Lukas 19, 1-10

24. Juni 2007 - Gottesdienst am 3. Sonntag n. Trin.
Pfr. Dr. Karl Knauß

Und er ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

Als sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist Abrahams Sohn. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Wo hat es das schon einmal gegeben, dass jemand Bußgeld freiwillig und mit Dankbarkeit gibt? Fragen Sie mal einen Falschparker oder einen Raser, ob sie glücklich sind, wenn ein Bußgeldbescheid ins Haus flattert.
Doch da macht es jemanden glücklich, dass er wahrgenommen wird, auch als Sünder. Er wird ernst genommen - und seine Belastung auch.
Manche meinen, die Umkehr träfe vor allem die Reichen. Die Armen seien schon alleine dadurch, dass sie arm sind, gerettet. Aber darin ist kein Unterschied. Alle brauchen die Gnade Gottes. Arme und Reiche, Autofahrer und Fußgänger, Großindustrielle und Politiker und solche aus der Alternativen Szene.

Kurz vorher wird beschrieben, wie Jesus mit dem sogenannten Reichen Jüngling zusammentrifft. Der kam offen und erwartungsvoll zu Jesus. Er meinte, alles Nötige getan zu haben, um in das Reich Gottes kommen zu können. Doch offenbar hatte er einige Zweifel. Es hätte sein können, dass er noch manches darüber hinaus tun könnte, damit er ganz sicher wäre, dass es wirklich ausreicht. Der junge Mann hatte die Vorstellung, dass es da wohl so eine Grenze geben müsse, ab der man sich seiner Seligkeit sicher sein könne; wie die europäische Wasserscheide eine Grenze markiert, wo der eine Tropfen in die Nordsee und der andere dicht daneben ins Schwarze Meer fließt. Ganz sicher, so meinte er, müsse es an dem liegen, was man tut. Jesus zählte die verschiedenen Gebote auf. "Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis reden, du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren". Und der junge Mann sagte, "Das habe ich alles gehalten von Jugend auf." Doch Jesus merkte, dass sein Herz offenbar doch an den Gütern dieser Welt hing und sagte, er solle seinen ganzen Besitz verkaufen, und ihm nachfolgen. Doch der junge Mann ging traurig davon. Der Sinn der ganzen Geschichte ist der, dass es eben nicht am äußeren Tun hängt, sondern woran man sein Herz gehängt hat. Deshalb sagt Jesus dieses harte Wort, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehe als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme. Und die Jünger sind entsetzt: "Wer kann dann selig werden?" und Jesus antwortet: "Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich."

Die Probe aufs Exempel ist dann ein Armer. Nach einem Gespräch mit den Jüngern schließt sich die Heilung des Blinden vor Jericho an. Er gehörte zum Bettelproletariat. Jesus heilt ihn und sagt: "Dein Glaube hat dir geholfen."
Dann kommt der Oberzöllner Zachäus. Seine Geschichte zeigt, dass es nicht einfach heißt: Die Reichen sind rettungslos verloren. Sondern auch Reiche können gerettet werden. Dabei war allerdings schon die Erfahrung damals: Reiche haben es in der Tat schwerer als die anderen. Auch heute machen wir ähnliche Erfahrungen, dass eben der Wohlstand uns nicht Gott näher gebracht hat, sondern unsere Lage vor Gott schwieriger gemacht hat.
Diese Vorbemerkungen fasse ich zusammen: Jesus wendet sich allen zu, Armen und Reichen. Und alle brauchen die Umkehr. Aber die Reichen haben es besonders schwer. Sie haben ganz spezielle Probleme.

Zachäus hatte es zu etwas gebracht. Er war Oberzöllner. Das war nicht bloß ein einfacher Aufstieg auf der Karriereleiter, so dass er bloß einige andere Zöllner unter sich gehabt hätte. Er hatte von der Besatzungmacht für einen ganzen Bezirk das Recht erworben, den Zoll eintreiben zu dürfen. Er musste dann zusätzlich für die Abgaben, die er eintrieb, an die Römer eine Provision bezahlen. Schon bevor er irgendetwas eingenommen hatte, musste er also eine hohe Geldsumme parat haben. Das heißt, er muss schon unheimlich reich gewesen sein. Die praktische Arbeit vor Ort betrieben dann viele Zöllner, die in seinem Namen die Steuern und Abgaben einzogen. Wir kennen diese Geschichte wahrscheinlich schon seit unserer Kindergartenzeit. In dieser Zeit hat man notgedrungen ein bisschen kindliche Vorstellungen. Wir müssen ihn uns wie einen Finanzier großen Stils vorstellen, nicht so kleinkariert, dass er selbst die Einzelbeträge von den Leuten eintrieb, sondern so, dass er lediglich mit seinen Angestellten die Großbeträge abrechnete. Das war für ihn so eine Art Geldesel.

Aber trotz seines großen Reichtums war seine Lage schlimm. Er lebte in einer starken Isolation. Bereits die Zöllner waren beim Volk grundsätzlich verhasst. Erst recht musste das ihm so gehen, dem Oberzöllner, der wohl auch noch seine Unterzöllner übers Ohr schlug und so buchstäblich außer seinem Reichtum und entsprechendem Lebensstandard und Genuss nicht sehr viel hatte: Keine Freunde über die Familie hinaus.

