16.September 2007 - Domino-Gottesdienst
Pfr. Dr. Karl Knauß
Was geht uns die Welt an?

Christliche Verantwortung in der Öffentlichkeit und PolitikSchon so eine Talkrunde ist Verantwortung in der Öffentlichkeit. Eigentlich schon dann, wenn man sagt, was man denkt. Wenn man aus dem Schweigen herausgeht. Auch der Gottesdienst ist Verantwortung in der Öffentlichkeit. Das Predigen vor Menschen, mit denen man vertraut ist, ist schwerer als vor Unbekannten. Wenigstens geht es mir so. Vor unbekannten Menschen kann man die inneren Kontrollen fast abstellen. Aber wenn man die Menschen kennt, dann wird man befangen. Weil man weiß, dass Betroffenheit da ist. Sie sind betroffen und ich bin betroffen. Und man weiß davon. Wenn man empfindliche Dinge anspricht, dann sagt man sich: Was wird wohl der oder die darüber denken? Ich möchte eigentlich niemand verletzen. Sondern aufbauen, dass wir vorwärts gehen können.

Bei der Sitzung eines Gremiums, z.B. des Gemeinderats oder des Brüdergemeinderats können Mitglieder wegen Befangenheit ausgeschlossen werden. Wenn es um das Bauvorhaben eines Gemeinderats geht, dann kann der Betroffene nicht selbst darüber mit entscheiden, sondern muss sogar die Sitzung verlassen. Wenn wir das gleiche Kriterium beim Gottesdienst anwenden würden, dann müssten viele den Raum verlassen. Denn das geht uns doch an!

Das ist auch ein Grund, warum Predigten oft langweilig sind. Es gibt noch andere Gründe. Aber einer davon ist das ganz sicher. Man redet nur noch über Dinge, die einen nichts angehen. Und den empfindlichen Fragen geht man aus dem Weg. Dann wird niemand verletzt. Aber dann kann sich auch nichts ändern. Aber der Gottesdienst ist nicht nur dazu da, um zu sagen, dass alles in Ordnung ist. Im Gottesdienst soll Gott gelobt werden. Und da soll er auch zu uns reden. Und wenn er zu uns redet, dann bestätigt er sicher manches, aber er korrigiert auch. Wir wollen Gott im Gottesdienst reden lassen. Das geschieht durch Bibeltexte und durch Lieder, das geschieht auch durch Predigt und Anspiel, also durch das, was Menschen in ihrer ganzen Unvollkommenheit sagen.

Martin Luther hat einmal gesagt, wenn ein Prediger mit seiner Predigt fertig ist, dann soll er sagen (ich zitiere aus dem Gedächtnis): "haec dominus dixit" = das hat der Herr gesprochen. Über manches wird man reden können und auch müssen. Das soll jetzt nicht unser Problem sein. Sondern vor allem: Was unsere christliche Verantwortung in und vor der Öffentlichkeit ist, da sind wir befangen und betroffen. Wir sollten damit rechnen, dass Gott uns verändern will (mich eingeschlossen). Die Jünger nach Ostern haben gesagt: Wir können's ja nicht lassen, von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben. Jesus sagt einmal: Was euch ins Ohr gesagt wird, das predigt auf den Dächern (Luk 12,3). Selbst unter Lebensgefahr sollen wir nicht davor ausweichen. Denn Gott hat unser Leben und die ganze Geschichte in seiner Hand. Er hat sogar die Haare auf unserem Haupt gezählt. Damit ist zuerst ein Bekenntnis zu Jesus gemeint und ein Bekenntnis zu dem, was er seinen Jüngern beigebracht hat; denn so geht es dann weiter. Aber das Bekenntnis zu Jesus war damals ein Politikum. Ihm ging es nicht nur um unsere Innerlichkeit. Sondern der Glaube an ihn hat öffentliche Konsequenzen.

