Matthäus 25, 40 - Diakonie - nicht nur für diese Welt

30. September 2007 - Gottesdienst am 100. Todestag Joh. Ziegler
Pfr. Dr. Karl Knauß

Vor 100 Jahren ist Johannes Ziegler verstorben; genauer: Es war am 4. September 1907. Sein Leben war geprägt von der Diakonie und von der Pädagogik. Beides, Diakonie und Pädagogik, lag für ihn ziemlich eng beieinander, so dass man sie manchmal gar nicht trennen konnte. Und beides war auch untrennbar mit dem Glauben verbunden.

Auch Heinrich Gutbrod wäre in diesem Monat 100 Jahre alt geworden, nämlich am 16. September. So soll auch an ihn gedacht werden. Wir wollen in diesem Gottesdienst (aus diesen Anlässen) biblische Zusammenhänge der Diakonie und der Pädagogik zum Mittelpunkt machen, und zwar anhand der Rede Jesu über das allgemeine Weltgericht.

Jesus hat über das Reich Gottes und endzeitliche Dinge viele Gleichnisse erzählt, bei denen er naturgemäß sehr bildhaft spricht - etwa das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld, oder das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen. Es ist nicht auf den ersten Anhieb zu verstehen, was die Bilder jeweils bedeuten. Aber bei der Rede über das Weltgericht ist er sehr konkret und verwendet kaum Bildersprache. Offenbar soll genau das jeder Hörer und Leser begreifen: Unser Leben in dieser Welt und die Ewigkeit haben etwas miteinander zu tun - sehr viel sogar. Was wir hier tun, was wir erleben, wie wir handeln und warum wir handeln - die Motive unseres Handelns -, das wird dort noch einmal zur Sprache kommen. Jesus spricht von dem Menschensohn bzw. von dem König, der als der Weltenrichter auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzt. Zweifellos ist es Jesus selbst. Die Menschen aller Völker werden vor ihn treten. Er wird sie richten. Und sie werden sich wundern. Sie denken, eigentlich hätten sie nur an Menschen gehandelt. Niemals in ihrem Leben seien sie Jesus begegnet. Sie hätten das doch merken müssen, wenn sie ihm begegnet wären. Da hätte doch irgendeine Leiter vom Himmel herunterkommen müssen. Und dann hätte einer so engelartig auf sie zugehen müssen, mit Nägelmalen an den Händen, wie bei Thomas. Und er hätte durch verschlossene Türen gehen müssen. Dann würden sie verstehen, dass sie ihm begegnet sind. Statt dessen waren es immer ganz normale Menschen aus Fleisch und Blut.

Doch Jesus sagt ihnen etwas anderes:

Ich lese Matthäus 25, 40.

40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

* Diese Rede dürfte für manche eine Herausforderung sein. Jesus spricht beim Weltgericht von unserem Tun und Handeln - und anscheinend überhaupt nicht von unserem Glauben, und das ausgerechnet beim Weltgericht!

Er beschreibt zwei Gruppen von Menschen. Den einen erklärt er, sie hätten ihm nicht zu essen und zu trinken gegeben, ihm keine Kleidung gegeben, während die andere Gruppe das getan hat, was die anderen verweigert haben. Sie haben Jesus zu essen und zu trinken geben, ihm Kleidung gegeben und ihn besucht, als er krank oder gefangen war. Deswegen wird ihnen das ewige Leben zugesprochen, während die anderen zur ewigen Strafe kommen.

* Manche werden vielleicht sagen: Paulus hat doch im Römerbrief geschrieben, dass wir nur durch den Glauben an Jesus gerecht werden. Oder ihnen werden ähnliche Bibelstellen durch den Kopf gehen. Und es gibt in der Tat viele biblische Belege dafür. Aber der Glaube wäre falsch verstanden, wenn man das Tun zur Nebensache erklärt. Der Glaube ist nicht echt, wenn das entsprechende Handeln ausbleibt.

Keineswegs ist es so, dass man sagen könnte: Bleib zu Hause, lies die Bibel und bete fleißig, dann hast du das Wesentliche erfasst. Sondern wir dürfen der diakonischen Verantwortung nicht ausweichen. Christsein ist nicht möglich ohne Einsatz für Hilfebedürftige. Der Diakonie wird hier eine wichtige Stellung zugeordnet. Natürlich nicht nur der Diakonie, die wohlgeordnet in diakonischen Einrichtungen und Werken und Gemeinden gemacht wird, sondern auch das, wie wir täglich mit unseren Mitmenschen umgehen.

Die Menschen aus beiden Gruppen sind auch nicht darüber überrascht, dass sie nach ihrem Handeln beurteilt werden. Sondern sie sind darüber überrascht, dass sie es in ihrem Handeln mit Jesus zu tun hatten. Im ganz normalen Tun im Alltag begegnet ihnen Jesus.

Ich glaube nicht, dass wir uns selbst ständig daran erinnern sollen: Denke dran, dass Du im Mitmenschen Jesus begegnest. Aber es kann uns aufrichten und Kraft geben, wenn uns die Kraft auszugehen droht. Wenn sie sich überfordert fühlen; wenn sie mit den Menschen nicht mehr zurechtkommen. Das soll auch besonders denen gesagt werden, die ihr Leben im Handeln für andere Menschen verbringen, besonders in Diakonie und Pädagogik; aber auch in Ämtern, Beratungsstellen, in seelsorgerlicher Begleitung und Beratung. Das alles ist nicht nur für den Augenblick, sondern hat einen Bezug zur Ewigkeit.

Die Bewährungsprobe kommt nicht erst dann, wenn es um Leben und Tod geht oder wenn man einem groben Unrecht Widerstand leisten muss, sondern sie ist im Alltag da. In der Familie, im Straßenverkehr, bei der Arbeit.

Also der überraschende Punkt ist, wenn wir bemerken: Ach, Herr, du warst das! Und ich hab's nicht gewusst!

* Jesus sagt nicht: Was ihr gesagt und geredet habt, das habt ihr mit mir geredet, sondern er spricht vom Tun. Eine große Gefahr in der Diakonie und anderswo in der Kirche und Gemeinde ist, dass wir zu viel reden und zu wenig handeln. Da ist es für mich eine Herausforderung zu sagen: Nicht beim Reden begegenen wir Jesus, sondern beim Handeln.

Jesus hat seinen Jüngern das Gebot der Liebe eingeschärft. Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe. Die Liebe ist die Triebfeder zum Handeln, nicht die Angst vor dem Gericht.

Es kann auch niemals ein Mittel der Pädagogik sein, mit dem Gericht Gottes zu drohen. Wer das meint tun zu müssen, der hat damit schon zugegeben, dass seine pädagogischen Mittel am Ende sind. Die Liebe zum Nächsten macht in allem erfinderisch und kreativ.

Zusammenfassung: Unser Tun und Handeln an Menschen hat eine entscheidende Bedeutung für die Ewigkeit. Amen.

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