Jesaja 55, 1-5

17. Juni 2007 - Gottesdienst am 2. Sonntag n. Trin.
Pfr. Dr. Karl Knauß

1Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! 2Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. 3Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. 4Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. 5Siehe, du wirst Heiden rufen, die du nicht kennst, und Heiden, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

Alles in dieser Welt kostet etwas. Wir müssen es mehr oder weniger teuer bezahlen. Daher heißt es in einem geflügelten Wort, ein bisschen bitter: Umsonst ist nur der Tod.
Doch bei Gott ist's anders. Umsonst ist das Leben! Er, der Geber des Lebens, bietet es frei an. Doch wir bleiben zunächst im Bild. Dann geht es hier um Wasser.
Das kommt bei uns ja aus dem Wasserhahn. In den meisten unterentwickelten Ländern muss man zum Brunnen gehen. Wer dort wartet, bis das Wasser von selbst kommt, der verdurstet. Das Wasser kommt nicht von selbst. Man muss hingehen. Wenn man dann aber hingeht, dann ist es umsonst. Umsonst fließt es aus der Quelle.

Hinter dem Marktschreier, der Wasser anbietet und Leben meint, steht letztlich niemand anderes als Gott selbst, und die Empfänger sind die Menschen, die Durstigen. Vielleicht wir?
1. Die Durstigen als Empfänger,
2. Das Leben als Angebot
3. Hülle und Fülle - umsonst.

1. Die Durstigen als Empfänger
Wir haben am neuen Pfarrhaus eine lange Hecke und müssen sie immer wieder schneiden. Wenn sie dann geschnitten ist, dann liegen das Laub und die Zweige auf dem Gehweg oder der Straße. Ich würde es sofort verschenken, wenn ein Abnehmer da wäre. Doch glauben Sie, das Zeug will jemand? Statt dessen haben wir Mühe, das Laub und die Zweige zu entsorgen. Diese Mühe ist vielleicht sogar noch größer als das bloße Wegschneiden.

Man braucht also Abnehmer. Gibt es Leute, die Hunger nach Leben haben? Die Leben haben wollen?
Was hilft es, wenn Gott Leben anbietet, Lebenserfüllung, Leben aus ihm - aber es ist keiner da, der das wirkliche Leben aus ihm will.
Vielleicht ist unser Streben nach Erfolg im Leben, nach Ansehen, Aufmerksamkeit, nach ein bisschen Freude nur ein Ablenkungsmanöver. Der eigentliche Lebensdurst ist etwas anderes. Wir wollen sehen und spüren, dass unser Leben einen Sinn hat, dass es einen großen Zusammenhang hat, in den wir eingebaut sind, und dass es ein Ziel hat, auf das wir zugehen. Der eigentliche Lebensdurst hat mit Gott etwas zu tun. Er kann nur in Verbindung mit ihm gestillt werden.

Die vor einigen Jahren verstorbene Schauspielerin Rita Hayworth sagte einmal, offenbar in einem Interview, das in einer Zeitung wiedergegeben wird: "Ich war eine Göttin, eine Königin, als ich jung und schön war. Jetzt bin ich alt und hässlich, und sie haben mich weggeworfen wie ein zerknülltes Stück Papier." Der Artikel fährt dann fort: "Einst war sie Königin von Hollywood; jetzt irrt sie durch den Vorgarten ihrer kaum möblierten Villa, verflucht die Bäume und spricht zu den Sträuchern, als wären es Menschen."

Die Namen sind hier austauschbar. Wie viele Menschen könnten das von sich ähnlich sagen. Vor Jahren haben sie mich verehrt. Heute ist nichts davon übriggeblieben.
Im Psalm 42 heißt es: "Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue." Die Bibel ist voll von dem Angebot Gottes an die Durstigen, das heißt an die, die bei ihm etwas suchen, die zu ihm kommen. Nicht erst heute, sondern auch schon zur Zeit Jesu und in alttestamentlichen Zeiten war es deutlich, dass man zu Gott niemanden hintragen kann. Wenn Gott nicht den Mangel in uns selbst zum Durst nach ihm werden lässt, kann man sich den Mund franzig reden, und es geschieht nichts.

Und daher brauchen wir heute nicht Menschen mit vielen großen Gaben, denn die haben wir. Sondern wir brauchen Menschen mit einem echten großen Lebensdurst, die ehrlich genug sind, das auch an sich selbst zu entdecken und die sich dieses Lebensdurstes nicht schämen. Nichts ist so nötig wie normale und ehrliche Menschen, die sagen können: Ich brauche Leben!

