Johannes 14, 15-19

20. Mai 2007 - Gottesdienst an Exaudi
Pfr. Dr. Karl Knauß

Zu dem russischen Schriftsteller Leo Tolstoi soll einmal ein Rabbiner zu Besuch gewesen sein. Sie unterhielten sich über religiöse Fragen. Sie redeten offen und machten kein Versteckspiel. Tolstoi nahm das Neue Testament und las verschiedene Abschnitte vor, besonders aus der Bergpredigt. Zunächst hörte der Rabbiner zu und nickte: So ähnlich steht es auch im Talmud, in den Sprüchen Salomos oder im Buch der Weisheit. Aber dann kamen sie an Sätze, die im Alten Testament und im Talmud keine Entsprechung hatten. Spezifisch christlich. Einfach anders. Das, was man als Antithesen in der Bergpredigt bezeichnet. "Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten... Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig... Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und dort kommt dir in den Sinn, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich mit deinem Bruder und dann komm und opfere deine Gabe..." Tostoi wartete auf eine Antwort. Der Rabbiner schwieg eine Zeitlang. Dann lächelte er und sagte: "Aber tun das die Christen auch?"

Wir Christen werden von anderen nicht nach unserem Reden beurteilt, sondern nach unserem Tun. Jesus sagt in seinen Abschiedsreden zu seinen Jüngern
[Johannes 14, 15-19]

15Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. 16Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: 17den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. 18Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. 19Es ist noch eine kleine Zeit, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.

Die Jünger waren damals eine verschwindende Minderheit mitten in einer anderen Umgebung. In einer solchen Situation wird man genau beobachtet.
Auch wir werden gut beobachtet. Es gibt eine sehr einfache Logik. Wenn das wirklich wahr ist, was Jesus gesagt und getan hat, dann muss man es auch merken. Es kann einfach nicht sein, dass Jesus uns unsere Schuld vergeben hat, dass er neue Menschen aus uns gemacht hat, und dass man von all dem an uns nichts merkt und nichts sieht. Es kann einfach nicht sein, dass wir Erben des Reiches Gottes sind, und dass das dann unser Leben unverändert ließe.
Jesus fragt ein wenig anders als die anderen. Diese Sicht möchte ich als ersten Punkt nennen:

1. Die Frage nach unserer Liebe zu Jesus
Jesus sagt in diesem Zusammenhang nicht, dass wir seine Gebote halten sollen, sondern dass wir sie halten werden. Er befiehlt nicht, sondern er stellt fest. Das ist so! Ihr werdet meine Gebote halten; wenn ihr...

Das ist so logisch wie die Feststellung, dass im Frühjahr die Bäume grün werden. Wenn der Winter vorbei ist und der Boden genügend Feuchte hat, dann werden die Bäume grün. Niemand läuft in der Gegend herum und sagt zu den Bäumen und Sträuchern und zum Gras: "Werdet grün." Sondern das geschieht ganz selbstverständlich. Der Grund für das Grünwerden ist, wenn es warm genug ist und ausreichend Wasser da ist.

So fragt Jesus nach unserer Liebe zu ihm. Die anderen fragen nach unserer Glaubwürdigkeit und nach unserem Handeln (der Rabbiner fragte: Tun das die Christen auch?), sie fragen gleich nach dem Ergebnis, Jesus fragt nach unserer Liebe. Er fragt nach dem Grund alles weiteren Lebens. Ohne die Liebe könnt ihr Unmengen an Geldmitteln einsetzen, ihr könnt eine große Propaganda machen und eine gut geschmierte Organisation aufziehen, aber es wird nicht viel bringen. Aber mit der Liebe zu Jesus, da könnt ihr euch manche dilettantische Arbeit leisten, ihr müsst nicht viel Propaganda machen. Die Liebe zu ihm verändert alles. Die Prioritäten müssen stimmen. Zuerst die Liebe, dann das andere alles.

Wer will eigentlich diese Liebe messen? - Wir können sie eigentlich weder bei anderen noch bei uns selbst messen. Aber sicher ist, dass sie nicht nur als Worten besteht. "Wenn jemand sagt, ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht?"
So heißt es im 1. Johannesbrief (5,20) .

Unter uns Menschen ist es so, wenn wirklich echte Liebe da ist, dann schaut man dem anderen jeden Wunsch von den Augen ab. Man denkt sich in ihn so hinein, dass man ihm einen Wunsch erfüllt, selbst wenn er noch nicht ausgesprochen wurde.

Da mag eine Frau sich an ihrer täglichen Aufgabe hart tun: Die Kinder sind aufmüpfig und anstrengend, das Haus und der Garten sind in Ordnung zu halten, und dann sind noch einige Zusatzaufgaben zu erledigen. Wenn ihr Mann nun heimkommt und sagt, ich liebe dich, aber nicht schaut, wo er ihr helfen kann, dann hat seine Liebeserklärung nicht viel Wert; sie kommt aber um so mehr zum Ausdruck, wenn er ihr beisteht und hilft, wenn er wahrnimmt, wo Hand anzulegen ist.