Ohne Zweifel waren diese Konsequenzen auch politischer Art und hatten sogar weltpolitische Auswirkungen. Aber man braucht nicht gleich an diese großen Dimensionen zu denken. Sondern reden wir vom Alltag, von dem, was das konkrete Leben der Menschen ausmacht. Der erste Zusammenstoß mit den (geistlich-gesellschaftlichen) Machthabern seiner Zeit war wegen des Sabbats. Wir halten das heute für eine eher harmlose Sache. Aber diese Auseinandersetzung bedeutet für Jesus die erste Todesdrohung (Matth. 12, 14 par). Das betraf nicht nur das geistliche Leben im engeren Sinn. Sondern hier ging es um die gesellschaftliche Öffentlichkeit. Jesus hatte nicht das Ziel, die Mächtigen zu provozieren oder ihnen ihre Aufgabe streitig zu machen. Sondern er wollte seine Nachfolger von falschen menschlichen Zwängen frei machen.

Es gibt menschliche Ordnungen, die sein sollen. Auch der Sabbat gehört dazu. Aber hier war es gegen den Willen Gottes. Und das ist der springende Punkt. Gott hat den Sabbat für den Menschen gesetzt. Wir sollen zur Ruhe kommen. Wir sollen Gott loben können. Aber es ging nicht darum, dass eine Ordnung das Leben der Menschen knechtet. Menschen sollen nicht hungern, nur um eine Vorschrift einzuhalten; Menschen sollen nicht krank bleiben müssen, nur wegen einer menschlich missbrauchten Ordnung Gottes. Gebote sind zum Schutz des Menschen da, und zum Schutz der Gemeinschaft. Wo sie das Leben der Menschen kaputt machen, da handelt es sich nicht mehr um Ordnungen Gottes, sondern um falsche menschliche Anordnungen.

Für unsere heutige Gesellschaft gäbe es hier sicher unglaublich viele Anstoßpunkte. Ursprünglich gute Ordnungen wurden durch Missbrauch in ihr Gegenteil verkehrt. Man muss sich nicht festlegen, ob es sich um göttliche Ordnungen, um Menschenrechte, oder um stärker zeitgebundene Gesetze und Vorschriften geht. Ich greife jetzt nur das Beispiel der missbrauchten Freiheit heraus. Wie viele Menschen handeln im Namen der Freiheit gegen andere Menschen! Freiheit ist ja nicht falsch. Sie wurde zum Schlachtruf gegen obrigkeitliche Willkür. Und Freiheit ist zweifellos auch biblisch begründet, etwa wenn im 3. Mose 19 (und öfter) heißt, dass man Fremdlinge nicht bedrücken soll. Das heißt, sie sollen nicht der Willkür der anderen ausgesetzt werden sondern haben das Recht zu ihrer eigenen Entfaltung und ihrem eigenen Leben. Sie sind nicht rechtlos, sondern stehen unter dem Schutz Gottes.

Aber nun kommt der Missbrauch (nicht nur der Fremden, sondern vieler Schichten in der Gesellschaft): Die Freiheit wird zum eigenen Vorteil missbraucht. Etwa im wirtschaftlichen Bereich. Ich habe in letzter Zeit oft Bücher zur Kenntnis bekommen, die dazu anleiten, wie man andere Menschen finanziell ausnimmt, ja regelrecht ausnimmt. Wie man Schulden macht, die man nicht bezahlen will, wie man Dinge kauft, die man überhaupt nicht zu bezahlen braucht (Bloch-Verlag). Aber nicht nur andere werden im wirtschaftlichen Bereich ausgebeutet, sondern oft auch die Betroffenen selbst, weil etwa im Aktiengeschäft hochriskante Geschäfte erlaubt sind, deren sich die Betroffenen nicht bewusst sind. Beteiligte treiben sich oft selbst in die totale Überschuldung und damit in die Unfreiheit. Wenn man sich hier konkret zu Wort melden möchte, muss man sich auskennen. Meine Kenntnis ist zu oberflächlich, als dass ich Genaueres sagen könnte. Aber ich denke, dass Christen mit den entsprechenden Kenntnissen aufgefordert sind, sich an dieser Stelle einzuschalten.

Missbrauch der Freiheit: Ich möchte den demographischen Wandel ansprechen, insbesondere aber auch die Ursachen. Zu den Ursachen gehört die Abtreibung. Ich möchte aber auch dabei differenzieren. Die Differenzierung ist m.E. von Jesus abgeschaut. Jesus hat nie Menschen öffentlich an den Pranger gestellt, deren Tun er zweifellos für gegen Gott gerichtet sah. Wer öffentlich an den Pranger stellt, kann Menschen nicht mehr seelsorgerlich helfen. Jesus wollte, dass Menschen sich freiwillig nach dem Willen Gottes richten. Er hat den gesetzlichen Druck zur Einhaltung von Gottes Geboten - mindestens im sexualethischen Bereich - abgelehnt. Jesus hatte viele Nachfolgerinnen, die an dieser Stelle schuldig geworden waren. Aber keine ist durch Druck gewonnen worden, sondern durch die Vergebung.

