Johannes 17, 20-26
An Himmelfahrt sollte eigentlich darüber gepredigt werden, dass Jesus in den Himmel gefahren ist. Dieser Text wurde auch als Schriftlesung verlesen. Und dann erwarten viele die Erklärung, dass der sichtbare Himmel gar nicht gemeint ist, der Himmel mit den Wolken und der Sonne und den Sternen. Sondern dass der Himmel als Wohnort Gottes eigentlich die unsichtbare Welt Gottes ist, die mitten unter uns ist.
Viele erwarten also Erklärungen, dass bei uns Schwierigkeiten im Verstehen abgebaut werden. Wir sollen sagen können: Dann ist also Jesus gar nicht von uns weggegangen, sondern er hat nur in die Unsichtbarkeit gewechselt.
Doch diese Verstandesschwierigkeiten sind heute nicht im Vordergrund. Sondern der Hauptpunkt heute ist anders. Zugespitzt gesagt, geht es heute eigentlich nicht um Jesus, sondern um uns als seine Gemeinde.
Jesus schaut - noch vor Karfreitag - auf die Zeit, in der er nicht mehr öffentlich auftritt, sondern für uns und für die Menschen insgesamt im Verborgenen ist. Dafür hat seine Gemeinde die Aufgabe, ihn zu vertreten. - Können wir das? ihn vertreten?
Jesus bittet im hohenpriesterlichen Gebet seinen Vater darum, dass wir das können. Er bittet also um unsere Glaubwürdigkeit; und deshalb auch um Einheit.
20Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, 21damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast. 22Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind, 23ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst. 24Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war. 25Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. 26Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen.
Bei diesem Predigttext ist es wie in einer Geheimdienstzentrale. Wir werden Zeugen über ein göttliches Selbstgespräch. Weil wir Mitwisser seiner Geheimnisse sind, deshalb sind wir Geheimnisträger. Wer Geheimnisse kennt, der posaunt sie nicht aus, er behält sie aber auch nicht für sich selbst. Was Jesus Christus mit seinem Vater besprochen hat und was sein Wille für seine Gemeinde ist, das soll weder zu einer Allerweltsweisheit verkommen, noch soll es vergessen werden. Jesus will, dass es Wirklichkeit wird, die lebt, die man sieht, die eine sichtbare Ausstrahlung hat, aber die eben von einer unsichtbaren Wirklichkeit lebt.
Eigentlich müssten wir den Atem anhalten, wenn wir Gott belauschen, was er mit sich selbst berät. Jesus, der Sohn Gottes, spricht mit seinem Vater. Er spricht anders, als wir Menschen zu Gott sprechen. Er weiß sich mit Gott eins. Ein paar Kapitel vorher berichtet Johannes, wie Jesus genau über diese seine Einheit mit Gott auch öffentlich gesprochen hat vor den Juden. "Ich und der Vater sind eins." (Joh.10,30) Wir berühren ein Stück vom Geheimnis der Dreieinigkeit. Zwar steht der Sohn dem Vater gegenüber, aber er ist von ihm doch nicht getrennt, wie seine Geschöpfe von ihm getrennt sind. Die Verbindung zwischen Gott und Jesus bedeutet nicht nur, dass sie einer Meinung wären, sondern dass sie zusammen ein und derselbe Gott sind. Diese Einheit des dreieinigen Gottes nimmt Jesus als Urbild, als Muster, um unsere Einheit zu zeigen, und um sie zu erbitten.
Früher gab es Zeitschriften, in denen Schnittmuster für Kleider abgedruckt werden. Ich weiß nicht, ob es solche Zeitschriften heute noch gibt. Vielleicht lädt man sie heute aus dem Internet. Solch ein Schnittmuster wird einfach auf einen Stoff gelegt und auf den Stoff übertragen. Dann schneidet man die Abbildung aus und hat eigentlich schon die Hauptsache für ein Kleidungsstück. Jetzt muss man nur noch die Teile aneinandernähen. Wenn das wirklich gekonnt ist, dann kommt nachher auch ein Kleidungsstück heraus, wie man es sich vorher vorgestellt hat.
Jesus nimmt die Einheit, die er mit seinem Vater hat, als Muster für unsere Einheit untereinander. Er bittet seinen Vater, dass auch wir die Einheit haben, wie sie in diesem Muster vorgeben ist. Wir können zwar nicht sagen, irgend jemand von uns habe die Einheit des dreieinigen Gottes wirklich begriffen. Sondern wir können sie lediglich gleichnishaft beschreiben.
