Matthäus 9, 9-13
9Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. 10Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. 11Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? 12Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. 13Geht aber hin und lernt, was das heißt: "Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer." Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.
Unser Enkel Coen ist in einem anstrengenden Alter. Er ist gut 1 1/2 Jahre alt und kann immer mehr. Sein Horizont erweitert sich. Für ihn ist das sicher gut. Aber für die anderen macht das ziemlichen Stress. Er hat entdeckt, dass auf den Regalen der Erwachsenen interessante Dinge sind. Und er zieht alles runter. Und dann behauptet er immer: "Meins!" Das stimmt zwar nicht. Aber er lässt sich nicht davon abbringen. Nimmt man ihm die Dinge aus der Hand, dann macht er ein großes Zetergeschrei.
Nun habe ich einen Reißwolf. Wenn ich hier Papier durchlasse, dann rennt er und will das auch tun. Er lässt die Dinge auf den Regalen ganz in Ruhe und will nur noch Papier durchschreddern. Warum eigentlich? Wie kann er nur die interessanten Dinge auf den Regalen stehen lassen?
Er findet das ganz einfach besser. Irgendwie fasziniert in der Reißwolf gewaltig.
Wenn Sie einem Menschen etwas wegnehmen, dann schreit er Zeter und Mordio, welches Unrecht ihm geschehen sei. Wenn Sie ihm aber etwas Besseres geben, dann lässt ihn das andere kalt.
Matthäus hat etwas Besseres: Jesus hat ihm die Tür zum Reich Gottes aufgemacht. Er lässt seinen einträglichen Job liegen. Und dabei konnte man damit richtig Geld machen. Aber Geld lässt ihn kalt, weil ihm die Schätze Gottes angeboten werden.
Matthäus hieß eigentlich Levi. Diesen Namen trägt er bei Markus und bei Lukas. Er war Zöllner. Heute ist das ein ehrenwerter Beruf. Aber damals sehr zweifelhaft. Zöllner waren keine Staatsbeamten im heutigen Sinn. Sondern sie waren selbstständige Finanzmanager, die eine Lizenz der römischen Besatzungsmacht hatten. Man müsste sie besser als Steuerpächter bezeichnen. Eigentlich war es den Römern gleichgültig, wie die Zöllner ihr Geld eintrieben, wenn sie nur die vorgeschriebene Abgabe an die Römer weitergaben. Im übrigen konnten sie eigentlich frei schalten und walten. Für die anderen erschien es oft sehr willkürlich, was sie abgeben mussten. Das machte sie verhasst.
Aber es ging nicht eigentlich um Neid. Denn nach dem mosaischen Gesetz gab es klare Kriterien, was ehrlicher Gelderwerb bzw. Verdienst ist. Und dem konnten die Zöllner nicht genügen. Ihr Geschäft galt als unehrenhaft.
Damit wir's uns besser vorstellen können, vergleiche ich es mit heutigen Spitzenverdienern. Denken Sie nur an Spitzensportler (z.B. Fußballer) oder an Top-Manager. Sie verdienen in einem Jahr so viel, wie andere in ihrem ganzen Leben nicht. Für unser heutiges Denken ist das eigentlich grundsätzlich nicht verwerflich, vorausgesetzt es ist ehrlich: "Wenn er so viel bekommen kann, warum soll er's nicht nehmen?"
Nach der Ethik zur Zeit Jesu war aber genau das verwerflich. Der Verdienst darf nicht durch den Markt geregelt werden, sondern durch Gottes Gebot. Schon Geldverdienen im Übermaß war schlimm. Denn alles Geld und Gut gehört eigentlich Gott. Und wenn es jemand für sich allein nimmt, dann ist das eine Art Diebstahl an Gottes Eigentum. Je mehr jemand hat, desto mehr müsste er eigentlich an die Armen abgeben. Tut er es nicht, dann ist er doppelt schlimm. Also Jesus geht mit Menschen um, mit denen man auf keinen Fall zusammen sein will, wo es normale Menschen ekelt. Aber er tut es. Sie brauchen Hilfe. Vor allem: Gott will sie nicht in ihrer Isolation lassen. Kranke brauchen den Arzt. Warum denken wir westlichen Menschen immer nur ans Geld?
Ein amerikanischer Jurnalist schaute in Kalkutta (Indien) Mutter Teresa zu, wie sie die Wunde eines Patienten versorgte, die Übel roch und eklig war. Dann sagte er: "Das würde ich ja nicht einmal für 1 Million Dollar tun!" "Ich auch nicht", sagte Mutter Teresa.
Für Jesus ist klar: Besitz kann auch krank machen. Aber gesund ist nicht einfach nur, wenn man arm ist. Sondern gesund ist, wer eine Beziehung zu Gott hat; wer in der Verbindung mit ihm lebt. Und darum ist er gekommen, um Menschen das Leben aus Gott zu geben. Er kümmert sich um die leiblichen Nöte und gibt körperliche und seelische Heilung. Und doch weist jede Heilung darauf hin, dass es mehr gibt als nur körperlich gesund zu sein; dass das Reich Gottes mehr ist. Denn wir brauchen vor allem, dass unser Verhältnis zu Gott in Ordnung ist. Das ist das Ziel Jesu.
Wir wollen genau hinschauen, was passiert:
Einen einzigen Menschen hat er angesprochen: Matthäus. Er hat keine Großveranstaltung organisiert. Obwohl er auch zu Tausenden reden konnte. Aber wenn es um die tatsächlich Hinwendung zu Gott ging, hat er sich mit einzelnen eingelassen. Mit dem Zöllner Matthäus, mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, mit dem Kranken am Teich Bethesda und mit vielen, vielen anderen.
Also auch mit dem Matthäus einzeln: "Folge mir nach!" Wie kommt's, dass dann beim Essen viele da sind? Viele Zöllner und Sünder. - Matthäus wird wohl einige davon eingeladen haben, seine Freunde und Kollegen.
Evangelium, das ist, wenn ein Bettler dem anderen sagt, wo es Brot gibt (Luther).
Aber es kamen noch weitere Menschen dazu, die nicht eingeladen waren. Das hatte sich schnell herumgesprochen, dass man mit Jesus essen kann, Gemeinschaft haben kann, ihn hören kann. Er schlägt die Tür nicht zu, wenn die Außenseiter kommen, die Zöllner und Huren. Mit denen will doch sonst niemand etwas zu tun haben. Nach den jüdischen Vorschriften darf man es auch nicht. Aber Jesus tut's doch.
Wenn das Reich Gottes wachsen soll, dann müssen Grenzen durchbrochen werden, manchmal auch Tabus (wenn es sich um falsche Tabus handelt). Würde alles gleich laufen, wie es schon immer gelaufen ist, dann gäbe es keine geistliche Bewegung, keine Erweckung, keine wachsende Gemeinde. Die Pharisäer regen sich auf, dass Jesus mit den jüdischen Gepflogenheiten so nachlässig umgeht. Aber das Reich Gottes wächst.
Jesus hat viele Bewunderer. Sie bewundern seinen Mut, seine Weisheit, sie bewundern, dass er selbst vor dem Tod nicht zurückwich. Aber Jesus will keine Bewunderer. Er will Nachfolger. Er hat Matthäus in seine Nachfolge gerufen. Nicht, dass er ihn bewundert; nicht, dass er ihn toll findet. Sondern er sollte ihm zuschauen, manches abgucken; aber vor allem sollte er später das gleiche tun, was Jesus auch tat: Menschen zu Gott rufen und in die Nachfolge Jesu. Amen!