1. Timotheus 6,12

22. April 2007 - Gottesdienst zur Goldenen Konfirmation
Pfr. Dr. Karl Knauß

Heute richte ich mich besonders an diejenigen in der ersten (und 2.) Reihe: Die heute Goldene Konfirmation haben. Sie waren damals 52 Konfirmanden. Außer den Wilhelmsdorfern waren einige aus dem Knabeninstitut (KI) und aus dem Hoffmannhaus dabei und auch welche aus dem Hör-Sprach-Zentrum, damals noch als Taubstummenanstalt bezeichnet. Auch die entsprechenden Altersjahrgänge aus den Schulen und Einrichtungen gehörten offenbar wie selbstverständlich alle zur Konfirmation hier in Wilhelmsdorf. Das Leben hat sie später irgendwohin geführt, aber von vielen weiß man nicht einmal wohin, so dass die Adresse nicht mehr ausfindig gemacht werden konnten.

Ich habe mir sagen lassen, der Gottesdienst bei der Konfirmation hätte mindestens 2 ½ Stunden gedauert. Heutzutage wäre bei einem solchen Gottesdienst beim Segen niemand mehr da. Doch mir liegen keine Berichte vor, dass sich darüber vor 50 Jahren jemand besonders aufgeregt hätte. Man nahm es hin wie das Wetter, das auch nicht wunschgemäß war: Es regnete den ganzen Tag, so dass der obligatorische Spaziergang um den krummen Schenkel ausfallen musste. Dafür gab es als Ersatz nochmals eine Veranstaltung im Betsaal. Das war natürlich sehr fürsorglich, denn solch ein Verfahren hält ziemlich schlank. Die hohe Zeit im Betsaal hat man nämlich am Mittagstisch und beim Kuchen-Essen eingespart. Heute ist es übrigens umgekehrt: Man muss die Zeit im Betsaal kürzen, damit für's Essen mehr Zeit ist. Deswegen haben wir heute ja auch mehr Gewichtsprobleme als damals.

Aber bei der Goldenen Konfirmation schaut man nicht nur auf den damaligen Tag zurück, sondern auf die 50 Jahre seither.
Ich habe deshalb als Thema gewählt: Bekenntnis - was hat's gebracht?

1. Tim 6,12
Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen.

Es war damals ein beliebter Konfirmations-Denkspruch. Deshalb hätte es leicht sein können, dass auch jemand aus Ihrem Jahrgang direkt angesprochen ist. Die Konfirmation war eine todernste Sache. Man hat nicht gedacht, sie im Vorbeigehen zu absolvieren. Aber trotzdem werden viele nicht erfasst haben, was eigentlich der Sinn des Festes ist. Mancher wird gedacht haben, es sei die Hauptsache, die Teile des Katechismus auswendig zu sprechen.

Und dann hat man ja gemeinsam ein Bekenntnis gesprochen, das Leben mit Jesus zu führen. Hat dieses Bekenntnis auch Folgen gehabt?
Bei der Konfirmation hat man den Eindruck, dass das Leben ohne Grenzen vor einem liegt, und dass man ungeheuer vielen Möglichkeiten hätte. Aber die Grenzen werden einem später zunehmend bewusst.

Kämpfe den guten Kampf des Glaubens... Das ist nicht so militant, wie es klingt, sondern eher sportlich. Im Zusammenhang stehen hier Versuchungen, die das Leben begleiten. Man hat dabei tatsächlich an einen sportlichen Wettkampf zu denken, genauer an einen Lauf. Denn an anderen Stellen vergleicht Paulus das Leben mit einem Wettlauf.

Lebens-Lauf. Wenn wir uns irgendwo vorstellen müssen, dann beschreiben wir unseren Lebenslauf. Die Bezeichnung kommt davon, dass wir uns das Leben als eine Wegstrecke denken, die wir zu laufen haben. Lateinisch: curriculum vitae. Das müsste man eigentlich mit Lebens-Rennen, -Wettrennen wiedergeben.

