Johannes 3, 1-3
Jüngere Menschen denken über ältere (über 35) meist: 1. Sie sind nicht mehr flexibel genug; 2. sie haben alle wesentlichen Dinge für ihr Leben schon entschieden; 3. deswegen haben sie auch keine Fragen mehr, sondern nur noch Antworten
Manchmal geht dieses Vorurteil voll daneben, aber in vielen Fällen trifft es wirklich zu. Denn man kann nicht ständig alles überprüfen, was man gemacht hat, sonst geht nichts vorwärts. Ob das gut oder schlecht ist, sei einmal dahingestellt. Aber es hat auch im Verhältnis zu Gott große Auswirkungen. Man weiß alles über ihn und hat keine Fragen mehr.
In der Bibel wird berichtet, wie jemand zu Jesus kam, und ganz elementare Fragen über Gott hatte. Aber jung war er sicher nicht mehr, denn er gehörte der obersten Religionsregierung an, dem Synhedrium; und er war auch als Schriftgelehrter berühmt geworden. Dazu braucht es schon ein gewisses Alter. Schätzungsweise war er mindestens 40 Jahre alt. Er hieß Nikodemus. Johannes berichtet von ihm:
1 Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, einer von den Oberen der Juden.
2 Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.
3 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.
Nicht jeder hätte es sehen dürfen, dass Nikodemus zu Jesus kam. Deshalb tat er's bei Nacht. Er hatte gut beobachtet. Von seiner Aufgabe im Hohen Rat wusste er sicher, dass die führenden Leute ziemlich skeptisch Jesus gegenüber waren. Aber ihm war klar: Da stimmt etwas nicht. Jesus ist kein Chaot, und er kann auch kein Betrüger sein. Das hat doch alles Hand und Fuß, was er sagt. Wenn der etwas über Gott sagte, musste er nicht vorher 100 berühmte Leute fragen oder dicke Bücher durcharbeiten, sondern er hat mit Gott selbst gesprochen. Etwas Besseres kann man sich eigentlich nicht wünschen, wenn man über Gott Bescheid wissen will. Frag den, der Gott kennt. Frag nicht dort, wo jemand über Gott irgend etwas gesagt hat, damit er seinen Posten behält oder mit der Zeit geht. Sondern frag den, der täglich mit Gott redet.
Was war eigentlich das größte Risiko für Nikodemus? - Dass ihn jemand beim Synhedrium verpfeift? - Nein, ich glaube nicht, dass das das größte Risiko war. Sondern dass er sich etwas anhört, was Jesus sagt und dann nach Hause geht und sagt: So, jetzt habe ich über Gott einiges gelernt. Das werde ich denen aber sagen. Aber dass er für sich selbst keine Konsequenzen zieht. Das größte Risiko ist, über Gott etwas zu wissen und dann nicht zu tun.
Deswegen gibt es viele Leute, die geben sich große Mühe, um das zu vergessen, was sie mit Gott und mit Menschen erlebt haben. Sie verwenden einen großen Teil ihrer Energie auf's Vergessen, gar nicht auf's Lernen. Das ist ein wahnsinnig anstrengendes Leben. Die jungen Leute denken meistens, es sei schwierig, etwas zu lernen. Das stimmt! Aber noch schwieriger ist es, etwas zu vergessen! Deswegen ist man mit 13/14 eigentlich noch in einem relativ glücklichen Alter. Da hat man zum Glück noch nicht so viel im Kopf und im Herzen, das man am liebsten nicht hätte.
Da muss man sich vorstellen: Gott hat mit großer Liebe seine deutlichen Spuren in ein Leben geschrieben. Dann diese Spuren zu verwischen. Das ist eine schweißtreibende Sache. So wie bei einem Einbrecher: Der muss die größte Mühe darauf verwenden, dass er die Spuren verwischt.
Gott gegenüber wirklich offen zu sein, noch fragen zu können, ist eine tolle Sache. Aber es hat etwas Kritisches. Die Konfirmanden bekommen eine Bibel. Wenn ihr neugierig darin lest, das hinterlässt Spuren. Wenn jemand nicht will, dass das Spuren hinterlässt, dann muss er sie hinterher vielleicht verwischen. Dann muss man ganz cool tun und sagen: Ach, das wusste ich ja gar nicht! Mit Gott und mit Jesus - keine Ahnung. Da ist es schon besser, ahnungslos zu bleiben.
Aber Nikodemus hat es anders gemacht. Er blieb nicht ahnungslos. Er sagt: Du bist ein Lehrer, von Gott gekommen. Sicher hat er noch anderes gesagt. Seine Fragen sind nicht weiter berichtet, sondern nur die Antwort von Jesus. Mit Gott kommt man nicht in Kontakt, wenn alles so bleibt wie bisher. Sondern dazu braucht es eine Neugeburt.
Wenn man über Gott etwas kennengelernt hat, dann kann es das Leben verändern. Man bekommt ein Ziel im Leben, das sich lohnt. Es lohnt sich, weil sich's Gott so vorgestellt hat. Es lohnt sich auch, weil man dann im Leben weiß, wofür man da ist.
Jesus hat die Lebenswende als Neugeburt oder als eine Geburt von oben bezeichnet. Das heißt, man fängt noch einmal ganz neu an. Man lebt aus der Kraft Gottes und in der Verbindung mit ihm. Und man bekommt das Bürgerrecht im Reich Gottes. Jesus sagt, dass man nur so in der Reich Gottes kommen kann. Amen.