Lukas 24, 13-35 - Die Emmaus Jünger
Schlüsselerlebnisse
Kennen sie dieses Gefühl, wenn sie eine Tür, ein Schloss nicht mehr aufkriegen, weil sie den Schlüssel verloren haben oder weil er von innen steckt? Das ist so eine Mischung aus Verzweiflung, Ohnmacht, Ärger und Angst.
So oder so ähnlich ist es den beiden Männern wohl auch gegangen, die sich von Jerusalem aus auf den weg nach Emmaus gemacht hatten. Die hatten auch das Gefühl, dass hinter ihnen gerade eine Tür zugeknallt war und sie plötzlich ausgesperrt waren aus dem Leben, das sie bis vor kurzem geführt hatten. Und so wie es aussah gab es keinen Weg zurück, keinen Schlüssel, der diese Tür je wieder aufmachen konnte.
Was war passiert? Sie hatten miterleben müssen, wie ihr Freund auf sehr brutale Weise umgebracht wurde, Tod durch Kreuzigung. Das war vor 2000 Jahren im römischen Reich die bevorzugte Art, Todesurteile zu vollstrecken.
Das hatte in ihnen das Gefühl ohnmächtiger Wut ausgelöst.
Außerdem hatten sie ihrem Freund versprochen, ihn nie im Stich zu lassen, immer zu ihm zu halten. Vielleicht hatten sie es nicht so laut herausposaunt,
wie ihr Kollege Petrus. Aber als es ernst wurde, sind sie alle stiften gegangen und einer von ihnen hatte Jesus sogar an die Römer verraten.
Deshalb haben sie sicher Schuldgefühle gehabt, sich mit verantwortlich gefühlt für diese Tragödie.
Und wahrscheinlich hatten sie auch Angst. Sie hatten es ja live miterlebt, wie die Römer mit sog. Aufrühren umspringen. Und es war zu befürchten, dass jetzt auch seine Sympathisanten nicht mehr sicher waren vor Verfolgung, weil die Besatzungsmacht ein Interesse daran haben musste, jeden Widerstand im Keim zu ersticken.
Und dann darf man nicht vergessen: vor drei Jahren hatten sie ja ihre Dörfer, ihre berufl. Existenzen, ihre Familien zurückgelassen, um sich diesem Wanderprediger anzuschließen. Das haben viele nicht verstanden und dieses Gerede vom Messias und der Befreiung, kam den meisten doch sehr spanisch vor. Also haben sie sich bestimmt überlegt, wie ihr Empfang in Emmaus wohl ausfallen würde, wie man ihnen den Vogel zeigt würde: "Na ihr Helden, seid ihr wieder da? Herzlichen Glückwunsch zur Befreiung." Ich hätte sicherlich Schamgefühle gehabt in dieser Situation.
Und dann die eigene Enttäuschung. Je länger sie mit Jesus unterwegs waren, um so sicherer wurden sie. Das ist der Messias. Sie hatten es doch mit eigenen Augen gesehen, wozu dieser Mann im Stande war, was seine Predigten ausgelöst hatten, wie viele Menschen sich verändert hatten, gesund geworden sind, frei geworden sind, wieder lachen konnten. Sogar mit den Naturgewalten hatte er es aufgenommen, die Naturgesetzte hatten für den keine Gültigkeit. Und jetzt dieses Ende. Da ist mehr kaputtgegangen als ein paar fromme Ansichten.
Da ist eine Vision, eine Lebensperspektive zusammengebrochen.
Und jetzt hatten sie noch nicht mal die Möglichkeit an sein Grab zu gehen, sich von ihm zu verabschieden. Die Gerüchteküche hatte behauptet, dass sein Grab geplündert worden sei, der zentnerschwere Stein sei weggerollt worden, der Leichnam gestohlen. Damit war die Katastrophe perfekt.
Ich brauche nicht viel Phantasie, um mir vorzustellen, wie es denen gegangen ist. Die waren richtiggehend geknickt.
Und während sie gehen und sich unterhalten merken sie plötzlich, dass sie nicht mehr alleine sind. Ein Fremder hatte sich ihnen angeschlossen, sie haben es gar nicht gemerkt. Wahrscheinlich hatte er sich angeschlichen. Aber eigentlich ist das gar nicht möglich. Die Gegend zwischen Jerusalem und Emmaus ist sehr übersichtlich, da können sie am Freitag schon sehen, wer am Sonntag zum Kaffee kommt, ich habe mich selbst davon überzeugt.
