Matthäus 27, 33-54
6. April 2007 - Gottesdienst an Karfreitag - mit anschließendem Heiligem Abendmahl,
Pfr. Dr. Karl Knauß
33Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, 34gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er's schmeckte, wollte er nicht trinken. 35Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. 36Und sie saßen da und bewachten ihn. 37Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. 38Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. 39Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe 40und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! 41Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: 42Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. 43Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. 44Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.
45Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 47Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. 48Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49Die andern aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe! 50Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.
51Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. 52Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen standen auf 53und gingen aus den Gräbern nach seiner Auferstehung und kamen in die heilige Stadt und erschienen vielen. 54Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!
An Karfreitag steht das Kreuz Christi im Mittelpunkt. Wenn wir alles genau beobachten wollten, müssten wir eigentlich zuerst auf den Gekreuzigten am mittleren Kreuz schauen. Vielleicht müssten es selbstverständlich alle Evangelisten genauso machen. Doch merkwürdigerweise wendet sich Matthäus von dieser Stelle ab. Er beschreibt nicht die Kreuzigung, sondern nur das, was im Umfeld geschieht.
Hat er mit Absicht über die Kreuzigung selbst nicht berichten wollen? Es ist, als wollte er den Zuhörern und Lesern diese schrecklichen Augenblicke ersparen. Die anderen Evangelisten beschreiben das Kreuzigen selbst. Doch Matthäus beschreibt den Weg hin zum Kreuz, dann kommt eine Art Filmriss, dann sagt er nur,
"als sie ihn gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider..."
Auch das Drumherum ist grausam genug.
Vielleicht deutet sich in dieser Zurückhaltung noch etwas von der großen Schande an, die mit dem Kreuzestod verbunden war. Es war so schrecklich, dass man nicht richtig hinschauen und es auch nicht richtig beschreiben wollte oder konnte. Als ob er mit dieser Zurückhaltung sagen wollte: Stellt euch diese Schande vor: Gottes Sohn für uns am Kreuz. Der Abstand gibt auch etwas von dem Schrecken wieder: Jesus als Verbrecher am Kreuz. Matthäus beschreibt aus der Distanz der erschütterten Liebe. Wir wollen's heute gewissermaßen Matthäus nachmachen. Wir wollen von verschiedenen Seiten auf das Geschehen am Kreuz schauen, als hätten wir Scheu, ihm selbst zu nahe zu kommen. Wie die Frauen von ferne zuschauen, so halten auch wir ein wenig Abstand. Aber durch die verschiedenen Blickrichtungen wollen wir uns auf das Eigentliche hinweisen lassen.
1. Das Kreuzigungskommando
Für die Soldaten, die die Kreuzigung ausführen mussten, waren die Kleidungsstücke Jesu wichtiger als der Sohn Gottes. Ein paar Stückchen Stoff, die doch nur der Vergänglichkeit preisgegeben sind! Es war ihr Beruf als Soldaten, Menschen zu bewachen, die Großmachtinteressen Roms durchzuführen, die unterdrückten Völker zu demütigen, und auch: Menschen hinzurichten im Auftrag der Besatzungsmacht, denn Furcht gehörte bei ihrer Herrschaft auch zum Geschäft.
Hoffentlich ist das bei uns nicht ebenso, dass wir uns in Belanglosigkeiten ergehen und uns von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr durch sie über Wasser halten, bis auch unser Leben in der Belanglosigkeit vergeht.
2. Die Vorübergehenden
Sie schütteln die Köpfe und wiederholen, was sie wohl in der Volksmenge bei dem Prozess gehört haben. Du willst den Tempel abbrechen und in drei Tagen wieder aufbauen? Hier sieht man doch deine Machtlosigkeit! Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig herab vom Kreuz und hilf dir selbst. - "Wenn du Gottes Sohn bist" - so hatte einst auch der Versucher gefragt, exakt mit denselben Worten. Jetzt fragen die Vorübergehenden so. Die Vorübergehenden als die Versucher! Es gibt auch unter uns viele, die mit ähnlichen Worten fragen: Wenn er Gottes Sohn ist, warum hat er dann das alles über sich ergehen lassen?
Die Vorübergehenden konnten sich nicht vorstellen, dass Jesus noch einen Tempel aufbauen könne, wenn er nun am Kreuz stirbt. Johannes erklärt dazu, dass Jesus vom Tempel seines Leibes sprach. Doch Matthäus verweist in seinem Passionsbericht auch auf ein Geschehen am Tempel, als ob er einen Zusammenhang zwischen beidem herstellen wollte.
3. Der Vorhang
Er zerreißt um dieselbe Stunde. Damit hat der alte Tempel aus Stein seine Aufgabe beendet. Das Wesentliche zwischen Gott und Mensch geschieht nicht mehr hier, sondern bei Jesus.
Jeder, der zu Jesus gehört, hat nun unmittelbaren Zugang zu Gott. So deutet es auch der Hebräerbrief: Unsere Hoffnung reicht bis ins Innerste des Tempels hinter dem Vorhang, wo Jesus hineingegangen ist. Das heißt, wir dürfen direkt zu Gott kommen.
Und Jesus sagte zu der Samariterin am Jakobsbrunnen, dass die Zeit kommen werde,
"dass ihr weder auf diesem Berge (Garizim) noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.... die wahren Anbeter werden den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit."
