Lukas 22, 31-34 - Ich habe für dich gebeten
Tatsächlich, es kommt so, wie es Jesus vorausgesagt hat. Zunächst merkt er es noch gar nicht. Am Feuer wärmte er sich die Hände. Beim Anblick der Flammen, ging ihm noch mal durch den Kopf, was schreckliches passiert war: Jesu Gefangennahme am Ölberg. Wie sie ihn ergriffen und abführten. Vor aller Augen wie einen Schwerverbrecher. Und er Pertrur war ihm gefolgt, von ferne. In days Haus des Hohenpriesters. Und da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen. Und er, Petrus, setzt sich "mitten unter sie." Mitten unter die, die Jesus verhaftet hatten, die Jesus verspotten werden. Petrus, hast du das vergessen? "Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen noch tritt auf den Weg der Sünder, noch sitzt, wo die Spötter sitzen." Psalm 1, Vers 1. Den hat Petrus mit der Muttermilch aufgesogen. Jetzt sitzt er mitten drin.
Und dann kommt, was kommen muss: Dann sprach ihn eine Magd am Feuer an. Eine Magd. Eine, die sonst nicht das Recht hatte, jemanden öffentlich anzusprechen, noch anzuklagen. Und wenn sie den Mund aufmacht, dann fand sie eigentlich kein Gehör, weil sie nichts zu sagen hat. Eine Magd, die war gleichbedeutend wie eine billige Sklavin. Die hatte Petrus unterschätzt. Die hatte er völlig falsch eingeschätzt. Aber diese personifizierte Randerscheinung wird ihm zum Fallstrick. Sie sagt zu oder über Petrus: der war auch mit ihm. Und mit ungeteiltem Herzen sprach Petrus: Frau, ich kenne ihn nicht. Eine Bagatelle. Vielleicht war es ja gar nicht so schlimm, dass man in diesem Fall kurz mal einen Aussetzer hatte, überlegt sich Petrus. Es war ja nur eine Magd. Es war ja fast nichts. Nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Und mit ungeteiltem Herzen sprach Petrus: Mensch, ich bins nicht. Und dann, etwa eine Stunde später, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer. Und Petrus antwortet mit ungeteiltem Herzen: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst.
"Herr ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen." Ungeteilten Herzens!
Zählen wir die Zeitintervalle der Verleugnung zusammen, kommt heraus, das innerhalb von weniger als eineinhalb Stunden sich ein ungeteiltes Herz, das aus tiefster Überzeugung ewige Treue schwörte, zu einem ungeteilten Herz verwandelt, das von der Lüge beherrscht und regiert, gesteuert wird. Paulus nennt diesen Zustand in seiner Theologie: "Versklavte, Knechte der Sünde".
Dann kräht der Hahn. Und ausgerechnet in diesem Moment, wo sich Petrus bewusst wird, was im Rat der Gottlosen, der Sünder, der Spötter aus ihm geworden ist, da kuckt auch noch Jesus her. Und ihre Blicke treffen sich. Haben Sie schon einmal Blicke aushalten müssen von Menschen, an denen sie schuldig geworden sind? Petrus hält es nicht aus. Geht hinaus und weint bitterlich. Weinen meint im Griechischen ein Heulen, wie es bei der Totenklage angestimmt wird. Für Petrus ist es, als ob etwas gestorben ist. Weinen meint das erschütterte Klagen über eine totale Zerstörung zum Beispiel der eigenen Heimatstadt. Petrus fühlt sich, als ob seine ganze kleine, heile Welt durch dieses schuldhafte Verhalten zusammengebrochen ist. Wenn man "bitterlich" weint, meint man mit bitterlich bitteres, vergiftetes Quellwasser. Mit bitterem Nachgeschmack.
Und jetzt geht alles seinen Weg, allerdings ohne Petrus. Da, wo es drauf angekommen wäre, dass er dabei ist. Was er sich vorgenommen hatte, bei Jesus auszuharren in all seinen Anfechtungen, (ausharren meint ein totales, absolutes, komplettes Teilen von etwas mit jemanden): das läuft jetzt ohne ihn. Jesus vor dem Hohen Rat - ohne Petrus. Jesus vor Pilatus - ohne Petrus. Jesus vor Herodes - ohne Petrus. Jesu Verurteilung - ohne Petrus. Jesu Weg nach Golgatha - ohne Petrus. Jesu Kreuzigung und Tod - ohne Petrus. Jesu Grablegung - ohne Petrus.
Jesus hatte zu ihm gesagt: "Euch, die ihr ausharrt bei mir, in meinen Anfechtungen, euch will das Reich zueignen, dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen sollt auf den Thronen und richten die zwölf Stämme." Euch, die ihr mit ungeteiltem Herzen mit mir alles teilt, euch verspreche ich Macht und Mahlgemeinschaft.
