Matthäus 6, 1-4
Liebe Gemeinde,
"Tue Gutes und rede darüber" - so höre ich immer wieder. Und es wird auch viel Gutes getan bei uns: Millionenbeträge werden gespendet - manchmal eingesammelt in Benefiz-Shows im Fernsehen, wo gleich unten eingeblendet wird, wer wie viel gespendet hat. Gespendet wird auch im etwas kleineren Maßstab, immer wieder wird irgendwo in der Zeitung die Übergabe einer Spende mit Bild und Text gezeigt. Da stehen dann die Vertreter von Firmen oder Vereinen mit einem großformatigen Scheck in der Hand, zusammen mit glücklichen Erzieherinnen oder Vertretern anderer gemeinnütziger Vereinigungen, die sich über die Spende freuen. Aber es wird auch noch auf ganz andere Art Gutes getan: Viele Menschen opfern ihre Zeit, um sich ehrenamtlich zu engagieren - zum Glück auch in unserer Gemeinde. "Tue Gutes!" - das geschieht bei uns - zum Glück - immer wieder.
Mit dem "...und rede darüber" fangen die Schwierigkeiten an. Für manche ist es ganz wichtig, dass über das Gute, das sie tun, geredet wird. Wenn keine Bilder mehr in der Zeitung erscheinen würden, dann gäbe es sicher viel weniger Spender und Sponsoren. Es hebt eben das Image der eigenen Firma oder der eigenen Person, öffentlich als großzügiger Sponsor wohltätiger Zwecke zu erscheinen. Auch die Vereine - und manchmal auch wir in der Gemeinde - lassen es sich nicht nehmen, verdiente, langjährige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, aber auch solche, die regelmäßig spenden, zu ehren. Ehre, wem Ehre gebührt. Aber genau das ist das Problem.
Wenn jemand Geld spendet, kann es passieren, dass er schnell unter dem Verdacht steht, sich profilieren zu wollen und das Gute nur zu tun, um sein eigenes Ansehen zu verbessern. Darum wollen auch viele Wohltäter nicht genannt werden. Spenden werden anonym gegeben. Aus Angst vor dem Gerede. Und Menschen betonen, dass ihnen Ehrungen für ihre Mitarbeit nicht wichtig sind. Und doch kann es dann wieder vorkommen, dass jemand zwar sagt, dass er seine Arbeit nicht um der Ehrungen willen tut und sowieso ganz auf Ehrungen verzichten will, dann aber beleidigt ist, wenn er, bei einem gegebenen Anlass, nicht geehrt wird oder sich über die mangelnde Anerkennung seiner Arbeit beschwert.
Gutes tun und darüber reden - oder eben nicht darüber reden - das ist eine ganz schön komplizierte Sache.
Mitten in dieses komplizierte Gemenge von Wünschen, Ängsten, Neid und Vermutungen hinein trifft heute ein Wort aus der Bergpredigt, das ziemlich quer zu unserem Zeitgeist liegt. Es steht im Matthäus-Evangelium am Anfang des sechsten Kapitels und lautet so:
Matth. 6, Vom Almosengeben
6,1 Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.
6,2 Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.
6,3 Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut,
6,4 damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.
Es geht in diesen Sätzen um die rechte Frömmigkeit und das wird erklärt am Beispiel über das Geben von Almosen. Almosen waren zur Zeit Jesu Spenden - entweder in eine Armenkasse des Ortes, aus der heraus dann diejenigen Geld bekamen, die sich nicht selbst versorgen konnten. Oder durch eine Gabe direkt an diejenigen, die auf der Straße saßen und bettelten. Almosen zu geben war die Pflicht für einen frommen Juden. Das Christentum hat diese Verpflichtung zur tätigen Nächstenliebe übernommen. Alles Gute ist nichts wert, wenn die Liebe fehlt! Gutes zu tun, ist unsere Aufgabe. Es geht also nicht um das Ob, sondern lediglich um die Frage, wie Gutes zu tun ist. Und da lautet die Regel Jesu: Wenn du Almosen gibst, wenn du anderen Gutes tust, dann soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut. Tue Gutes - und rede gerade nicht darüber. Noch stärker: Sorge dafür, dass es überhaupt nicht bekannt wird. Tue es im Verborgenen!
Eine seltsame Zumutung für unseren Zeitgeist! Warum sollten wir uns also an eine derart aus der Mode gekommene Regel halten? Schauen wir einmal auf die Begründung, die Jesus dieser Regel gibt! Er sagt: Wer Gutes tut und dies vor den Menschen bekannt macht, wer seine Gerechtigkeit, seine guten Taten zur Schau stellt, der empfängt Lohn von den Menschen. Und damit hat er keinen Lohn mehr von Gott zu erwarten. Denn Lohn für eine Tat gibt es nur einmal. Wer aber das Gute im Verborgenen tut, so dass er nicht nach Anerkennung und Ehre, nach Imagegewinn und öffentlicher Aufmerksamkeit strebt, der wird von Gott belohnt. Und das ist der wahre Lohn.