4. Die Hohenpriester
Sie spotten mit den anderen religiösen Führern zusammen. Auch in ihrem Spott bezeugen sie, was Jesus getan und von sich gesagt hat. "Andere hat er gerettet". Das ist tiefer zu fassen. Er rettet auch heute andere. Er ist an der Heilung anderer interessiert - an ihrer Heilung nach Leib, Seele und Geist. Mehr als an sich ist er an unserer Heilung interessiert und rettet uns vor Gott, er rettet uns von unserer ewigen Verlorenheit. Er ist zwar der Sohn Gottes. Aber er ist deshalb nicht zur Vernichtung seiner Feinde gekommen, sondern er ist nur zur Rettung gekommen.
5. Die Mitgekreuzigten
Sie werden Räuber genannt. So bezeichnete man die Sikarier, d.h. die schlimmste Sorte der Zeloten, die immer zu einem hinterhältigen politischen Mord aufgelegt waren und die Besatzungsmacht mit einer Guerillataktik zu zermürben versuchte.
Vielleicht waren es Gefährten des Barrabas, an dessen Stelle nun Jesus hing. So hing er buchstäblich für einen Verbrecher am Kreuz. Sollte er für uns Sünder nicht auch genug getan haben?
6. Die Frauen
Sie sind Zeugen der Kreuzigung. Es sind viele Frauen, einige davon sind namentlich erwähnt. Sie alle schauen nur von ferne zu, vielleicht aus Furcht, vielleicht aus tiefer Erschütterung.
So etwas kann man, wenn man ein empfindendes Herz hat, nicht aus der Nähe miterleben.
Frauen waren im Alten Testament nicht als Zeugen zugelassen. Jesus hatte aber sowohl unter seinen Nachfolgern Frauen, als auch werden sie unter dem Kreuz und ebenso zwei Tage später am leeren Grab als Zeugen genannt.
7. Finsternis
Finsternis ist in der Sprache der Propheten Amos und Jeremia ein Zeichen des Gerichts. Tatsächlich fand hier ein Gericht statt, aber nicht Gottes Gericht über Israel, sondern über die Sünde; denn Gott hat die Sünde aller Welt auf ihn gelegt. Über Jesus wird es dunkel. Da breitet sich eine Gottesfinsternis aus. Aber über uns kann sich der Himmel wieder aufhellen, denn unsere Schuld ist getilgt.
Um die neunte Stunde schreit Jesus:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen." Es war ein unauslöschlicher Eindruck für den, der es gehört hat. Die Worte sind auf aramäisch und hebräisch überliefert. Da war die tiefste Gottesferne Jesu. Das ist die Hölle.
8. Die neunte Stunde
Sechs furchtbare Stunden hatte Jesus am Kreuz gelitten. Nun um die neunte Stunde wurden im Tempel die Passalämmer geschlachtet. Die verschiedenen religiösen Parteiungen der Juden hielten an verschiedenen Tagen das Passa. Es muss auch in diesem Jahr so gewesen sein. Jesus hatte sich mit der Feier des Passa an die Regel der Pharisäer und der Mehrheit des Volkes gehalten, während der offizielle Kalender der Machthabenden von den Sadduzäern bestimmt wurde, der vom jüdischen Standpunkt aus konservativen Partei. Zur Zeit der Schlachtungen waren die Hohenpriester und die Ältesten der 24 Priesterordnungen auf dem Tempelplatz. Posaunen und Hörner waren über die ganze Stadt zu hören.
Und genau um die neunte Stunde, d.h. nachmittags um 3 Uhr, musste diese Schlachtung der Passalämmer stattfinden und von dem Posaunenblasen begleitet sein. Jesus wird es gehört haben. Ob er wohl an dieses Passa gedacht hat, als er ausrief: "Es ist vollbracht!"? Also genau zu der Stunde starb das wahre Osterlamm Christus außerhalb der Stadtmauer auf dem Galgenberg, abseits von dem Hauptbetrieb der Stadt, nur von einigen Vorübergehenden bemerkt. Es ist vollbracht: Der Alte Bund ist erfüllt, der mit dem Auszug aus Ägypten begann.
Es ist, als ob Gott in die alte bestehende Passaliturgie sein neues Heilsgeschehen hineingelegt hätte, und als ob er durch die Liturgie hindurch auch noch reden wollte in lautloser Sprache.
9. Das Erdbeben
Es erinnert daran, dass auch der Sinai-Bund geschlossen wurde, während die Erde bebte. Wo Gottes Gegenwart so nahe ist, da bewegen sich die Grundfesten der Erde, da gerät die Schöpfung in Bewegung. Bei diesem neuen Erdbeben wird der Neue Bund geschlossen, der jetzt für uns gilt, nämlich, dass wir nicht in dem Halten der Gebote und Satzungen sondern durch den Sühnetod Jesu den Zugang zu Gott haben.
10. Die Auferstehung der Heiligen
Dieses Zeichen gilt für die Zeit nach Ostern: Die Gräber der verstorbenen Heiligen taten sich auf und die Heiligen erschienen vielen. Es wird aber im jetzigen Zusammenhang erwähnt. Es werden wohl Propheten und bekannte Gerechte des Alten Bundes gemeint sein. Sie gehören jetzt ja zum neuen Bund Gottes, den sie geweissagt und erwartet haben.
Mit dem Tod Jesu am Kreuz an Karfreitag hat Gott seinen Neuen Bund geschlossen. Er gilt auch uns. Stellen wir uns mit unter sein Kreuz, damit wir auch seiner Erlösung und seiner Auferstehung teilhaftig werden. Amen!
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