Jesaja 12, 1-6
In Wilhelmsdorf wird viel gesungen und viel Musik gemacht. Aber wir haben keinen einheitlichen Musikgeschmack. Was dem einen gefällt, kann möglicherweise den anderen tief ärgern. Jemand, den ich sehr schätze (Arthur Richter), sagte mal, dass in der Hölle die Musik von Arnold Schönberg gespielt würde. Ich bin nicht ausreichend informiert, ob das stimmt. Es könnte sein, dass dort überhaupt keine Musik läuft.
Vom Himmel wissen wir mehr. In der Bibel wird beschrieben, dass dort Lobgesänge gesungen werden - zur Ehre Gottes und zur Ehre Jesu. Doch selbst dort kennen wir keine Vorschriften über die Tonart usw. Und es ist schon die Frage: Wird das nach unserem Musikgeschmack sein, oder müssen wir umlernen? Wir wissen es nicht.
Eines aber wissen wir: Dass wir uns und unsere eigenen Vorstellungen dort nicht so wichtig nehmen. Sondern dort wird alles zur Ehre Gottes geschehen; so wie Bach unter seine Werke schrieb: Soli deo gloria, Gott allein die Ehre. Und ich glaube nicht, dass Gott einen bestimmten Musikstil bevorzugt um des Musikstils willen. Sondern es kommt ihm auf unser Herz an. Wenn wir ihn durch Musik loben, dann freut er sich; und wäre es auch ein Brummen. Das unverständliche Lallen von Kindern gehört dazu.
Der Sonntag Kantate ist eine Art geistlicher TÜV, an dem wir unsere innere Einstellung prüfen können. Es wird nicht unsere Musikalität gecheckt. So singt Jesaja in einer psalmartigen Weissagung:
1Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest. 2Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil. 3Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. 4Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! 5Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen! 6Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!
Jesaja stellt dieses Gotteslob für "jene Zeit" in Aussicht, d.h. die Heilszeit. Damit wird zugestanden, dass wir es hier und jetzt noch nicht so richtig können: Gott ungetrübt loben, sogar für Dinge, die sich gegen uns wenden. Wir sind ziemlich beschränkt, im Loben und Danken und Singen.
Aber in der Heilszeit Gottes können wir das. Da werden wir über uns hinausgewachsen sein. Also wir üben hier schon für den Himmel. Frei nach dem dem Kirchenvater Augustinus zugeschriebenen Ausspruch, "Mensch, lerne tanzen, denn sonst wissen die Engel im Himmel mit dir nichts anzufangen." Zwar stammt dieses Wort nicht von Augustinus, aber er hielt viel von der Musik (vom Tanz mit gewisser Einschränkung). Augustinus wusste auch, dass das Singen und Musizieren unser Herz frei machen kann.
Was Augustinus dachte, ist zwar jetzt in unserem Zusammenhang nicht ausschlaggebend. Doch wollen wir mit dem Lied des Propheten Jesaja darüber nachdenken: Das richtige Singen und danken ist ein Vorgriff auf die Ewigkeit. Das bringt eine zielgerichtete Bewegung in unser Leben. Es führt uns über das hinaus, was wir hier erleben.
In den vorausgegangenen Kapiteln war viel vom Gericht und von der Strafe die Rede; auch vom Gericht für das Volk Israel.
Es ist doch erstaunlich, dass dann der Prophet Jesaja nicht ein Klagelied anhebt. Denn in der Rückschau auf das Gerichtshandeln müsste das doch alles eigentlich schrecklich sein. Aber er jammert nicht. Er gibt die Weissagung, dass das auch für uns gelten wird.
Das ist der Unterschied zwischen Glauben und Unglauben. Wer auf Gott vertraut und ihn kennt, der darf jubeln, auch wenn es gerade nicht zum Jubeln ist. Denn Gott hat ganz sicher im Endeffekt gute Ziele. Darum, wenn es dir schlecht geht, dann darfst du sagen: Das interessiert mich nicht. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Und weil Gott über allem steht, deshalb wird auch die Welt im Endeffekt nicht in das Chaos stürzen. Sondern wir sind in seinen Händen gut aufgehoben. Mit Gott haben wir eine große Siegeszuversicht.
Dagegen kann sich der Unglaube nie sicher sein. Selbst wenn es ihm gerade glänzend geht: Er muss Angst haben, dass das alles zu Ende geht. Friedrich Schiller hat diese heidnische Angst in seinem Gedicht: "Der Ring des Polykrates" beschrieben. Die heidnische Gottesvorstellung fürchtet den Neid der Götter. Darum "wendet sich der Gast mit Grausen" gegen seinen Gastgeber Polykrates. Er kann es nicht aushalten, wenn alles gelungen ist. Denn dann rächen sich die Götter ganz bestimmt. 1
Aber so ist unser Gott nicht. Am Ende wird er die Seinen nicht niederhalten, sondern sie zu sich erheben. Bei denen, die ihn liebhaben, wird eine Strafe immer nur vorübergehend sein. Deswegen dürfen wir auch jetzt schon singen und jubeln, dass Gott es gut machen wird: Ich danke dir, Herr, dass du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.
Warum loben wir eigentlich Gott?
Wenn wir Menschen durch einen Markt gehen und die guten Früchte loben, dann dient das dem Geschäft. Loben wir die guten Erdbeeren, dann werden sie mehr gekauft.
Wenn der Lehrer einen Schüler lobt für eine gute Antwort oder gute Klassenarbeit, dann soll es den Schüler anspornen, dass er so weitermacht.
Ist das bei Gott auch so? Soll er wachsen? Oder soll die Nachfrage nach ihm verstärkt werden?
Nein. Gott wird nicht weiter wachsen durch unser Lob. Wir können ihm nichts geben, was er noch nicht hätte. Er hat doch alles schon. Sondern wenn wir ihn loben, dann ist er allein wichtig. Ich singe und sage ihm, dass für mich nichts wichtiger ist als er.
Wer größer wird und wächst, bin ich selbst. Wenn ich zu seiner Ehre singe, dann verändere ich mich und die, die mitsingen. Darum darf ich mit Freude Wasser schöpfen.
Schließlich ist das Singen nicht nur für mich selbst da. Sondern wenn ich singe, dann nehme ich die anderen mit hinein, und sie nehmen mich mit hinein in die Gemeinde, die über ihre Grenzen hinauswächst. Eine Predigt dringt oft nicht sehr tief in das Leben hinein und trifft vielleicht nur unseren Kopf. Kirchenmusik dringt tiefer. Sie geht in die Tiefe unseres Wesens. Viele Leute kennen den Inhalt der christlichen Botschaft mehr durch Lieder oder Kantaten als durch den gelesenen oder gehörten Text.
Fröhlichkeit und Jubel kann man nicht befehlen.
Aber in der Bibel wird oft zum Singen und Jubeln aufgefordert. Weil es Gott wert ist, weil sich dadurch meine Grenzen erweitern, und weil die Gemeinde sich durch die Musik aufbaut. Amen.