Vielleicht lag es daran, dass sie so ins Gespräch vertieft waren, dass sie um sich herum gar nichts mehr mitgekriegt haben. Menschen, die in dieser Weise traumatisiert sind, entwickeln oft einen Tunnelblick, der dafür sorgt, dass alles andere unwichtig wird und völlig verblasst. Alles dreht sich nur noch um dieses eine schlimme Erlebnis.
Neulich hat mir ein Mann berichtet, dass sein Schwiegersohn bei der Waldarbeit ums Leben gekommen ist. Er kam zufällig vorbei und hat die Rettungskräfte unterstützt, aber es war vergeblich. Als ich ihm zugehört habe klang es so, als sei es gestern gewesen, aber der Unfall ist schon fünf Jahre her. Das hat ihn nicht losgelassen, die Fragen nach dem warum, Schuldgefühle usw.
Ihre Augen waren gehalten.
Und Jesus wird das gespürt haben, wie schwer diese Last war an der sie beiden zu knabbern hatten.
Obwohl er genau weiß, worüber sich die beiden unterhalten, stellt er sich unwissend und lässt sie erst mal reden. Warum tut er das eigentlich, wollt er sich einen Spaß machen, sie ein bisschen auf die Folter spannen, um dann die Lösung des Rätsels aus dem Hut zu ziehen?
Ich glaube er tut das, weil er weiß: Bevor Menschen offen sind für neue Gefühle und Gedanken, muss der alte Müll erst mal raus. Und er hört ihnen geduldig zu.
Wie viele Menschen müssen sich das Ohr eines Therapeuten kaufen, weil ihnen sonst niemand zuhört. Und bei diesem therapeutischen Hören geht es nicht darum:
- sich zutexten zu lassen
- den anderen zu vertrösten
- Ratschläge zu erteilen
- zu dramatisieren
- zu kritisieren
Es geht um ein aktives zuhören, um zu verstehen, welche Bedeutung das für den Anderen hat, was er mir gerade sagt, wie schlimm es für ihn ist, was er erlebt hat.
Und diesen Dienst tut Jesus seinen Jüngern, sie dürfen sich aussprechen und Jesus hört sich alles an, lässt sich ein auf ihren Frust und hält ihn aus.
Und erst als alles Belastende ausgesprochen ist, beginnt Jesus ihnen die Geschichte, die sie ihm erzählt haben, zu deuten. Neben dem Zuhören spielt auch das Prinzip der Deutung in jeder Therapie eine wichtige Rolle.
Bei der Deutung von Ereignissen geht es aber nicht darum:
- zu beschönigen
- Unangenehmes wegzulassen
- oder etwas neues zu erfinden.
Das hat auch gar keinen Zweck, denn Vergangenheit ist unkorrigierbar.
Ich habe mir das schon oft gewünscht, ich könnte mein Leben wie einen Film zurückspulen, die verunglückten Szenen noch mal drehen. Die Tonspur löschen und neu aufnehmen. Gesagtes und Gehörtes rückgängig machen. Das wäre toll, ist aber unmöglich.
Bei der Deutung geht es darum,
- durchzuarbeiten
- zu sortieren
- zu überlegen
- wo war ich Opfer
- wo war ich Mitspieler
- wo bin ich schuldig geworden
- wo geht es um Schuldgefühle
Warum verhalte ich mich immer wieder so, was kann ich nicht so gut, was kann ich noch lernen, wo ist Veränderung möglich.
Und genau das tut Jesus. Er deutet ihnen die Geschehnisse:
Euer Freund Jesus ist nicht deshalb gestorben, weil:
- ihr in Gethsemane eingeschlafen seid
- weil Judas dem Geld nicht widerstehen konnte
- weil Pilatus ein Feigling ist
- weil die Tempeltheologen ein Bauernopfer brauchten
Er ist doch gestorben als Opferlamm Gottes "Musste nicht Christus solches leiden und zu seiner Herrlichkeit eingehen?"
Und ihr seid enttäuscht, dass die Befreiung der Israeliten vom Diktat der Römer nicht geklappt hat.
