Markus 2, 18-22

14. Januar 2007 - Gottesdienst am 2. Sonntag n. Epiphanias
Pfr. Dr. Karl Knauß

Als die Autos noch ganz jung waren, sahen sie aus wie Kutschen. Sie hatten lediglich statt der Pferde einen Motor; und statt der Deichsel ein Lenkrad. Aber eigentlich waren es nur umgebauten Kutschen. Die ersten Flugzeuge waren eine Art Schemel mit Flügeln. Aber man konnte sie noch nicht lenken und steuern. Dann musste man lernen, Autos wie Autos zu bauen, und Flugzeuge wie Flugzeuge. Erst dann waren sie in ihrem eigentlichen Element. Erst dann konnte man sie wirklich gebrauchen. Solange man das Alte mit dem Neuen mischte, war es nicht hilfreich.

Im geistlichen Bereich ist es ähnlich: Wirklich Neues verträgt sich nicht mit dem Alten.

Was hat Jesus wirklich Neues gebracht? Von seiner Umgebung hat er sich deutlich abgehoben. Nicht nur in der Lehre, sondern auch im Verhalten.

18 Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten viel; und es kamen einige, die sprachen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, und deine Jünger fasten nicht?

19 Und Jesus sprach zu ihnen: Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.
20 Es wird aber die Zeit kommen, dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.

21 Niemand flickt einen Lappen von neuem Tuch auf ein altes Kleid; sonst reißt der neue Lappen vom alten ab und der Riss wird ärger.
22 Und niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißt der Wein die Schläuche und der Wein ist verloren und die Schläuche auch; sondern man soll neuen Wein in neue Schläuche füllen.

Auf den ersten Blick scheint es nur um das Fasten zu gehen. Soll man es tun oder nicht? Viele haben's in den letzten Jahren wiederentdeckt. Sie haben das gesetzliche Beiwerk entfernt und eher gefragt: Was nützt oder schadet es mir? Sie haben es von der gesundheitlichen Seite her gesehen. Viele Menschen nehmen fettarme Margarine oder Milch. Oder man kann es so sehen, dass man Zwänge unserer Lebensart loswerden möchte; wieder freier zu werden vom Konsumzwang und Fernsehzwang usw.

Das Fasten hat auch eine andere Seite. Es kann auch Menschen zu Mitmachen zwingen. Und wehe, du weichst ab. Vor kurzem wurde ein Mädchen in einem islamischen Land gesteinigt, weil sie im Ramadan am helllichten Tag etwas gegessen hat.

Gehen wir in unser Land: Durch das äußere Verhalten können Menschen auch gleichgeschaltet werden. Wer mitmacht, gehört dazu. Wer nicht mitmacht, ist ausgeschlossen. Bei jungen Menschen gibt es oft eine Art Kleiderzwang, eine bestimmte Markenkleidung zu tragen. Wenn du diese Marke trägst, bist du o.k. Trägst du eine andere, dann bist du Außenseiter.

Das gibt's beim Fasten auch; man gehört dann zu einer bestimmten Gruppe, die das tut und jenes nicht. Und da kommen dann auch noch viele andere weltanschauliche und religiöse Inhalte hinzu.

Jesus übte keinen Gruppendruck aus. Wer gehen wollte, konnte gehen. Aber wer bei ihm blieb, sollte mit ganzem Herzen da bleiben. Er wollte eine ganz feste innere Bindung an ihn. Im Grunde hat eigentlich alles mit ihm, mit Jesus, zu tun; unser Verhalten ist nur eine Folge davon.

Und wo er ist, da ist ein Fest, da ist Freude; und da ist Freiheit.

1. Wo Jesus ist, da ist die Freude
Es gab früher eine Tradition, dass man sich zum Gottesdienst besonders schön angezogen hat. Eigentlich war das so selbstverständlich, dass man sich später die Hintergründe gar nicht mehr richtig überlegt hat. Vielleicht wurde es dann eine bloße Tradition ohne Inhalt, so dass es den Christen den Vorwurf eingebracht hat, sie betrieben in der Kirche Modenschau. Aber eigentlich steckte dahinter: Gottesdienst soll Feiern und Freude sein. Da sind wir mit unserem Herrn zusammen.

Doch die Gewohnheiten haben sich geändert. Heute zieht man besondere Kleidung an, wenn man ins Konzert oder Theater geht. Oder meine Frau hat einmal beobachtet, dass sich die Frauen heute mit besonderer Sorgfalt kleiden, wenn sie zum Einkaufen gehen. Und die Männer machen's, wenn sie zur Bank gehen oder einen Kaufvertrag abschließen.

Vielleicht verraten wir mit diesen Gewohnheiten, wo wir heute das Festen erleben und was für uns die Stätten der seelischen Erhebung sind, nämlich wo es um die Augen und Ohren, den Gaumen und vielleicht auch um die Finanzen geht.

Aber eigentlich darf die Freude auch zum Gottesdienst gehören. Denn wo Jesus ist, da ist Freude, da wird gefeiert und gefestet.

Viele Menschen meinen, das Christsein sei dann besonders echt, wenn viele Vorschriften bestehen. Du darfst das und jenes nicht. Doch die Botschaft Jesu ist mit großer Freude verbunden. Er war unter denen, die sich freuen konnten. Bei der Hochzeit zu Kana hat er nicht trübe Stimmung verbreitet, sondern Wasser in Wein verwandelt, Wein als Zeichen der Festesfreude. Doch manche haben darauf eher erstaunt reagiert. "Was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!"