Durch weniger als eineinhalb Stunden, durch eine vermeintlich unbedeutende Magd, hat Petrus alles verspielt. Und es stimmt: er hat alles verspielt. Er hat nichts mehr: Das ganze Versöhnungshandeln, das ganze Erlösungsgeschehen Christi läuft ohne ihn ab und an ihm vorbei. Es ist unglaublich, und absolut erschreckend zu gleich, welche einschneidenden, trennenden, verhängnisvollen Folgen selbst- oder fremdverschuldetes, bewusstes oder unbewusstes Schuldig werden, Schuldig sein, etwas schuldig bleiben hat.
Es ist passiert: Simon, da siehst du´s, da hast du´s, da spürst du´s wie der Satan begehrt hat, dich zu sieben wie den Weizen. Jetzt ist getrennt: die Spreu vom Weizen.
Aber Petrus: Ich habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Ich halte zu dir. Ich bin für dich. Ich bin dein Anwalt. Und wenn du dich jetzt nach all dem bekehren wirst, dann stärke deine Brüder.
Jesus sprach von Bekehrung, aus dem griechisch übersetzt: neu hinwenden, sich umwenden, zurückkehren. Tut sich für den, der alles verspielt hat, wirklich noch ein Ausweg auf? Gibt es eine Möglichkeit, Geschehenes ungeschehen zu machen? Gibt es eine Chance, das alles wegzukehren und umzukehren?
Laut Johannes 21 fängt die Bekehrung von Petrus fängt mit einer Frage Jesu an: Petrus, hast du mich lieb? Die Bekehrung von Petrus besteht aus einer Antwort: Ja, Herr, du weiß, dass ich dich lieb habe. 3 mal: Petrus, hast du mich lieber als alles andere. Trotz deiner dreimaligen Verleugnung. Trotz dem, das du mir etwas schuldig geblieben bist? Und Petrus macht sich nichts vor, gesteht sich selber sein: Herr, ich kann es dir gerade nicht beweisen, dass ich dich immer noch liebe, aber du weißt doch selber, wie es in meinem Herzen aussieht. Gott sei Dank ist bei Gott das Herz erforscht und er kennt meine Gedanken, bevor ich mir tausend Gedanken mache, wie ich ihm meine Liebe gestehe.
Diese Bekehrung von Petrus ist der Anfang für eine vertrauensvolle und verheißungsvolle Gott-Mensch-Geschichte: Petrus, weide meine Schafe. Oder anders formuliert: Petrus, stärke deine Brüder. Denn Bekehrung ist nicht Schwäche, sondern absolute Stärke. Bekehrung ist stärker als die stärkste Folge, von Schuld.
Petrus erlebt die stärkste Folge von Schuld: Nichts ist schlimmer, als wie Petrus ausgegrenzt sein vom Leben und vom Sterben Jesu. Nichts ist verhängnisvoller, als so lange wie Petrus im Abseits zu sein, ohne Anteil zu haben am Leben Jesu, und am Sterben Jesu. Das ist das Härsteste!
Aber stärker als die härteste Konsequenz von Schuld ist die Möglichkeit der Bekehrung.
Bekehrung ist nicht die Frage nach Schuld. Sondern die Frage nach Liebe.
Bekehrung ist das vorbehaltlose, erneute angesprochen sein von Jesu: hast du mich lieb. Nicht die Frage: weißt du über mich Bescheid. Nicht die Frage: hast du noch einen guten Vorsatz oder einen guten Kern. Nicht die Frage: Glaubst du an das Gute in dir? Nicht die Frage: wie willst du das gut machen? Nicht die Frage: willst du in Zukunft artig sein?
Sondern Bekehrung ist die Frage nach Liebe: hast du mich lieb?
Ich möchte behaupten: Liebe erübrigt Buße und Beichte. Erübrigt sogar die Entschuldigung. Die Rechtfertigung. Denn Liebe hat schon tausendmal alle möglichen Entschuldigungen vorformuliert. Hat sich schon tausendmal versucht, wieder ins rechte Licht zu rücken. Hat schon tausendmal versucht, wieder gut zu machen. Hat schon tausendmal sich selbst klein gemacht, sich selbst kasteit, sich selbst geohrfeigt, sich selbst in den Hintern getreten. Wie beim verlorenen Sohn: Ich will mich aufmachen und will zu meinem Vater sagen, ich bin es nicht mehr wert, und ich will als unterster mich wieder hoch arbeiten…. aber der Vater: rennt ihm doch entgegen, ohne das der Sohn vorher etwas sagen konnte. Im Gegenteil: im weichen Mantel der Liebe Gottes erstickt jede Entschuldigung.
Meine herzliche, kindliche, Liebe zu Jesu ist der Anfang eines neuen Lebens in Würde, in Unschuld, in Gerechtigkeit und mit einer unglaublichen (eschatologischen) Perspektive: ihr werdet das Sagen haben im Reich Gottes. Das heißt, der traut uns das zu. Obwohl wir schwach waren, macht er uns stark. Der will, dass wir mit ihm am Tisch sitzen, mit ihm essen und trinken. Das heißt: der will unsere Gemeinschaft. Der will meine Nähe. Der will mich so, wie ich bin.