Johannes 11, 47-53

25. März 2007 - Gottesdienst am Judica mit integriertem Heiligem Abendmahl
Pfr. Dr. Karl Knauß

Warum musste Jesus sterben? Wäre das nicht vermeidbar gewesen? Das ist auch das Thema des heutigen Predigttextes.

47Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen. 48Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute. 49Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; 50ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe. 51Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk 52und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen. 53Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.

Die Verhandlungen und Überlegungen hören sich wie eine Verschwörungstheorie an. Der Hohe Rat, das ist die religiöse und politische Regierung der Juden, das Synhedrium. Sie haben offenbar eine große Furcht vor Jesus und reden auch darüber. Was wird er wohl als nächstes machen? Und was wird dann passieren? Wir können die Furcht nicht so ohne weiteres nachvollziehen. Wie kam es dazu?

Es war eine Entwicklung, die sich über längere Zeit hinzog. Anfangs konnten sie Jesus noch offen begegenen. Vielleicht hat mancher gedacht, er könne der Messias sein. Aber dann brach er wiederholt den Sabbat. Spätestens ab da waren viele Fromme der Meinung, dass er nicht der Messias sein könne. Es folgten einige Gespräche mit heftigen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig wuchs aber die Anhängerschaft Jesu im gemeinen Volk. Die Sache spitzte sich zu. Jesus bezeichnete Gott als seinen Vater ( Joh. 5,18). Schließlich sprach er davon, dass er und Gott eins seien. Man warf ihm deshalb Gotteslästerung vor, weil er sich selbst zu Gott gemacht habe ( Joh. 10,33). Darauf stand eindeutig Todesstrafe.

Für die religiöse Führung wurde das unerträglich. Sie waren inzwischen überzeugt, dass sie es mit einem Verführer und Betrüger höchsten Grades zu tun haben. Die Stimmung war sehr aufgeregt.

Dann berichtet Johannes von der Auferweckung des Lazarus. Das war in Betanien geschehen, unmittelbar vor der Haustür von Jerusalem, nur etwa 3 km entfernt. Die Auferweckung des Toten war nicht zu verheimlichen. Es hat sich schnell herumgesprochen. Viele kamen und wollten sich von der Sache selbst überzeugen. So war Lazarus der lebendige Beweis, dass etwas Ungeheures im Gange ist. Johannes berichtet, dass gerade deswegen viele an ihn glaubten. Er bekam also noch mehr Anhänger. Zunächst war es ein geistlicher Einfluss. Die Anhänger glaubten nicht nur, dass er ein großer Wundertäter sei, sondern der Sohn Gottes.
Die führenden Leute der Pharisäer und der sadduzäische Priester-Adel können dem nicht länger zuschauen. Sie berufen eine Sitzung des Synhedriums ein. Was soll man mit diesem religiösen Verführer machen?

Die Wortführer fürchten nicht nur religiöse, sondern auch politische Folgen. Man kann sich ihre Argumente etwa so vorstellen: Passt nur auf, wenn er erst einmal genügend Einfluss hat, dann will er auch der Messias-König werden. Vielleicht plant er schon den Umsturz. Und er wird dann gewiss die Oberherrschaft der Römer nicht anerkennen. Ein Krieg mit den Römern wird unvermeidlich sein. Den werden die Römer natürlich gewinnen. Dann wird es schlimmer werden als je zuvor.

Es ist ungewiss, ob die Leiter (vermutlich die sadduzäische priesterliche Führungsschicht) selbst glaubten, was sie sagten: Dass Jesus politisch gefährlich sei. Vielleicht haben sie diese Gefahr auch nur an die Wand gemalt, weil sie seinen Einfluss los werden wollten. Es ist ein oft angewandtes Mittel der Politiker: Man malt eine Gefahr an die Wand, die gar nicht besteht oder maßlos übertrieben ist. Doch aus ihrer Sicht war Jesus in jedem Fall gefährlich. Eine Entscheidung wird unausweichlich.

Kaiphas: Ein konsequenter Politiker
Er war in jenem denkwürdigen Jahr Hoherpriester. Das ist zwar ein geistliches Amt. Aber er war darin von den Römern abhängig. Das erforderte politisches Fingerspitzengefühl. Er muss es gehabt haben, denn er hat sein Amt 10 Jahre ausgeübt, relativ lange für die damalige Zeit. Als Pontius Pilatus dann im Jahr 36 in Ungnade fiel und seines Amtes enthoben wurde, musste auch Kaiphas gehen.