Im allgemeinen hat Jesus allerdings sehr bedürfnislos gelebt. Als er durch das Land zog, hatte er nichts, wo er sein Haupt hinlegen konnte, während sogar die Füchse Gruben und die Vögel Nester haben. Aber das war nicht Ausdruck einer Weltverneinung, sondern ergab sich aus seinem unruhigen Wanderleben. Wäre die Askese sein Prinzip gewesen, dann hätte er sich auf keine Hochzeit einladen lassen, dann hätte er auch mit den Zöllnern nicht ein Festessen feiern können. Doch es war die Mitfreude mit den vorher Verlorenen, die nun von Gott angenommen waren. Jesus hat mit ihnen auch mitgefeiert, dass er, der Messias, da war. Wie sollten sie sich nicht freuen, dass die Heilszeit angebrochen war? Hochzeit ist Freudenzeit. Jesus meint mit dem Bräutigam sich selbst. Man kann geradezu sagen, dass der Bräutigam ein Messiasname ist, so wie das Reich Gottes öfter das Bild der Hochzeit bekommt. Und er hat ihnen diese Freude zeichenhaft vorgelebt.

Übrigens ist bereits im Alten Testament die Zusammengehörigkeit Gottes mit seinem Volk mit dem Bild der Ehe bezeichnet. Und die Rabbinen haben entsprechend den Bund Gottes mit seinem Volk am Sinai als seine Hochzeit mit Israel gepriesen. Doch ist der Bräutigam dort natürlich immer Gott. Jesus hat sich aber unmissverständlich als den Bräutigam dargestellt, d.h. als Gott. Kein Wunder, dass er sich die Gegnerschaft der Schriftgelehrten zugezogen hat. Aber sein Aufruf zum Feiern ist Einladung ins Reich Gottes. Die Türen Gottes sind offen. Die Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk wird konkret. Lasst euch diese Einladung nur ja nicht entgehen.

2. Wo Jesus ist, da ist die Freiheit
Solange Jesus bei seinen Jüngern war, hatten sie Grund zum Feiern. Jesus sagt, sie würden fasten, wenn er von ihnen genommen würde. Und die Gemeinde hat dann auch wieder gefastet. Sie haben das besonders dann getan, wenn sie Gott um konkrete Weisungen in bestimmten Situationen gebeten haben, wie z.B. bei der Aussendung der Missionare Paulus und Barnabas. Fasten ist eng mit dem Beten verbunden. Wir schließen heute mit diesem Gottesdienst die Allianzgebetswoche ab. Die Frage nach dem Fasten gehört auch zu unserem Beten. Aber nicht nur die Gemeinde damals, sondern auch Jesus selbst hat gefastet, um sich ganz auf das Gespräch mit seinem Vater zu konzentrieren.

Was also nun? Mal fastet er, mal feiert er. Wie sollen wir wissen, wann das eine und wann das andere dran ist?

Der eigentliche Hintergrund, warum Jesus das Fasten auch lassen konnte, lag tiefer. Für die religiösen Menschen unter den Juden und auch vieler anderer ist das Fasten ein Werk zum Büßen der eigenen Sünden. Aber für die Gemeinde Jesu ist es anders geworden: Matthäus muss seine großen Betrügereien nicht durch Fasten büßen, denn Jesus hat ihn davon freigemacht; und nun beginnt sein Leben mit ihm mit dem Feiern. Denn mit menschlichem Werk lässt sich nicht Göttliches herbeischaffen oder erzwingen. Das Reich Gottes ist nicht menschliche Leistung, sondern Geschenk. So lädt Gott nach dem Gleichnis vom großen Hochzeitsmahl zu seinem schon vorbereiteten Fest ein: "Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit. Da muss nichts mehr gerichtet werden. Es ist alles bereit!

Wir flicken keine alten Kleider, die Kleider unseres eigenen Könnens. Sondern wir lassen uns ein neues Kleid schenken, das Kleid des neuen Lebens, wie der verlorene Sohn das neue Kleid bekam, und wie die Geretteten nach der Offenbarung mit weißen Kleidern angetan werden.

Die Freiheit in Christus zeigt sich darin, dass wir fasten können oder es auch lassen können. Wenn wir fasten, dann deshalb, damit wir uns mehr auf unseren Herrn und seinen Auftrag konzentrieren können. Das Reich Gottes kommt gewiss auch ohne uns. Aber wir wollen, ob wir fasten oder nicht, mitten drin sein. In unserem ganzen Tun und Handeln soll Jesus der Mittelpunkt sein.

Die Hochzeit fällt nicht aus. Eines Tages wird unser Herr wiederkommen. Dann wird es in seiner Gemeinde heißen: "Der Bräutigam kommt!" Das Kennzeichen unseres irdischen Lebens ist immer noch das Hin- und Hergerissensein zwischen Freude und Entbehrung. Und doch stimmen wir mit der Gemeinde aller Zeiten ein in den Ruf "Maranatha": Unser Herr, komm! Denn wir wollen mit ihm unauflöslich verbunden sein! Amen!

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