirale der Selbstgerechtigkeit, der Selbstbehauptung, der Selbstverwirklichung führt. Gott sei Dank, sagt Paulus, hat uns Christus von diesem Fluch prinzipiell befreit! Wandlung von Fluch zu Segen ist sogar möglich, 5. Mose 23, 6.

Das dürfen Sie sich zu ihrem Recht, zu ihren Gunsten rauspicken! Den Segen: das dürfen Sie ganz für sich persönlich nehmen.

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