Lukas 18, 31-43
"Ist dir schon aufgefallen, dass auf dem Tisch frische Blumen stehen?" hat mich meine Frau vor einigen Tagen gefragt. "Nein," musste ich sagen, "ich habe es nicht gemerkt." (Die Frauen werden sagen: So sind sie halt, die Männer!)
Manchmal sehe ich zwar äußerlich, aber ich erfasse doch nicht das, was gemeint ist. Mit dem Hören kann es einem ebenso ergehen. Man hört zwar mit dem Ohr, aber man erfasst nicht, worum es geht. So geht es vielen Menschen eigentlich Tag für Tag. Es kann sein, die Sache, um die es geht, ist unserem Denken sehr fremd. Dann blendet man den Inhalt einfach aus. Manchmal sind wir auch nicht richtig aufgelegt dazu und hören einfach nicht richtig hin. Unangenehmes überhören wir kurzerhand.
Heute berichtet unser Predigttext davon, dass es den Jüngern auch so ergangen ist, und zwar ausgerechnet an der zentralen Stelle, an der sie hätten kapieren sollen.
31Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war. 35Es begab sich aber, als er in die Nähe von Jericho kam, dass ein Blinder am Wege saß und bettelte. 36Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37Da berichteten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorbei. 38Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40Jesus aber blieb stehen und ließ ihn zu sich führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.
Thema verfehlt. Das ist für Schüler bei einem Deutschaufsatz der schlimmstmögliche Fehler. Da kann alles andere noch so gut sein, und der Inhalt noch so packend. Das Endergebnis ist dennoch schlimm.
So ging es den Jüngern auch. Sie hatten das Thema nicht verstanden, obwohl es ihnen Jesus deutlich genug gesagt hatte. Ich will heute den roten Faden durch ein Wortspiel darstellen.
1. Ein Sehender sieht
2. Zwölf Sehende sind blind
3. Ein Blinder sieht
Jesus hat es gewusst. Er hat seinen Weg ins Leiden hinein bewusst erlebt. Nun will er in einem dritten Anlauf den Jüngern klarmachen, was auf ihn zukommt. Es heißt, er nahm sie zu sich. Das hat Jesus nicht zur Allgemeinheit gesagt, nicht öffentlich, sondern nur zu den Jüngern. Es ist die sogenannte dritte Leidensankündigung. Die beiden ersten Versuche gingen daneben - menschlich gesprochen. Und dieser dritte Versuch ging ebenfalls schief. Die Jünger kapierten nicht. Immer wieder hat Jesus versucht, das was er wusste, seinen Jüngern verständlich zu machen. Doch vergeblich. Sie benahmen sich wie Schüler, die zum Fenster rausschauen, während doch vorne die Musik läuft.
Einige Kapitel später wird Lukas berichten, wie zwei Jünger den Weg nach Emmaus gehen, ein Dorf etwa zwei Stunden Fussweg von Jerusalem. Es war nach der Auferstehung Jesu. Da greift Jesus das gleiche Thema noch einmal auf und sagt: "Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?" Dann erklärt er den beiden Jüngern noch einmal, die ganzen Zusammenhänge, die Weissagungen quer durch das Alte Testament. In der Tat, da stand's wirklich! Es ist eine spannende Frage, welche Stellen ihnen Jesus erklärt hat. Es heißt nur: Und er fing an bei Mose und allen Propheten...
Ein paar Möglichkeiten sind:
Die allererste biblische Weissagung auf den Tod des Messias, noch dunkel und undeutlich, steht in der Sündenfall-Geschichte. Dort ist in von der Feindschaft zwischen dem Menschen und der Schlange, dem Teufel, die Rede. Und diese Feindschaft wird mit tödlichem Ernst ausgetragen. Als Strafe wird zur Schlange gesagt:
"der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen." Dieser Biss in die Ferse ist ein Bild für den Tod des Messias, des Retters.