Wir brauchen uns über Zachäus nicht zu wundern, dass er sich in das dichte Geäst des Maulbeerfeigenbaumes zurückzog, um Jesus sehen zu können. Wenn er unsere technischen Hilfsmittel gehabt hätte, dann hätte er sich wahrscheinlich mit einem Fernrohr in seinem Villen-Anwesen verschanzt und hätte sich gefreut, dass er aus sicherer Distanz diesen Wunderrabbi sehen konnte, den alle Welt so bejubelte. Aber dass Jesus ihn sieht, seine Zurückgezogenheit, seine Isolation, seine Not, das ist das Besondere. Hätten wir seine Not auch gesehen? Oder wäre nicht eher der Hass und - geben wir's zu - auch ein bisschen Neid bei uns aus dem Herzen hochgekrochen. Da ist einer, der hat alles reichlich, wo sich andere Menschen abrackern, sich schinden Tag für Tag. Hat der es nicht gut? dieser Schlawiner? Aber keiner kann ihm an den Karren fahren, denn er hat sein Schäfchen im Trockenen - und die Römer hinter sich. Da kommt so ein klammheimlicher Neid hoch, auch wenn man gut erzogen ist!

Jedenfalls sieht Jesus ihn mit anderen Augen. Er will ausgerechnet mit dem Mann zu tun haben, dem jeder aus dem Wege geht. Was treibt Jesus zu ihm? Jesus durchbricht die Schranken, die schwerer und unbarmherziger sind als Zollschranken, die Schranken, die unter den Menschen die anderen einfach so lässt, wie sie sind. Ja, Jesus will Menschen verändern. Er will, dass sie sich ihm zuwenden, dass sie sich bekehren. Aber Jesus geht dazu einen eigenen Weg. Und ich will heute von diesem Weg etwas abschauen.

Jesus vermeidet zwei Extreme, die unter uns üblich sind. Das eine Extrem ist das, die anderen Menschen einfach so zu nehmen, wie sie sind, nichts an ihnen verändern wollen. Die Indianer sollen ihre kulturelle Eigenart behalten, gleichgültig, ob sie gut ist oder nicht. Schon dass es ihre Eigenart ist, macht sie schützenswert. Die gewalttätigen Demonstranten haben eben ihr eigenes Milieu und die Mafia auch. Da kommt man nicht hinein, da kommt man auch nicht mit. Die überlässt man am besten sich selbst und den Sozialarbeitern, und wenn es sein muss der Polizei. Das andere Extrem will am liebsten auf die Barrikaden. Da sieht man Fehler und Schäden. Man will die Fehler und Schäden abstellen und kann die alle nicht verstehen, die sich zurückgezogen haben und alles beim alten lassen wollen.

Wie gesagt: Jesus vermeidet beide Extreme. Er lässt Zachäus nicht links liegen, oder sagt sich, das muss man als gesellschaftliche Realität einfach hinnehmen. Er geht aber auch nicht auf Zachäus zu: "Du musst dich ändern!" Er geht nicht auf die Mächtigen der Gesellschaft zu und sagt: "Da müssen andere gesellschaftliche Bedingungen und Zustände her." Sondern er sieht den Menschen in seiner Not, er geht auf ihn zu und liebt ihn von innen heraus. Jesus hat Hoffnung für diesen verlorenen Menschen! Gott kann mit dem noch was anfangen. Da leuchtet über Zachäus der Himmel auf. Sollte dieser Jesus ihn tatsächlich aufschließen können? Wo doch für einen so Reichen die Herzen der Menschen alle zu sind, wie viel mehr müsste doch dann Gott, der noch viel mehr sieht als die Menschen, wie viel mehr müsste er seinen Himmel zuschließen! Aber das spürt Zachäus, dass der Himmel offen ist. Und um keinen Preis der Welt will er dies Chance hinausgehen lassen. Was ist der Himmel gegen ein paar Säcke Reichtum und Genuss? Zachäus greift zu!

Nein, er kauft sich den Himmel nicht mit den Bußgeldern. Der Himmel ist schon vorher offen, als Jesus bei ihm eingekehrt ist, als er sich ihm zuwendet, er, der Sohn Gottes, was Zachäus in dieser Weise nicht weiß, noch nicht. Es ist pure Selbstverständlichkeit, dass der Oberzöllner sein erpresstes Geld und Gut zurückgibt, und es ist Dank, dass er vom ehrlich erworbenen Rest die Hälfte an die Armen verteilt. So ein armer Mensch wie Zachäus kann hergeben, indem er den wahren Reichtum erlebt hat, indem er erlebt hat, dass Jesus für ihn da ist. Dieser arme Zachäus hat vorher nichts gehabt an geistlichen Gütern, nichts davon, dass ihm doch auch die Verheißung des Volkes Gottes gilt. Jesus hat ihm von dem Reichtum seiner Fülle gegeben, und schon werden ihm seine Mammon-Sachen nicht mehr so wichtig.

Ich habe von Jesus abschauen wollen. Sollten wir nicht auch diesen Weg gehen können: Dass die Menschen merken, wir schließen ihnen den Himmel auf, indem sie Jesus begegnen können! Dass wir nicht die Zustände einfach so hinnehmen, wie sie sind, dass wir aber auch nicht auf die Barrikaden gehen und sie ändern wollen, sondern dass wir statt dessen die Liebe Gottes weitergeben. Amen!

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