In den Beratungen über Jesus gab er das entscheidende Stichwort: Besser einer stirbt für das Volk, als dass alle umkommen.
Kaiphas stellt es als politische Überlegung dar. Er führt dem Synhedrium die Zwangslage vor. Wenn es mit Jesus so weiter geht, kommt es zu einem Aufstand. Er gewinnt immer mehr Anhänger. Der Aufstand wird sich gegen die Römer richten. Die werden den letzten Rest von Freiraum nehmen. Sie werden den Tempeldienst verbieten und Land und Leute wegnehmen. In der Tat hat es sich etwa 40 Jahre später so ähnlich abgespielt, beim jüdischen Aufstand. Die Aufrührer waren zu allem entschlossen. Sie wollten keine Kompromisse mehr. Sie wollten die Entscheidung herbeizwingen. Es endete mit der Zerstörung des Tempels und Jerusalems. Der letzte Rest von Freiheit wurde ausgelöscht.

Während der Zeit der Inquisition hatte man die gleichen Überlegungen. Ketzer und Hexen müssen sterben. Nur so kann man das übrige Volk retten.
Dostojewski stellt es in seiner Legende vom Großinquisitor noch schlimmer dar. Im 16. Jahrhundert taucht Jesus in Spanien auf, während dort die Inquisition läuft. Am Tag vorher waren im Beisein der religiösen und politischen Obrigkeit 100 Ketzer verbrannt worden. Mitten hinein in diese Welt kommt Jesus. Er tut Taten, wie er sie einst auch in Israel getan hat. Einem Blinden gibt er wieder das Augenlicht, ein siebenjähriges Mädchen wird aus dem Tod wieder auferweckt. Dann tritt er dem Großinquisitor gegenüber. Der rechnet ihm vor: Du bist gekommen, uns zu stören. Du hättest besser auf den Versucher in der Wüste hören sollen. Aber du bist gekommen, dein Leben für sie hinzugeben. Die Menschen haben deine Befreiung nicht vertragen.
Dann der Großinquisitor weiter zu Jesus: Darum werde ich dich verbrennen, weil du gekommen bist, uns zu stören. Mehr als alle anderen hast du den Scheiterhaufen verdient.
Er wartet auf eine Antwort. Dann tritt Jesus wortlos auf ihn zu und küsst ihm schweigend die Lippen. "Geh", ruft der Großinquisitor, "doch komm nie mehr zurück..."

Jesus passt in diese Welt nicht hinein. Kaiphas muss deshalb den Tod Jesu als die Rettung sehen. Die Macht hat ihre eigene Logik. Da passt der Sohn Gottes nicht hinein.

Kaiphas: Prophet wider Willen
Es hat selten einen solch merkwürdigen Propheten gegeben. Kaiphas war Hoherpriester und dachte bei seinem Vorschlag, Jesus töten zu lassen, diese Sache damit zu beenden.
Doch Johannes sagt, das sei eine Prophetie. Gott wollte nämlich, dass Jesus für das Volk stirbt, für ihre Sünden. Gott ging es nicht um politische und religiöse Freiheit, sondern um unsere ewige Freiheit, um den Loskauf von unserer Schuld, damit wir frei zu Gott kommen können. Kaiphas hatte davon keine Ahnung, als er seinen Rat zur Tötung gab. Doch er sprach es aus, obwohl er es anders meinte, und wurde so zum Propheten wider Willen.

Johannes gibt als Erklärung, warum gerade Kaiphas diese Prophetie von sich gab: Er war der Hohepriester. Der Hohepriester hat nach dem alttestamentlichen Gesetz die Aufgabe, Gottes Willen wiederzugeben. In Zweifelsfällen hat man ihn zu fragen, und Gott antwortet durch ihn. Johannes sagt: Er weissagt auch dann, wenn er sich gegen Gott erhebt. Damit anerkennt er ein Amt, das zum Dienst Gottes gedacht war. Johannes sagt nicht, das sei gut, was der Hohepriester tun will, sondern nur, dass Gott selbst ihn in seinem Tun als Werkzeug gebraucht.

Es ist eine unübertreffliche Überlegenheit und Gelassenheit, die aus diesen Worten spricht: Gott führt ganz unbeirrt seinen Plan durch. Gegner und Freunde dienen seinem Ziel. Sie kapieren es zwar nicht, aber das ist unwichtig. Wichtig ist allein, dass Gott weiß, wohin er steuern will.

Als sie mitten drin steckten, haben die Jünger den Weg Gottes noch nicht verstanden. Jesus hatte ihnen sein Leiden und Sterben vorausgesagt. Sie wollten ihn davon abhalten. Erst hinterher haben sie verstanden: Er ist für unsere Sünde gestorben, damit wir frei sind und leben dürfen. Amen.

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