Also kein gemütlicher Verlauf, sondern eigentlich etwas Anstrengendes. Das ist auch hier so gemeint. Auf den Kampf des Glaubens angewandt heißt das, es ist tatsächlich eine kraftraubende Sache. Das kann man nicht im Liegestuhl abmachen bei der Lektüre von einigen guten Büchern. Sondern das haben wir im Alltag zu leben. Jeden Tag, jedes Jahr.
Es geht also um Lebensziele. Welche sind es wert, dass man sich dafür einsetzt? Und welche lenken vom eigentlichen Ziel ab?

Sie werden heute an der Goldenen Konfirmation an unser Lebensziel erinnert. Es wäre schön, wenn Sie zurückschauen können und sagen: "Die 50 Jahre haben sich gelohnt; weil es Jahre mit dir, lieber Gott waren. Sie haben sich nicht deshalb gelohnt, weil ich so toll war, sondern weil ich deine gute Hand und deine Leitung immer wieder erfahren konnte." Jesus bezeichnet sich als den Weinstock und uns als die Reben. Da sagt er auch, dass er uns reinigen will, damit wir mehr Frucht bringen. Nicht unsere Leistungen im Leben zählen vor Gott, sondern dass er treu zu uns steht.

"Die 50 Jahre haben sich gelohnt, weil ich in dieser Zeit dich, Gott und Jesus besser kennen lernen konnte, mehr von dir erfahren, mehr mit dir erlebt habe, als ich einst hoffen und erwarten konnte."

Unter Menschen heißt es manchmal, dass für Leute ab 60 nicht mehr viel zu ändern sei. In diesem Alter hätte man seine feste Prägung. Es ist nicht zu leugnen, dass es das gibt: Altersstarrsinn. Dann haben es die anderen schwer mit einem. Aber aufs ganze ist das eine menschliche Sicht. Ich glaube nicht, dass Gott auch so über uns denkt. Ich glaube sogar, dass zwischen uns und ihm in fortschreitendem Alter noch ganz Entscheidendes geschehen kann. Man lebt nicht mehr in der Illusion, die Welt beginne mit unserem Leben noch einmal neu und man könne die Welt retten. Sondern wenn wir unsere eigene Ohnmacht kennengelernt haben, dann sind wir offener für seine Macht; für das was er tut. Was er auch in unseren schwachen Möglichkeiten getan hat und tut.

Das sind sogar noch ganz wesentliche Entdeckungen, dass unsere Grenzen ganz neue Möglichkeiten Gottes eröffnen. Denn eigentlich leben wir nicht von dem, was wir selbst können, sondern viel wesentlicher leben wir von dem, was wir empfangen.

Nochmal zum Predigttext:
Paulus sagt vom ewigen Leben nicht: erobere das ewige Leben, sondern er sagt: "Ergreife das ewige Leben, wozu du auch berufen bist." Das ist so, wie man nach einem Apfel greift, der auf einem Baum hängt. Ich habe diesen Apfel nicht gemacht. Ich kann nicht viel dafür, dass er da hängt. Und doch darf ich nach ihm greifen. So ist es mit dem ewigen Leben auch. Ich darf danach greifen wie nach einem Geschenk.

Wann ist eigentlich unser Leben ein gelungenes Leben? - Ich glaube, es ist gelungen, wenn ich mit Gottes Werk einverstanden bin.
Einige Jahre nach diesem Brief schreit Paulus noch einmal an Timotheus. Er rechnete mit seinem baldigen (Märtyrer-)Tod, und es klingt wie das Ergebnis eines erfolgreichen Lebens

(2. Tim 4,7+8):
7Ich habe den guten Kampf gekämpft, ich habe den Lauf vollendet, ich habe Glauben gehalten; 8hinfort liegt für mich bereit die Krone der Gerechtigkeit, die mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, nicht aber mir allein, sondern auch allen, die seine Erscheinung lieb haben.

Nützen wir die uns verbleibende Lebenszeit aus, dass wir mit dem Werk Gottes einverstanden sind. Amen.

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