2. Das Leben als Angebot
Scheinbrot! Manche kennen es vielleicht aus der schlechten Zeit noch aus eigener Erfahrung. Brot, das mit Sägemehl oder irgend etwas anderem gestreckt ist. Ich weiß nicht, wie man das im Orient damals gemacht hat. Aber der Sinn ist klar: Da werden Lebensinhalte angeboten, die diesen Namen nicht verdienen: Vielleicht falsche Hoffnungen, Philosophien und Religionen. Spekulationen, die nichts bringen außer Enttäuschung. Ein bisschen irdisches Glück, das morgen vergangen ist, um übermorgen einem anderen kleinen Glück zu weichen. - Scheinbrot! Du kannst essen, soviel du willst: Es nährt nicht.

Der englische Schriftsteller C.S. Lewis (1898-1963) hat einmal den gewagten technischen Vergleich angestellt: "Gott hat uns erschaffen, hat uns erfunden, wie ein Mensch eine Maschine erfindet. Ein Auto ist so konstruiert, dass es mit Benzin und mit nichts anderem läuft. Die "menschliche Maschine" hat Gott so konstruiert, dass sie nur mit ihm läuft. Er selber ist der Treibstoff, den unser Geist verbrennen, oder die Nahrung, an der unser Geist sich stärken soll; eine andere gibt es nicht. Und deshalb ist es sinnlos, Gott zu bitten, uns auf unsere Weise glücklich zu machen. Gott kann uns weder Glück noch Frieden schenken, die von ihm selbst getrennt sind.

In unserem Text ist das Bild für die Lebenserfüllung das Wasser. Es hat alles, was man notwendig zum Leben braucht. Aber da wird sogar noch mehr angeboten: Wein und Milch. Es ist sozusagen eine Überfülle an wirklichem, echtem Leben. Und diese Überfülle ist sehr leicht zu bekommen. Der Prophet sagt einfach: Kommt! Er sagt nicht: Schuftet. Denn das, wofür ihr schuftet, der saure Verdienst und das, was man darum kaufen kann, das macht ja gerade nicht wirklich satt.

In manchen Kirchen liegen "Gebetbücher" oder "Gebetshefte" aus, und zwar nicht gedruckte, sondern solche, in die man etwas hineinschreiben kann, Gebetsanliegen. Oftmals sind es Gebetssätze, die die Sehnsucht nach Leben aus Gott ausdrücken.
Das hat die Samariterin am Jakobsbrunnen gefunden, mit der Jesus gesprochen hat. Sie hat erlebt, dass ihr vergeben werden kann. Luther sagt: "Wo Vergebung der Sünden ist, da ist Leben und Seligkeit." Dann ging sie hin und hat die Mitbewohner ihres Dorfes eingeladen, dass sie auch den Messias kennen lernen. Sie haben es dann mit dieser Frau, mit der sie vorher nichts zu tun haben wollten, erkannt: "Dieser ist wahrlich der Heiland der Welt."

Auch Petrus war einer von denen, die es erfahren haben. Als viele der Jünger wegliefen, weil es ihnen zu unangenehm wurde, fragte Jesus seine Jünger: "Wollt ihr auch weggehen?" Und Petrus sagte: "Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens..."
Viele haben seit dieser Zeit das Leben in Jesus gefunden, bis zu uns heute. Und wir haben viele, die bezeugen können, dass er das Leben gibt.
Ich habe als Schriftlesung vorher verlesen, wie Jesus am Laubhüttenfest in Jerusalem auftritt und sagt: Wenn jemand Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken. Und er sagt damit: Dieses Wort Gottes beim Propheten Jesaja ist jetzt erfüllt. Lebenserfüllung durch Jesus.

3. Hülle und Fülle - umsonst
Manche mögen denken: War das wirklich schlau von Gott? Das Leben umsonst anzubieten? Ich stelle mir vor, da wäre ein Werbefachmann oder Verkaufsberater mit eingeschaltet gewesen. Der würde ihm raten, sein Angebot teurer zu machen. Die Leute meinen sonst, es wäre nichts wert. Wert ist nur etwas, das auch etwas kostet.

Doch Gott hat es ganz umsonst angeboten, weil es niemand bezahlen könnte. Die Reichsten wären sofort bettelarm, und hätten's dann immer noch nicht bezahlt. Und weil wir's alle nicht bezahlen können, deshalb bietet er es umsonst an.

Es fällt manchen Leuten unheimlich schwer, ein Geschenk anzunehmen. Sie bringen ja auch keinen Dank über die Lippen. Auf Schwäbisch: "Zahl die Sach, dann brauchst de net bedanke!" Und gerade das soll uns gesagt werden: Bei Gott geht das nicht. Alles, was wir bekommen haben, haben wir ja auch von Gott. Das Höchste, was wir ihm wieder zurückgeben könnten, wäre unser Leben. Und auch das wäre nur unser irdisches Leben. Er aber schenkt uns ewiges Leben und die Gemeinschaft mit ihm. Das ist die Überfülle.

Und darum ist die Einladung an uns alle ausgesprochen. Wir sollen umsonst bekommen. Amen!

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