Die Einheit der Gemeinde kann man auch nicht voll erklären. Aber Jesus sagt, diese Einheit soll so ähnlich sein wie die Einheit, die er mit seinem Vater hat. Wenn wir uns als Gemeinde verstehen wollen, dann müssen wir also auf ihn schauen; wir müssen Gottes Wesen auf uns kopieren und durchpausen. Was braucht man denn da für ein "Instrument", um Gottes Wesen auf uns durchzupausen? (Gebet, die Beschäftigung mit seinem Wort und Willen, Ja sagen zu seinem Willen)
Mit Einheit ist auf keinen Fall gemeint, dass wir dauernd streiten, bis alle erschöpft zusammenbrechen und dann die Einheit automatisch käme, es ist aber auch nicht gemeint, dass wir von vornherein immer derselben Meinung wären. Im Gegenteil: In der Bibel wird nur von den Anhängern des Antichristen gesagt, dass sie eine Meinung tun ( Offb.17,17 ), also gleichgeschaltet sind. Von der Gemeinde heißt es statt dessen z.B. in der Apostelgeschichte, dass sie ein Herz und eine Seele gewesen seien ( 4,42 ). Das geht tiefer, als dasselbe tun oder dasselbe denken. Die Einheit der Gemeinde entsteht nur dadurch, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, in uns lebt, und uns so in die Einheit des dreieinigen Gottes mit hineinnimmt.
Wir haben eine ganz große Verantwortung. Die Gemeinde repräsentiert Jesus und vertritt ihn. Sie trägt sogar seine Herrlichkeit.
"Das ist doch eine Schuhnummer zu groß!" - so könnte mancher sagen. "Ich will mir das doch nicht anmaßen."
Natürlich können wir's nicht von uns selbst. Sondern auf geheimnisvolle Weise wirkt das Jesus in uns und durch uns; es geht nur, weil wir mit ihm verbunden sind. Wir vertreten ihn nicht durch unsere Kraft oder unsere Fähigkeiten. Sondern es sind seine Gaben.
Anschaulicher sagt das Jesus in dem Bild vom Weinstock und den Reben. Wir sind wie die Reben, er wie der Weinstock. Wir können nur Frucht bringen durch die Verbindung mit ihm.
Ein Pfarrer hat aus seiner Gemeinde berichtet, dass über die Renovierung des Gemeindesaals samt Anbau beraten wurde. Es gab sehr unterschiedliche Meinungen. Bis tief in die Nacht ziehen sich die heißen Debatten über die verschiedenen Möglichkeiten im Für und Wider hin. Je länger die Beratung geht, desto mehr steigert sich die Uneinigkeit. Schließlich bricht er die Beratung ab mit der Bitte, jeder solle eine Woche lang intensiv ins Gebet gehen und den Herrn um Weisung fragen, denn jeder sei doch überzeugt, dass er die nach Gottes Willen beste Lösung vertreten möchte.
Eine Woche später. Alle sind sehr gespannt, was nun passieren wird. Die Überraschung ist groß, als alle den gleichen Vorschlag zur Renovierung und zum Anbau des Gemeindesaals hatten. Für die weitere Gemeindearbeit bleibt dieses Erlebnis von entscheidender Bedeutung.
Vielleicht geht dieses Beispiel für manche zu glatt aus. Manchmal kommen wir trotz Gebet nicht zu derselben Meinung. Aber es zeigt, dass Einheit nicht automatisch kommt, sondern erbeten werden muss. Auch darin ist es ein Abbild davon, wie Jesus mit seinem Vater umgeht, denn auch er geht mit der Bitte um unsere Einheit zu seinem Vater.
Wer so konkret um Einheit beten will, der muss auch informiert sein. Und das bedeutet, wer beten will, muss sich für die Dinge interessieren, die in der Gemeinde laufen. Und wenn er für etwas beten will, was sonst in der weiten Welt geschieht, dann muss er sich auch dafür interessieren. Schließlich muss, wer betet, auch bereit sein, sich selbst verändern zu lassen.
Jesus hat einen Zweck genannt, warum wir eine Einheit sein sollen: Damit die Welt glaubt, dass Jesus von Gott gesandt ist, d.h. die Mission. Die Einheit ist eine Sprache, die vielleicht deutlicher spricht, als das, was unser Mund sagt. Von den Christen am Anfang hatten die Menschen im römischen Reich das Urteil: Wie haben sie sich so lieb. Diese Sprache hat jeder hören können, der mit Christen zusammen war. Das lockte die Menschen an. Sie wollten auch so werden, wie die Christen. Da muss doch eine große Kraft und Wirklichkeit dahinterstehen, wenn sich Menschen so verändern, so dachten sie. Sie hatten damit recht. Jesus hat denen, die an ihn glauben, seinen Heiligen Geist gegeben, der sie verändert und ihr Denken und ihr Leben erneuert.
Wir wollen darum beten und arbeiten, dass man so etwas auch von uns sagen kann, damit die Welt erkennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Amen!