Matthäus 6, 19-23
Unser Altar ist wieder einmal mit Erntegaben geschmückt. Wir freuen uns daran.
Was ist eigentlich der Sinn des Erntedankfestes?
Für Landwirte ist die Frage nicht sehr schwer. Wir danken Gott für das, was in diesem Jahr gewachsen ist. Danke, dass wir überhaupt etwas zu essen haben, auch wenn es nicht bei uns, sondern anderswo wächst. Denn es geht nicht nur darum, ob sich die Arbeit gelohnt hat, ob wir eine ausreichende Ernte bekommen haben für unsere Mühe. Sondern es geht ums Überleben. Der Sinn des Erntedankfestes ist ein Dank für unser Leben.
Wer nicht von der Landwirtschaft lebt oder hier sein Haupteinkommen hat, der lebt trotzdem von Lebensmitteln. Die meisten Menschen kaufen ihre Lebensmittel im Laden. Aber grundsätzlich ist es nicht anders als bei Landwirten. Wir essen Lebensmittel. Wir essen kein Papier, oder Steine oder Computer. Wir essen nicht unserer Hände Werk, sondern das, was Gott uns schenkt, indem er es wachsen lässt. Wir essen, was Gott uns schenkt, ob wir's aus dem Laden kaufen oder aus der eigenen Vorratshaltung im Keller holen. Das bringt Landwirte und Menschen aus anderen Lebensbereichen in die gleiche Lage: Wir leben von Gottes Gaben und nicht von eigenen. Wir leben von dem Wunder, dass aus den unbelebten Elementen des Periodensystems echte "Lebensmittel" für uns werden (dass aus Na+Cl Kochsalz wird, und aus H + O das Wasser). Das kleine Kind versteht nicht viel von den mehr oder weniger komplizierten chemischen (und anderen) Prozessen, die unterwegs ablaufen. Aber das kleine Kind wird trotzdem von dem Wunder ernährt. Ob wir viel oder wenig davon verstehen, wir dürfen und sollen das aus Gottes Hand nehmen.
Im Danken ehren wir auch Gott, der alles geschaffen hat und erhält.
Ich halte also fest: Sinn des Erntedankfestes ist der Dank an Gott für unser Leben. Dass wir etwas zu essen haben, zu trinken, dass wir Luft zum Atmen haben, Kleidung und Wohnung....
Der heutige Predigttext ist anders ausgerichtet. Er hat eigentlich mit dem Dank für Lebensmittel und Leben wenig zu tun. Sondern mit unserer Lebens-Gestaltung. Es geht um den richtigen Umgang mit unserem Besitz und Einkommen. Welche Prioritäten setzen wir?
19 Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen.
20 Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen.
21 Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
22 Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein.
23 Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!
Es gibt sogar große menschliche Vorbilder, die uns gute Organisation und Vorsorge vorgelebt haben. Z.B. Joseph. Als er das Korn in den fetten Jahren sammeln ließ und Vorratshäuser baute, um es dann in den Hungerjahren zu verkaufen. Oder David, der als König eine hervorragende Verwaltung aufgebaut hat. Es ist sogar schlimm, wenn dazu berufene Menschen nicht die nötige Vorsorge treffen. Gehen wir in den familiären Bereich und ins Neue Testament: So heißt es in 1. Tim 5, 8:Wenn jemand die Seinen, besonders seine Hausgenossen, nicht versorgt, hat er den Glauben verleugnet und ist schlimmer als ein Heide. Also wir leben als Christen nicht einfach in den Tag hinein und warten, dass uns die gebratenen Tauben zufliegen. Wir haben dafür unser Können und unsere Kräfte einzusetzen. Das Arbeiten ist kein böses Ding, sondern des Christen würdig.