Jesus hat wenige Erklärungen abgegeben, dass er seine Jünger liebe. Es gab sie zwar. Aber mehr hat er ihnen das gezeigt durch seine Art zu leben. Es war ein Leben für andere. Sein Lebensziel war, dass er sein Leben verliert; für uns. Er hat nicht eigene Ziele erreichen wollen. Das ist uns zum Vorbild und Ansporn, dass wir unsere Ziele zurückstellen und für ihn da sind.

Wenn wir das von Jesus übernehmen, dann heißt es: Wegschauen von uns und hinschauen auf seine Wege und auf seine Ziele.
Dann soll in unserem Gebet das wichtig werden, was für ihn da ist. Dann soll in unserem Terminkalender das stehen, was seinen Zielen dient.

Aber das können wir ja nicht; jedenfalls nicht so, wie es Jesus für uns getan hat. Oder ist nicht unser Gebet sehr oft nur mit dem angefüllt, was uns selbst und unsere nähere Umgebung betrifft. Gerade davon sollen wir uns lösen können und in die Weite von Gottes Horizont kommen. Doch wir können es nicht. Dazu brauchen wir die Kraft von ihm.

2. Jesus verspricht uns als Anwalt den Heiligen Geist
Jesus hätte uns alle wegen Untauglichkeit aus seinem Dienst entlassen müssen, wenn er nur auf unsere natürlichen Fähigkeiten schauen würde. Aber er hat uns seinen Heiligen Geist versprochen.

Er coacht uns, wo bei uns Mangel ist.
Ein wenig später im Johannesevangelium sind die Aufgaben beschrieben, die der Heilige Geist wahrnimmt:
a) Er erklärt und übersetzt das Wort Gottes und verherrlicht Jesus
b) Er deckt bei den Menschen die Sünde auf
c) Er ruft den Sieg Gottes über den Fürsten dieser Welt aus

Ich will jetzt nur über die erste Aufgabe etwas sagen, da sie auch im heutigen Predigttext auftaucht: Der Heilige Geist ist unser Dolmetscher.
In dem schwedischen Film: "Es waren ihrer Zehn" steht eine Konfirmation im Mittelpunkt. Es ist ein frommer Film. Ich habe ihn vor Jahren einige Male auf Konfirmandenfreizeiten gezeigt. Zehn Konfirmanden versuchen nach ihrer Konfirmation, mit ihrem Glauben irgendwie zurecht zu kommen. Sie wollen es wirklich ernsthaft. Aber es geht nicht. Einer nach dem anderen gibt auf. Sie kommen nicht damit zurecht, ihren Glauben in ihrem Leben einzusetzen. Schließlich bleiben nur noch zwei übrig. Der eine hat es offenbar begriffen, und der andere hat noch nicht ganz aufgegeben. Der ist besonders zäh. Obwohl er nicht zurechtkommt, versucht er mit einer bewundernswerten Beharrlichkeit den Sinn des Christseins doch noch zu erfassen.

Versinnbildlicht wird der Glaube samt Drumherum mit einer riesengroßen Bibel, die jeder bei der Konfirmation geschenkt bekommen hat. Aber einer nach dem anderen hat sie weggeworfen, weil sie zu sperrig war. Die Bibel des einen Konfirmanden, der so zäh war und noch nicht aufgegeben hat, ist symbolisch zu einem Radio umgestaltet. Eigentlich sollte Sprache oder Musik herauskommen, aber es kommen nur unverständliche Töne heraus.

Da kommt der andere, der es offenbar schon eine Weile begriffen hat, und hilft seinem Freund. Mit ein paar Handgriffen zieht er eine Antenne heraus und bringt das Radio dazu, dass es Musik von sich gibt; also die Sprache, die die meisten Jugendlichen auf Anhieb verstehen.

Der eine ist für den anderen zum Dolmetscher geworden. Er hat ihm erklärt, was Gott meint. Diese Aufgabe nimmt der Heilige Geist auch wahr. Er macht verständlich, was ohne ihn nur als kunterbuntes Durcheinander erscheint. Wem es schwerfällt, Gott zu verstehen, der sollte daran denken: Vielleicht fehlt einfach nur der Übersetzer. Manchmal ein menschlicher Übersetzer. Aber vor allem der Heilige Geist, der uns die Welt Gottes aufschließt und erkennen lässt. Er bringt Ordnung und Durchblick in unser Leben.

Der Heilige Geist ist der Geist der Wahrheit. Und dann heißt es auch noch, dass die Welt diesen Geist nicht empfangen kann.
Die Frage ist: Wer hat den Heiligen Geist? - Antwort: Alle, die Jesus Christus als Eigentum gehören. Der Heilige Geist ist nicht noch eine Zusatzqualifikation im Glauben, sozusagen eine höhere Stufe des Glaubens, sondern er gehört zur Grundausstattung. Paulus sagt im Römerbrief: "Wer Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein."

Durch die Gabe des Heiligen Geistes gibt Jesus uns die Kraft und das Ziel, seinen Willen zu tun und seine Gebote zu halten. Amen.

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