Liebe Gemeinde, ist das also eine Vertröstung auf den Himmel? Etwa in dem Sinne: Hier auf Erden darfst du nichts Gutes erwarten, hier musst du schön bescheiden und duldsam sein, denn nur dann wirst du einmal im Himmel belohnt. Ich glaube das gerade nicht. Der Himmel ist bei Jesus niemals etwas, was nur im Jenseits oder nach dem Tod stattfindet. Die Belohnung im Himmel, die beginnt bereits jetzt. Aber was ist dann der Unterschied zwischen dem Lohn, den Gott gibt und dem Lohn, den Menschen geben? Und warum ist beides ein solcher Gegensatz?
Um diese Fragen zu beantworten, möchte ich Ihnen eine alte jüdische Legende erzählen.
Zwei Brüder wohnten einst auf dem Berg Morija. Der jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der ältere war unverheiratet und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten das Feld zusammen und streuten zusammen den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide ein und teilten die Garben in zwei gleich große Haufen: für jeden einen Haufen.
Als es Nacht geworden war, legte sich jeder der beiden Brüder bei seinen Garben nieder, um zu schlafen. Der Ältere aber konnte keine Ruhe finden und sprach in seinem Herzen: "Mein Bruder hat eine Familie, ich dagegen bin allein und ohne Kinder und doch habe ich gleich viele Garben genommen wie er. Das ist nicht recht." Er stand leise auf und nahm von seinen Garben und schichtete einen Teil davon heimlich auf den Haufen seines Bruders. Dann legte er sich wieder hin und schlief ein.
In der gleichen Nacht, eine geraume Zeit später, erwachte der Jüngere. Auch er musste an seinen Bruder denken und sprach in seinem Herzen: "Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?" Und er stand auf, nahm von seinen Garben und trug sie heimlich und leise zum Haufen seines älteren Bruders.
Als es Tag wurde, erhoben sich die beiden Brüder, und jeder war erstaunt, dass die Haufen die gleiche Größe hatten wie am Abend zuvor. Aber keiner sagte zum anderen ein Wort.
In der folgenden Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er dachte, der anderen schläft. Dann erhoben sie sich, und jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Haufen des anderen zu tragen. Auf halbem Weg trafen sie plötzlich aufeinander, und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm meinte. Da ließen sie die Garben fallen und umarmten einander in herzlicher und brüderlicher Liebe.
Diese Geschichte zeigt, wie Menschen selbstlos anderen Gutes tun, und wie sie dafür von Gott belohnt werden. Gerade indem sie selbstlos dem jeweils anderen Bruder etwas Gutes tun, indem sie Liebe schenken, ohne etwas dabei für sich herausschlagen zu wollen, kommt diese Liebe wieder zu ihnen zurück. Sie erfahren Nähe und erleben eine Verbundenheit, die einfach ein Geschenk des Himmels ist, sie spüren eine herzliche und brüderliche Liebe, die gegenseitig ist. Bis heute erfahren Menschen, die selbstlos Gutes tun, erfahren immer wieder, wie Liebe zu ihnen zurückkommt. Wie sie auf einmal von anderen beschenkt werden, wie die Freude, die sie anderen machen, wieder auf sie zurückfällt.
Und das ist ein besserer Lohn als der Lohn, den wir von Menschen empfangen können. Denn wenn Gutes getan wird, um Ehrung und Anerkennung zu empfangen, um das eigene Image zu heben und in der Öffentlichkeit besser dazustehen, dann ist dies oft eine sehr zweischneidige Sache. Denn mit der öffentlichen Anerkennung kommt zugleich der Neid der anderen, mit der Ehrung oft auch zugleich das Gerede, das Profilneurose und Gefallsucht unterstellt. Bei Ehrungen werden Menschen aus der Gemeinschaft herausgehoben und dadurch entstehen manchmal auch Trennungen zwischen den Menschen. Wo viel Licht auf jemand fällt, suchen die Leute nach den schwarzen Flecken auf dem Kittel. Der Lohn, den Menschen für gute Taten bieten können, ist also eine sehr zweischneidige und oft problematische Sache. Eine sehr vergängliche allzumal.
Die Liebe aber, die Menschen geben und empfangen, die bleibt. Alles vergeht, die Liebe aber bleibt. Darum ist der Lohn, den Gott uns schenkt, indem er die Liebe die wir geben, auf uns zurückfallen lässt, der bessere Lohn.