Die Befreiung durch ihn geht doch viel weiter. Da geht es um die Befreiung aller Menschen und zwar vom Diktat der Sünde. Und Sünde ist nicht die moralische Kategorie der Schriftgelehrten. Sünde ist diese letzte Trennung zwischen Gott und Menschen, dieser Riss zwischen Himmel und Erde, den kein Mensch aus eigener Kraft überwinden kann.
Und ihr seid so entsetzt, dass sein Grab lehr ist. Es liegt nicht daran, dass der Leichnam gestohlen wurde. Könnt ihr euch noch daran erinnern, als er gesagt hat: Ich werde den zerstörten Tempel in drei Tagen wieder aufbauen?
Daraufhin hätten ihn doch die Pharisäer fast gesteinigt. Das war nichts anderes als ein Gleichnis dafür, dass er nach 3 Tagen auferstehen würde. Er ist nicht tot, er hat sein Grab aus eigener Kraft verlassen, er lebt.
Und damit bekommt die Geschichte für die beiden Jünger eine ganz neue Bedeutung, erscheint in einem völlig anderen Licht.
Und wahrscheinlich haben sie ihn dann auch gefragt, welche Rolle sie selbst eigentlich in dieser Geschichte spielen?
Was wird er ihnen geantwortet haben? Ihr seid als Zeitzeugen dabei gewesen.
Ihr habt zu seinem engsten Kreis dazu gehört. Ihr habt alles miterlebt, die Wunder, die Predigten. Aber die Menschen sind vergesslich und viele werden es nicht glauben, was ihr erlebt habt. Eure Aufgabe besteht darin, die Menschen daran zu erinnern, was Jesus getan hat, damit sein Evangelium weiterlebt und nicht irgendwann auf dem Schuttabladeplatz der Geschichte landet. Das ist eure Aufgabe, euer Auftrag.
Und ganz langsam dürfte die Tür wieder aufgegangen sein, von der sie gemeint haben, dass sie für immer verschlossen ist. Langsam veränderte sich ihr Tunnelblick und sie konnten vieles in einem ganz neuen Licht betrachten.
Und dann sagten sie zu ihm: bleib hier, es ist schon spät geworden, lass uns weiterreden. Und in diesem Moment verschwand er, genau so geheimnisvoll, wie er gekommen war.
Und plötzlich wird es ihnen klar, das war ja Jesus, mit dem wir gesprochen haben und einer sagt zum andern: "Hast du es auch gespürt, wie unser Herz brannte, als er mit uns geredet hat."? Dieses Brennen war das einzige, was übrig geblieben war von dieser Begegnung. Wenn sie sich schon mal richtig in den Finger geschnitten haben, dann wissen Sie, wie das brennt und prickelt, wenn sich über der Wunde Schorf bildet. Ich bin kein Mediziner, deshalb kann ich nicht erklären, was da im Einzelnen vor sich geht. Aber dieses Brennen ist ein deutliches Zeichen dafür, dass bei den beiden Jüngern etwas heil geworden ist.
Was hat diese Geschichte eigentlich mit uns zu tun. Ich kann ihnen nur sagen, wo ich mich angesprochen fühle.
Ich kenne diesen Tunnelblick, von dem die Rede war ganz gut. Immer wieder gibt es negative Erfahrungen, Enttäuschungen, Rückschläge, Probleme, die mich belasten.
Da ist es bestimmt schon oft vorgekommen:
Er steht schon längst neben mir und ich habe es noch gar nicht bemerkt.
Und natürlich ist diese Geschichte für mich auch ein Modell für ein heilsames Gespräch. Jesus hat schon therapeutische Gespräche geführt, als es diesen Begriff noch gar nicht gab.
Wie wäre das, wenn dieses nicht nur eine Geschichte wäre für "bibelbewegte" Therapeutensein könnte?
Wie wäre es, wenn wir dieses Gespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern als Modell nehmen könnten für den Umgang miteinander.
- zuhören
- nicht vertrösten oder bagatellisieren
- nicht dramatisieren und anklagen
- nicht besser wissen
- sondern verstehen
- mitfühlen
- helfen, was kaputtgegangen ist, wieder neu zusammenzusetzen.
Den Schlüssel wieder zu finden, um Türen, die zugeknallt sind, wieder zu öffnen, damit das Leben weitergehen kann.