4. Mose 11, 11.12.14-17.24.25 - Pfingsten bei Mose?

27. Mai 2007 - Gottesdienst an Pfingstsonntag mit anschließendem Heiligem Abendmahl
Pfr. Dr. Karl Knauß

Sind die eigentlich noch recht bei Trost? So muss man sich über das Volk Israel fragen. Sie sind aus dem Leben unwürdigen Leben in Ägypten freigekommen. Da fangen sie in der Wüste an zu jammern. In ihrer Erinnerung wird aus dem Sklaven-Dasein in Ägypten ein echtes Paradies: Dort war alles noch gut. Massenhaft zu essen. Alles umsonst. Und die leckersten Sachen. Beim Beschreiben läuft ihnen das Wasser im Mund zusammen - Spinnen die?

Manchmal können unsere Gefühle mit uns Schlitten fahren. Da gibt's eine Erinnerungs-Verklärung: Früher, als ich noch jung war, da war alles anders! Alles besser. Wir waren immer alle anständig. Die Luft und die Umwelt war noch in Ordnung. Stimmt ja auch. Aber das andere wird ausgeblendet. Vergessen ist alles, was man damals schlecht fand.

Jedenfalls ging's den Israeliten in der Wüste so ähnlich. Die Erinnerungen an die Zeit in Ägypten erschienen alle in rosarot. Und die Gegenwart erschien ihnen furchtbar. Jeden Tag das gleiche Essen: Immer nur Manna. Warum denn kein Fisch oder kein Steak? Damit lagen sie Mose - und Gott - in den Ohren. Es wird berichtet, dass sie sippenweise vor die Tür ihres Zeltes traten und heulten. Das war eine nervige Groß-Demo.

Der demonstrierte Frust ging Mose total auf die Nerven, so dass er alles hinschmeißen wollte. So negativ das alles aussieht, Gott reagiert unerwartet.

11Und Mose sprach zu dem Herrn: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast?

14Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss. 16Und der Herr sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst.

24Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des Herrn und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Der Heilige Geist wird auf viele verteilt, aber nicht auf alle! Das ist die besondere Situation im Alten Testament. Nur die Propheten und die Amtsträger bekommen den Heiligen Geist. Für Wilhelmsdorf hieße das, nur die vom Brüdergemeinderat und vom Gemeinderat.

Kann man den Heiligen Geist verteilen und vermehren, so wie man Feuer ausbreitet? Menschen können's nicht, aber Gott macht es offenbar so. Wörtlich heißt es: Ich will von dem Geist zurückbehalten, der auf dir ist, und auf sie legen. Das hört sich an, als habe er den Heiligen Geist in ein besonderes Gefäß gefasst und dann ausgeteilt.

Aber er nimmt nichts von Mose weg. Mose wird nicht geschwächt. Der Heilige Geist ist nicht wie ein Nachtisch, der in kleineren oder größeren Portionen ausgeteilt wird. Sondern der Heilige Geist ist wie ein Feuer, das sich bei der Verteilung ausbreitet. Er breitet sich aus, während er verteilt wird.

Es gehört zur Gemeinde des Neuen Bundes, dass nicht einer allein alles macht und alles kann; und zum Alten Bund gehört es offenbar auch. Gaben sind verteilt und sollen von vielen auch wahrgenommen werden.

Die siebzig Älteste hatten mit Mose die Verantwortung für das Volk Israel in der Wüste. Auch später bestand die geistliche Regierung, das Synhedrium, aus genau siebzig Leuten plus dem Hohenpriester. Man berief sich auf diese Stelle.

Auch die Leitung braucht Gaben. Wenn viele sich mit ihren Fähigkeiten einbringen, dann liegt die Last auch auf vielen Schultern verteilt.
Natürlich ist es gut, dass viele Menschen in der Gemeinde ihre Kräfte, ihre Intelligenz und ihre Gaben einsetzen und einsetzen müssen. Darum haben wir verschiedene Gruppen und Kreise, darum sollen sich auch an der Gemeindeleitung mehrere beteiligen. Hier ist kein wesentlicher Unterschied zwischen dem, wie etwa ein Industriebetrieb organisiert wird. Es ist eine große Energie einzusetzen, dass die Gemeinde wirklich gut organisiert wird.