Bei Daniel (9,26) ist von einem Gesalbten die Rede, der ausgerottet werden wird. Schließlich wird in Sacharja 12,10 über den geklagt, den sie durchbohrt haben. Man könnte noch eine ganze Reihe von anderen Stellen anführen. Aber diese sind die bekanntesten. Jesus wird wohl hauptsächlich an sie gedacht haben, als er sagte, dass das geschehen wird, was bei den Propheten geschrieben steht.
Sie sind blind für das, was Gott wirklich will. Sie hätten begreifen sollen, dass es nicht ein blindes und unbegreifliches Schicksal ist, was auf Jesus zukommt, sondern dass es nur Gottes Weg war, angekündigt durch die Propheten; in keiner Weise danebengegangen: Spott, Misshandlung, Geißelung, Tod, aber auch die Auferstehung: Gottes Wille und Plan! Aber die Jünger wollten diesen Weg nicht.
Würden wir's wollen?
Es ist doch schöner, Erfolgserlebnisse zu haben, Heilungen zu erleben und Predigten über das Reich Gottes zu hören. Und sie waren gespannt darauf, wann es endlich so weit ist, wann sie endlich genügend ausgebildet sein würden, um im Reich Christi einen Ministerposten einzunehmen. Bei Matthäus und Markus wird an dieser Stelle mitten in dem Abschnitt unseres Predigtextes eingefügt, wie die beiden Brüder Jakobus und Johannes um die besten Plätze in seinem Reich streiten. Die Jünger wollen Herrlichkeit statt Leiden.
Sie haben allerdings auch schon mitgekriegt, dass sich nicht alle für Jesus begeistern konnten. Aber das konnte sie nicht irre machen. Sie haben wohl irgendein Wunder erwartet, dass Gott doch auf großartige Weise seinen Messias bestätigen würde, dass die Römer verjagt werden würden und dass Jesus die Herrschaft im Land einnehmen werde. Etwas anderes war für sie nicht vorstellbar.
Die Jünger damals waren blind für die Wege Gottes, bis er selbst ihnen dann die Augen geöffnet hat.
Ein Kranker kennt die drohende Gefahr, die gegen uns Menschen steht, viel deutlicher als ein Gesunder. Vielleicht kann jemand, der immer gesund war, einen richtig Kranken gar nicht ganz verstehen. Ja, auch der Kranke will leben, auch er hat Vorstellungen, was er gerne tun wollte. Aber da ist diese unbarmherzige Grenze. Wie ein unsichtbarer, übermächtiger Feind dringt sie in das Leben ein gibt den Weg in die Zukunft nicht frei.
Der Blinde bei Jericho: Von Markus kennen wir seinen Namen: Bartimäus. Er wird sehend, noch bevor Jesus ihm die Augen aufgetan hat. "Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!" so ruft er. Er erwartet von Jesus etwas im zuversichtlichen Glauben und lässt sich nicht von den anderen abhalten. Jesus hilft ihm und sagt:
"Dein Glaube hat dir geholfen": Es war bei einer Kaffeetafel. Die Gastgeberin wollte einem etwas älteren Mann den Kaffee eingießen. Doch er war ein wenig zittrig und konnte die Tasse nicht halten. Deshalb stellte er sie auf den Tisch und sagte: "So geht's besser. So kann man eingießen, wenn die Tasse ruhig ist."
So ist es auch, wenn Gott uns etwas schenken will. Wir müssen ruhig halten. Nur der Glaube bekommt von Gott etwas. Der Zweifler kann nicht empfangen. Martin Luther sagt zu diesem Dein Glaube hat dir geholfen: "Jesus sagt nicht: ICH habe dir geholfen, sondern DEIN GLAUBE hat dir geholfen. Er gibt die Ehre dem Glauben. Er will uns damit reizen, dass wir ... durch den gekreuzigten Christus haben sollen, was wir glauben." Und dann fährt Luther fort: "Ein wankelmütiges Herz erlangt nichts. Denn unser Herrgott kann ihm nichts geben, wenn er gleich wollte. Es ist damit wie mit einem Gefäß, das man in Händen hält und will es nicht stillhalten, sondern bewegt es hin und her. Da wird man nichts eingießen können..."
Ich wünsche uns, dass wir vor Gott ruhig werden können, um seinen Wegen folgen zu können. Amen!