Voraussetzung für diesen Lohn Gottes aber ist gerade, dass wir keinen Lohn von den Menschen wollen. Denn nur dort, wo das Gute auch uneigennützig getan wird, ist es auch eine Tat der Liebe. Wer offen oder auch heimlich und verdeckt unter dem Mantel der Bescheidenheit nach der Anerkennung der anderen schielt, wer für das, was er gibt, wieder etwas will, der kann keinen Lohn Gottes empfangen.
Darum also sagt Jesus: Wenn du Almosen gibst, wenn du eine gute Tat tust, wenn du etwas spendest, wenn du für andere deine Zeit und deine Kraft opferst, dann soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Es soll dir sogar selbst verborgen bleiben. Du sollst also erst gar nicht selbst darüber nachdenken, wie toll du bist und was für ein guter Mensch du bist. Du sollst es ganz selbstlos tun.
Aber wie soll das gehen? Wer sich nur ein wenig selbstkritisch betrachtet, der weiß, wie wichtig uns allen das Ansehen ist, das wir bei anderen genießen. Und dass wir bei dem, was wir tun, auch immer daran denken, wie das wohl auf andere wirkt. Wir alle haben ein Bedürfnis nach Anerkennung und Aufmerksamkeit. Dabei etwas ganz selbstlos zu tun, ist oft kaum möglich! Und es dazu noch im Verborgenen zu tun!
Das geht vielleicht bei einer Spende - die können wir anonym machen. Aber schon, wenn wir ehrenamtlich irgendwo mitarbeiten, dann kann es nicht mehr im Verborgenen geschehen. Was soll dann diese Aufforderung Jesu: Tue das Gute im Verborgenen?
Ich denke, wie so viele Regeln Jesu, stellt diese Regel ein Ziel für unser Handeln dar, dem wir versuchen können, näher zu kommen. Diese Aufforderung, die Linke nicht wissen zu lassen, was die Rechte tut, ist eine Aufforderung, uns immer wieder zu fragen: Was ist eigentlich unsere Motivation für unser Tun? Geht es uns um die Menschen und um die Sache? Oder geht es uns darum, vor den anderen gut dazustehen? Oder wollen wir unser schlechtes Gewissen beruhigen? Was treibt uns eigentlich? Und wenn wir uns so selbstkritisch betrachten, dann werden wir feststellen, dass unsere Motivation immer beides ist, dass da hehre, uneigennützige Motive und problematische, sehr Ich-bezogene Motive immer miteinander verbunden sind.
Und wenn wir uns dann eingestehen müssen, dass unsere eigennützigen Motive im Vordergrund stehen, dann sollten wir von etwas, was nach außen hin gut erscheinen mag, dann lieber Abstand nehmen. Jesu uns so unerfüllbar vorkommende Forderung nach Selbstlosigkeit in unserem Handeln soll uns dazu führen, uns selbst zu prüfen: Sind wir wirklich so selbstlos, wie wir uns und anderen gerne vormachen? Wenn wir uns so fragen, dann werden wir oft erkennen, wie viele eigennützige Motive unser Handeln und Gutes-Tun mitbestimmen.
Wir werden daher weiterhin uns bei verdienten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch öffentlich bedanken und hin und wieder Ehrungen vornehmen - auch wenn das eine nicht unproblematische Sache ist.
Es bleibt uns nichts übrig, als uns in das Verwobensein von Selbstlosigkeit und Eigennützigkeit zu stürzen, wenn wir Gutes tun wollen oder andere zum Tun des Guten ermutigen wollen.
Aber, liebe Geschwister, für uns selbst soll dieses Wort Jesu eine stete Erinnerungshilfe sein. Wir wollen uns prüfen, was unsere wahre Motivation ist. Wir wollen uns prüfen, damit wir nicht auf den Lohn schielen, den die Welt uns so schnell verspricht. Damit wir nicht in die Falle unseres Wunsches nach Anerkennung und Ehre fallen. Damit Raum ist für den Lohn, der von Gott kommt. Wir wollen unsere Motivationen kritisch prüfen, damit Raum ist, dass Gott unter uns und in unserem Leben Gestalt gewinnt. Damit Raum ist für die Liebe, mit der Gott uns das vergilt, was wir uneigennützig getan haben. Und wir wollen darauf vertrauen, dass von Gott her eine Kraft der Liebe am Wirken ist, die auch aus unserem immer irgendwie eigennützigen Tun etwas Rechtes und Gutes machen kann. Wir wollen darauf vertrauen, dass wir von Gott schon geliebt und geachtet, anerkannt und geehrt sind, bevor wir überhaupt irgend etwas getan haben, dass der Anerkennung und Achtung wert ist.
Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.
Amen.