Aber eine gute Organisation ist noch lange nicht das Geheimnis einer geistgeleiteten Gemeinde. Eine gut organisierte Gemeinde ist noch lange nicht die Gewähr dafür, dass Gott in ihr zum Zug kommt.

Planung und Geistesleitung sind keine Gegensätze. Sie dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es ist gerade ein Kennzeichen des Heiligen Geistes, dass er die Gaben der Menschen ordnet und auf Gott hin ausrichtet. Die Gaben der Menschen dienen nicht dazu, dass man bewundernd ausruft: Mensch, wie toll der oder die das kann! Wenn der Heilige Geist die Gaben der Menschen heiligt, dann ist es ein Kennzeichen, dass dann der Geist der Konkurrenz irgendwie aufhört. Da hört auf, dass sich einer über den anderen erhebt, und sei es auch nur innerlich, ohne dass es die anderen so recht mitkriegen. Und da hört es auch auf, dass Menschen Gott die Schau stehlen. Nicht Menschen stehen im Mittelpunkt, sondern Gott. und dabei ist es eigentlich unwichtig, ob eine Gemeinde wenig oder viel Emotionalität hat.

Als ein Kennzeichen unserer Zeit werden von einem gegenwärtigen Denker drei Symbole genannt: Die Autobahn, der Selbstbedienungsladen und der Schnellimbiss. Du kommst schnell überall hin. Du kannst dir jederzeit alles besorgen. Und du hast immer etwas zu essen. Vielleicht würde mancher sagen: Da gehören noch einige Symbole dazu. Es ist aber nicht so wichtig, ob diese Aufzählung vollständig ist. Wichtig ist: Du hast alles im Griff. Aber es gibt auch Situationen, da fühlen wir uns ausgeliefert, und wir haben sie gar nicht im Griff. Heute denken wir dran: Wenn man selbst eine Aufgabe hat, und man weiß nicht mehr weiter.

Es scheint die Art Gottes zu sein, dass er dann wirkt, wenn Menschen nicht mehr weiterwissen. Mose ist mit seiner Kraft am Ende, er ist gar lebensmüde geworden. Dieser charismatische Mensch kann nicht mehr! Nicht weil er krank geworden. Vielleicht war es auch eine Art Erschöpfungsdepression. Aber es war nicht nur zu viel Last in zu kurzer Zeit, sondern es war auch objektiv unmöglich, diese Aufgabe wirklich zu leisten.
Er merkt: Die Last geht weit über meine Kräfte. Nicht nur das Volk, sondern sogar Gott überfordern ihn.

Doch dieser Mose ist ein Segen! Gerade in seiner Überforderung. Er gibt sie zu. Er sagt nicht zu Gott: Hast du mir einen neuen Einfall! Er sagt nicht: Lieber Gott, du kannst mich doch vor den Leuten nicht so im Regen stehen lassen, du kannst mich doch nicht so blamieren. Sondern er sagt: Wenn du es gut mit mir meinst, dann mache mit mir ein Ende. Ich kann und will mein Unglück nicht mit ansehen. Und er meint auch das Unglück des Volkes mit.

Mose ist ehrlich und echt. Showmaker mögen viel Begeisterung ernten. Aber Frucht entsteht aus dem, wenn wir vor Gott ehrlich dastehen und sagen, wie die Lage wirklich ist. Darum nimmt Gott die Sache selbst in die Hand. Er teilt seinen Geist aus. Und zum Zeichen, dass das von Gott kommt, reden sie prophetisch. Die Leute sollen sehen: Da hat Gott gehandelt.

Wir haben am Pfingsttag heute erstaunlicherweise diesen Text aus dem Alten Testament als Predigttext gehabt. Wir sollen daran denken: Gott hat den Heiligen Geist nicht erst seit Pfingsten zu den Menschen geschickt. Aber damals war er nur wenigen Menschen als Gabe gegeben, etwa den Propheten oder diesen 70 Ältesten.

Die neutestamentliche Gemeinde hat es besser. An Pfingsten kommt der Heilige Geist zum ganzen Volk der an Jesus Christus glaubenden Gemeinde. Wir brauchen ihn auch für unsere Gemeinde. Aber Gott will wie damals, wir sollen eine bittende Gemeinde, die um ihn bittet, weil sie selbst nicht alles hat. Amen.

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