Paul Gerhardt

Interview mit Reinhard Börner anlässlich des
400. Geburtstages von Paul Gerhardt,
einem der bedeutendsten Kirchenliederdichter


 

Lieber Reinhard Börner,
seit vielen Jahren bist du als Musiker in unserer Gemeinde und weit darüber hinaus unterwegs. Immer wieder entstehen neue Musikproduktionen. Manche Deiner Lieder begleiten uns. Was ist der "Rote Faden" in Deiner musikalischen Arbeit?
Bei den Chorälen auf sechs Saiten geht es mir darum, traditionelles Liedgut neu zu beleben.
Mir gefallen die alten Choräle sehr gut. Diese Melodien klingen plötzlich ganz aktuell, wenn es gelingt, sie mit moderneren Stilelementen zu verbinden. Bei meinen Konzerten mache ich die Erfahrung, dass Kirchgänger immer wieder erstaunt sind, wie viel in den alten Liedern steckt und eher kirchenfremde Menschen können oft nicht glauben, dass es sich dabei wirklich um Kirchenmusik handelt.

Beim Liederschreiben versuche ich mein Leben und meinen Glauben miteinander zu verbinden. Ich möchte dabei eigene Erfahrungen und Empfindungen zum Ausdruck bringen, von denen ich vermute, dass sie fast jeder von uns irgendwie kennt, für die aber manchmal die passenden Worte fehlen. Wenn es den Liedern gelingt, Menschen anzusprechen und sie dann anfangen über ihr eigenes Leben und ihr Verhältnis zu Gott neu nachzudenken, haben sie ihr Ziel erreicht. Wenn sie dann ganz nebenbei noch zu "singalongs" werden, freue ich mich darüber.

 

In diesem Jahr erinnern wir uns an den 400. Geburtstag von Paul Gerhardt. Seine Lieder gehören untrennbar zum Weg der Gemeinde dazu. Hast Du eine besondere Beziehung zu seinen Liedern und warum?
Ja, ich glaube schon. Bereits im Kleinkindalter hat mir meine Mutter abends folgenden Liedvers vorgesungen: "Breit aus die Flügel beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen: Dies Kind soll unverletzet sein."

Als Dreijähriger habe ich den Text wahrscheinlich noch nicht richtig verstanden, aber die Worte und die Melodie haben mir ein intensives Gefühl der Geborgenheit gegeben. Außerdem haben mich meine Eltern jeden Sonntag in den Gottesdienst mitgenommen, sie waren überzeugte Christen. Von den Predigten weiß ich allerdings nicht mehr so viel, aber die Choräle und besonders die von Paul Gerhardt haben sich bei mir eingeprägt.
Da ist in mir bereits die Idee entstanden, Choräle irgendwann einmal auf eine neue Art und Weise zu interpretieren.

 

Sind die Lieder von Paul Gerhardt noch zeitgemäß?
Für manchen Zeitgenossen klingt die Ausdrucksweise von Paul Gerhardt vielleicht etwas antiquiert.
Mir persönlich gefällt seine Sprache sehr gut und seine Art zu reimen ist m. E. genial und zeitlos. Ich denke, dass jeder Songwriter von ihm lernen könnte.

Außerdem beschäftigen sich seine Lieder ja immer wieder mit der Frage, was uns durch dieses Leben tragen kann, wenn alle Stricke reißen, was uns Hoffnung geben kann in Zeiten der Resignation und wenn die Angst vor der Zukunft immer größer wird. Das sind doch sehr aktuelle Fragen, die viele Menschen beschäftigen.

 

Welche Lieder von Paul Gerhardt begleiten Dich in Deinem Glauben?
Es sind im Wesentlichen die Lieder aus dem Kirchengesangbuch, weil sie mir vertraut sind.
Mein persönlicher Favorit ist aber "Befiehl du deine Wege", weil ich den Text als sehr aufbauend und tröstlich empfinde. Außerdem klingt die Melodie auf der Gitarre sehr interessant, wenn sie im Swing - feeling gespielt wird.

 

Es sind Lieder, die das Leben in aller Schönheit und in allem Schrecken im Angesicht Gottes beschreiben, die bis heute die Frage herausfordern: Kann ich das mitsingen?
Paul Gerhardt wird ja manchmal als etwas tragische Figur dargestellt, weil er viel Schweres erlebt hat, in privater und auch beruflicher Hinsicht. Das ist aber wahrscheinlich nur die halbe Wahrheit.

Ich empfinde Paul Gerhardt als einen Menschen, der durch seine Krisen stärker geworden ist. Der, obwohl er genug Gründe gehabt hätte, am Ende nicht verzweifelt und verbittert war, sondern heiter und gelassen, voller Gottvertrauen.

Jedenfalls spüre ich das, wenn ich seine Texte lese. Ich kann seine Lieder sehr gut singen und auf der Gitarre spielen, weil sie mir selbst Hoffnung machen, gerade dann, wenn manches eher hoffnungslos erscheint.

 

Hier geht es um die Frage, was und wer in den Krisen trägt. Kann Musik ein Tröster und Helfer sein?
Die heilende Kraft von Musik habe ich immer wieder selbst erfahren. In Krisenzeiten konnte ich mir manchen Frust von der Seele spielen. Da war die Gitarre oft mein bester Freund. Ich bin wahrscheinlich nur deshalb ein ganz passabler Gitarrist geworden, weil es mich immer wieder gedrängt hat, Alltagserfahrungen und damit verbundene Gefühle musikalisch auszudrücken und damit besser zu verarbeiten. Wer weiß, was mir eingefallen wäre, wenn ich dieses Potential nicht entdeckt hätte. Ich bin meinem Vater immer noch dankbar dafür, dass er mir mit 12 Jahren eine Gitarre geschenkt hat.

 

Gehören Glaube und Musik zusammen?
Es sieht ganz so aus. Es gibt ja viele Beispiele dafür, dass fast jede geistliche Bewegung auch ihre eigenen Lieder hervorbringt. Ich denke dabei z.B. an die mittlerweile sehr bekannten Taizé - Chorusse oder die Lobpreislieder, die in den letzten Jahren in überwiegend charismatischen Gemeinden entstanden sind. Ich empfinde Musik als eines der größten Geschenke, das Gott mir gemacht hat. Wenn ich musiziere erlebe ich oft ein Gefühl der Dankbarkeit und den Wunsch, diese Gabe mit anderen zu teilen. Dabei werde ich dann selbst am meisten beschenkt.

 

Vielen Dank, lieber Reinhard, dass Du uns teilnehmen hast lassen an Deinen persönlichen Eindrücken zu Paul Gerhardts Liedern!
Wolfgang Link

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