Sprüche 16, 1-9
Den letzten Vers dieses Predigttextes kennen wir als Sprichwort. Wir sagen: "Der Mensch denkt, Gott lenkt". Ein italienischer Autofahrer hat das wörtlich genommen: Er hat auf der Autobahn das Steuer losgelassen und dann einfach abgewartet. Passiert ist nicht viel. Er hat nur die Mittelleitplanke beschädigt und einen Wildzaun. Dafür aber wurde ihm wegen Fahrlässigkeit der Führerschein entzogen und eine ärztliche Behandlung zur Auflage gemacht.
"Der Mensch denkt, Gott lenkt" - wie wörtlich dürfen wir diesen Satz verstehen? Ist es fahrlässig, sich darauf zu verlassen? Oder ist es gar ein verhängnisvoller Irrtum: Der Mensch denkt, dass Gott lenkt, - aber ab wann täuscht er sich? Welches Maß von Selbständigkeit oder Unselbständigkeit ist vor Gott recht? Ich möchte den Predigttext zusammenfassen:
Wir Menschen denken und planen. Und das ist auch gut so. Das müssen wir. Denn dazu hat uns Gott den Verstand gegeben. "...aber der Herr allein lenkt seinen Schritt". Es ist fahrlässig, das wichtigste zu vergessen. Wenn du das neue Jahr 2007, wenn du deine Berufslaufbahn, wenn du dein Leben planst, achte auf den wichtigsten Faktor: Gott. Andernfalls wird die Rechnung nur anscheinend leicht, aber am Ende kommen Fehler über Fehler, und dann geht sie nicht auf. Der größte Fehler im Leben ist der, Gott zu übersehen.
Aber wenn jemand seine Rechnung ohne Gott gemacht hat, dann merkt er es unter Umständen gar nicht so schnell. Deshalb kann man sich auch noch glücklich schätzen, wenn falsche Pläne im Leben, wo Gott vergessen wurde, auch schnell schiefgehen. Darum sollen wir auf Gottes Zeichen im Alltag achten lernen.
Martin Luther hat unsere Situation vor Gott einmal so beschrieben, dass wir von Gott die Rückseite sehen. Das heißt, dass er oft scheinbar unser Gegner ist.
Ähnlich hat sich Bonhoeffer im Jahr 1934 in einer Predigt über den 9. Vers aus unserem Predigttext ausgedrückt. Dabei sagt er: Das Leben ist wie ein Schachspiel gegen einen überlegenen Partner. Es sind zwei Personen, die sich zum Spiel zusammensetzen. Jeder entwirft seinen Plan, um zu gewinnen. Der Schwächere meint, seine Pläne durchführen zu können und kurz vor dem Sieg zu sein. Aber dann dreht es sich plötzlich um. Er hat die Züge des Gegners gar nicht verstanden. Aber er ist der Verlierer und Gott der Gewinner.
Natürlich spielt Gott nicht eigentlich gegen uns, er ist nicht unser Gegner. Aber uns Menschen kann es manchmal so vorkommen. Gott hat andere Gedanken als wir. Er legt sich für uns andere Ziele zurecht.
Oft setzen wir insgeheim einen Gott voraus, der mit unseren Plänen übereinstimmt. "Wenn es einen Gott gäbe, dann müsste er doch..." Es ist eine Denkweise, die von uns selbst ausgeht. Wir haben doch so tolle Pläne. Wir haben mit uns alle möglichen Ideen. Und Gott soll ihr Erfüllungsgehilfe sein. Doch dieser Gott ist eine Projektion menschlicher Gedanken. Statt dessen kommt das biblische Aber... Der Gott, der in unsere Pläne passt, ist nicht der wirkliche, lebendige Gott.
Gott lässt sich nicht wie das letzte Teilchen in ein Puzzle einfügen, um unsere Vorstellungen vom Leben, von der Welt komplett zu machen. "Gott kann doch nicht..., Gott müsste doch..." -- damit zwängen wir ihn in ein bestimmtes Gottesbild hinein. Gott ist immer ein Gott, der auch "aber" sagen kann.
Bei den Plänen irgendeines Mitmenschen habe ich schon manchmal gedacht: Ob das wohl gut geht? Aber ich habe mir dann doch nicht getraut, das auszusprechen. Denn wer will schon gerne Spielverderber sein? Aber Gott ist dann so gnädig, und schenkt ihm einige schlaflose Nächte.
Ich wünsche mir selbst keine schlaflosen Nächte. Aber ich wünsche mir, dass ich Gottes Ziele kapiere.