Aber wir dürfen die Bedingungen unseres Lebens nicht vergessen:
Das Schatzsuchen bei Erwachsenen hat vielleicht das gleiche Muster wie das auf dem Zeltlager, aber es dauert viel länger. Endlos können wir Menschen hinter etwas her jagen. Bis heute wird nach dem Bernsteinzimmer (aus dem Katharinenpalast Puschkin bei St. Petersburg) gesucht. Die Suche hat schon ganze Vermögen verschlungen, sie hat manche Menschen berühmt gemacht, andere in den Ruin getrieben. Doch gefunden wurde es noch nicht.
In unserem eigenen Leben jagen wir hinter Dingen her, die uns gefangen nehmen. Aber gibt es davon wirklichen Erfolg oder Befriedigung? Wie viele Menschen hasten rastlos durch ihr Leben. Doch ob es das bringt, was es soll, ist zweifelhaft.
Vieles fressen die Motten und der Rost. Manches tatsächlich im wörtlichen Sinn. Was einmal wertvoll war, zerbröselt nach einiger Zeit. Dann war das Ansammeln von Schätzen eine zweifelhafte Mühe.
Doch worum es eigentlich geht, steht auf einem anderen Blatt.
Darum ist es eine gefährliche Sache, wenn aus dem Vorsorgen eine Sucht wird. Wenn das, was notwendig zu unserem Leben gehört, unbemerkt zum Zentralen wird und das Leben beherrscht, so dass nichts anderes mehr Platz hat.
Der zweite Vergleich: Das Auge ist des Leibes Licht. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!
Wohin schaue ich zuerst, wohin richte ich meine besondere Aufmerksamkeit?
Das Auge hat hier eine zentrale Aufgabe. Es schaut auf ein Ziel. Aber mit diesem Schauen auf ein Ziel erfasst es den ganzen Körper, oder besser gesagt, den ganzen Menschen. Von deinen Zielen wirst du ganz erfasst. Da wird der Mensch hell oder finster. Wir definieren uns von unseren Zielen her.
Wir können nicht sagen, das geistliche und ewige Ziel wird am Sonntag abgehandelt und im Urlaub, während die irdischen Ziele am Werktag verfolgt werden. Sondern es kann nicht ausbleiben: Wenn unser Leben von Gottes Zielen erfasst ist, dass es sich dann auch im Werktag zeigt. Jesus denkt an den ganzen Menschen, der nicht gespalten ist. In der deutschen Sprache hat man das früher mit "fromm" bezeichnet. Der fromme Mensch, das ist der Mensch, der nicht in einen geistlichen und weltlichen Anteil zerfällt, vielleicht auch in noch mehr Anteile. Sondern wenn ein Mensch ganz ist, dann gibt es keinen inneren Widerspruch.
Zu viele irdische Schätze machen uns nicht nur rastlos, sondern sie verstellen den Blick für Gott.
Die Hauptsache des Textes: Nur die Schätze im Himmel sind unvergänglich. Hat das wirklich in unserem Leben den Vorrang vor allem anderen? Wenn uns die himmlischen Schätze mehr wert sind als die irdischen, dann müsste man uns das auch anmerken.
Jesus hat dem reichen Jüngling gesagt, er solle alles verkaufen, was er hat, es den Armen geben, und dann ihm nachfolgen. Jesus hat nicht allen Menschen diesen radikalen Schritt geraten, sondern nur diesem einen. Der reiche Jüngling hat sein Herz an das Irdische gehängt. Dann ist nur ein radikaler Schritt möglich.
Darum die Aufforderung zur ehrlichen Bilanz: Woran hängt mein Herz? Sind es irdische Güter oder die Dinge des Reiches Gottes?
Warum diese Frage beim Erntedankfest? Ich habe am Anfang gesagt, dass wir am Erntedankfest Gott für unser Leben danken und für alles, womit er unser Leben erhält. Und darum hat beim Erntedankfest auch das Platz, was uns das Wichtigste im Leben ist und wofür wir da sind, nämlich für die Schätze im Himmel. Amen.