Warum ich glaube


Gisela Schwarz

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarte ich getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

In dieser Sicherheit lebe ich. Wie Gott mich dahingeführt hat, sein liebevolles Angebot anzunehmen, möchte ich erzählen. Es war ein langer beschwerlicher Weg.

Am 26.05. 1944 wurde ich in Kirn an der Nahe geboren. Meine Mutter war mit meinem 4 Jahre älteren Bruder aus Köln zu ihrer Schwester geflohen. Mein Vater war an der Ostfront. Er war Stabsveterinär in einem SS-Regiment. Er hatte sich freiwillig zum Krieg gemeldet. Zu meiner Taufe war er das letzte Mal im Heimaturlaub. Danach folgte eine schwere Zeit in russischer Gefangenschaft. Meine Mutter lebte mit uns Kindern bei ihren Eltern. Meinen Großvater liebte ich sehr. Es war die unbeschwerteste Zeit meiner Kindheit.

1949 im Frühling kam mein Vater nach Hause. Auf dem Bahnsteig erkannte ich meinen Vati als erste, obwohl ich bisher ja nur sein Bild gesehen hatte. Das war der Anfang einer unglücklichen Liebe. Mein Vater war nicht nur der liebe Mann, als den ich ihn mir vorgestellt hatte. Er war ein Choleriker und schlug uns oft und hart, auch mit dem Stock. Mein Bruder hatte panische Angst vor ihm. Bei mir erzeugte das Verhalten meines Vaters nur Widerstand. Ich war auch nicht das liebe Mädchen, das mein Vater sich gewünscht hatte. Ich war ziemlich aufmüpfig, sagte meine Meinung, die oft nicht mit der des Vaters übereinstimmte. Trotzdem verbrachte ich sehr viel Zeit mit meinem Vater. Ich begleitete ihn, wann immer es ging, wenn er zu den kranken Tieren fuhr, um sie zu behandeln. Mein sehnlichster Wunsch war, Tierärztin zu werden. So blieb aber immer weniger Zeit für die Schule, was sich in meinen Leistungen manifestierte.

Die Auseinandersetzungen mit meinem Vater wurden immer schlimmer. Zu dieser zeit wurde meine Mutter sehr krank. Ein zu spät erkannter Brustkrebs breitete sich aus und befiel das Rückenmark, was zu einer Querschnittslähmung führte. Meine Mutter ertrug ihre Krankheit mit großer Geduld. Im Sommer nach meiner Konfirmation starb meine Mutter. Sie war einfach nicht mehr da und ich hätte ihr noch soviel sagen müssen. Vor allem wie lieb ich sie habe, auch wenn ich fast nur mit meinem Vater zusammen war. Das nahm ich Gott sehr übel. Ich sprach nicht mehr mit ihm.

Das Unglück nahm weiter seinen Lauf. Mein Vater heiratete ein Jahr später wieder. Ich drehte zwei „Ehrenrunden“ in der Schule, bekam ein Magengeschwür und musste ins Krankenhaus. In dieser Zeit beschloss ich, von der Schule abzugehen, um Biotechnikerin zu werden. Vor allem wollte ich von zu Hause fort. Es folgte ein Jahr „High Life“. Der Alkohol war mein ständiger Begleiter. Ich war unglücklich und wusste, es war die falsche Entscheidung, die ich getroffen hatte, ließ aber alles laufen. Das Ende war abrupt: Ich musste wieder nach Hause. Ich begann eine neue Ausbildung zur Diätassistentin an der Universitätsklinik in Homburg. Dort wurde ich auch als Diätassistentin eingestellt und war bald stellvertretende Küchenleiterin der Diätküche. Es ging also doch. Ich konnte doch etwas. Beruflich war ich erfolgreich.

Doch privat war Chaos. Ich ver- und entlobte mich, stürzte mich von einer Beziehung in die nächste. Keine hatte Bestand. Ich wurde immer unglücklicher und trank immer mehr. Für andere Menschen war das nicht sichtbar, da ich ja durch den Alkohol immer gut drauf war. Mein Seelenleben hielt ich gut bedeckt. An einem Tiefpunkt – eine Beziehung war wieder in die Brüche gegangen – lernte ich meinen Mann kennen. Ohne zögern stürzte ich mich in diese Ehe. Das fatale war, mein Mann war derselbe Typ Mensch wie mein Vater: egoistisch, unzufrieden, gewalttätig (physisch und psychisch), unehrlich, untreu. Ich könnte noch einige uns hinzufügen. Warum ich ihn überhaupt geheiratet habe?