"Befiehl dem Herrn deine Werke (Psalm 37,5 deine Wege), so wird dein Vorhaben gelingen." Das sieht so federleicht aus, oder hört sich so an, als ob es mit einem Gedankenblitz erledigt wäre. Anbefehlen, das ist ein anscheinend so nüchterner Vorgang im Kopf oder in Gedanken, oder: schreib's auf einen Zettel, und schon ist es erledigt. Aber so einfach ist das gar nicht.
Im Urtext heißt es gewichtiger als in der Lutherbibel: "Wälz deine Werke auf Gott, dann wird dein Vorhaben Bestand haben." Es ist eine schwere Arbeit. Einen Baum zu fällen, kann demgegenüber eine Kleinigkeit sein. Seine Werke auf Gott abwälzen, das ist Schwerstarbeit. Denn die Sorgen nisten sich ein, Gedanken, Pläne, Gegenpläne. Man wird sie nicht los. Sie treiben einen um, bei Tag und bei Nacht. Der Kopf wird heiß und die Nacht unruhig.
Von Kind auf ist den meisten von uns die Josefsgeschichte vertraut. Es ist eine Geschichte voll von menschlichen Schwächen und Fehlern, Hass und Intrigen, Neid und Enttäuschung. Von einer Führung Gottes ist herzlich wenig zu erkennen, zunächst jedenfalls, wenn man den Ausgang nicht kennen würde. Aber dann, wie in einer Schlussbilanz, bekennt Josef vor seinen Brüdern: "Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen" (1. Mose 50,20). Was so aussah, als ob Gott Pläne durchkreuzt und Hoffnungen zunichte gemacht hätte, - dadurch hat er in Wirklichkeit sein Werk vorangebracht. Durch Josef hat er das große Volk der Ägypter am Leben erhalten und seine Familie dazu. "Die Wege Gottes sind wie ein hebräisches Buch." (Luther) Im Hebräischen liest man nämlich von rechts nach links und infolgedessen ein Buch von "hinten" nach "vorne". Erst im Rückblick konnte Josef sagen: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen." Im nachhinein erkannte er, auf welch verschlungenen Wegen Gott sein Werk vorangebracht hat.
"Wälz dein Anliegen auf den Herrn!" Mach die Dinge, die dich quälen, nicht mit dir selber ab. Du brauchst Gott dazu, auch auf das Risiko hin, dass er deine Lieblingsgedanken, diese Quälgeister, zerstört.
Da tun sich etwa Ehepartner schwer miteinander. Die Lieblingsgedanken sind die, wie der andere den rechten Weg zur Liebe wieder finden könnte. Doch es ist nicht lösbar, wenn jeder für sich Idealvorstellungen vom andern hat. Nur am dritten Ort kann man sich treffen: "Wälz dein Anliegen auf den Herrn, so wird dein Vorhaben gelingen!" Was dir anscheinend aus der Hand geschlagen wird, halte es nicht krampfhaft fest, es wird dir gerade wieder gegeben! Das Losgelassene kommt auf unerwartete Weise zurück. Da steckt Gott dahinter. Jesus sagt einmal: "Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren. Wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden."
Der Glaube an Gott macht die tägliche Lebenserfahrung nicht unwichtig, sondern bringt sie erst recht zur Geltung, der gesunde Menschenverstand wird durch die Furcht Gottes erst recht gesund.
In der Bibel gilt als Gottloser nicht der Atheist, sondern der, der seine Pläne ohne Gott gemacht hat. Trotzdem hat Gott auch ihn, den Gottlosen, genauso am Wickel. Auch der Frevler muss ihm schließlich noch dienen.
Gott ist sicher weit über unseren Gedanken und Plänen. Dennoch lässt er uns unsere Freiheit, und gleichgültig, was wir tun oder denken, er kann es in seinen Plan einfügen, sei es zu unserem Heil oder zu unserem Schaden. Wer klug ist, der soll aber zusehen, dass Gottes Pläne und seine eigenen Pläne gleichzeitig aufgehen können; und sie können das nur, wenn wir Gottes Übersicht und Übermacht anerkennen und einplanen.
Überdenken wir für das Neue Jahr, mit welcher Seite wir die Rechnung aufgemacht haben. Wenn wir auf Gottes Seite sein wollen, dann müssen wir Gottes Pläne mit uns und mit den anderen Menschen und mit der Welt studieren und unser Leben darauf einrichten. Auch dann bleiben für uns Widersprüche und ungeklärte Fragen. Erst an seinem Tag werden sich unsere Fragen endgültig auflösen, wenn wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht. Und dann werden wir sehen, dass seinen Leuten alle Dinge zum Besten dienen mussten. Amen!