So kam es, dass Jesus sich hier unglaublich liberal verhalten hat, obwohl er die Taten ja abgelehnt hat. Es wäre geradezu absurd, zu glauben, Jesus hätte das 6. Gebot abschaffen wollen. Was er aber abgelehnt hat, war die heuchlerische Verfolgung von Menschen, die in Schuld geraten waren, vor allem durch solche, die an anderen Stellen ihre eigene Schuld gut kaschieren konnten. Deswegen hat er die ethisch eigentlich sehr hoch stehenden Pharisäer angegriffen. Sie seien Heuchler, d.h. Schauspieler. Sie würden zwar äußerlich Gottes Gebote einhalten, aber den inneren Sinn kaputt machen. Aber offensichtlich kann man weder durch Gesetzlichkeit noch durch Liberalität die Gesellschaft auf einen guten Weg bringen. Beides ist nicht vor der menschlichen Heuchelei geschützt.

In unserer Gesellschaft hat eine Entwicklung stattgefunden, die so nicht weitergehen kann und darf. Und da ist die Verantwortung der Christen gefordert. Die weitgehende gesetzliche Freigabe der Abtreibung hat das Rechtsbewusstsein verändert. Man meint, was gesetzlich nicht verfolgt wird, sei auch vor Gott recht. Es gibt endlos viele verletzte Seelen in diesem Bereich. Es geht nicht um das Anklagen, sondern um das Helfen. Aber wir brauchen hier eine deutliche Änderung. Andernfalls werden wir durch den demographischen Wandel nachhaltig verändert. Der demographische Wandel ist kein Naturgesetz, sondern von uns selbst gefördert bzw. zugelassen. Selbst vom 30jährigen Krieg, der ganze Dörfer und Städte entvölkert hat, hat sich die Gesellschaft wieder erholt. Aber wenn die Ethik an dieser Stelle sich nicht ändert, kann sich die Gesellschaft nicht mehr erholen. Darum sind Christen aufgefordert, die mit der nötigen Liebe zu einer Änderung helfen können.

Ich habe einen Bereich in der Wirtschaft und einen mehr im persönlichen Leben angesprochen. In unserer demokratischen Zeit haben wir die Möglichkeit, direkt am politischen Geschehen teilzunehmen. Durch Engagement in den Parteien und gesellschaftlichen Gruppierungen. Aber es gibt eine deutliche Grenze. Für Christen sind nicht alle Mittel recht, wenn sie nur erfolgreich sind. Vermutlich ist durch das Verfolgen der "richtigen" Ziele mit "falschen" Mitteln in der Geschichte mehr zerstört worden als durch offene Bosheit. Mit einiger Mühe kann man fast immer gute Ziele darstellen. Darum entscheidet sich mehr an den Mitteln als an den Zielen, wes Geistes Kind jemand ist.

Andere haben gemeint, Jesus sei gescheitert, weil er sich nicht durchsetzen konnte. Aber er hat selbst gesagt, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist. Es kann sein: Wir halten etwas für einen Erfolg, aber vor Gott ist es ein Misserfolg - und umgekehrt. Und mitten zwischen Erfolg und Misserfolg läuft Gottes Geschichte. Die Weltgeschichte ist nicht nur menschliche Geschichte von Erfolg und Misserfolg, von Fortschritt und Rückschritt, sondern mitten drin läuft auch ein Stück Gericht Gottes ab. Sein Gericht, wenn sich eine Gesellschaft dem Willen Gottes verschließt, sein Segen, wenn sie sich ihm öffnet.

Christen engagieren sich in Öffentlichkeit und Politik, damit der Segen Gottes komme. Gottes Segen, das ist auch, wenn das Leben in dieser Welt lebenswert ist; auch wenn Menschen sagen können, ich lebe gerne in dieser Gesellschaft. Amen.

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