Das Wissen ist mir während dreißig Jahren Krieg abhanden gekommen. Zu diesem Desaster habe ich auch beigetragen. Ich habe meinen Mann nie anerkannt und fühlte mich ihm immer überlegen, was er natürlich spürte und mich immer mehr demütigte. Unsere Kinder – eine Tochter und ein Sohn, Margarete und Hans-Georg – litten sehr unter den dauernden Streitigkeiten. Sie haben beide großen seelischen Schaden erlitten. Ich tröstete mich mit gutem Essen – ich wog 95 kg – und immer mehr Alkohol. Längst hatte ich die Kontrolle verloren. Das gestand ich mir aber nicht ein.

Zu dieser zeit lernte ich einen Mann kennen und dachte: mein Retter! Den Vers von Dietrich Bonhoeffer wandelte ich so ab, dass ich den Namen Gottes durch den des Mannes ersetzte. Der wollte aber nicht mein Retter sein. Verständlich! Die Folge war der totale Absturz. Ich war verzweifelt und mit meiner Kraft am Ende. Der einzige Ausweg, den ich wusste, war ein Suizidversuch. Gott hat mich im freien Fall aufgefangen. Das hat er mir in einem Traum gezeigt. Er hat mir aber auch die Kraft gegeben, das Leben, das er mir zum zweiten Male geschenkt hat, zu leben.

Jesus hat meine Hand genommen und mich geführt mit seiner unendlichen Liebe und Geduld. Sein Weg führte mich nicht in die geschlossene Psychiatrie, wie die Ärzte es wollten, ich konnte nach Hause und in eine psychiat. Betreuung. Er führte mich auch zu einer gläubigen Selbsthilfegruppe, die mich bis zum Beginn meiner Therapie getragen hat; er führte mich auf den Höchsten – meine Therapeuten waren eine Idealbesetzung – und er führte mich nach Wilhelmsdorf. Hier im Betsaal ist meine Gewissheit gewachsen: Ich bin in Gottes Hand. Dass ich mich von meinem Mann trennen werde, war für mich schon beschlossene Sache, als ich auf den Höchsten gegangen bin.

Doch gegen Ende der Therapie wuchs die Angst immer mehr: Schaffst du noch mal einen Neuanfang in dem Alter? Ich bekam die Chance, mein neues Leben von der Frauenadaption Oberschwaben aus zu planen und zu regeln. Gott hat mir immer wieder gläubige Menschen zur Seite gestellt, die mich auf meinem Weg begleitet und in meinem Glauben bestärkt haben. Ich fand ziemlich auf Anhieb eine Stelle, die zunächst gar nicht frei war. Es war eine 50% Stelle in der Küche im Ringgenhof. Gerade richtig für den Anfang. Jetzt sind es 80%, die ich arbeite. Gott hat mich langsam in dieses neue Leben geführt, auch in das Leben mit ihm. Er hat mich nie überfordert und ich konnte langsam wachsen. Welche Gnade!

Zum Gottesdienst ging ich fleißig. Für mich gehörte es einfach zum Sonntag. Ich wurde freundlich gegrüßt. Das war aber auch schon alles, was an Kommunikation zustande kam, obwohl ich mir sehr wünschte, in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Das sollte sich schlagartig ändern am letzten Sonntag der Pro-Christ-Veranstaltung. Durch eine „Verwechslung“ kam ich mit Frau Knauß ins Gespräch und erzählte ihr von meinem Wunsch nach Gemeinschaft mit gläubigen Menschen. Das war genau die richtige Adresse! Am Abend hatte ich schon einen Hauskreis. Und was für einen!

Am Anfang war ich ja des Öfteren versucht, das Handtuch zu werfen. So wirst Du nie, dachte ich, so voll Gottvertrauen, und Liebe und Gehorsam. Und doch bin ich so geworden. Jesus hat mir in seiner großen Liebe im Traum gezeigt: Der Weg ist zwar sehr steil und steinig, aber er ist hell und Jesus geht langsam voran. Gottes Liebe erfüllt mich nun so, dass ich singen und jubeln möchte. An dieser Freude möchte ich viele Menschen teilhaben lassen.

Ich will Gott die Ehre geben und ihm von ganzem Herzen danken, für das, was er an mir getan hat. Für mich steht fest: Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. Halleluja!

Gisela Schwarz

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